Ray Davies, Other People’s Lives, 2006

Produzent/ Ray Davies

Label/ V2

Im Jahr 2006 demonstrierte Ray Davies mit dem Album „Other People’s Lives“ noch einmal seine Fähigkeiten, Alltagsbeobachtungen in süffige Songs zu verpacken. Das Idol und Vorbild aller (nicht nur britischen) Songwriter beschreibt hier seine Erlebnisse eines Aufenthalts in New Orleans. Doch seine Musik und seine elegante Erzählensweise sind typisch britisch geblieben. Mit der Lebenserfahrung eines älteren Mannes erzählt Ray Davies Geschichten aus dem Leben eines Touristen in New Orleans, in dem man einerseits zwar manchmal angeschossen wird, wie er bei einem Überfall, aber andererseits auch heimfinden kann zu den Quellen der Musik des 20. Jahrhunderts.

„Other People’s Live“ ist ein klassisches Rockalbum: Kraftvolle Riffs, elegante Bridges, einnehmende Melodien und immer wieder kraftvolle Backgroundchöre: schon der erste Song „Things Are Gonna Change“ zeigt die Klasse dieses Mannes. Oder der Alt-Country von „The Getaway“. Oder das mit Akustik-Gitarre startende „All She Wrote“, welches dann im Funkrock endet. Oder das Titelstück mit seinem Latinrock-Einschlag. Insbesondere der Gesang von Davies ist fein nuanciert, berührend und ausdrucksstark. Immer wieder werden Anklänge an die erste Zeit der Kinks hörbar. Ein kurzer Gitarrenriff à la „Lola“; eine Chorpassage, die an „Waterloo Sunset“ erinnert; ein Bläsereinsatz ähnlich „Sunny Afternoon“. Doch das ist kein „Alterswerk“ – vom ersten Stück weg rockt Ray Davies mit voller Power los. Wie schon seinerzeit auf dem „Something Else“ Album werden hier verschiedenste Musikstile integriert. Das klingt gleichzeitig altbekannt, dabei aber keinesfalls altmodisch.

Bildschirmfoto 2020-04-06 um 07.58.35

The Kinks, Sunny Afternoon, 1966

Text/Musik / Ray Davies

Produzent/ Shel Talmy

Label/ Pye

Nachden sie mit ihren Hits „You Really Got Me“ und „All Day and All of the Night“ den Hard Rock erfunden hatten, begaben sich die Kinks überraschend auf ein halb komödiantisches Music-Hall-Territorium. „Sunny Afternoon“ war ein Geniestreich. Die Kombination aus Barpiano, kreischender Gitarre und Humptata-Musik schien nichts weiter zu wollen, als die Freuden des Müssiggangs zu preisen – oder steckte doch mehr dahinter?

Wie so viele Songs aus der Zeit zwischen 1966 und 1968 schien „Sunny Afternoon“ den Geist des Wandels zu verkörpern, der damals die USA und Europa durchströmte. „Tune in, turn on, and drop out“, lautete das Motto der Gegenkultur, und immer mehr Menschen begriffen, dass man nicht zum Mainstream gehören musste. Auch die Beatles rieten ihren Fans 1966, sich zu entspannen, die Gedanken auszuschalten und sich flussabwärts treiben zu lassen. Die Kinks jedoch waren vor ihnen da.

Musikalisch und textlich war der Song eine Offenbarung. Der Schritt zurück, den Songwriter Ray Davies damit wagte ( zurück in die verrückte Music-Hall-Zeit seiner Jugend), statt die progressive Richtung weiterzuverfolgen, in die die früheren Hits der Band zu weisen schienen, erwies sich im nachhinein als genial. Hinter der warmen, lakonischen Weichheit der Aufnahme verbergen sich kluge Köpfe – eine Beobachtung, die, mal wieder auch auf die Beatles zutrifft, die im Jahr darauf ihre eigene Music-Hall-Hommage, „Being for the Benefit of Mr. Kite“, aufnahmen.

Eine sehenswerte Dokumentation: „The Kinks, die bösen Jungs des Rock’n’Roll“ ( Mit Dank an Herr Ärmel )

Bildschirmfoto 2020-01-14 um 20.07.09.png

The Kinks, Give The People What They Want, 1981

Produzent/ Ray Davies

Label/ Arista

Die Kinks hatten viele verschiedene Phasen mit unterschiedlichsten Besetzungen und Ausdrucksformen. Für mich ist dieses Album der Beginn einer sehr hörenswerten, aber leider weitgehend vergessenen Schaffensphase Anfang der 80er, die ausser „Give The People What They Want“ auch die folgenden Alben „State Of Confusion“ und „Word Of Mouth“ einschliesst. Die Zeit des steilen Aufstiegs von MTV, wo die Kinks, obwohl schon damals alles andere als frisch, mit sehenswerten Musikvideos durchaus stattfanden. Man bleibt zwar beim Rock, doch Musik und Texte werden wieder deutlich cleverer. Ray Davies findet sein Talent für biestige, intelligente Texte wieder. Auch der Titel des Albums ist schon eine klitzekleine Provokation (auf der Rückseite findet er seine Fortsetzung in „We hope everybody gets what they deserve“).

Musikalisch wird das Album mit „Around The Dial“, einem Riff-Rocker mit gutem Refrain eröffnet. Das Stück beschäftigt mit der etwas voyeuristischen, aber jeden von uns von Zeit zu Zeit bewegenden Frage nach den Grenzen des öffentlichen Wissens über in der Öffentlichkeit stehende Personen.  Als nächstes folgt das etwas hektische Titelstück ohne guten Refrain. „Killer’s Eyes“ verpackt Ray’s Gedanken zum Papstattentat als ruhige Ballade. „Predictable“ ist ein eingängiger Song mit hübscher Gitarrenmelodie. Trotz Pressung als Picture-Disc und einem fantastischen Video, blieb das englische Publikum starrköpfig und opferte sein Geld lieber einer der gerade angesagten Elektropopsensationen. „Add It Up“ beendet die erste Albumseite als Rocker im mittleren Tempo ohne besondere Ohrwurmqualität.

In „Destroyer“ arbeiten die Kinks Text- und Melodieschnipsel vergangener Tage als ironisches Selbstplagiat ein. „Yo-Yo“, einem langsamen Stück mit Akustik und später Heavy-Gitarre und einigermassen eingängigem Refrain folgt dann ein Songmodell der Marke Standard-Hardrock. Mit „Art Lover“ gelingt ihnen dagegen eine hübsche Ballade mit einem Touch Sixtiessound. In „A Little Bit Of Abuse“ singt Ray zu gitarrenbetonter Begleitung über das Thema häusliche Gewalt. Den Abschluss macht dann die schöne Single „Better Things“.

Bildschirmfoto 2019-11-16 um 20.42.55.png

The Kinks, Dead End Street, 1966

Text/Musik/ Ray Davies

Produzent/ Shel Talmy

Label/ Pye

Nach den Beatles waren es immer die Kinks, die unter den grossen britischen Bands der 1960er Jahre Soundexperimente wagten. In Ray Davies hatten sie zudem einer der profiliertesten Songschreiber ihrer Generation. Ohne seine Worte oder Themen zu verwässern, gelang es Davies, den Mittelweg zwischen McCartneys Sentimentalität und Lennons Zynismus zu gehen. „Dead End Street“, ein Song über Armut, weckt Mitgefühl, ohne zu bevormunden, bringt Wut zum Ausdruck, ohne verbittert zu sein.

Das Genie verbirgt sich im Detail, wenn Davies in vier kurzen, brillanten Zeilen die Szenerie beschreibt: Durch die Decke verläuft ein Riss, der Abfluss in der Küche ist undicht, keine Arbeit, kein Geld, und auch am Sonntag gibt’s nur Brot und Honig. Für den Erzähler fehlt es den „Sixties“ entschieden an „Swing“. Der Sound des Songs ist höchst eigentümlich. Die klagende Trompete stützt die Melodie, es gibt plötzliche Rhythmuswechsel und ein geschriener Backgroundchor hilft über die Gefühle von Hochmut und Verzweiflung hinweg. Die Kinks-Kollegen Dave Davies und Pete Quaife nannten „Dead End Street“ einen der drei besten Songs, die Ray je geschrieben hat. Sein Einfluss – fröhliche Melodie begleitet trostlose Geschichte – ist in britischen Bands wie Madness und The Smiths zu hören, allesamt englische Essayisten.

hoesje-kinks-waterloo-sunset.jpg

The Kinks, Waterloo Sunset, 1967

Text/Musik/ Ray Davies

Produzent/ Ray Davies, Shel Talmy

Label/ Pye

Die Gegend um Waterloo war für Ray Davies persönlich von grosser Bedeutung. Als kleiner Junge lag er einmal wegen Tracheotomie im dortigen St. Thomas Hospital, und die Schwestern schoben ihn auf den Krankenhausbalkon, von wo aus er auf die Themse blicken konnte, den „schmutzigen alten Fluss“ im Song. Auch als Kunststudent, auf dem Weg zur Croydon Art School, war Davies täglich durch Waterloo gekommen.

Der Song erzählt, wie ein einsamer Aussenseiter ein Paar („Terry and Julie“) beobachtet, das sich am Bahnhof Waterloo trifft und, in traute Gespräche vertieft, über die Waterloo Bridge weiter Richtung Nord-London geht. Der wehmütige Sänger („But I don’t need no friends“) tröstet sich mit der Schönheit des Sonnenuntergangs über der Londoner Skyline. Viele vermuten, mit Terry und Julie seien die britischen Schauspieler Terence Stamp und Julie Christie gemeint, die 1967 in einer Verfilmung von Thomas Hardys „Far from the Madding Crowd“ spielten, aber Davies verneint konkrete Bezüge und sagt, es handele sich einfach um ein frisch verliebtes Phantasiepärchen.

„Waterloo Sunset“ aus dem Sommer 1967 ist eine von Ray Davies gelungensten Kompositionen. Ein schönes, melancholisches, warmes Bild von London im Dämmerlicht.

cover_kinks_showbiz-1050x948.jpg

The Kinks, Everbody’s In Show-Biz, 1972

Produzent/ Ray Davies

Label/ RCA

Die Doppel-LP „Everbody’s In Show-Biz“ ist ein halb im Studio, halb live aufgenommene Platte. Seite drei und vier dokumentieren die Kinks plus Bläseresemble live auf ihren ausgedehnten Tourneen der letzten Jahre. Seite eins und zwei zeigt die Kinks mit vielen Highlights aber keineswegs mit einem durchgängig überzeugendem Studioalbum.

„Here Comes Yet Another Day“, das erste Stück auf dem Studioalbum ist eine energische Fusion von Gitarrenrock mit leicht schrägen Bläsersätzen. Der Titel verrät schon etwas über den vermeintlichen Glamour des Lebens „on the road“. Zum gleichen Thema passt das ruhige, sparsam instrumentierte „Sitting In My Hotel“. Countryrockmässig kommt die Gourmetkritik zu den Köstlichkeiten englischer Autobahnraststätten in „Motorway“ daher. „Supersonic Rocketship“ erschien als Single in Grossbritannien. Mit dem harmlos, nostalgisch klingenden „Look A Little On The Sunny Side“ rechnet Davies mit den Kritikern ab, denen die Kinks nicht ernsthaft genug bei der Sache zu sein scheinen.

Mit dem letzten Song zeigen die Kinks, dass sie trotz kleiner Schwächen nichts verlernt haben. Eigentlich hätte „Celluloid Heroes“ ein Monsterhit werden müssen. In dieser wunderschönen Ballade, deren Melodie der von „Waterloo Sunset“ in nichts nachsteht, stellt Ray Davies das Image legendärer Hollywoodstars der Realität gegenüber. Er zeigt Greta Garbo, Rudolf Valentino, Bette Davies, Bela Lugosi und andere als zerbrechliche Persönlichkeiten hinter einer übermächtigen Starfassade. Und obwohl er auch den harten Überlebenskampf der Erfolglosen oder längst Vergessenen beschreibt, singt er „I wish my life was a non-stop Hollywood movie show… / because celluloid heroes never feel any pain and celluloid heroes never really die“.

The-Kinks-Lola.jpg

The Kinks, Lola, 1970

Text/Musik/ Ray Davies

Produzent/ Ray Davies

Label/ Pye

Auf einer Live-LP der Kinks aus dem Jahr 1979 spielt Ray Davies einige wenige Takte von „Lola“ an, aber dann stoppt er und sagt. „We don’t wanna play this tonight.“ Das Publikum buht in einer Weise, wie Ray Davies offenbar vermutete, dass es jetzt wohl zu buhen hat, worauf er plötzlich sagt, als sei es spontan: „Ok., I’ll do it.“

Ray Davies, wenn sein Bericht, denn er im Text des Liedes gibt, authentisch ist, traf Lola in einem Club in Soho, wie er einen Champagner mit Coca-Cola-Geschmack trank. Bei ersten Hören war ich noch der Meinung, Lola tränke ihn, aber das ist wohl falsch: „She walked up to me and she asked me to dance/ I asked her name and in a dark brown voice she said/ „Lola.“

Sie kam also zu ihm, dem mutmasslichen Ray Davies, und bat ihn um einen Tanz. Der wollte aber erst wissen wie sie heisst, was sie mit einer „dark brown voice“ mit „Lola“ beantwortete. Im Gefolge des Abends drückte sie ihn, obwohl er nicht der kräftigste Mann der Welt ist, derart, dass sie ihm beinahe das Rückgrat brach. Wo da der Sinn liegt, weiss Ray Davies alleine. „Well, I’m not dumb, but I can’t understand/ Why she walks like woman and talks like a man/ Oh my Lola, lo lo lo Lola, lo lo lo Lola.“

Lola kann also beinahe alles sein: eine Transsexuelle, eine Tunte, eine kräftige Frau, eine alkoholbedingte Phantasie eines verklemmten Ray Davies, eine, wie es so schön heisst „literarische Figur“ oder auch die Beschreibung einer androgynen Gesellschaftsutopie.

Heute bin ich davon überzeugt, Lola gibt’s gar nicht, hat es nie gegeben, auch nicht als literarische Person, und wird es nie geben. Lola ist Musik. Zu ihrer Intonation gehört zwingend eine „dark brown voice“. Dann fungiert sie als Fixpunkt in einer nicht gerade einfach sortierten Welt: „Girls will be boys, and boys will be girls/ It’s a mixed up, muddled up, shook up world, except for Lola.“

6315d0bc.jpg

Ray Davies, Working Man’s Café, 2007

Produzenten/ Ray Davies, Ray Kennedy

Label/ V2 Records

Ray Davies viertes Soloalbum ist weitgehend ein melancholisches Panorama vergangener Ekstasen. Davies, mittlerweile ein knitteriger, ein wenig bitter klingender älterer Herr, setzt sich ins „Working Man’s Café“ und sagt: „Wenn ich schon nicht die Gesellschaft verändern kann, würde ich zumindest ganz gern die Menschen um mich herum glücklich machen.“

Nun wäre Ray Davies nicht Ray Davies, wenn ihm dabei Spass und Spott vergangen wären. Er macht weiter seine Witze, gern auch auf eigene Kosten. Er beschwert sich nörgelnd über die da oben, über Bürokraten und Globalisierer. „Mass production in Saigon / While auto workers laid off in Cleveland / Hot jacuzzi in Taiwan / With empty factories in Birmingham“, heisst es in „Vietnam Cowboys“.

Und sobald die Zuhörer bekümmert in ihr Hähnchen-Curry nicken, geht Ray Davies fröhlich über zu „You’re Asking Me“. Der Sänger weiss zwar keine Antwort. Aber er stellt fest, und er stellt Fragen und beklagt sich ein paar Stücke später, „No One Listen“, dass ihm blöderweise niemand zuhört. Man darf sich das Arbeiter-Café als Utopie vorstellen. Als Idyll, in dem der so genannte Kleine Mann, die Welt erkennt, sich aber seine Laune nicht verhageln lässt, weil er die schöneren Lieder hat.

dave_davies__death_of_a_clown__cv_vs__921.jpg

 

Dave Davies, Death of a Clown, 1967

Text/Musik/ Dave Davies

Produzent/ Dave Davies, Ray Davies

Label/ PYE

Dave Davies zählt zu den begehrtesten Singles in ganz England. Er sieht gut aus, trägt immer die modischsten Klamotten und ganz nebenbei spielt er in einer der angesagtesten Bands in Europa. Mit den Kinks konnte er serienweise Hits landen, doch trotzdem ist Dave nicht glücklich.

Sein Bruder Ray, mit dem er bei den Kinks zu Gange ist, spielt sich nämlich seit Jahren als Egomane auf. Er komponiert alle Songs und hält auch die geschäftlichen Fäden in seinen Händen. Dabei würde sich Dave zu gerne musikalisch mehr einbringen. Bei seinen Eltern zu Besuch, lässt er seinem Frust schliesslich freien Lauf. Schon etwas angetrunken, setzt sich Dave ans Klavier und stimmt ein spontanes Lied an. „Let’s all drink to a death of a clown“. Wenige Augenblicke später ist er plötzlich nüchtern, ihm wird bewusst dass er gerade einen Hit geschrieben hat. Dave beschließt, seinem Bruder eins auszuwischen und veröffentlicht den Song als Solosingle. „Death of a Clown“ wird ein Hit – und für Dave Davies ein kurzes Intermezzo als Solokünstler.

In in dem Lied geht es nicht nur um den Tod eines eines Clowns, sondern um den Niedergang einer ganzen Zirkuskultur, die durchaus Symbolcharakter für das Leben im Allgemeinen besitzt. Der alte Wahrsager liegt tot auf dem Boden, es gibt sowieso niemanden mehr, der sich wahrsagen lassen will. Und selbst die minimalste Form des Zirkuslebens, der Flohzirkus, ist zum Scheitern verurteilt. Der Insektendompteur kriecht auf den Knien herum und sucht wie wild nach entfleuchten Flöhen. In diesem Sinne: „Let’s all drink to the death of the Clown“, und vielleicht findet sich ja gleich jemand, der Dave Davies hilft „to break up this crown“, d.h. den Kronkorken von der Flasche zu kriegen.