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The Beach Boys, Good Vibrations, 1966

Text/Musik/ Brian Wilson

Produzent/ Brian Wilson

Label/ Capitol Records

Angeregt durch den ambitionierten Pop der Beatles liess Beach Boy Brian Wilson die Welt der simplen Surf-Hymnen hinter sich, um sein eigenes komplexes Opus zu kreieren. Das Ergebnis, das Album „Pet Sounds“ (1966), übertraf die anspruchsvolle Vorgabe der Beatles in Sachen experimentieller Rock. Aber Wilsons grossartigstes Statement stand noch aus.

„Good Vibrations“ entstand während den Aufnahmen zu „Pet Sounds“, wurde aber erst Monate nach dessen Veröffentlichung fertig. Wilson verbrachte acht Monate in drei Studios ( 90 Stunden Bandmaterial, 11 verschiedene Fassungen), um den epischen Track aufzunehmen. Seine beispiellose Detailverliebtheit und sein Drogenkonsum waren nicht unschuldig an Wilsons Nervenzusammenbruch 1967, führten aber auch zu einem phänomenalen, ebenso ausgefallenen wie prägnanten Resultat.

Von Wilsons Pressesprecher Derek Taylor stammt der Ausdruck „Hosentaschensymphonie“. Die barocke Musik zeichnet sich durch romantische Symbolik, üppige Harmonien, krasse Stilbrüche und ungewöhnliche Instrumentierung aus. „Good Vibrations“ ist ein lässig swingender Pop-Song, der bis heute nichts von seiner seltsamen Unwiderstehlichkeit verloren hat.

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The Beach Boys, The Beach Boys Today!, 1965

Produzent/ Brian Wilson

Label/ Capitol

„The Beach Boys Today!“ ist die perfekte Beach-Boys-LP. Das Album ist gleichmässig aufgeteilt in sorgenfreien Flirt-Pop und dramatische Balladen, die von Phil Spectors Girl Groups inspiriert waren. Man kann sogar behaupten, dass die Scheibe besser als „Pet Sounds“ ist – denn vom Selbstmitleid, der beim späteren Album stört, ist hier nicht zu finden.

Die Aufnahmen fanden statt, nachdem Brian Wilson kurz davor auf Tournee gestresst zusammengebrochen war. Trotzdem beginnt die Platte mit einem der ausgelassensten Songs, den die Band je gespielt hat. Nach den ersten gedämpften Versen von „Do You Wanna Dance?“ dreht Brian beim ersten Refrain die Lautstärke auf und der Swing der 60er Jahre macht einfach Spass. Auch der Rest der A-Seite ist reine Partylaune: „When I Grow Up“ war Wilsons bis dahin reifste Komposition; „Help Me, Ronda“ war die Frühfassung der später viel gefeierten Single (dann mit einem zusätzlichen „h“ im Titel).

Doch bei der B-Seite lecken sich Kenner die Lippen. Die fünf Balladen sind grossartige, persönlich-feinfühlige und verletzliche Liebeslieder, völlig anders als der gesamte Pop der damaligen Zeit. Sie bilden die Vorlagen für „Pet Sounds“ mit „Please Let Me Wonder“ und „Kiss Me, Baby“, wobei dieser Song ebenso gut ist wie „God Only Knows“.

Zum ersten Mal hatten die Beach Boys die Beatles und die Stones überholt. Es begann ein zweijähriger Kampf um die Vorherrschaft, der mit einem weiteren Zusammenbruch von Brian Wilson enden sollten – und mit dem Abruch der Aufnahmen für „Smile“. Man erinnert sich wohl besser an dieses Album.

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The Beach Boys, God Only Knows, 1966

Text/Musik/ Brian Wilson, Tony Asher

Produzent/ Brian Wilson

Label/ Capitol

1966 war Brian Wilson in Hollywood und erlitt eine persönliche Beatlemania. Er war der einzige Mensch auf Erden, der verkünden konnte, eine Platte zu machen, die ebenso gut sei wie „Rubber Soul“ und dies tatsächlich auch schaffte. Nach neun Lp’s in drei Jahren entwickelten sich die Beach Boys langsam von einer vorübergehenden Surfer-Mode zur Antwort des Pop auf die klassische Musik.

„Pet Sounds“ fand seinen Fixpunkt in dieser atemberaubenden Ballade über die Liebe und die Verzweiflung, die ihr Fehlen auslösen kann. Mit über 20 Studiomusikern bettete Wilson seine dreistimmige Hymne „God Only Knows“ in eine Klanglandschaft aus Akkordeon, Waldhorn, Klarinette, Saxophon und Cello – eine zögerlich gläubige Hinwendung zur Spiritualität.

Zum ersten Mal schrieb jemand Popmusik, die Konzentration verlangte. Die Strophen loteten die Grenzen der Rock-Akkordfortschreitung aus, verbunden durch eine Bridge, die ihren Bestimmungsort erst bei der Ankunft verriet. Nicht viele Liebeslieder beginnen mit der ernüchternden Erkenntnis: „Ich werde dich vielleicht nicht immer lieben“, aber wenn man, „solange die Sterne am Himmel stehn“, nicht an dieser Liebe zweifeln braucht, wissen wir auch, dass Gott ebensoviel zerstört wie neu schafft. Kurz nachdem Brian Wilson „God Only Knows“ geschrieben hatte, hörte er „Sgt. Pepper’s“ und verlor den Verstand.