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Dr. Feelgood, Down At The Doctors, 1978

Text/Musik/ Mickey Jupp

Produzent/ Richard Gottehrer

Label/ United Artists Records

Pubrock war der proletarische Überrest des britischen Bluesbooms der 60er Jahre, eine Art Verweigerungshaltung gegen die Pink Floyds dieser Welt, knochentrocken, laut, eine Zwischenlösung, bis Punk aus der Ablehnung der Supergruppen mehr machte als Wochenendfrustration. Die Pubrocker waren unter den Punks geachtet, alte Männer in deren Augen, fast schon dreissig, die aber immerhin keinen Ausverkauf betrieben, und nie hat jemand schlecht geredet über Dave Edmunds, Nick Lowe, Mickey Jupp oder Dr. Feelgood.

Dr. Feelgood wurden 1971 auf Canvey Island in der Nähe von Southend, Essex, von Sänger Lee Brilleaux und Gitarrist Wilko Johnson gegründet. Zuerst spielten sie Chuck Berry und Elmore James nach und machten die Backing Band für einen britischen Schlager-Star um Geld zu verdienen. Aber bald besannen sich Dr. Feelgood auf ihre eigentliche Liebe, den Rhythm & Blues. Mit Brilleaux hatte die Gruppe einen charismatischen Sänger und in Wilko Johnson einen guten Songschreiber. 1974 machten sie eine erste LP für United Artists; schon der Zweitling „Malpracrice“ (1975) kam in die Top Twenty. LP Nummer 3 sicherte ihnen die Nummer 1 in Englands Hitparaden: ein Live-Album mit dem Titel „Stupidity“.

Nach vier Platten stieg Wilko Johnson aus und wurde durch Gypie Mayo ersetzt. Lee Brilleaux verpasste der Gruppe einen feineren Studiosound, holte sich Nick Lowe als Produzenten und hetzte seine Privatpraxis an durchschnittlich 250 Abenden im Jahr auf die Bühne. Dies kostete allerdings seinen Preis: Anfang der 80er Jahre stiegen nacheinander Gypie Mayo und die Original-Mitglieder der Gruppe aus, was Lee Brilleaux zur Unterweisung neuer Krankenschwestern zwang. Vorher hatte er aber mit der alten Garde noch zwei veritable Single-Hits veröffentlicht: „Milk & Alkohol“ und „Down At The Doctors“. Letztgenannter Song gehört zu meinen Lieblingen, wenn es um britischen Blues- respektive Boogie-Rock der 70er Jahre geht.

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Wilko Johnson / Roger Daltrey, Going Back Home, 2014

Produzent/ Dave Eringa

Label/ Chess

Was für eine Paarung: Wilko Johnson, Ex-Gitarrist der britischen Pubrock-Institution Dr. Feelgood und Rocklegende Roger Daltrey (The Who). 2010 trafen sich beide an einer Preisverleihung. Sie kamen ins Gespäch und entdeckten gemeinsame musikalische Vorlieben. Wie The Who ein Jahrzehnt zuvor waren auch Dr. Feelgood vom Sound von Johnny Kidd & The Pirates („Shakin All Over“) beeinflusst. Deren Gitarrist Mick Green lieferte die Blaupause für Wilkos Stakkato-Stil.

Im Januar 2013 wurde bei Johnson Krebs diagnostiziert. Die Ärzte sagten ihm, dass er nur noch Monate zu leben hätte, und dass seine Situation hoffnungslos sei. Er entschied sich gegen eine Chemotherapie und ging auf Tournee. Und mit Daltrey ins Studio. Mit dabei Wilkos versierte Liveband (Blockheads-Bassist Norman Watt-Roy und Drummer Dylan Howe, dazu Keyboarder Mick Talbot ( Ex-Style-Council, Dexy’s.)

Das Album „Going Back Home“ enthält elf Songs, alle von Wilko Johnson, mit der Ausnahme von Bob Dylans „Can You Please Crawl Out Your Window“. Daltrey singt sich mit viel Herzblut durch diese Tour de Force. Es gibt Covers der Solid Senders-Tracks „Everybody Carrying A Gun“ und „Ice On The Motorway“, die Feelgood-Hämmer „All Through The City“ und „Keep It Out of Sight“. Wilko Johnson ist übrigens nicht gestorben. Er spielt weiter. Bis heute.

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Dr. Feelgood, Down By The Jetty, 1975

Produzent/ Vic Maile

Label/ United Artists Records

„Down By The Jetty“ war trotz seines geringen kommerziellen Erfolges ein wichtiges und auch prägendes Album, das als richtungsweisend galt, denn es hatte einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Mitte der 70er-Jahre entstehende Punk- und New Wave-Musik. Das Album war zudem der Karrierestart des Studioproduzenten Vic Maile, der später unter anderem das Hardrock-Album „Ace Of Spades“ der englischen Band Motörhead produzieren sollte. Es war aber nicht nur die Musik, die Dr. Feelgood als rumpelige und authentische Rock’n’Roll-Band auszeichnete, es war auch ihr Ausehen, das Auftreten der Gruppe. Mit ihren verschwitzten Klamotten aus den 60er Jahren waren sie auch optisch nahe an Rhythm’n’Blues-Bands jener Zeit, wie The Yardbirds, The Kinks oder The Animals. Damit hätten sie als hoffnungslose Nostalgiker durchgehen können, doch kam ihre Musik zum genau richtigen Zeitpunkt, als die Rock-Musik eine gewisse Übersättigung zeigte, und die Leute sich wieder begannen zurückzusehnen an die gute alte Zeit, als vor allem die von grosser Aufbruchstimmung bestimmten 60er Jahre waren.

„Down By The Jetty“ war ganz klar Wilko Johnsons Album, obwohl auch die anderen Musiker von Dr. Feelgood allesamt hochkarätig waren, allen voran natürlich der Frontmann Lee Brilleaux, nicht nur ein exzellenter Sänger, sondern auch ein brillianter Mundharmonikaspieler. Wilko’s Songs auf „Down By The Jetty“ waren alle volles Rohr, ungefiltert gerade heraus und knochentrocken.