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John Lee Hooker, Tupelo Blues, 1993

Text/Musik/ John Lee Hooker

Produzent/ Roy Rogers

Label/ Point Blank

In dem Song „Tupelo“ deutet John Lee Hooker an, wie die Bevölkerung auf die Katastrophe reagiert. Was die Menschen dabei empfinden, erfährt man nicht, der Blick gleitet aussen ab. Die Katastrophe wird nicht inszeniert, nur zur Kenntnis genommen. Die Handlung scheint von Ergebenheit geprägt; der Erzähler schickt sich ins Unabänderliche. Nur an einer Stelle begehrt er auf, als er die Schreie der Frauen und Kinder hört und Gott um Hilfe ruft. Aber auch hier deutet die Wiederholung an, dass der Sänger sich wieder in der Musik hat fallen lassen. Der Rythmus bedroht ihn nicht; er ist genauso unabwendbar, wie die Ereignisse, die beschrieben werden. Der Blues ist Trost für das, wovon er berichten muss.

Und da ist da noch etwas anderes. In einer Live-Version von „Tupelo“ weist Hooker auf Elvis Presley hin; beschwört die Geburt des Rock’n’Roll, symbolisiert in der Geburt Elvis Presleys, der die Verbindung von Blues und Country nicht nur vollzog, sondern auch damit berühmt wurde.

Hooker zelebriert diese Geburt als Offenbarung; gegen Ende des Songs sagt er mit nachlässiger, aber klar abgehobener Sprechstimme: „There Elvis was born. Elvis Presley. One of the greatest people ever born. The Rock’n’Roll king. That was my home too. Right down in Clarksdale. Dann folgen die letzen Zeilen, wie um den Verweis zu kaschieren: „Tupelo is gone/ Tupelo is gone/ Got destroyed. By the rain and the wind and water“.

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John Lee Hooker, The Healer, 1989

Produzent/ Jim Gaines, Roy Rogers, Carlos Santana

Label/ Chameleon

John Lee Hooker war einer der grössten in Blues und R&B vom Ende der Vierziger bis Ende der Sechziger; danach blieb es recht lang still um ihn. Doch mit ein wenig Hilfe von seinen Freunden gelang John Lee Hooker 1989 ein grandioses Comeback mit „The Healer“.

Der Titel des Albums bezieht sich auf die heilenden Kräfte des Blues; für Hookers kränkelnde Karriere kam die Heilung überraschend schnell. Die LP wurde mit einem Grammy ausgezeichnet und entfachte neues Interesse an ihm und seinem Werk, das über seinen Tod im Jahre 2001 hinausging. Zum Teil ist dies wohl auf die Liste der Gäste zurückzuführen (wie Carlos Santana und Bonnie Raitt), aber niemand spielte hier den Boogie wie John Lee.

„The Healer“ ist auf wahrlich inspirierten Gitarrenarbeiten aufgebaut. Gleich zu Beginn spielt Santana die Leadgitarre auf dem Latin Titelsong. Santana kann manchmal fad klingen, doch hier ist sein Sound fliessend – bestens geeignet zur Begleitung von Hookers leise klagenden Lyrics. Bonnie Raitt ist die perfekte Partnerin auf dem grobkörnigen „I’m In The Mood“; ihre sexy Slide Gitarre gibt der typischen rhythmischen Note Hookers den besonderen Touch. Robert Cray durchbricht die Oberfläche so überzeugend auf „Baby Lee“, dass man wünscht, er würde stets nur mit der Legende persönlich aufnehmen. Mit Canned Heat feiert Hooker ein Wiedersehen auf „Cuttin Out“. Die Aufnahmen mit der Band hatten 1970 das Wahnsinnsalbum „Hooker ’n‘ Heat“ hervorgebracht.

Zum Schluss spielt Hooker drei Mississippi-Lieder allein. Das schmerzlich schöne Finale „No Substitute“ dient als Erinnerung, dass es nur den einen echten Boogie Man gab.

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John Lee Hooker, Whiskey & Wimmen, 2017

Produzent/ Sig Sigworth

Label/ Vee Jay Records

John Lee Hooker, geboren 1917 oder 1920, stammte aus Clarksdale, Mississippi, und galt bis zu seinem Tod im Juni 2001 als das letzte Fossil des archaischen Blues. Er war der Grossmeister der Einakkord Gitarre, des rhythmisch stampfenden Begleitfusses, der unvorhersehbaren Notenbündel und unglaublich seltsamer (Ver-) Stimmungen. Er war zudem einer der Prototypen des hoch induvidualisierten modernen Blues, der Einzige, der den Spagat zwischen Tradition und Moderne wirklich schaffte.

Hooker ging nicht wie die meisten nach Chicago, sondern zog 1943 nach Detroit. Er arbeitete als Portier in einer Automobilfabrik und trat in öffentlichen Clubs auf. Sein Durchbruch kam gleich mit seiner ersten Single auf dem Modern Label, „Boogie Chillen“, 1948. Der Riesenerfolg machte aber nur die Firma fett.

In den Jahren darauf liess Modern weitere Hooker-Nummern, darunter das doppeldeutige „Crawlin‘ Kingsnake“ folgen, während Hooker unter seinem wirklichen Namen oder unter Pseudonym für eine Unzahl weiterer Kleinlabel Blues einspielte, nach dem Motto: Wer immer ein paar Dollar blecht, bekommt einen Song. Da er nicht selten dieselben Stücke nur leicht modifizierte, zahlte er in gewisser Hinsicht mit gleicher Münze zurück, betrog die Betrüger.

Eine dauerhafte Beziehung hatte Hooker eigentlich nur zum Vee Jay Label, dem er bis 1964 treu blieb. Hier spielte er 1956 seinen nächsten Monster-Hit „Dimples“ ein. „Boom Boom“ folgte 1962.

2017 hat sich Vee Jay Records entschieden, sechzehn wichtige Songs auf einem Album heraus zu bringen. Nun sind ja Kompilationen leider sehr oft lieblos zusammengepferchte Titel, die nach ulkigen Kriterien wie zum Beispiel der Länge der Songs ausgesucht wurden, damit man mehr Titel auf einem Tonträger unterbringen kann. Deswegen haben sie nicht den besten Ruf. Die vorliegende Sammlung ist jedoch eine gelungene Auswahl der besten Titel Hookers. Die Qualität ist gut. Vor allem die älteren Tracks wurden nicht unnötig mit technischem Schnickschnack modernisiert, sondern einfach sauber geschnitten.