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The Kinks, 1964

Produzent/ Shel Talmy

Label/ Pye

Ohne die Kinks wäre die British Invasion nicht so verlaufen, wie sie letztlich in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Doch nicht nur die Mod- und Britpop-Bewegung beziehen die 60er Jahre Band als Grundstein ihrer Chroniken ein: Ohne einen, von dem sterilen Gitarrensound genervten, Dave Davies ist fragwürdig, ob es heute überhaupt jenen verzerrten Gitarrensound gäbe, der sich inzwischen auf fast jeder Platte wiederfindet und sämtliche Bereiche der Pop- und Rockmusik durchzogen.

Der berühmteste Song des Albums ist wohl „You Really Got Me“ – und damit auch genau das Stück, welches die Karriere der Kinks ins Rollen brachte. Dabei sah es anfänglich gar nicht mal so gut aus für die Band: Die ersten beiden Singles von den Kinks floppten und die erste Version von „You Really Got Me“ war viel zu klar und sauber, um die Energie der Jungs vernünftig einfangen zu können. Was folgte, war ein handfester Streit mit der Plattenfirma, die kein Interesse daran hatte, noch einen Studio-Aufenthalt der Band zu bezahlen.

Es war eine kleine Klausel im Vertrag, die es den Kinks ermöglichte, den Song so lange zurück zu halten, bis sie mit dem Ergebnis zufrieden waren. Für den richtigen Sound zerschnitt Gitarrist Dave Davies das Membran seiner Verstärker-Box, die fortan einen verzerrten und „dreckigen“ Klang von sich gab. Gut so, denn wer möchte bei so einer Band schon die verzerrten Gitarren missen?
Mit Single und Album schaffte die Band den weltweiten Durchbruch, prangte auf Magazin-Cover und Plakatwänden und eröffnete Shows für die Beatles.

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The Kinks, Face To Face, 1966

Produzent/ Shel Talmy

Label/ Pye

Das Cover des vierten Albums der Kinks gefiel Ray Davies nicht. „Eigentlich sollte die Hülle nicht bunt und farbig sein, sondern schwarz und stark, wie der Sound der LP“, erinnert er sich.

„Face To Face“ signalisierte einen neuen Ansatz für Ray, seinen Bruder Dave, Schlagzeuger Mike Avory und Bassist Peter Quaife. Es war das erste Mal, dass sie Monate an einer LP sassen und immer wieder Tracks überspielten. Auch war es die letzte LP mit Shel Talmy, dessen knallharten Methoden kaum zu den sauberenen Arrangements passten.

„Party Line“ beginnt im üblichen Rockstil, während „Dandy“ satirisch das „Swinging London“ beschwört (wie der frühere Hit „Dedicated Follower Of Fashion“). Es folgen ernsthaftere Lieder. Ray erkundet seinen fragilen Geisteszustand mit dem harfenlastigen „Too Much On My Mind“; „Sunny Afternoon“ driftet zivilisationsmüde auf einer wunderschön absteigenden Basslinie. „House In The Country“ und „Most Exclusive Residence For Sale“ passen in das Albumschema, vom Liedzyklus über die britische Gesellschaft. Doch der klischeehafte „typisch englische Touch“ zieht sich durch die gesamte Vielfalt der Musik und der Texte. „Holiday In Waikiki“ (Hommage an Chuck Berry) beklagt die Kommerzialisierung von Hawaii. „Fancy“ ist ein gefühlsintensives, von indischen Ragas inspiriertes Stück, während „Rainy Day in June“ mit Donnerschlägen und Mysterien aufwartet.

„Face To Face“ war kein grosser Erfolg, doch es war der Beginn der klassischen Periode der Kinks.

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The Kinks, Dead End Street, 1966

Text/Musik/ Ray Davies

Produzent/ Shel Talmy

Label/ Pye

Nach den Beatles waren es immer die Kinks, die unter den grossen britischen Bands der 1960er Jahre Soundexperimente wagten. In Ray Davies hatten sie zudem einer der profiliertesten Songschreiber ihrer Generation. Ohne seine Worte oder Themen zu verwässern, gelang es Davies, den Mittelweg zwischen McCartneys Sentimentalität und Lennons Zynismus zu gehen. „Dead End Street“, ein Song über Armut, weckt Mitgefühl, ohne zu bevormunden, bringt Wut zum Ausdruck, ohne verbittert zu sein.

Das Genie verbirgt sich im Detail, wenn Davies in vier kurzen, brillanten Zeilen die Szenerie beschreibt: Durch die Decke verläuft ein Riss, der Abfluss in der Küche ist undicht, keine Arbeit, kein Geld, und auch am Sonntag gibt’s nur Brot und Honig. Für den Erzähler fehlt es den „Sixties“ entschieden an „Swing“. Der Sound des Songs ist höchst eigentümlich. Die klagende Trompete stützt die Melodie, es gibt plötzliche Rhythmuswechsel und ein geschriener Backgroundchor hilft über die Gefühle von Hochmut und Verzweiflung hinweg. Die Kinks-Kollegen Dave Davies und Pete Quaife nannten „Dead End Street“ einen der drei besten Songs, die Ray je geschrieben hat. Sein Einfluss – fröhliche Melodie begleitet trostlose Geschichte – ist in britischen Bands wie Madness und The Smiths zu hören, allesamt englische Essayisten.