Amy Winehouse, Lioness: Hidden Treasures, 2011

Produzent/ Mark Ronson, Salaam Remi

Label/ Island Records

Mit jeder Flasche, jeder Pille, jeder Spritze, mit jedem torkelnden Verlassen eines Nachtclubs im Blitzlicht der Fotografen, mit jedem Einrücken in die Entzugsklinik, mit jedem Ausbrechen aus derselben entglitt ihr die Kontrolle mehr. Am Samstagnachmittag, dem 23. Juli 2011 wurde die Londoner Ambulanz in das Stadtviertel Camden gerufen; man fand die 27-jährige Soul-Sängerin Amy Winehouse tot in ihrer Wohnung. Als Ursache wurde eine Kombination von Alkohol und Drogen festgestellt. Verschiedentlich war zu lesen, Winehouse habe sich am Vortag mit diversen Substanzen eingedeckt. Die Umstände sprechen aber eher für einen Unfalltod als für Selbstmord.

Als Musikerin muss man Amy Winehouse als begabte Epigonin bezeichnen. Sie war als Sängerin auch deshalb so gut, weil sie das selber wusste, weil sie ihre Vorbilder nie geleugnet hat. Zu einem elegant britischen, von Mark Ronson brillant produzierten Mix aus Rhythm’n’Blues, Soul und Swing personalisierte sie den Gesang von Vorbildern wie Aretha Franklin, Sarah Vaughan, Dinah Washington oder Billie Holiday. Der Gesang von Amy Winehouses war in der Phrasierung unverkennbar und in eine perfekte Tanzmusik eingebettet. „Du gehst zurück zu ihr“ sang sie in „Back To Black“, dem Titelsong ihres zweiten, mit fünf Grammys und 10 Millionen verkauften Albums, „und ich versinke in Dunkelheit.

Mit ihrem Tod ist Amy Winehouse nicht allein, sondern Mitglied des Club 27. Eine makabre Vereinigung all jener Musikerinnen und Musiker, die in diesem Alter gestorben sind: Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison und Kurt Cobain. Jeder von ihnen, mit Ausnahme von Hendrix, hatte schon früh mit dem Aufhören angefangen, und der Abgang war nur noch eine Frage der Zeit. Ihnen hatte sich am 23. Juli 2011 eine Künstlerin angeschlossen, die für ihr Sterben viel bekannter war als für ihre Musik.

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Amy Winehouse, At The BBC, 2012

Produzent/ Sasha Duncan

Label/ Universal

Es ist schon erstaunlich, wie viel Ruhm sich ein Mensch mit einem einzigen Album aufbauen kann. „Back To Black“ verkaufte sich weltweit über 20 Millionen Mal, eine eigentlich unfassbare Zahl zu heutigen Zeiten. Die Debütplatte „Frank“, von der sich vier Stücke auf „At The BBC“ wiederfinden, hat ja nur als kleines Vorspiel zum grossen Durchbruch zu gelten. Von „Back To Black“ haben es gleich fünf Songs aus dem Reigen an Hits auf dieses Album geschafft. Insgesamt zeigt „At The BBC“, dass mit Amy Winehouse tatsächlich viel mehr als nur ein Bienenkorbpüppchen gegangen ist. Hier ist, unabhängig von den perfekt produzierten Studioplatten, eine wirkliche Künstlerin am Werk, die im Grunde nicht viel Trara brauchte, um hinreissende Musik zu machen. Umso tragischer, dass es Winehouse in den Jahren nach „Back To Black“ so unfassbar entglitten ist, so dass kaum noch trennbar war, was nun die öffentliche Amy ist, die sich vor der Presse schützen und ein bisschen Privatsphäre aufrecht erhalten wollte.

Auf „At The BBC“ finden sich viele zurückgenommene, sehr spielfreudige Lounge- und Jazz-Versionen der Songs der beiden Alben. Einzig „You Know I’m No Good“ funktioniert nicht ganz so gut wie in der Studioversion. Mit „I Should Care“, „Lullaby Of Birdland“ und „To Know Him Is To Love Him“ sind zudem noch drei Klassiker aus den 1950ern sowie der Hit „Valerie“, im Original von The Zutons, auf dem Album. Als kleinen Bonus enthält „At the BBC“ die einstündige Documentary „Arena: Amy Winehouse – The Day She Came To Dingle“, auf der Winehouse im kleineren Rahmen sechs Songs von „Back To Black“ zum Besten gibt und mittels Interviews viel darüber zu erfahren ist, wer die Britin beeinflusste. Zu einer Zeit als sie selbst noch mehr Vor- als Warnbild war. Auf „At The BBC“ verblasst nur das Drama

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Amy Winehouse, Fuck Me Pumps, 2003

Text/Musik/ Amy Winehouse, Salaam Remi

Produzent/ Salaam Remi

Label/ Island

Die Amy Winehouse, die 2003 ihr Debütalbum herausbrachte, war um einiges massvoller, als der tätowierte, drogenabhängige Star der Klatsch-Presse, der sie geworden ist. Aber wenn diese jüngere Winehouse auch sittsamer erschien, offenbarten die Texte auf „Frank“, dass ihr jazziger, verführerischer Soul es in sich hatte.

Nirgendwo kam dies klarer zum Ausdruck als in „Fuck Me Pumps“ – einem witzigen-bissigen Angriff auf die Partygirls, die sich reiche Männer angeln und im Arm eines Starfussballers abgelichtet werden wollen. Den herben Text versüssen Amys wundervolle Stimme und die perfekte Produktion von Salaam Remi, der die jazzige Klimpergitarre mit dezenten Hip-Hop-Beats erdete.

Winehouses Protagonistin ist eine traurige Figur, die zu viel Ecstasy nimmt und jeden Morgen feststellt, dass ihre Eroberung der letzten Nacht schon auf und davon ist. Aber Amy hat auch Symphatie und Mitgefühl für ihre unglückliche Heldin, die sich nichts daraus machen soll, als Schlampe beschimpft zu werden – “ Without girls like you there’d be no fun.“

Im Video sieht man, wie Winehouse am Ende ein paar der titelgebenden hochhackigen Schuhe abstreift. „Im Video“ sagte sie später, „sage ich die Wörter „Fuck Me“, aber sie haben es raugeschnitten. Als ich das gesehen habe, habe ich mich geärgert: „Fuck! Wo ist mein „Fuck“? Ich sage an der Stelle: „Fuck!“