Dr. Feelgood, A Case Of The Shakes, 1980

Produzent/ Nick Lowe

Label/ EMI Records

Eigentlich waren Dr. Feelgood eine Teddyboy-Gruppe, also Mod-Gegner, also definitiv unangesagt, konservativ. Wirklich gute Musik kam immer nur aus dem Mod-Lager, nie von den Rockabilly-Typen. Dr. Feelgood spielten Chuck Berry nach und Elmore James; um Geld zu verdienen. Aber mit der Zeit wurden ihnen die Teddyboys zu gewalttätig, und Dr. Feelgood besannen sich auf ihre eigentliche Liebe, den Rhythm & Blues. Mit Lee Brilleaux hatte die Gruppe einen charismatischen Sänger und in Wilko Johnson einen guten Songschreiber. 1974 machten sie eine erste LP; schon der Zweitling „Malpractice“ von 1975 kam in die Top Twenty. LP Nummer 3 sicherte ihnen die Nummer Eins in Englands Hitparaden: ein Live-Album mit dem Titel „Stupidity“.

1977 war Punk dann angesagt und die folgenden 70er Jahre-Platten von Dr. Feelgood kratzten alle so im Mittelfeld herum, obwohl mit „Milk & Alcohol“ noch einmal ein veritabler Single-Hit darunter war. Nach vier Platten stieg Wilko Johnson aus und wurde ersetzt durch Gypie Mayo. Nach Johnsons Ausscheiden verpasste Lee Brilleaux der Gruppe einen feineren Studiosound, holte sich Nick Lowe als Produzenten und hetzte seine Band an durchschnittlich 250 Abenden im Jahr auf die Bühne. Dieser Fleiss, diese Lust, live aufzutreten, ermöglichte es Dr. Feelgood, den immer schlechter werdenden Plattenverkauf zu ignorieren, allerdings hatte dies auch seinen Preis: Anfang der 80er Jahre stiegen nacheinander Gypie Mayo und die Original-Mitglieder der Gruppe aus, was Lee Brilleaux zur Rekrutierung neuer Musiker zwang. Vorher hat er aber mit Unterstützung Nick Lowes die alte Garde zur vielleicht besten Dr. Feelgood-Studioplatte angespornt: „A Case Of The Shakes“.

Wie altmodisch man auch immer die Musik von Dr. Feelgood finden mag, zweierlei darf man nicht vergessen: Wie wenige Gruppen es gibt, die zwei Jahrzehnte lang ihren Qualitätsstandard halten konnten. Und: dass Dr. Feelgoods Platten wohl eine ganz andere Sache sind, wenn man mittendrin steckt im Bierdunst, Schweiss und Höllenlärm.

Dr. Feelgood, Stupidity, 1976

Produzent/ Dr. Feelgood

Label/ United Artists

Das die Feelgoods eine gute Live-Gruppe waren, wurde ja schon oft beschrieben, und das ist auf „Stupidity“ zu hören, soweit so etwas auf einem Album möglich ist. Keine Overdubs, keine Tricks und keine Mätzchen, purer Punk-R&B, direkt, knallhart und roh. Auf so eine Gruppe hatte ich eigentlich schon seit 1966 gewartet, als wir den Begriff „Punk“ noch nicht kannten und Achtung vor den Gruppen hatten, die nicht versuchten den schwarzen Mann zu spielen, die sich selbst in der Musik ihrer amerikanischen Vorbilder wiederfanden und sich nicht einfach reproduzierten, sondern so wiedergaben, wie sie sie in sich selbst verarbeitet, umgearbeitet hatten. Man kann die Feelgoods Versionen gar nicht mit den Originalen vergleichen, man sollte auch gar nicht erst versuchen, es zu tun, denn die Typen wollen aus Southend nicht die Südstaaten der USA machen.

Lee Brilleux war auf seine Art ein brillanter Harmonikaspieler, der sich einen Dreck um Sonny Boy oder Little Walter scherte, denn die Klänge, die er hervorbrachte, passen perfekt zum Sound der Gruppe, und das allein zählt. Bei Dr. Feelgood halte ich auch die Eigenkompositionen von Wilko Johnson für hervorragend, denn sie stehen den Cover-Versionen in nichts nach. Aber was soll das Ganze: Ich könnte mich heute noch ärgern, dass ich im Juni 1979 in London keine Zeit hatte, mir Dr. Feelgood im Empire Ballroom anzusehen. Solche Dinge kann man nur versäumen, nicht nachholen.