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Randy Newman, Short People, 1977

Text/Musik/ Randy Newman

Produzent/ Lenny Waronker, Russ Titelman

Label/ Warner Bros.

„Short People“ kommt musikalisch eingängig-gemütlich daher. Allerdings setzt der Songtext einen giftigen Kontrapunkt, indem er kleinwüchsige Menschen beschreibt – und zwar aus dem diskriminierenden Blickwinkel eines scheinbar „normalen“ Passanten. „Short people got no reason to live“, lautet der dumpfe und zutiefst menschenverachtende Einstieg, auf den alle möglichen Beschimpfungen folgen: „They got little hands/ And little eyes/And they walk around/ Tellin‘ great big lies/ They got little noses/And tiny little teeth/ They wear platform shoes/ On their nasty little feet.“  Wer kleinwüchsige Menschen durch eine solche Vorurteilsbrille betrachtet, kann natürlich nur zu dem Schluss kommen: „Well, I don’t want no short people/ Don’t want no short people/ Don’t want no short people/Round here.“

Dieses Credo wird verpackt in einen Refrain, der geradezu auffordert zum Mitgrölen. Wer aber dem Impuls unbefangen nachgibt und vorher nicht genau hingehört hat, wird direkt zu einem Teil der anonymen Masse, die andersartige Menschen bis hin zur Vertreibung und Verteufelung ausgrenzt. Fast könnte man meinen, die Drohungen gegen Randy Newman, die Beleidigungsklagen und das versuchte gerichtliche Verbot des Songs im amerikanischen Bundesstaat Maryland seien gerechtfertigt. Doch zwei Gründe sprechen dagegen. Einer davon liegt ausserhalb des Songs: nämlich im Gesamtwerk Randy Newmans, der als als kritischer intellektueller Songwriter mit einer alles andere als menschenverachtenden Einstellung gilt. Der andere Grund findet sich im Mittelteil des Stücks. Dieser verlässt die diskriminierende Perspektive und lässt einen sanften Chor die völlig entgegengesetzte Haltung formulieren: „Short people are just the same/ As you and I/ (A fool such as I)/ All men are brothers/ Until the day they die/ (It’s a wonderful world).“

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Randy Newman, Born Again, 1979

Produzent/ Lenny Waronker, Russ Titelman

Label/ Warner Bros.

Meiner Erfahrung nach ist dies das am wenigsten beliebte Werk von Randy Newman, weil zu sehr Pop, zu wenig Songwriting. Aber völlig zu Unrecht. Hier sind auf wenig mehr als einer halben Stunde so viele Ideen zusammengepfercht, dass jeder der elf Songs zu einem höchst verdichteten Story-Kunstwerk wird. Am faszinierendsten dabei ist, die auf dieser Platte ins Extreme getrieben Fallhöhe zwischen den trockenen, reduzierten Texten und perfekt produzierter, breitwandiger Instrumentierung.

„It’s Money That I Love“ enthält u.a. die Strophe: „Used to worry about the poor/ But I don’t worry anymore/ Used to worry about the black man/ Now, I don’t worry about the black man/ Used to worry about the starving children of India/  You know what I say now about the starving children of India/ I say, oh mama/ It’s money that I love“ – Das ist Zündstoff, obwohl die badeschwammartige „Toleranz“ von gesetzten älteren Randy-Newman-Fans eigentlich alles aufsaugt. Dazu gibt es das Cover: Randy Newman mit Kiss-Maske an einem Technokraten-Schreibtisch, zwei grosse Dollarscheine im Gesicht.

Provozieren dürfte die Anhänger des guten Geschmacks auch das bombastische Orgelintro zu „Pants“, das im übrigen das alte Thema von „Take Off Your Clothes“ variiert. Eine Variante von „Love Story“ ist „They Just Got Married“, das abgewandelte Ende: „A couple of years go by/ She’s going to see the doctor/ It’s just a regular checkup (oh no)/ Plus she thinks she might be pregnant/ Anyway, she dies/ And he moves down to Los Angeles/ Meets a foolish young girl with lots of money/ Now they’re getting married“.

„Born Again“ ist eine durch und durch ausgezeichnete Randy-Newman-Platte, bei der allerdings solche Höhepunkte wie „In Germany Before The War“ und „Sigmund Freuds Impersonation Of Albert Einstein In America“ fehlen.

 

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Randy Newman, Little Criminals, 1977

Produzent/ Lenny Waronker, Russ Titelman

Label/ Reprise

Randy Newman hatte mit „Short People“ ziemlich Schwierigkeiten bekommen, der Song durfte beim Erscheinen von den US-Radio-Stationen nicht gespielt werden. Wenn es nun simpel gegen kleinwüchsige Menschen ginge, wäre das auch eine vernünftige Entscheidung; aber so schlicht wird man Randy Newman wohl nicht interpretieren dürfen. Wenn in seinem Song Zeilen vorkommen wie „They walk around / Tellin‘ great big lies…“ liegt die Interpretation nahe, dass er sich allgemein kritisch mit dem sogenannten „Kleinbürger“ auseinandersetzten will, dem Spiesser. Ausserdem heisst es im Text „Short people are just the same / As you and I /(A fool such as I) / All men are brothers / Until the day they die / (It’s a wonderful world)“ – der Song bemüht sich also um Empathie, vielleicht ist auch Selbstkritik mit dabei.

„Short People“ ist bereits ein starker Opener für „Little Criminals“, aber auch die übrigen Titel sind beeindruckend. „Sigmund Freud’s Impersonation Of Albert Einstein In America“ und das brillante „Baltimore“ sind zeitlos schöner Pop. Randy Newmans Melodien schleichen sich ganz unaufdringlich ins Ohr, teilweise sogar richtig zuckersüss („I’ve always been crazy bout irish girls“), aber wenn man dann anfängt, auf die Texte zu achten, ist es so, als ob man einen mit dem Hammer verpasst bekommt. Sarkasmus pur, Ironie, böse Kritik. („We’re Rednecks“) Am Fiesesten und überhaupt schön ist „In Germany Before The War“ „In Germany before the war/ there was a man who owned a store/in nineteen hundred thirty four in Düsseldorf“. Angeblich soll der Kindermörder Fritz Haarmann hier Pate gestanden haben…

Musikalisch waren die damals auf dem Höhepunkt ihres Erfolges schwebenden Eagles massgeblich an dem Album beteiligt. Auf einigen Songs spielt der Deutsche Klaus Voormann den Bass; jener Voormann, der das Cover für das Beatles-Album „Revolver“ gezeichnet hat und sich dann Anfang der achtziger Jahre um die kurze Weltkarriere von Trio  („Da Da Da“) verdient machte.

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Randy Newman, It’s Money That Matters, 1988

Text/Musik/ Randy Newman

Produzent/ Mark Knopfler

Label/ Reprise Records

„Von all den Menschen, die ich kenne, haben sich die wenigsten den Gesetzen der grossen Welt angepasst. Ich sehe, wie sie sich in Buchhandlungen herumtreiben, beim öffentlich-rechtlichen Radio arbeiten, ihre Babys in Rucksäcken herumtragen und sich insgesamt eher bedächtig fortbewegen.

Aber hör mal: hier in den USA kommt’s nur aufs Geld an!
All diese Menschen haben mehr auf dem Kasten als ich, und in jedem halbwegs fairen System würden sie locker auf einen grünen Zweig kommen – stattdessen krebsen sie am Existenzminimum herum und schlagen sich recht und schlecht durchs Leben.

Als ich etwa 13 Jahre alt war, habe ich mich mal scharf umgeschaut und dann gefragt, was das alles soll – erst meinen Vater, dann meinen Freund, dann meinen Bruder: keiner wusste eine Antwort. Schliesslich habe ich jeden gefragt, den ich kannte.

Dann habe ich mit einem Mann in den Aussenbezirken gesprochen, dem ich zusammen mit meinem Kumpel das Auto gewaschen habe. Er war klein und dick und lief in einem knallroten Overall herum. Ich sagte zu ihm: „Sie sehen aber ziemlich schräg aus!“

Und er antwortete: „Das weiss ich. Aber dafür gehört mir dieses Riesenhaus da auf der Anhöhe, und darin wohnt eine Super-Blondine, meine Frau. Im Garten habe ich einen riesigen Swimmingpool und gleich daneben noch einen. Hör zu, Jungchen: hier in den USA kommt’s aufs Geld an! Du siehst doch, dass ich Recht habe – egal, was du machst: unterm Strich zählt nur das Geld!“