The Zombies, Time of the Season,1968

Text/Musik/ Rod Argent

Produzent/ The Zombies

Label/ CBS

England in den Sechzigern. Im Norden von London liegt St. Albans. Dort gingen sie zur Schule und gründeten eine Band; Rod Argent, Paul Grundy und Paul Atkinson. das war noch keine Sensation, das taten viele. Doch immerhin gewannen die drei zwei neue Mitspieler, Chris White und Colin Blunstone, sowie einen neuen Namen: The Zombies. Es war gerade die rechte Zeit. Denn die Schule war vorbei und die fünf jungen Herren brauchten einen Beruf. Da es auch damals schon Rezessionen gab, war guter Rat teuer. Doch in Zeiten der Rezession blüht bekanntlich das unterhaltende Gewerbe. Und so war es auch mit den Zombies, die einen Wettbewerb nach der Suche der besten lokalen Band gewannen und beschlossen auf diesem ersten Erfolg aufzubauen. Bald interessierte sich die Firma Decca für sie. „She’s Not There“ wurde ein Hit in England. Danach hielten sich die Zombies einigermassen in Geschäft, aber es wurde immer schwieriger. Ein Hit reichte nicht zum Leben. Und ihr allergrösster Hit „Time of The Season“ kam, als sie schon resigniert hatten und kurz vor der Auflösung der Band standen.

Nach dem Split ging jeder seiner Wege. In den Neunzigern versammelten Chris White, Grundy und Colin Blunstone neue Musiker um sich, um als Zombies das Album „The Return of the Zombies“ aufzunehmen, das aber wenig beachtet wurde.Trösten konnten sich die Zombies immerhin mit der Bemerkung der Rockkritikerin Lillian Roxon, die Zombies seien wohl eine der am meisten unterschätzen Gruppen der Sixties gewesen.

Them, The Angry Young Them, 1965

Produzent/ Bert Berns, Dick Rowe

Label/ Decca

Heutzutags verbindet man mit Garage Rock alles was mit verzerrten Gitarren und fast unverständlichem Gesang daherkommt. Die Wurzeln vom Garage Rock siedeln sich jedoch im Rock’n’Roll an und tönen tun’ die noch anders als der heutige „Garage Rock”.

Eine wichtige Band für dieses Genre waren Them, ein Quintett aus Nordirland. Ihr Debut “The Angry Young Them” ist im Jahr 1965 erschienen. Van Morrison war, bevor er mit seiner Solokarriere durchstartete, damals Sänger bei Them. Der grosse Durchbruch gelang der Band Them jedoch nie. Darum bleiben viele ihrer Songs vergessene Klassiker.

Auf der Platte „The Angry Young Them“ gibt es neben einzelnen Covers ganze sechs vom Van Morrison geschriebene Songs. Der eigentliche Hit des Albums ist „Gloria“. Es gibt wohl wenige Titel, die öfter gecovert wurden, egal ob von Patti Smith, The Doors, Jimi Hendrix, Bruce Springsteen, Iggy Pop oder von zahllosen Schüler- und Hobbybands. Der Song war auch die erste Singleveröffentlichung von Them in den USA, wo die Band als Teil der „British Invasion“ vermarktet wurde. Im Rahmen ihrer US-Tour traten Them zwei Wochen – mit den Doors im Vorprogramm – in L.A. im legendären Rockclub „Whisky a Go Go“ auf, wo Jim Morrison und Van Morrison gemeinsam „Gloria“ im Duett sangen.

The Pretty Things, Get the Picture?, 1965

Produzent/ Bobby Graham, Glyn Johns

Label/ Fontana

In den frühen Sixties waren The Pretty Things die wildeste aller britischen Rhythm & Blues-Bands – laut, rüde, wild. Als die von dem Sänger Phil May angeführte Horde enthusiastischer R&B-Freaks 1964 ihre erste Hit-Single „Rosalyn“ veröffentlichten, schien ihr Weg zum Starruhm vorgezeichnet. Doch die grosse Kohle machten schliesslich andere aus derselben Londoner Szene von Kunststudenten – The Who oder die Rolling Stones.

Neben dem Gitarristen Dick Taylor war der mit seiner Mischung aus Aggression und androgyner Zügellosigkeit und für damalige Verhältnisse extrem langhaarige May der perfekte Frontmann für den R&B, den die Pretty Things zelebrierten. Dass es bei den Liveauftritten regelmässig zu Tumulten kam, festigte ihren Ruf als Bad Boys. Nach dem sehr traditionellen, wenn auch umwerfenden Debütalbum, machten die Pretty Things, auf ihrem zweiten Album „Get The Picture?“ gleich mal ein ganz anderes Fass auf. Zum einen stürzten sie sich in kraftvolle Eigenkompositionen, die trotz Beat und Blues wirklich schon garagenrockmässig daherkamen und zugleich psychedelische Elemente mit ins Repertoire brachten. Was man auch an manchem Titel sofort erkennt („L.S.D.“).

Dieses Statement dürfte auch ein wesentlicher Bestandteil des aufkeimenden Swinging London gewesen sein. Hier ist der Beginn einer kulturellen Revolution mitverankert, die dann hemmungslos stilistische Zutaten verschmolzen hat und zu einem eigenen Ausdruck fand. Und diese Aufbruchstimmung hört man deutlich heraus. Sicherlich wurde dies später noch verfeinert, aber „Get The Picture?“ ist und bleibt ein wichtiges Album in der Entwicklung der Rockmusik in den 60ern.

The Belles, Melvin/ Come Back, 1966

Text/Musik/ Morrison, Teaver

Produzent/ Mana Productions

Label Tiara

Van Morrisons Song „Gloria“ von Them dürfte jede und jeder bereits in der einen oder anderen Version gehört haben. Es muss ja nicht Patti Smith sein, aber The Wheels, Shadows of Knight oder The Boots. Die Fassung von The Belles jedoch konnte man früher nur sehr selten hören.

Unter dem Titel „Melvin“ 1966 in Miami Beach, Florida von einer vierköpfigen Frauenband aufgenommen, klingt der Song perfekt nach Garage Punk. Auch wenn die vier Oberstufenschülerinnen eigentlich keine schräge Mode und Verhaltensweisen mögen, sich lieber damenhaft geben, Liebesballaden irgendwelchen Protest-Songs vorziehen, alle jahrelang Musik studiert haben, alle singen, alle mehrere Instrumente spielen und auch mal Beethoven-Fingerübungen in ihre Songs einfliessen lassen. Aber: bei ihrer Adaption von „Gloria“ klingen sie wie eine fiese Motorradgang. Die Eigenkomposition „Come Back“ geht mehr in Richtung Girl Group, bleibt aber mit ihren Tempowechseln und dem fesselndem Gesang ebenfalls hängen.

The Small Faces, Itchycoo Park, 1967

Text/Musik/ Steve Marriott, Ronnie Lane

Produzent/ Steve Marriott, Ronnie Lane

Label/ Immediate

Sie überqueren eine Seufzerbrücke „Over bridge of sighs“, dann werden sie high. Das führt zu einer überwältigenden Erfahrung, zu dem berühmten: „It’s all too beautiful!“ Die Rede ist von „Itchycoopark“ von den Small Faces, am besten anzuschauen als Performance im deutschen Beat Club. Die überwältigende Erfahrung wird allerdings von Anfang im Gespräch aufbereitet, das Steve Marriott und Ronnie Lane führen. Sie reizen sich gegenseitig mit wunderbaren Aussichten, wie man den Tag verbringen könnte. Schliesslich macht es klick, als Steve mit verschlagenen Gesichtsausdruck vorschlägt: „Wir könnten die Schule schwänzen!“ „Great!“ antwortet Ronnie.

Das Weitere übernimmt die Musik. Der Dialog steht für die sich gegenseitig aufschaukelnde Euphorie eines gemeinsam erlebten Abenteuers; der langsamen Phase des Abschlaffens der Euphorie folgt ein neuer Rush: „Ich würde mir unter Umständen das Gehirn wegblasen lassen ( I feel inclined to blow my mind).“ Das Drum-Break von Kenney Jones wirkt wie der Neustart eines Jahrmarktkarussells. Die Trip-Erfahrung ist eine freie Entscheidung. „What did you do there? We got high!“ An den Fernsehbildern des „Beat Club“ kann man auch sehen, wie diese Glücksidee noch mit einer konventionellen Musikdarbietungswelt verbunden ist.

The Lovin’ Spoonful, Summer in the City, 1966

Text/Musik/ John Sebastian, Mark Sebastian, Steve Boone

Produzent/ Erik Jacobsen

Label/ Kama Sutra

Daaa Bammm, Daaa Bammm, Daaa Bammm, mit drei gnadenlosen Schlägen begann der Sommer 1966. Die Lovin’ Spoonful hatten Platz 1 der Charts in den USA und eroberten nun England. Mit „Do You Believe in Magic“, „Daydream Believer“ oder „Nashville Cats“ waren sie 1965 in den Phalanx der englischen Bands eingedrungen mit ihrer Mischung aus Rock’n’Roll, Folk Music und Country. Für Gesang und Mundharmonika war der nickelbebrillte John Sebastian zuständig, der seine Karriere in Greenwich Village in New York, dem Ostküsten-Flower-Power-Mekka, begann. „Summer in the City“ war harter, guter Beat und hatte mit dem Flower-Power-Gesülze nichts zu tun.

Mitte der 1960er hörte ich regelmässig Radio Caroline, denn die spielten die Musik, die ich hören wollte, brachten die neusten Scheiben, dazu Gespräche mit den Bands. Die Lovin’ Spoonful hatten sich in der englischen Hitparade etabliert. „Summer in the City“ war der Sommerhit 1966. Es passte alles. Noch heute verkörpert der Song für mich das Lebensgefühl einer bestimmten Zeit und vermittelt die Stimmung und den Klang der Stadt im Sommer.

The Rolling Stones, Paint It Black, 1966

Text/Musik/ Mick Jagger, Keith Richards

Produzent/ Andrew Loog Oldham

Label/ Decca

Die zehnte Single der Stones – Nr.1 auf beiden Seiten des Atlantiks – warf einen bemerkenswerten Schatten auf den sonnigen Optimismus der Popmusik des Jahres 1966. „Paint It Black“ ist Blues, aber nihilistischer als alles, was die Band zuvor hervorgebracht hatte. Mick Jaggers Text „I have to turn my head until my darkness goes“ bezieht sich auf James Joyces Roman „Ulysses“ und nimmt den Tod eines lieben Menschen als Katalysator für eine verzweifelte, hoffnungslose Weltsicht. „Es ist wie das Anfangsstadium miserabler Psychedelica“, sage Jagger später. „Da haben die Rolling Stones etwas in Gang gesetzt.“

Die stärkste musikalische Ausstrahlung hat hier die Sitar von Brian Jones. Sie hat etwas Verwirrendes, leicht Bedrohliches an sich, und durch sie ist der Song ein viel erfolgreicherer Ausflug ins Psychedelische als die Platte „Their Satanic Majesties Request“ aus dem Jahr 1967. Die Aufnahmesession hätte nirgendwohin geführt, hätte Jones nicht sich nicht exotische Instrument geschnappt und angefangen, ihm Töne zu entlocken. „Wir haben’s mit funky Rhythmen probiert, und es hat funktioniert“, so Richards später; „er hat angefangen Sitar zu spielen und alle sind eingestiegen.“ Jones zauberte gekonnt einen hypnotischen Drone, und am Ende doppelte Bill Wyman seinen Bass mit den Basspedalen der Orgel.

Scheppernder Garagenpunk – Charlie Watts Drums pochen unerbittlich wie Migräne – gepaart mit abgrundtiefer Trauer. „Paint It Black“ ein mitreissendes Requiem des Pop.

Small Faces, There Are But Four Small Faces, 1968

Produzent/ Glyn Jones, Ronnie Lane, Steve Marriott

Label/ Immediate

Keiner der vier war grösser als 1,65 Meter. Und sie waren „faces“ – immer nach der neusten Mode herausgeputzte Mods. Steve Marriott war der unangefochtene Bandleader. „Er war ein kleines Arschloch“, sagte Glyn Jones, damals Produzent der Small Faces. „Aber sein Enthusiasmus, seine Energie und auch sein Egoismus hatten einen bedeuteten Anteil am Erfolg.“

1967 war ein gutes Jahr für die Small Faces. Mit „Here Comes The Nice“, „Itchycoo Park“ und „Tin Soldier“ hatten sie gleich hintereinander drei Singles, die alle Popgeschichte schrieben. Ausserdem nahmen sie das psychedelische Konzeptalbum „Ogden’s Nut Gone Flake“ auf, das im Sommer 1968 ein grosser Erfolg wurde. Hinter diesem Kreativitätsschub stand Andrew Loog Oldham, der Manager der Rolling Stones. 1965 gründete er das Label Immediate. Die Small Faces wechselten zu ihm, weil sie unbegrenzt Studiozeit zur Verfügung bekamen. Bis dahin mussten Aufnahmen immer so schnell wie möglich fertig sein. Das erste Album hatten die Small Faces in einem Tag aufgenommen. Ausser von Oldham profitierten die Small Faces nun auch von Glyn Jones, der zu diesem Zeitpunkt einer der besten Toningenieure Englands war.

Trotz des Erfolgs von „Ogden’s Nut Gone Flake“ wurde Marriott immer unzufriedener und verliess die Band Ende 1968, um mit Peter Frampton Humble Pie zu gründen. Für die verbliebenen Small Faces ging das Leben weiter: Sie fanden mit Rod Stewart einen neuen Sänger und verkürzten den Namen auf Faces. Obwohl auch Stewart nur 1,65 Meter misst.

The Who, Meaty Beaty Big And Bouncy, 1971

Produzent/ Kit Lambert, Shel Talmy

Label/ Polydor

Mehr noch als viele ihrer Zeitgenossen wie die Beatles oder die Stones, die gerne mal eine Single veröffentlichten, die nicht auf einem Album unterkam, waren die Who in den 60er Jahren primär eine Singles-Band. Und als solche fanden sich ihre grössten Hits eben nicht auf den Studioalben. Tatsächlich gab Townshend zu Protokoll, dass er erst mit „Tommy“ die Kunst des Albums entdeckt habe. Aus diesem Grund ist diese 1971 erschienene Compilation mitsamt ihrem grossartig melancholischen Cover ein Rückblick auf das Frühwerk der Band. Und zu diesem gehören ja schliesslich einige der besten Songs der 60er Jahre.

Diese LP konnte ich mir zur Zeit ihrer Veröffentlichung nicht leisten, daher existierte von „Meaty Beaty Big And Bouncy“ jahrelang nur eine Cassetten-Kopie, deren Qualität von vorneherein nicht die Beste war und im Laufe der Zeit immer schlechter wurde. Später habe ich mir dann das Album zugelegt und es auch nicht bereut: besonders reizvoll an den Who ist hier ihre Fähigkeit einen Gesamtsound hinzulegen – reiche Arrangements und üppige Harmonien von musikalischen Könnern.

The Box Tops, The Letter, 1967

Text/Musik/ Wayne Carson

Produzent/ Dan Penn

Label/ CBS

„Gimme a ticket for an aeroplane/ Ain’t got time to take a fast train“ – das ist schon mal ein guter Einstieg. Grosser Reim voll Logik und Leidenschaft: „Lonely days are gone, I’m a-goin‘ home/ My baby, just-a wrote me a letter.“ Ein Brief und das Ende der Verlassenheit ist da. Vergessen sind die Sünden, um Heimkehr wird gebeten, es winkt das Glück. „I don’t care how much money I gotta spend/ Got to get back to my baby again“. So muss es sein! Nicht kleinlich auf die Kosten achten – das ist ein Zeichen wahrer Liebe! Nix Billigreise, sondern spontan die schnellste Möglichkeit wählen, egal was es kostet, zum Teufel mit der wochenlang vorher gebuchten Fahrkarte. Was steht nun in diesem Brief? „Well, she wrote me a letter/ Said she couldn’t live without me no more“ – das war zu vermuten. Von solchen Zeilen träumt man. Träumen ja, aber will man dieses „Ohne-dich-kann-ich-nicht-länger-leben“ wirklich lesen? Läse man nicht insgeheim lieber einen weniger bedrohlichen Unabhängigkeitsgruss à la: Hallo, ich komm‘ ganz gut ohne dich zurecht. Freu‘ mich wenn, du kommst, freu‘ mich aber auch, wenn du gehst.

Das wäre nicht sehr romantisch. Deswegen liebt man unrealistische Lieder, die uns suggerieren, Liebe und Freiheit seien vereinbar. Die Box Tops haben 1967 aus der Komposition des Nashville-Cowboys Wayne Carson schon einiges gemacht. Ihr Leadsänger Alex Chilton bemühte sich, nicht wie ein kalifornischer Collegeknabe zu klingen. So wie er zu den Startgeräuschen eines Flugzeug die Heimkehr zu seiner Liebsten beschwor, war das nicht ganz unbrünstig, man hätte es fast für schwarzen Soul halten können. Und gut dazu tanzen konnte und kann man auch.