The Jimi Hendrix Experience, Burning Of The Midnight Lamp, 1967

Text/Musik/ Jimi Hendrix

Produzent/ Chas Chandler

Lebel/ Track Records

Der einsame Lyriker um Mitternacht, der am Leben verzweifelt, wenn der Blick auf die Freundin im Bilderrahmen fällt, die, die nicht mehr da ist, die, die nie mehr kommt, der Moment, in dem die Welt gewichen ist und die Hand aufs Papier schreibt: „And I continue to burn the midnight lamp alone“; vielleicht Hendrix’ persönlichster Text, ein Mondgedicht. Der einsam Leidende in Zwiesprache mit dem Samtmond; Eremit mit der Lampe.

„Burning Of The Midnight Lamp“ wurde zuerst 1967 als Single in Grossbritannien, mit der speziell dafür aufgenommenen B-Seite „ The Stars That Play With Laughing Sam’s Dice“ veröffentlicht. Hendrix hatte den Song auch ein paar Mal live gespielt. Die Musik ist am klarsten in der posthum publizierten Live-Aufnahme für Londons „Radio One“, dort nur das Trio, die reine Experience, ohne den Background-Chor von „Electric Ladyland“. Das Stück erreichte – „enttäuschend“ – nur Platz achtzehn der englischen Charts; nicht so enttäuschend für Hendrix: „Von allen Sachen ist dies mein Lieblingssong. Ich bin ganz froh, dass er nicht so erfolgreich ist und überall herumgereicht wird“. Jimi war nicht hier, um einen Nummer-eins-Hit nach dem andern zu kreieren. Mit „Hey Joe“ hatte er genug davon an der Hacke. Genug vom unersättlichen Kannibalismus unbefriedigbarer Auditorien.

Jimi Hendrix, Are You Experienced, 1967

Produzent/ Chas Chandler

Label/ Reprise

Kein Rockmusiker vor ihm hatte ein derart körperliches Verhältnis zu seinem Instrument. Jimi Hendrix streichelte die Saiten der Gitarre mit seinen virtuosen Fingern, und er traktierte sie mit der Zunge und den Zähnen. Er entlockte ihr ekstatische Heul-, Dröhn- und Schnurrlaute und hob die Rockmusik damit auf das Niveau kunstvollen Improvisierens. Wenn er die Gitarre in Anfällen wilder Rage in Brand setzte oder auf dem Bühnenboden zertrümmerte, stand der US-Musiker exemplarisch für das Aufbegehren einer ganzen Generation.

Am 12. Mai 1967 erschien Jimi’s Debütalbum „Are You Experienced“. Das Album gilt noch heute als eines der grossartigsten Debüts aller Zeiten. Auf der neu gemasterten Ausgabe von 1997 sind auch die drei Singles „Purple Haze“, sein erster Hit „Hey Joe“ und „Wind Cries Mary“ und ihre B-Seiten mit ihm Paket. Diese Lieder sind unvermindert aufregende und mitreissende Perlen der Rockgeschichte. Doch auch auf der Original-LP gibt es keine Schwachstellen. Das frenetische „Manic Depression“ und das melancholische „I Don’t Live today“ kommen aus den Tiefen der Verzeiflung – beiden scheinen Jimis kometenartige Laufbahm vorauszuahnen. Auf der ausgedehnten Tour de Force „Third Stone From The Sun“ bricht eine psychdelische Tonwelt in die verzerrten Vocals ein. „Are You Experienced?“ stellt die Grundfrage der Hippies vor rückwärts abgespieltem Schlagzeug und peitschenden Gitarrenfetzen, der fesselnde Blues „Red House“ enthüllt Jimis umfassendes Verständnis der Form als Grundlage seiner faszinierenden Kunst. Nicht nur für die damalige Zeit ist diese Musik grossartig, auch nach all den Jahren hat dieses Album nichts von seiner knisternden Spannung verloren.

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Jimi Hendrix, Belly Button Window, 1971

Text/Musik/ Jimi Hendrix

Produzent/ Jimi Hendrix

Label/ Reprise

In „Belly Button Window“ betreibt Jimi Hendrix eine Art Nabelschau. Durch sein „Bauchnabelfenster“ guckt er aus dem schwangeren Bauch seiner Mutter nach draussen, sieht dort nur sorgenvolle Gesichter und fragt sich, ob seine Gesellschaft da draussen möglicherweise unerwünscht sein könnte. Er versichert seiner Mutter, dass er, falls sie ihn jetzt im Moment nicht brauchen könne, kein Problem damit hätte, schnurstracks wieder ins Reich der reinen, körperlosen Geistigkeit zurückzukehren.

Und als er der Mutter ins innere Ohr flüstert, dass es heutzutage für alles eine Pille gäbe, für Krankheiten, für ein aufregenderes Leben und eben auch für Abtreibungen, fällt ihm ein, dass sie dafür wahrscheinlich schon etwas zu spät dran ist. Also findet er sich damit ab, doch auf die Welt zu kommen, und zwar, wie er seinem Vater versichert, ungeachtet einer Welt, die von Liebe und Hass geprägt ist. Und der lieben Mutter prophezeit er: „Im gonna eat up all your chocolates“.

Er wird also all ihre Schokolade aufessen. Das ist die Rache des kleinen Mannes dafür, dass man ihn in Welt gesetzt hat.

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The Jimi Hendrix Experience, Purple Haze, 1967

Text/Musik/ Jimi Hendrix

Produzent/ Chas Chandler

Label/ Track

In unserer digital aufbereiteten, Metal-freundlichen Welt der Moderne fällt es schwer, sich den Aufschrei vorzustellen, den die ersten übersteuerten E-Gitarren auslösten – aber James Marshall Hendrix, der erste Musiker, der Verfremdungseffekte bis an die Grenzen des Erträglichen ausreizte, wurde zurecht als Pionier verehrt, als er mit Songs wie diesem (in Europa nur als Single, in den USA aber auch auf dem Album „Are You Experienced“) aus der R&B-Sessionszene auftauchte. Mit seinem heftig übersteuerten, dissonanten Intro-Riff, das auf einem Tritonus aufbaut ( einer verminderten Quinte, dem sog. „Teufelsintervall“, ‚diabolus in musica‘), klingt „Purple Haze“ bis heute bedrohlich.

In „Purple Haze“ machte der damals 25jährige Hendrix eine bewusst verschleierte Anspielung auf die psychedelischen Drogen, die die Speerspitze der damalige Popkultur veränderte. Der Text – zu obskur, um von der Polizei entschlüsselt zu werden, aber eine himmlisches Manna für Hendrix‘ wachsende Armee von Gefolgsleuten – handelt vom Zustand der Verwirrung im LSD-Nebel, ohne den Wunsch zu formulieren, wieder herauszufinden. Mit schwirrenden Gitarrensoli malt Hendrix das Bild des totalen Chaos, eines Himmels oder einer Hölle, in der es keine Parameter gibt: „Excuse me while I kiss the sky!“ singt er.

„Purple Haze“ wird international als Synonym für einen Zustand des fliessenden Wandels verstanden, aber die Intention des Songs ist klar: Hendrix liess durchblicken, dass ein verändertes Bewusstsein Vorbedingung für all jene war, die die Welt mit seinen Augen sehen wollten.

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Jimi Hendrix Experience, Castles Made Of Sand, 1967

Text/Musik/ Jimi Hendrix

Produzent/ Chas Chandler

Label/ Track

Mit hoher Wahrscheinleichkeit gehört „Castles Made Of Sand“ neben „The Wind Cries Mary“ zu den beliebtesten Balladen, die Jimi Hendrix je geschrieben hat. Das Lied erzählt in drei kleinen, voneinander unabhängigen Geschichten über sich zerschlagende Träume bzw. Sandburgen, die vom Meer davon gespült werden.

Die erste Geschichte handelt von einem Mann, dessen ewige Sauferei dazu führt, dass seine Frau ihn vor die Türe setzt. Man hört auf der ganzen Strasse, wie sie ihn anbrüllte, er sei eine Schande, und ihm die Türe vor der Nase zuschlug. Jetzt steht er draussen vor der Türe, weint heisse Tränen, die den Rasen versengen, und schliesslich sieht er, wie die Sandburg seiner Liebe ins Meer stürzt.

Die zweite Geschichte erzählt von einem kleinen Indianerjungen, der mit seinem Freund im Wald „Krieg“ spielte und davon träumte ein grosser Indianerhäuptling zu werden. Endlich nahte der Tag, da er seinen Kriegsgesang anstimmen und seine erste Schlacht schlagen sollte. Aber am Abend zuvor lief etwas ganz fürchterlich falsch. Ein Überraschungsangriff tötete ihn ihm Schlaf – und wieder wird eine Sandburg im Meer verschluckt.

Die dritte Geschichte berichtet von einem Mädchen, das im Rollstuhl sass und stumm war. Die junge Frau beschloss ihrem Leben ein Ende zu setzen, fuhr mit ihrem Rollstuhl an eine Uferklippe und sagte lächelnd zu ihren Beinen: „You won’t hurt me no more“. Doch plötzlich sah sie so etwas Ungewöhnliches, dass sie aufsprang (!) und sagte: „Schau, ein Schiff mit goldenen Flügeln kommt auf mich zu“. Das Schiff hielt aber nicht an, es fuhr einfach weiter. Und so gleitet schliesslich wieder eine Sandburg ins Meer.

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Jimi Hendrix, Electric Ladyland, 1968

Produzent/ Jimi Hendrix

Label/ Reprise

Sowohl Studiotechnologie als auch Gitarreneffekte wurden Ende der 60er Jahre immer besser und vielfältiger. Auf „Electric Ladyland“, Hendrix‘ bekanntestem Album (auch berühmt wegen des berüchtigten Plattencovers mit den nackten Frauen), nutzte The Jimi Hendrix Experience ausgiebig diese neue Technik. Das Spiel der Musiker und die Songstrukturen waren zwar lockerer geworden, abgehobener von den Soul- und R&B-Traditionen, in denen die Experinece gewachsen war, doch Hendrix führte ein recht strenges musikalisches Regiment, trotz des Nebels aus LSD und anderen Drogen, die sie umgaben. Seine Wurzeln hat „Electric Ladyland“ sowohl im Pop als auch im Blues: da ist die perfekte Hendrix-Single, der glasklare Radiohit „Crosstown Traffic“, und dann sein Cover von Earl Kings „Come on“.

Aber nicht nur das politische Feuer und die psychedelischen Experimente machten „Electric Ladyland“ so ausserordentlich einflussreich. Hendrix‘ Interpretation von Bob Dylans „Along The Watchtower“ veranlasste Dylan selbst zu der Bemerkung: „Kein Wunder, dass Jimi meine Songs aufnahm; erstaunlich ist eher, dass er so wenige Lieder aufnahm, denn sie waren alle für ihn.“ Doch allein das ausufernde 15-minütige „Voodoo Chile“ und die knappere Version „Voodoo Child (Slight Return)“ hätten aus diesem Album einen Klassiker gemacht.

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Jimi Hendrix, Smash Hits, 1968

Produzent/ Chas Chandler

Label/ Polydor

Ende der 60er Jahre war eine Single trotz des mit den Beatles, The Who, The Kinks, Pink Floyd, Moody Blues und den Rolling Stones heraufdämmernden Albumzeitalters immer noch das Mass aller Dinge. „Smash Hits“, die einzige von Hendrix noch zu Lebzeiten veröffentlichte Compilation, sollte vorallem eine Zusammenfassung seiner Seven-Inch-Juwelen – sowohl der A- als auch der B-Seiten – sein. Wobei zu dieser Zeit grosse Unterschiede in der Veröffentlichung von Singles in den verschiedenen Ländern gang und gäbe waren. So war etwa der europäische und japanische Singlehit „Purple Haze“ auf der nordamerikanischen Version von Hendrix’ Debüt-LP „Are You Experienced“ enthalten. Nimmt man die zuerst erschiene UK-Version von „Smash Hits“ als Grundlage, ist „Foxy Lady“ das einzige Stück, das nicht als Single erschien. Zumindest nicht in Europa, denn unter dem Namen „Foxey Lady“ wurde der „Are You Experienced“-Song in den USA als Single veröffentlicht. „Fire“, auch als „Let Me Light Your Fire“ bekannt, erschien 1969 in Europa als Seven Inch.

Was „Smash Hits“ als Originalalbum aber so grandios macht, war nicht unbedingt das Alleinstellungsmerkmal einiger Songs, sondern die pure Kraft und Magie von Jimi Hendrix, komprimiert auf jeweils etwa drei Minuten. Wahre „Smash Hits“ eben! Da wurde keine Zeit verschenkt, da ging es gleich zur Sache. Rockgeschichtsschreibung und Pop, abgeleitet von Popularität, erlebten hier eine seltene und stilsichere Fusion. Kernstück des Albums war Hendrix’ erste Single „Hey Joe“. Mit jenem Lied brannte er sich 1966 ins kollektive Bewusstsein der Rockmusik-Fans ein. Bis zu „Smash Hits“ gab es den Song eben nur als Single. Da diese Platte schon vor den Aufnahmen zu „Axis: Bold As Love“ konzipiert worden war, konnte sie keine Songs von diesem Werk enthalten, obwohl einige von ihnen bestens zu ihr gepasst hätten.