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Tom Waits, Heartattack and Vine, 1980

Text/Musik/ Tom Waits

Produzent/ Bones Howe

Label/ Asylum

Tom Waits schreibt keine Musik, die einfach ist oder vordergründig oder leicht verständlich. Mit 30 Jahren hatte er genug Dreck und Abscheulichkeiten gesehen, um einen Song oder ein ganzes Album darüber zu schreiben, aber nicht so viel, dass er sich davon ferngehalten hätte.

Der Titelsong von „Heartattack and Vine“ ist eine karge, unbehagliche Komposition mit warmen, übersteuerten Gitarrentönen und Waits‘ heiserem Gesang. „Es gibt keinen Teufel“, mahnt er, „das ist Gott, wenn er betrunken ist.“ In Anspielung auf die Niederungen des Lebens in L.A. porträtiert Waits Menschen, die fehlerbehaftet sind, aber nicht ohne Aussicht auf Erlösung. „Wenn du wissen willst, wie Wahnsinn schmeckt, musst du dich hinten anstellen“, spottet er. „Wahrscheinlich siehst du jemanden, den du kennst.“

Es ist ein Drogensong, aber auch ein Song über Menschen, ein trostloses, aber irgendwie feierliches Bild eines Lebens in fröhlicher Verzweiflung. Waits klagte gegen Levi’s, die Screamin‘ Jay Hawkins‘ Version in einer Werbung verwenden wollten; die bittere Ironie ist ihm sicher nicht entgangen.

Screamin‘ Jay Hawkins, Heartattack and Vine, 1993

Produzent/ Robert Duffey

Label/ Epic

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Tom Waits, (Looking for) The Heart of Saturday Night, 1974

Text/Musik/ Tom Waits

Produzent/ Bones Howe

Label/ Asylum

Wenn „Closing Time“, Tom Waits‘ erstes Album, nach einem Sänger klingt, der auf der Suche nach seiner Stimme ist, dann hat er sie in „The Heart of Saturday Night“ gefunden. Diese Stimme wurde zwar noch nicht von Zigaretten ruiniert, und die verruchte Säufer-Masche, die er er sich konstruiert hat, war mehr Entwurf als Portrait, aber ab seinem zweiten Album begann Waits, wie er selbst zu klingen.

Trotz alledem ist der Beinahe-Titelsong, der Platte ungewöhnlich für einen frühen Waits-Track, weil er seine Person nicht in den Mittelpunkt des Geschehens stellt. Die selbst-mystifizierende Erzählung aus der Ich-Perspektive, die man von anderen Stücken aus jener Zeit kennt, wie zum Beispiel „Tom Traubert’s Blues“, fehlt. Waits ist hier der Beobachter, der zusieht, wie sich die Welt vor ihm entfaltet.

Den Inhalt des Songs verrät der Titel: blauäugiger Optimismus am Wochenende, Geld in der Tasche, ein Mädchen neben sich. Dieses schlichte Thema behandelten viele Songwriter im Laufe der Jahre. Waits ist klug genug, das Thema nicht zu überspannen und kombiniert den Text mit einer seiner einfachsten, schönsten Melodien.

„The Heart of Saturday Night“ hinterliess nicht viel Eindruck. Der Rest des Jahrzehnts verbrachte der Sänger damit, in seine Skid-Row-Beatnik-Rolle hineinzufinden und ihr wieder zu entwachsen, bevor es ihm mit dem kompromisslosen „Swordfishtrombones“ (1983) gelang, sich neu zu erfinden.

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Tom Waits, Blue Valentines, 1978

Text/Musik/ Tom Waits

Produzent/ Bones Howe

Label/ Asylum

Obwohl er in den frühen 70er Jahren gleichzeitig mit einer Menge anderer kalifornischer Singer-Songwriter aufgetaucht war, zeigte sich bald, dass Tom Waits anders war. Sein Beatnik-Ethos war war eine offene Hommage an Helden wie Jack Kerouac und Ken Nordine, und es gelang ihm, daraus etwas vollkommen Ureigenes zu machen.

Seine Songs hatten von Anfang an das Herz auf der Zunge getragen, aber Waits‘ Vorliebe für schwierige Beziehungen erreichte ihre Apotheose auf seinem fünften Album „Blue Valentine“. Jede tragische Geschichte zieht den Hörer tiefer hinein in den verzückten Herzschmerz. Vom üppig orchestrierten, gebrummten „Somewhere“-Cover (West Side Story) bis zur beschwingten Melodie von „Romeo Is Bleeding“ beschwört Waits den Geist der Liebe herauf, die unter einem schlechten Stern steht.

„Blue Valentines“, der letzte Albumtrack, bringt den Gedanken zur Vollendung. Zur zurückhaltenden Jazzgitarre von Ray Crawford erzählt der Sänger von einer Liebe, die furchtbar schiefging, und beklagt seine Rolle als „Dieb, der der Rose das Genick brechen kann“. Bones Howe (der mit Elvis Presley gearbeitet hatte und dann den klassischen Sunshine-Pop-Sound von Bands wie The Association etablierte) produzierte dieses geschmackvoll zurückhaltende und doch unerschrocken gefühlvolle Meisterwerk.