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Small Faces, Tin Soldier, 1967

Text/Musik / Steve Marriott, Ronnie Lane

Produzenten/ Steve Marriott, Ronnie Lane

Label/ Immediate

Dieser Song, den Steve Marriott auf Ibiza schrieb, um die Frau zu beeindrucken, die er später heiraten sollte, war ursprünglich nicht für die Small Faces gedacht, aber da das Label Immediate eine Philosophie des Teilens vertrat, bot der Komponist seinen „Tin Soldier“ Pat (P.P.) Arnold an. Die Ex-Backgroundsängerin von Ike & Tina Turner war nach London gezogen, und Marriott erinnerte sich später: „Sie flippte aus, und da dachte ich, vielleicht behalte ich das Stück besser.“ Stattdessen gab er ihr einen ähnlich kraftvollen Song („If You Think You’re Groovy“). Die Band spielte auf ihrer Platte, sie sang dafür bei den Small Faces mit.

„Tin Soldier“, veröffentlicht im Dezember 1967, kam zu einer Zeit, als das Ostlondoner Quartett nichts falsch machen konnte. Die dritte ihrer insgesamt fünf Immediate-Singles steckte zwischen „Itchycoo Park“ und „Lazy Sunday“, würde aber alle Umfragen nach dem besten Stück der Small Faces gewinnen. Nach dem Psychedelic-Pop des Vorjahres kehrten sie mit diesem Song zu ihren Mod-Soul-Ursprüngen zurück.

Eine frühere Instrumentalversion bringt jede Menge Akustikgitarren zum Vorschein, die den Song ursprünglich tragen sollten, aber das Endergebnis nahm grossen Einfluss auf die Heavy-Rock-Szene, die 1968 aufkam. Der Song ist ein Paradies für Headbanger; Ronnie Lanes Bass ist sowohl Rhythmus- als auch Leadinstrument, und die Drums von Kenny Jones (inklusive Blechtrommeleffekte) machen Kleinholz aus dem Track. Und Marriotts Gesang? Nichts mehr mit Kinderkram – hier beginnt tatsächlich die Rockära.

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Small Faces, The Autumn Stone, 1969

Produzent/ Verschiedene

Label/ Immediate Records

1966 waren die Small Faces eine der populärsten Band Grossbritanniens, sie waren mit famosen Singles in den Charts und Stammgäste bei „Top of the Pops“ – und sie wurden von ihrem Manager Don Arden wie Streichhölzer abgebrannt. Ständiges Touren, TV-Auftritte und am Ende hatte keiner der vier Musiker einen Penny raus.

Viele Songs der vier (übrigens tatsächlich kleingewachsenen) Musiker sind ein Ausbruch an Energie, keinen Deut schlechter als die der zu dieser Zeit ähnlich agierenden Who (die ja auch als „Mods“ bezeichnet wurden), und der vergleichsweise geringe Bekanntheitsgrad der Small Faces mag dem Umstand geschuldet sein, dass sie als Single-Band galten. Zwar hatten die Small Faces 1968  mit „Ogdens’nut Gone Flake“ noch ein tolles Album gemacht, und dann mit Rod Stewart als The Faces noch weiteren Erfolg, verloren in den 70er aber an Bedeutung. Und sie hatten – genau wie alle anderen – nicht George Martin als Produzenten an ihrer Seite.

Für dieses Album ist das egal, denn es ist eine Zusammenstellung der besten und erfolgreichsten Titel der Gruppe. Steve Marriott war ein charismatischer Sänger, der mit seiner Soul-Stimme den Stil etlicher Heavy Metal Sänger vorwegnahm. Die Live-Aufnahmen von „Rollin Over“, „If I Were A Carpenter“ und „Every Little Bit Hurts“ sind in ihrer Vermischung von juvenilem Ungestum, amerikanischen Soul und R&B ein riesiger Spass. Und neben bekannten Titeln wie „All Or Nothing“, „Itchycoo Park“ oder „Lazy Sunday“ gibt es auch solche wunderbare Preziosen wie „Autumn Stone“. Und wenn im Refrain von „Afterglow Of Your Love“ Ian McLagans Hammond losbrodelt, dann bekomme ich zum 330sten Mal Gänsehaut. Die Small Faces hatten Stil und Energie; sie klingen einerseits sehr nach den Sechzigern, sind aber anderseits überraschend zeitlos. Der Einfluss der Gruppe auf Bands wie The Jam und den Brit Pop der Neunziger ist sofort erkennbar.

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The Small Faces, Ogden’s Nut Gone Flake, 1968

Produzent/ Ronnie Lane, Steve Marriott

Label/ Immediate

Den Sommer der Liebe verpassten sie zwar um 12 Monate, doch die dritte und vorletzte LP des Mod-Quartetts ist grundlegende britische Psychedelia. Während die Bands in San Francisco einen politischen Einschlag hatten, mochten es die Briten frivoler – garantiert ein guter Trip für alle. Steve Marriott griff nicht den Vietnamkrieg an, sondern die Klagen der Nachbarn über den Lärm, den er machte. Die Hälfte der A-Seite ist frontaler, psychedelischer Rock (der Titelsong, „Afterglow“ und „Song Of A Baker“), bei den übrigen drei Tracks wurde Londoner Varieté-Musik mit LSD-Sounds vermischt.

Erst die zweite Seite macht die Musik auf der Scheibe so bemerkenswert. Konzeptalben waren der letzte Schrei; also erfand man Happiness Stan, der sich auf die Suche macht nach der dunklen Seite des Mondes. Auf der Reise trifft er sprechende Fliegen und einen Einsiedler namens Mad John. Zum Schluss landet er auf einer Party. Verbunden sind die Stücke durch die Erzählung des Komödianten Stanley Unwin, dessen bizarre Sprache eine typisch britische Satire des Beat Slangs ist. Fast alles macht Sinn, man versteht jedes Wort, doch plötzlich muss man laut lachen. Leider war die „Mini-Oper“ nicht für Live-Auftritte geeignet, und Steve Marriott verliess frustriert die Band. Die übrigen Bandmitglieder wurden mit Rod Stewart als The Faces berühmt; dennoch scheint es, als wäre hier eine Gelegenheit verpasst worden.

Und das Plattencover? Ein prämiertes Meisterwerk: das runde Pastiche einer Tabakdose, die beim Aufklappen Zigarettenpapier und eine psychedelische Collage anbietet. Was meinten die wohl damit?