Pink Floyd, More, 1969

Produzent/ Pink Floyd

Label/ EMI Columbia

Unter zeitgenössischen Geschmackswächtern hat sich die Ansicht durchgesetzt, Pink Floyd für ihre späteren Platten als Produzenten von psychedelischem Pomp abzutun. Manchmal findet sich ein Bescheidwisser, der dann die Finger hebt und einwirft: „Die waren gut, solange Syd Barrett noch dabei war!“ Beide Ansichten haben ihre perspektivische Berechtigung. Zusammen ergeben sie aber einen toten Winkel von 1968 bis 1970. In der Zeit zwischen Barrett und Pomp fallen allerlei Experimente und Auftragsarbeiten, von „A Saucerful Of Secrets“ bis „Ummagumma“.

Eine dieser vergessenen Platten ist „More“, der Soundtrack zum gleichnamigen Film von Barbet Schröder. „More“ war ein Projekt, bei dem Pink Floyd absolut freie Hand hatten. Beim ersten Hören – und verglichen mit der obsessiven Homogenität späterer Alben – klingt „More“ wie eine lockere Ansammlung zerstreuter Skizzen, die man auch hätte wegwerfen können. Beim zweiten Hören fällt auf, dass beinahe jede dieser Skizzen eine Suchbewegung ist. Avantgarde, von der damals aktuellen „musique concrète“ („Quicksilver“) über flirrenden Proto-Ambient („Main Theme“) und pulsierenden Krautrock („Up The Khyber“) bis zu pastoralem Proto-Freakfolk („Cirrus Minor“) und dem Proto-Metal von „The Nile Song“ und „Ibiza Bar“. Und spätestens beim dritten Hören merkt man, dass das Album richtig gut ist; man kann hier eine Seite von Pink Floyd kennenlernen, die man womöglich davor und danach niemals wieder so sehen konnte. Es ist allemal eine Erfahrung wert und aufgrund der sehr verschiedenen Stile, die die Band auf „More“ anreisst, wird das Album im Gegensatz zum Film keinesfalls langweilig. Nicht einmal auf Dauer.

37 Gedanken zu “

  1. Die „verschiedenen Stile“ haben mir die Ohren geöffnet, mit Interesse in alle Richtungen zu hören. Schön , das wieder zu geniessen – vielleicht ein künstlerisch unnachahmliches Geschenk der Musiker und ihrem Umfeld.
    Danke für die Wiederauflebung.

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    1. Gern geschehen! Wäre nicht die Musik, würde sich heutzutags wahrscheinlich kein Mensch mehr an den Film von Barbet Schröder erinnern. „More“ ist ein ziemlich ungewöhnliches Album mit den grossartigen Drescher „The Nile Song“ und „Ibiza Bar“, aber auch Stücke wie „Cirrus Minor“, „Green Is The Colour“ and „Cymbaline“ gefallen mir sehr gut.

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  2. Der Nile Song, den ich von „Relics“ kenne, hat mich schon beim ersten Hören mächtig beeindruckt. Wenn die einen auf hart machen, dann aber saftig. Überhaupt ist es dieser saftige Sound, den Pink Floyd in einzigartiger Weise hinbekommen hat.

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    1. I really love this soundtrack from the late 60ths. Very atmospheric. Trippy. Beautiful. It has that haze of pot smoke and that ethereal sound puts you into that frame of mind, and you just drift away with it…

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  3. I love the early Pink Floyd. I was 17 when The Piper at the Gates of Dawn was released, such an adventurous album, such a beautiful dream. And I saw them live in a bar Antwerpen in february 1968, just after Syd Barrett had left the band. It was around the time when A Saucerful of Secrets was released. We were all kind of hypnotized by that sound and those colours. A magical world that had to disappear, just like a dream disappears when you awake. I never liked Pink Floyd after Ummagumma. But More is their second best album. I still listen to it a lot. Most of all to Green is the Colour.
    Thank you for this fine short essay, so well observed and written.

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    1. Thank you, Martin! I never saw them live, but I was also fascinating at the time by early Pink Floyd. The first albums were shaped by experimental music and sound experiments of all kinds. „A Saucerful Of Screts“ was my favorite. This album was an epic musical landscape compared to the pop albums of that time. And without Pink Floyd, I probably would never have discovered bands like Soft Machine.

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  4. Die Verunglimpfung der sogenannten Pomp-Werke wird vorzugsweise von jenen naseweisen Ignoranten in den Raum gehievt, die zu faul oder zu beschränkt sind, anzuerkennen, dass zur musikalischen Perfektion da auch die textliche Güte kam. Denkanstöße für die – die sie wollen. Und sowas ist leider nie die Masse.
    Okay, „the wall“ ist bissl sehr typisch britisch geraten, diese Art von Bildungsmisere kannte Festlandeuropa sooo damals noch nicht. „We don’t need no education“ hätte ich zu keiner Zeit unterschreiben wollen. Wer sich aber mit dem englischen Schulsystem befasst, der versteht dann den Waters.
    Aber „The dark side…“ ist immer schon mehr gewesen als „Horch ma UHREN!“ oder „Fetzt! Die Hubschraubergeräusche!“ – Wenns auch „Perlen vor die desinteressierten Säue“ waren.

    Die Avantgardistischen „Mittelphase-Alben“ mochte ich mit 17, aber inzwischen ist davon nur noch „Meddle“ in der Wertschätzung erhalten geblieben.

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    1. Pink Floyd waren nie besonders kompetente Musiker. Am Anfang zeichneten sie sich dadurch aus, dass sie keinen richtigen Blues spielen konnten. Im Grunde waren sie auch später nicht virtuos. Ihnen war das Konzeptionelle wichtiger. Und bis zu „Wish You Were Here“ war das äusserst clever gemacht. Der akustische Perspektiv- und Assoziationswechsel, wenn das Stereopanorama am Ende von „Have A Cigar“ verengt und der High-Tech-Sound in einen quäkenden Transistorradioklang mündet – ist einfach aber genial.

      „The Wall“ hingegen ist nichts weiter als eine Überfrachtung von Waters Kindheitserfahrungen. Die Wirksamkeit liegt hier darin, dass sie so universell und völlig beliebig interpretierbar ist.

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      1. Uff. Hart geurteilt. Virtuosität gemessen am Blueskönnen? Wär mir nu auch nich‘ eingefallen. Das ist doch eher so Afrikaner-Punk. Dudu-dudupmdupmdup. 🙂
        Aber jedem nach seiner Fasson. Waters pessimistische Philosophie und Gilmours traurige Gitarre, das ist einfach eine perfekte Kombination auf „Wish you…“ und „final cut“. Und „Astronomy domine“ ist doch Virtuosität in jeder Daseinsform. Ob auf dem „Piper-Album“ oder auf „Ummagumma“.

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    2. Dieser Prozess, das Konzeptionelle über das Virtuose zu stellen, zeigt sich sehr gut in den Solo-Alben von David Gilmour. Er hat nie Riffs gespielt, die Gitarre war für ihn eher ein Gerät zur Erzeugung von Atmosphäre. Er setzt die Töne sehr melodisch wie ein Klangmaler. Pink Floyd light eben.

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  5. Für mich (Jg. 1963) war „Dark Side“ der (schon etwas verspätete) Einstieg zu Pink Floyd, nicht zuletzt auch eine Altersfrage, mit dem avantgardistischen Frühwerk habe ich mich erst viel später beschäftigt, aber neben Bewunderung/Respekt für die musikalische Virtuosität und kreative Vielfalt nie den emotionalen Zugang gefunden wie zu den Songs auf „Dark side …“ und ganz besonders „The Wall“. Den Pomp-Vorwurf würde ich für alles nach dem Waters-Ausstieg (schlimm: Division Bell) unterschreiben, aber auch das ist natürlich eine Geschmacksfrage.
    Danke für die Auffrischung, gute Gelegenheit, mal wieder mit mehr Aufmerksamkeit reinzuhören.

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    1. Ich bin mit Pink Floyd in den 60er Jahren jung gewesen. Vorallem die Musik auf „Saucerful Of Secrets“ hat mich während mehrere Jahre begleitet. Das war im Vergleich zu den üblichen Pop-Alben jener Zeit eine überaus nuancierte musikalische Landschaft. „Dark Side Of The Moon“ und „Wish You Were Here“ interessierten mich dann eher mehr wegen den Sound-Effekten. In dieser Zeit stand ich auf Punk-Rock. Mit dem gigantomanischen Pathos von Pink Floyd kann ich auch heute nichts anfangen, aber mir gefällt die Lust der Band am spielerischen Experiment wie z.B. auf „More“. So ein Lied wie der „The Nile Song“ hat ja durchaus eine wilde und ungestüme Punk-Attitüde.

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  6. Ein prima Album. Meiner Meinung nach hatten Pink Floyd mit Meddle ihren Zenit erreicht. Danach gabs bandintern viel Krach und man merkt das der Musik bzw. dem kreativen Potential der Band an.
    Pink Floyd haben sich in diesem Zusammenhang nicht sehr von anderen Bands unterschieden. Vielleicht ist das ja auch ein Teil des Bandalltags.
    Solange alles läuft, läufts eben rund…

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    1. Bei Pink-Floyd-Platten wie „Dark Side Of The Moon“ und „The Wall“ hatte ich bereits den fundamentalen Einspruch der Punk-Negation. Aber ein paar frühere Alben wie „Saucerful of Secrets“, „More“, „Obscured By Clouds“ und „Meddle“ haben mir gefallen. Ihre ausgeprägt cinematische Musikdramaturgie setzten sie auch raffiniert und effektvoll für „Zabriskie Point“ ein: https://www.youtube.com/watch?v=ResQFDDsDAI

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  7. Mein Einstieg zu Pink Floyd waren „Wish You Were Here“ und „The Dark Side of the Moon,“ beides Alben, die mir nach wie vor sehr gut gefallen. Von den fruehen Sachen kenne ich am besten „The Piper at the Gates of Dawn“ und „A Saucerful of Secrets.“ In der Tat ist „More“ wohl die Scheibe, mit der ich am wenigsten vertraut bin. Dein Post ist eine gute Motivation dieses Album bei Gelegenheit naeher zu erkunden.

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    1. „Wish You Were Here“ und „The Dark Side of the Moon,“ waren halt die Alben, mit denen Pink Floyd sich im Mainstream definiert haben. Bei„More“ hingegen durfte die Band noch experimentieren,. Die Filmmusik passt perfekt in die Ausprägung des neuen Stils, den Pink Floyd zwischen 1968 – 1970 für sich entdeckt haben. Ob Metal, Blues oder Lagerfeuer-Percussion, auf dem Album ist so gut wie alles vertreten

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      1. Ich bezweifle, daß man „Wish You Were Here“ als Mainstream bezeichnen kann. Sicher, der Titelsong eignet sich auch kontextunabhängig als ..äh.. Liebeslied im Radio. Aber gerade „Shine On You Crazy Diamond“ ist weit weg vom Mainstream. Als ich mal mit einem Freund eine längere Autofahrt antrat und die Kassette mit WYWH einlegte, erzeugte „Shine On…“ bei meinem Freund nur ein Gähnen, und er verlangte nach „Unterhaltungsmusik“.

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      2. Den Musikgeschmack von Deinem Freund kenne ich nicht, aber die Frage ist halt, von welcher Sicht aus man etwas als „Mainstream“ betrachtet. Jedenfalls waren die beiden Alben„ Dark Side Of The Moon“ und „Wish You Were Here“ riesige Verkaufserfolge und galten in der Fachpresse als Meisterwerke.

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      3. Unter Mainstream verstehe ich Musik, die tagsüber im Radio läuft. Das trifft natürlich für die Singles von „Dark Side“ und „Wish You Were Here“ durchaus zu, allerding ist die Musik von Pink Floyd ja eben dadurch gekennzeichnet, daß sie als Album funktioniert, und nicht bloß als Single. Und wenn man den Mainstream fragen würde, ob er „Us And Them“ oder eben „Shine On Your Crazy Diamond“ kennt, oder irgendeinen Song vom Animals-Album, dann glaube ich nicht, daß da breite Kenntnis bestünde. Abgesehen davon waren Pink Floyd ja zu Syd-Barrett-Zeiten mit ihren Singles auch erfolgreich, ohne Mainstream zu sein. Zwischen „Geheimtipp“ und „Mainstream“ gibt es noch eine große Lücke; und wenn sich viele Menschen auf gute Musik einigen können, sollte man das meiner Meinung nach am wenigsten der jeweiligen Band zum Vorwurf machen.

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      4. Man kann Pink Floyd nicht als „Mainstream“ zu den Akten legen, aber man kann sich auf die Zustände in den Nischen konzentrieren. Denn gerade diese Übergänge zwischen den frühen Experimenten und dem konzeptuellen Überbau der späteren Alben machen ja das Interessante an der Band aus.

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      5. Manchen Stücken, vor allem denen, die ausschliesslich instrumental sind, merkt man auf „More“ schnell an, dass sie nur zur Untermalung des Films gedacht sind. Andere wiederum, wie „The Nile Song“ und Ibiza Bar“ spielten Pink Floyd auch auf Konzerten. Beide Songs sind nicht nur Vorläufer des Metals, sie lassen mit gutem Willen bereits Kommendes erahnen. Es ist eben Metal „avant la lettre“, bevor das Ding zum „Mainstream“ wurde.

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    1. I bought this album when it came out. It was one of my favorites to dream. Even if this is a patchwork of songs from a movie soundtrack, is it a beautiful patchwork nonetheless. I saw the movie many years later later, but you don’t you really to watch it, unless you’re into drug films and bad dialogues from the 60s to 70s.

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    1. My favourite Pink Floyd albums came out in the 1960’s and early 1970′ out. „More“ didn’t has any memorable songs like „The Dark Side The Moon“ or „Wish You Were Here“, but the album shows them very good on their early avant garde.

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