Pink Floyd, More, 1969

Produzent/ Pink Floyd

Label/ EMI Columbia

Unter zeitgenössischen Geschmackswächtern hat sich die Ansicht durchgesetzt, Pink Floyd für ihre späteren Platten als Produzenten von psychedelischem Pomp abzutun. Manchmal findet sich ein Bescheidwisser, der dann die Finger hebt und einwirft: „Die waren gut, solange Syd Barrett noch dabei war!“ Beide Ansichten haben ihre perspektivische Berechtigung. Zusammen ergeben sie aber einen toten Winkel von 1968 bis 1970. In der Zeit zwischen Barrett und Pomp fallen allerlei Experimente und Auftragsarbeiten, von „A Saucerful Of Secrets“ bis „Ummagumma“.

Eine dieser vergessenen Platten ist „More“, der Soundtrack zum gleichnamigen Film von Barbet Schröder. „More“ war ein Projekt, bei dem Pink Floyd absolut freie Hand hatten. Beim ersten Hören – und verglichen mit der obsessiven Homogenität späterer Alben – klingt „More“ wie eine lockere Ansammlung zerstreuter Skizzen, die man auch hätte wegwerfen können. Beim zweiten Hören fällt auf, dass beinahe jede dieser Skizzen eine Suchbewegung ist. Avantgarde, von der damals aktuellen „musique concrète“ („Quicksilver“) über flirrenden Proto-Ambient („Main Theme“) und pulsierenden Krautrock („Up The Khyber“) bis zu pastoralem Proto-Freakfolk („Cirrus Minor“) und dem Proto-Metal von „The Nile Song“ und „Ibiza Bar“. Und spätestens beim dritten Hören merkt man, dass das Album richtig gut ist; man kann hier eine Seite von Pink Floyd kennenlernen, die man womöglich davor und danach niemals wieder so sehen konnte. Es ist allemal eine Erfahrung wert und aufgrund der sehr verschiedenen Stile, die die Band auf „More“ anreisst, wird das Album im Gegensatz zum Film keinesfalls langweilig. Nicht einmal auf Dauer.

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Pink Floyd, The Dark Side of The Moon, 1973

Produzent/ Pink Floyd

Label/ Harvest

Für das Pathos in Pink-Floyd-Platten wie „Atom Heart Mother“,“Dark Side Of The Moon“ und „The Wall“ ist vorallem Roger Waters verantwortlich. Seine Melancholie, seine Dunkelheit suchten immer verwegene Bilder, die öfter als nötig das Peinliche streiften. Man muss Waters jedoch zugute halten, dass er den Weltschmerz in plakativer Form zugänglich und geniessbar machte. Vorallem auf „The Dark Side Of The Moon“ konnte sich sein Pessimismus voll entfalten. Das Album ist ein Phänomen in der Geschichte der populären Musik. So eindringlich hatten Pink-Floyd ihre Sound-Effekte bislang nicht eingesetzt – vorallem nicht in der Kombination mit der Eingänglichkeit der Songs.

Zu dieser Zeit vor den Möglichkeiten des Samplings musste ein Song wie „Money“ mit dem Geldklimpern und dem Geräusch der Registerkasse, die als Bandschleife zusammen zum Rhythmusgeber werden, jeden halbwegs an Klängen Interessierten in einen Rausch versetzen. Kaum ein TV-Beitrag über Geld, der nicht auf dieses Stück zur musikalischen Untermalung zurückgreift.

„Dark Side Of The Moon“ ist kein Meisterwerk, es eine leicht kosumierbare Lektion in Sachen „state of the art“: noch nie  zuvor war ein Album so brillant aufgenommen worden, noch nie war die Balance zwischen neuen synthetischen Klängen und Geräuschcollagen musikalisch so gelungen austariert. Eine solche Aufnahmequalität haben viele andere Gruppen erst Anfang der 80er Jahre erreicht. Und genau hier zeigt sich, wie innovativ Pink Floyd in den 70er Jahren waren. Sie schafften es scheinbar mühelos, komplexe Soundideen auch in die Tat umzusetzen.

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Pink Floyd, Relics, 1971

Produzent/ Pink Floyd, Norman Smith, Joe Boyd

Label/ Starline

„Relics“ von den Pink Floyd ist eine Zusammenstellung von Songs aus den vorhergehenden Alben sowie verschiedenen Songs, die vorher noch nicht auf einem Album erschienen sind.  Dennoch ist „Relics“ ein spannender Trip, der noch heute hörenswert ist. Es beginnt mit der Hitsingle „Arnold Layne“, der 1967 ein Achtungserfolg wurde. Der Text ist eine typische Barrett’sche ins Ironische gewendete Pubertätsphantasie über einen Jungen, der die Unterwäsche anderer Leute von der Leine klaut. Es folgt die Albumversion von „Interstellar Overdrive“, einem ihrer damals populärsten und abgedrehtesten Tracks auf der Bühne. „See Emily Play“ war die zweite Single, ein feiner Popsong, gefolgt von Rick Wrights Träumereien aus der Kindheit: „Remember A Day“. Die erste Seite der Original-LP hört mit der Single-B-Seite „Paintbox“ auf, ein eigentlich nicht schlechter Titel der – so Pink Floyd selber – leider miserabel produziert wurde.

Die Single „Julia Dream“ war der erste Floyd-Song, auf dem David Gilmour gesungen hat. Der atmosphärisch dichte und geisterhaft anmutende Track gehört nach meinem Geschmack nach zu ihren schönsten frühen Studio-Aufnahmen. Die Rückseite der Single „Point Me At The Sky“ war eine Studiofassung von „Careful With That Axe, Eugene“, die in dieser Fassung nur auf „Relics“ zu finden ist (abgesehen von der Original-Single). Es folgen zwei Titel aus dem Soundtrack zum Film „More“, das stimmungsvolle „Cirrus Minor“ und die Rocknummer „The Nile Song“ – für Pink Floyd-Verhältnisse ziemlich hart!

„Biding My Time“ (ursprünglich „Worktime“) war ein Überbleibsel aus ihren „The Man/The Journey“-Suiten, die Ende der 60er als konzeptionelles Showspektakel aufgeführt wurden. Es ist ein ungewöhnlicher Track, der langsam beginnt und plötzlich irgendwie Dixieland-Swing-mäßig losjammt, mit Trompete! „Bike“ schliesslich ist eine Art verdrehtes Liebeslied von Syd Barrett, das in einem chaotischen Geräuschehagel endet und den perfekten Abschluss von „Relics“ bildet.

Für das Cover der Original-LP zeichnete Nick Mason eine Art fantastischer Musikmaschine. Für die remasterte CD wurde das utopische Ding nachgebaut und farbig abgebildet.

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Pink Floyd, See Emily Play, 1967

Text/Musik/ Syd Barrett

Prodzent/ Norman Smith

Label/ Columbia

Pink Floyd erlaubten sich kurzzeitig, sehr gute Pop-Singles zu machen. Ihr zweiter Streich „See Emily Play“ war der grösste Hit des Jahres 1967 ohne Lennon/McCartney-Stempel.

Der Song trug ursprünglich den Namen einer Floyd-Show in London, „Games for May“, aber Bandleader Syd Barrett taufte ihn in „See Emily Play“ um, inspiriert durch ein „psychedelisches Schulmädchen“ im Publikum des Londoner UFO-Clubs. Dennoch kamen „kaum (psychedelische) Special-Effects zum Einsatz“, sagte Keyboarder Rick Wright, „das bisschen Hawaii“ am Ende jeder Strophe, das war einfach nur Syds Bottleneck mit Hall.“

Syds Nachfolger an der Gitarre, David Gilmour, besuchte die Band im Mai 1967 und war schockiert, seinen Freund „mit glasigen Augen und nicht besonders nett“ zu erleben. Live kämpfte sich Pink Floyd manchmal durch „Emily“ oder spielte stattdessen das Instrumental „Reaction in G“. „Wir tourten durchs Land und spielten unsere sonderbare Musik, und die Besucher waren stinksauer“, erinnerte sich Drummer Nick Mason. „Die Organisatoren kamen hinter die Bühne und fühlten sich abgezockt, weil „See Emily Play“ nur drei Minuten gedauert hatte.“

Barrett weigerte sich, die Sendung in der britischen Fernsehshow „Top of the Pops“ zu promoten, weil, so Waters,“John Lennon ‚Top of the Pops‘ nicht machen musste, also musste er es auch nicht.“

David Bowie – der den Song 1973 auf „Pin Ups“ coverte – bemerkte: „Pink Floyd hatten einen Hit, und ein paar Monate lang waren sie einigermassen angesagt. Syd wollte nicht dazugehören, also klinkte er sich aus. Und ich verstand, warum… sie wurden gebilligt. Niemand will gebilligt werden.“