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Iggy Pop, The Passenger, 1977

Text/Musik/ Iggy Pop, Ricky Gardiner

Produzent/ The Bewlay Bros.

Label/ RCA

Wenn Iggy Pop und David Bowie fragen, ob du etwas hast, dass sie als potentielles Material für die die Folgeplatte zu „The Idiot“ verwenden könnten, lohnt es sich etwas Beeindruckendes in der Schublade zu haben. In einer Berliner Wohnung überraschte Prog-Rock-Studiomusiker Ricky Gardiner mit den eingängigen Akkorden für „The Passenger“.

In „The Passenger“ lässt Iggy sich in der Rolle des Beobachters ganz entspannt durch die Exzesse der späten 70er Jahre chauffieren. Als Inspirationsquelle dienten ihm seine Streifzüge durch Berlin. Aber die düstere Ausrichtung des Textes passte überhaupt nicht zu den Umständen, in dem Gardiner seine musikalischen Idee hatte. An einem, wie er sagte „idyllischen Frühlingsmorgen“schlenderte er, die Gitarre in der Hand, „an leuchtenden Apfelblüten vorbei“, als er sich dabei ertappte, die unwiderstehlichen Akkorde zu spielen. Die nahm er einfach auf eine Kassette auf und schickte sie Iggy, der dann über Nacht einen Text dazu schrieb.

Der Song gilt zwar heute als Rockstandard, versauerte nach der Veröffentlichung aber auf der Single „Success“, die ihrem Namen keine Ehre machte. Erst die Verwendung für Soundtracks und Werbung brachte „The Passenger“ Anerkennung. Auch die Coverversionen, von Bauhaus bis The Banshees konnten die Bravour des Originals nur hervorheben.

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Iggy Pop, Candy, 1990

Text/Musik/ Iggy Pop

Produzent/ Don Was

Label/ Virgin

Mit seiner Band The Stooges gilt Iggy Pop als der Grandfather des Punk. Einen Platz in den Top 40 erreichte er allerdings nur ein einziges Mal – und das mit weiblicher Verstärkung, nämlich mit Kate Pierson von den B-52. „Candy“ war ein simpler Lovesong – aber einer, der so richtig abgeht.

Natürlich geht es in dem Lied um eine zerbrochene Liebe. Zuerst trauert er ihr hinterher: ein besonders hübsches Mädchen aus dem Norden, das sein Herz in Flammen gesetzt hat. Sie liess einen Traum wahr werden, den nur er selbst kannte: Un-voreingenommene Liebe, Liebe ohne Verpflichtungen, ohne Bedingungen.

Dann entführt der Song den Hörer in das Seelenleben der Frau: Die fühlt sich, als ob sie ein Loch in ihrem Herzen hätte, vermisst ihn, hat aber irgendwie gelernt, sich nichts anmerken zu lassen. Letztlich der Refrain des Songs, in dem beide singen : „Ich kann dich nicht loslassen. Das Leben ist so verrückt!“

Und wie verrückt das Leben ist! Wenn Sie genau hinhören: Der Refrain wird immer explosiver, gipfelt in einem wahren Aufschrei und zeigt: Liebe ist ein unsichtbares Band, dass die Liebenden miteinander verbindet. Es ist schon verrückt, wie Menschen aneinander hängen können. Menschen, die sich gefunden haben, die füreinander geschaffen sind. So wie zumindest in diesem Song Kate Pierson und Iggy Pop.

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Iggy Pop, Brick by Brick, 1990

Produzent/ Don Was

Label/ Virgin Records

In den 80er Jahren wandelt sich Iggy Pop – teilweise finanziell völlig mittellos – vom Pogo-Propheten zum Disco-Draufgänger. Doch bei allen instrumentalen Glättungen und gezähmten Titeln auf Alben wie „Party“ (1981) oder „Zombie Birdhouse“ (1982) entzieht sich Iggys traumatisches Timbre allen Domestizierungsversuchen. Bowies Produktion „Blah, Blah, Blah“ (1986) lässt mit ihrem artifiziellen Touch und elektronischen Design den früheren Punk-Performer als Soundtrack-Lieferanten für die Yuppie-Generation erscheinen. Erst der versierte Produzent Don Was bringt den schlingernden Pop zur alten Erfolgsformel zurück: laut, lasziv und rau. Ob wohl seine Leidenschaften sich mittlerweile als Linien tief in sein Gesicht eingekerbt haben, beweist „The Ig“ mit dem Album „Brick By Brick“ seine stürmische Vielfalt.

Von Knochenbrecher-Hymnen im Verein mit Slash und Duff von Guns N‘ Roses bis zu folkloristischen Variationen mit David Lindley und Waddy Wachtel reicht der Spannungsbogen. Besondere Mühe hat Hr. Osterberg sich auf diesem Album auch mit dem Songwriting gegeben – einzig „Butt Town“ und „Moonlight Lady“ klingen etwas beliebig – der Rest ist wirklich überdurchschnittlich – vor allem im Hinblick auf Iggy’s Gesamt-Oeuvre.

Von den nicht Krachern seien vor allem die Balladen „Main Street Eyes“, „Candy“ (tolles Duett mit der B-52’s Sängerin Kate Pierson) und natürlich der Klassiker „Livin‘ On The Edge Of The Night“ hervorzuheben, aber auch das Titelstück ist sehr gelungen. „Starry Night“ hat eine eigentümliche, aber äusserst einnehmende Reggae Anmutung, und bei den Rockern kann man sich kaum entscheiden, welcher jetzt von „Home“, „Neon Forest“, und „My Baby Wants To Rock & Roll“ stärker abgeht. „Pussy Power“ – was für ein Titel – ist dann der beste Sisters Of Mercy Song, den diese nie geschieben haben und „I Won’t Crap Out“ und „The Undefeated“ sind grosse Akustik gitarrenlastige Pop Pop-Songs.

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Iggy & The Stooges, Raw Power, 1973

Produzent/ Iggy Pop

Label/ Columbia

„Search and Destroy“ beginnt vielleicht mit einem der legendärsten Zweizeiler des Rock’n’Roll – Iggys unvergessliches, spöttisches „I’m a streetwalking ceetah with a heart full of napalm/I’m a runaway son of the nuclear A-bomb“ – wurde damals aber nicht als Klassiker anerkannt.

Die amerikanische Plattenfirma der Stooges, Elektra, hatte nach dem Free-Jazz-artigen Album „Fun House“ bereits alle Verantwortung von sich gewiesen; als die Band auf Bitten David Bowies in London abrockte, galten sie weitenteils als anstrengende Drogenwracks. Zwölf Tage in den Londoner CBS-Studios gebaren jedoch die perfekte Replik: den Proto-Punk-Klassiker „Raw Power“.

„Search and Destroy“ war die Eröffnungssalve: sehniger Rock’n’Roll, angetrieben durch die metallischen Riffs des neuen Gitarristen James Williamson. Iggy nahm den Songtitel aus einem Artikel im „Time Magazine“ über den Vietnamkrieg, und seine apokalyptische Darbietung, aufgenommen in einem ekstatischen Take, ist eine genussvolle Kanalisierung von Zerstörung. Die Brüder Ron und Scott Asheton sorgten unterdessen für die kraftvolle Rhythmussektion.

Columbia hasste „Raw Power“, das sich anfangs zwar schlecht verkaufte, aber ein wichtiger Einflusssektor für die aufkommende Punk-Bewegung war.

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Iggy Pop, Lust For Life, 1977

Text/Musik/ Iggy Pop, David Bowie

Produzent/ The Bewlay Bros.

Label/ RAC

In West-Berlin führten Iggy Pop und David Bowie ein Leben, das in seiner Dekadenz an die Weimarer Republik erinnert – Kokain, Rotwein und Bratwurst, und einmal die Woche eine Folge von „Starsky and Hutch“ auf AFN. Bowie verarbeitete die Erkennungsmelodie des Senders mit Hilfe einer Ukulele zum Gitarrenriff in „Lust for Life“. Die „Bewlay Brothers“, wie Pop, Bowie und Co-Produzent Colin Thurston sich nannten, nahmen den Track 1977 in den Hansa Studios auf (wo Bowie bald darauf sein Album „Heroes“ aufnahm).

Mit raubtierhaftem Grollen durchstreift Iggy seinen Gesangspart. Der im Text genannte Johnny Yen ist eine Figur aus William Burroughs‘ Roman „The Ticket That Exploded“ (1962), aus dem auch der Vergleich stammt, Liebe fühle sich an „wie das Hypnotisieren von Hühnchen“. Drummer Hunt Sales und sein Bruder, Bassist Tony sorgten für den Drive – unvergesslich als Filmmusik der Anfangsszene von „Trainspotting“ (1996).

Dank des Films erreichte das neuveröffentlichte „Lust for Life“ einen Platz in den britischen Charts und legte den Grundstock für diverse revisionistische Versionen des Riffs, allen voran „Last Nite“ von den Strokes und „Are You Gonna Be My Girl“ von den Australo-Rockern Jet. Iggy Pops grandiose Grosstuerei gehört jedoch weder der Vergangenheit noch der Zukunft an. Er ist einfach ein „modern guy“.