Taj Mahal, 1968

Produzent/ Bob Irwin, David Rubinson

Label/ Columbia

Was der junge Taj Mahal auf seinem Debütalbum zusammen mit Ry Cooder und einer vielversprechende Band namens The Rising Sons vergeigt hat, das kann gern als authentischer Blues durchgehen: „Statesboro Blues“, „Dust My Broom“, „Everybody’s Got To Change Sometime“ zeigen einen zeitgemässen Umgang mit Original-Material; vielfach dominiert die Mundharmonika von Mahal, manchmal klingt das Ganze auch ein wenig nach John Mayall. Aber bei den Eigenkompositionen, besonders bei „E.Z. Rider“, kommt die Intensität, mit der Taj Mahal gesanglich die Songs vorträgt, deutlich zutage. Ruhige, teilweise, fast monotone Bass-Läufe und unspektakuläre Drum-Arbeit sorgen für ein solides Rückgrat.

Apropos „E.Z.Rider“: Wer glaubt, dass die Verkürzung der Sprache durch Verwendung lautmalerisch treffender Buchstaben und Zahlen (z.B. ‚4 U‘ für ‚for you‘) erst im Zeitalter von Internet und SMS entstanden ist, wird hier eines Besseren belehrt. „E.Z.“ sind nicht die Initialen eines „Mr. Rider“; vielmehr besingt Taj Mahal den „Easy Rider“, einen im Südstaaten-Slang im doppelten Sinne unmoralischen Mann. Herausragend ist der Schlusssong „The Celebrated Walkin‘ Blues“, eine auf einem Traditional basierende Komposition Taj Mahals. Mit einer Spielzeit von knapp neun Minuten deckt das Stück fast ein Viertel der gesamten Spielzeit der Scheibe ab. Ein wunderschöner langsamer Blues! Taj Mahal’s Album ist etwa so echt wie eine bauchige Rotweinflasche beim Italiener um die Ecke.

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Taj Mahal, Maestro, 2008

Produzent/ Taj Mahal

Label/ Heads Up International

Weltmusik, der Begriff klingt so freundlich. Dabei trägt seine Verallgemeinerung eine Entwertung in sich. Denn der Begriff bezeichnet alles, was ausserhalb der USA gespielt wird, mit demselben Etikett. Weltmusik meint die Volksmusik der armen Länder und Kontinente, von den europäischen Zigeunerweisen über die afrikanischen Polyrhythmen zu den karibischen und lateinamerikanischen Tänzen. Auch deshalb wird der Begriff von denen am meisten kritisiert, deren Musik damit belegt wird: Sie empfinden die Gleichmacherei als Anmassung.

Umso erstaunlicher, dass ein Pionier dieser sogenannten Weltmusik den Begriff dermassen unbekümmert verwendet: Henry Saint Clair Frederick, der sich Taj Mahal nennt, seit über fünfzig Jahren als Musiker die Welt bereist und sich von allem beeinflussen lässt, was ihm auf seinen Reisen begegnet.

„Maestro“ nennt der gebürtige New Yorker sein 2008 erschienenes Album selbstbewusst, das die Einflüsse seiner Karriere vorzeigt und wie eine inoffizielle Anthologie funktioniert. Von Gästen wie Los Lobos, Ziggy Marley oder Ben Harper unterstützt, singt sich der Bandleader durch Reggae-, Soul- und Bluesnummern, covert Fats Domino und Bo Diddley und bezieht sich mehrmals und also demonstrativ auf die synkopierten Second-Line-Rhythmen von New Orleans.

Auch mit seiner eigenen Band macht Taj Mahal vor, dass der Blues für ihn bestenfalls eine Grundierung ist, die es mit anderen Einflüssen anzureichern gilt. Mahals Stimme klingt noch immer kehlig und voll, und seine Musik hat nichts von ihrer Vielfalt und Vitalität verloren. Viele amerikanische Musiker bedienen sich fremder Stile, wenn ihnen die Ideen ausgehen und ihnen die Folklorisierung Echtheitszertifikate garantiert. Für Taj Mahal aber gehört die stilistische Vielfalt zum Ausdruck seiner Musik und Kultur.

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Taj Mahal And The Hula Blues Band, Taj Mahal And the Hula Blues, 1997

Produzent/ Carey Williams

Label/ Tradition & Moderne

Zwölf Jahre lebte Taj Mahal auf Hawaii, bevor er 1996 zurück nach Los Angeles zog. Dass ihm diese Entscheidung nicht leicht fiel, steht zwischen den Zeilen seines „Hula Blues“­ Projektes. Dabei ist die Annäherung an andere kulturelle Traditionen für Taj Mahal nichts Neues. Er war bereits an diversen „crosskulturellen“ Projekten beteiligt: es gab Begegnungen mit dem Westafrikaner Ali Farka Toure, dem Inder Vishwa Mohan Bhat und anderen.

Sechs der acht Mitmusiker auf „And The Hula Blues“ stammen von Hawaii, das Instrumentarium ist typisch hawaiianisch: verschiedene Ukulelen, Slack-Keygitarre und hawaiianische Steel-Gitarre. Dieser besondere Geist schwingt in jedem Titel mit. Das klingt irgendwie saugemütlich, aber wenn das laut denkende Grunzen des Sängers gerade in Instrumentalpassagen selbst den verschnittensten Rum bereichert, tatsächlich auch ein bisschen müde. Mahal dehnt die Reize dieser sanft im Rythmus der hawaiianischen Arrangements schwingende Musik durch unbestreitbar grosse Werke wie Toots Hibberts „Monkey Man“ oder seinen eigenen „Mailbox Blues“ zu weit über die dreineinhalb Minuten Aufmerksamkeitsspanne hinaus, ohne dafür nachvollziehbare musikalische Gründe anzugeben.

Ein sympathisches Werk allerdings, wenn man noch Zeit hätte, ganze Tage in der Badewanne zu verbringen.

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Taj Mahal, Giant Step, 1969

Produzent/ David Rubinson

Label/ Columbia

Ursprünglich war Taj Mahals drittes Album „Giant Steps / De Ole Folks at Home“ eine Doppel-LP, auf der er bereits in jungen Jahren (er war gerade 27) zeigte, was in ihm steckte.

Tatsächlich ist dieses Album zweigeteilt: Die ersten neun Tracks, „Giant Steps“, bieten soliden Blues mit viel Soul- und Motown-Rhythmus; Taj Mahal und seine Begleitband (Jesse Edwin Davis, Gary Gilmore und Chuck Blackwell) präsentieren sich in bester Spiellaune und spielen Eigenes ebenso wie Coverversionen von den Monkees bis Leadbelly, und zwar immer mit diesem unverkennbar locker zurückgelehnten Taj-Mahal-Sound. Bereits hier sind einige wahre Meilensteine (bzw. eben giant steps) zu hören: Gleich das Pfeif-Solo von „Ain’t Gwine Whistle Dixie“ hat Suchtpotential; der Titelsong wiederum ist ganz einfach schön, ein klarer Fall von unspektakulärem Blues, den man je öfter je lieber anhört. Ähnlich ist „Good Morning Little Schoolgirl“ mit seinen Ragtime-Anklängen. Diese erste Hälfte des Albums schliesst ein nachgerade klassischer Rhythm’n’Blues ab: „Bacon Fat“.

Die zweite Hälfte des Albums, „De Ole Folks at Home“, bestreitet Taj Mahal im Alleingang mit akustischer Gitarre, Banjo oder Harmonika. Alle drei Instrumente beherrscht er meisterhaft; bei „A Little Soulful Tune“ reicht ihm auch schon rhythmisches Klatschen. Wäre da nicht die exzellente Tonqualität, würde man glauben, hier sei ein verjüngter Blind Willie McTell oder ein Sonny Terry wiederauferstanden. Bereits die a capella-Version von Leadbellys „Linin‘ Track“ ist ein Erlebnis; Taj Mahal faucht und singt diesen Klassiker ganz in der Tradition der alten Bluesmeister. Es geht weiter, mit Traditonals, Eigenem und einigen Coverversionen (darunter der „Candy Man“ von Gary Davis und der unverwüstliche „Stagger Lee“ als tiefschwarzer Blues) – ein Track besser als der andere.

Die Zusammenstellung des swingenden, zum Teil rockigen, „Giant Step“ mit dem eher ruhigen „De Ole Folks At Home“ ist genial, weil sie die ganze Breite von Taj Mahals grossem Können wiedergibt.