Steve Earle, I’ll Never Get Out Of This World Alive, 2011

Produzent/ T-Bone Burnett

Label/ New West

Steve Earle hat sein 14. Studioalbum nach dem letzten Song von Hank Williams benannt. „I’ ll Never Get Out of this World Alive“ klingt eher melancholisch als verzweifelt: ein schönes, erstaunlich ruhiges Album für einen Sänger, der so wütend werden kann. Auf vielen Stücken setzt Steve Earle auf Instrumente, die auch Hank Williams gefallen hätten – etwa Fiedel und Steelgitarre. Dabei geholfen hat ihm T-Bone Burnett – als Produzent sehr gefragt, wenn es darum geht, neue Songs wie ganz alte klingen zu lassen, aber ohne Kitsch und Nostalgie.

Das Album immer klar konturiert und in warmen, natürlichen Klängen gehalten, hat Nashville, Tennessee, ebenso viel zu verdanken wie New Orleans, Louisiana, oder Clarksdale, Mississippi. Es kombiniert die Sehnsucht der Country-Musik mit der Trauer des Blues und verbindet beide immer wieder mit New Orleans. Gleich drei der elf Songs beziehen sich auf die Stadt, darunter das bewegende „The City“, in dem Earle singend verspricht, dass „diese Stadt nicht weggespült werden wird“. In einfachen, starken Bildern evoziert er die Musik von New Orleans, das Wasser, die Marmorgräber, die Quartiere, die Menschen. Das Schlimmste sei nicht, was New Orleans passiert sei, sagt er in Anspielung auf den Hurrikan „Katrina“ 2005 und der Ölpest von 2010: „Das Schlimmste ist, wie Amerika darauf reagiert hat“: Es habe die Stadt vergessen, der es so viel verdanke.

Bildschirmfoto 2019-06-03 um 07.36.06.png

Steve Earle & The Dukes, Nowhere Road, 1987

Text/Musik/ Steve Earle, Reno Kling

Produzent/ Tony Brown

Label/ MCA

Es ist vermutlich eine Hypothek, wenn Billboard den Erstling zu den 500 besten Alben der Geschichte zählt. Das ist dem amerikanischen Songwriter Steve Earle passiert, der heute 64 ist: Mit 31 veröffentlichte er „Guitar Town“, und er schüttelte die Country-Welt damit ganz schön durch. In einem Atemzug mit Dwight Yoakam genannt, war Steve Earle damals schon der Intellektueller der beiden „jungen Wilden“, der weder Posen noch Glitter nötig hatte.

Ein Jahr später, 1987, folgte mit „Exit 0“ der Zweitling, und der Song „Nowhere Road“ klang, als hätte Earle sich das mit „Guitar Town“ noch einmal gut überlegt. Der Riff ist praktisch identisch, der Text allerdings mäanderiert irgendwo zwischen Existenzialismus und John Steinbeck. Die Strasse in Oklahoma, die nirgendwo hin führt – die Früchte des Zorns lassen grüssen. Und viel zu schnell sei er unterwegs, sang Earle damals, was vermutlich für sein ganzes Leben im Overdrive galt. Die Strasse hat ihn vielleicht nicht zu Lorbeeren und Reichtum geführt, aber zu denjenigen Fans, für die Echtheit mehr zählt als Schönheit.

bianco4.jpg

Steve Earle, Transcendental Blues, 2000

Produzent/ Steve Earle, Ray Kennedy

Label/ E-Squared

Mit „Transcendental Blues“ setzt Steve Earle seit seinem Comeback (1995, „Train A-Comin“) eingeschlagenen Weg konsequent fort. Im Vergleich zu seinen früheren Alben wie „Copperhead Road“ oder „The Hard Way“ ist er insgesamt ruhiger geworden, aber keineswegs schlechter. Eher das Gegenteil ist der Fall: seine Fähigkeiten als Songwriter treten deutlicher zutage. So auch auf dem Album, „Transcendental Blues“: Lieder wie „Everyone’s In Love With You“, „Steve’s Last Ramble“ oder „The Boy Who Never Cried“ gehören zum Besten, das er je auf Tonträger gebannt hat.

„Until The Day I Die“ ist ein klassischer Bluegrass-Song, der in seiner Struktur traditioneller ist als die meisten der Lieder auf „The Mountain“ (ein weiteres grandioses Album seiner Karriere, aber doch mehr Steve Earle-Lieder in Bluegrass-Versionen als traditionelle Bluegrass-Songs) und ein absolutes Highlight. Und im besonderen gilt letzteres auch für „Over Yonder (Jonathan’s Song)“, ein Lied über (beziehungsweise gegen) die Todesstrafe, welches Earle schrieb, nachdem er bei der Vollstreckung auf Wunsch eben jenes Delinquenten persönlich anwesend war.

Insgesamt können zwar nicht alle Songs den hohen Standard halten (so z.B. „I Can Wait“ und „I Don’t Want To Lose You Yet“, die zu harmlos daherkommen), aber das ist auch nicht notwendig. Steve Earle zeigt mit „Transcendental Blues“ eindrucksvoll, dass er zu den besten zeitgenössischen Songwritern und Musikern gehört.

039405000728_1080W_1080H.jpg

Steve Earle, Copperhead Road, 1988

Produzent/ Steve Earle, Tony Brown

Label/ MCA

„Copperhead Road“ erinnert ein wenig an Bruce Springsteen, klingt aber unpolierter, härter, weniger gefällig, kommt weniger ostentativ verschwitzt daher. Auch hat Steve Earle seine Begleitband perfekt ausgesucht (u.a. John Jarvis am Piano, Kelly Looney am Bass und er selber mit einem halben Dutzend Akustik-Instrumenten). E-Gitarren, E-Bass sowie ein sparsam verwendeter Synthesizer betonen eher noch die akustischen Instrumente (Gitarren, Dobro, Mundharmonika, Piano, Mandoline u.a.), als dass sie sie dominieren würden.

Die Grundlinie des Albums ist geradliniger Country- und Folkrock aber mit vielen musikalischen Finessen. Repräsentative Stücke sind, neben dem Titelsong, „The Devil’s Right Hand“, „Back to the Wall“, „Even When I’m Blue“, „Once You Love“ – mal eher ruhige, mal eher rockige Balladen in jener prägnanten Gitarrenrock-Tradition, die es damals in den 80ern Jahren eben auch gab. Allein dieser harte Bass als Leadgitarre in „Even When I’m Blue“, in perfekter Harmonie mit dem Piano… ein starker Song!  – Oder „You Belong to Me“, dieses verzweifelte Liebeslied mit dem pessimistischsten Drum-Solo am Ende.

Aber es kommt noch besser: „Snake Oil“ hat viel Rock’n’Roll mit einem Piano, das von ferne an Jerry Lee Lewis erinnert. Und im letzten Track „Nothing but a Child“, einer zärtlichen Ballade singt Earle mit Maria McKee ein starkes Duett.  Bei „Johnny Come Lately“ hat Earle die Pogues als Studioband engagiert. „Johnny Come Lately“ ist zwar eher ein Pogues-Song als einer von Steve Earle, aber dessen rauher Gesangsstil passt zu den irischen Folk-Punkern genauso gut wie der von Shane McGowan.

Fazit: „Copperhead Road“ ist ein sehr schönes Album, das nicht so vor sich hinrostet, wie so manches Katzengold aus den 80er Jahren.