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Muddy Waters, I Feel Like Going Home/ I Can’t Be Satisfied, 1948

Text/ Musik/ Muddy Waters

Produzent/ Unbekannt

Label/ Aristocrat Records

Kein Zweifel, der altmodische ländliche Blues wäre längerfristig von der Entwicklung in der populären Musik weggespült worden, hätte ihn nicht sein Retter Muddy Waters in Chicago elektrifiziert. Der weisse Gitarrist George Barnes hatte zwar schon 1938 bei Sessions elekrisch gespielt und auch Tampa Red hatte seine Gitarre ab 1940 verstärkt. Doch sie spielten keinen spezifisch elektrischen Stil, nur etwas lauter als vorher.

Erst durch Muddy Waters wurde der laute, delta-getränkte elektrische Combo-Blues zum Markenzeichen. Muddy Waters war 1943 mit seiner alten akustischen Silvertone-Gitarre nach Chicago gekommen, die sich aber als viel zu leise herausstellte. Auch ein Daumenpick konnte daran wenig ändern. Es gab nur eine Lösung. Muddy war bei Aristocrat/ Chess unter Vertrag, einer Firma, die sich massiv in den Sound ihrer Platten einmischte, frei nach dem Motto: „If shit’s gold, we’ll sell shit.“. Man liess Muddy zwar ab 1948 elektrisch spielen, wie beim kleineren Hit „I Feel Like Going Home/ I Can’t Be Satisfied“, aber nicht mit seiner eigenen Band. Das wurde ihm erst 1950 gestattet, als die aus Polen stammenden Brüder Phil und Leonard Chess ihr eigenes Label, Chess-Records gegründet hatten.

Das Ergebnis unterschied sich auffällig von den Rhythm-&-Blues-Nummern, die in den Jukeboxen liefen, war erdiger, einfacher und ziemlich heavy – authentischer Blues in modernisierter Form. Muddys durchschlagender Erfolg begründete mehr als einen Trend. Es war eine neue Spielweise des Blues. Sie prägte die Aufnahmen aller namhaften Kollegen der nächsten Jahre und Jahrzehnte. Das betraf nicht nur das Chess-Label, das Musikern wie Jimmy Rogers, Otis Spann und Little Walter – alle aus Muddys Band – oder Howlin’ Wolf, J.B. Lenoir, Bo Diddley und dem in Detroit lebenden John Lee Hooker eine Plattform boten.

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Muddy Waters, Muddy Waters at Newport, 1960

Produzent/ Unbekannt

Label/ Chess

Muddy Waters gelang schon in den 50er Jahren der Sprung in die R&B-Charts mit Hits wie „Rollin And Thumblin“ und „Louisiana Blues“, doch erst 1960 stellte er sich – und den live gespielten Blues – dem grossen (weissen) Publikum. Als Chess Records am Ende des Jahrzehnts die Verkaufszahlen seiner Singles schwinden sah, beschloss man, das grosse Talent als Albumkünstler zu vermarkten. Also wurde 1960 Muddys Show auf dem Newport Jazz Festival mitgeschnitten.

Als er an jenem Nachmittag auf die Bühne kam, wusste Waters genau so wenig von seinen weissen Zuhörern wie diese von seiner ländlichen Spielart des Chicago Boogie. Der gnadenlose Refrain von „Hoochie Coochie Man“ und das ungeschminckte Jammern von „Baby Please Don’t Go“ waren ein riesiger Kontrast zur kühlen Trompete eines Dizzy Gillespie. Doch Muddys mächtiger Bariton, die klagende Mundharmonika von James Cotton und das Kneipenklavier von Otis Spann sorgten dafür, dass zum Ende des Auftritts die jungen Leuten in den Gängen zwischen den Stühlen tanzten.

Auch wenn dieses Album nur den Augenblick festgehalten hätte, als der Live Blues in die feinen Vororte gelangte, wäre es noch nicht vergessen. Und selbst wenn das Album nicht junge junge Musiker wie Jimmy Page und Eric Clapton mit dem urbanen Sound Amerikas bekannt gemacht hätte, wäre es ein Meilenstein. 47 Jahre Erfolg von „Muddy Waters At Newport“ sind der Beweis für die magische Anziehungskraft von erstklassigem, ursprünglichem Blues.