Pixies, Doolittle, 1989

Produzent/ Gil Norton

Label/ Elektra Records

Es gibt Leute, die halten „Surfer Rosa“ für das beste Album der Pixies. Vielleicht haben sie recht. Die von Steve Albini akribisch eingebügelten Ecken und Kanten haben wohl massgeblich dazu beigetragen, dass „Surfer Rosa“ damals (von der Jugend!) als ursprünglich und elektrisierend aufgenommen wurde. Doch der grosse Hit, der Klassiker, der Evergreen ist „Doolittle“. Das war die Platte, auf die sich damals alle einigen konnten. „Doolittle“ warf Wellen weit über die Grenzen des Undergrounds hinaus, hinterliess tiefe Spuren, beeinflusste viele Bands und bereitete nicht zuletzt den Grunge vor.

Die bluesigen, knarzigen, schmeichelnden und krachigen Entlehnungen aus dem Rock’n’Roll-Schatz sind wundersam artgerecht, lebendig – und meistens entstehen daraus kurze und kurzweilige Songs. Manchmal macht der Bass die Melodie, manchmal ist es die Gitarre, manchmal der Gesang, manchmal alle drei. „Debaser“, „Here Comes Your Man“ und „Monkey Gone To Heaven“ sind die Evergreens, aber keiner der 15 Songs fällt ab. Das liegt nicht zuletzt an der Produktion von Gil Norton: Sie ist geschliffen und geschmeidig, rückt alle Instrumente gleichberechtigt in den Vordergrund und holt den Pop-Appeal jedes Songs aus dem Krach. „Doolittle“ ist kein Punk, der sich als Pop ausgibt, sondern Pop der sich hie und da als Punk gebärdet. Und die Pixies wirken auf dem Album immer freundlich und gut gelaunt, egal wie laut der damals schon zu gemütlicher Rundlichkeit neigende Black Francis brüllt, keift und wütet und wie heftig die Gitarren krachen.

„Doolittle“ ist ein Klassiker, kein Zweifel, eine massgebende Platte der späten 80er Jahre und vorallem ein unverwüstlicher Evergreen, der heute nicht weniger frisch klingt wie damals.

The Replacements, Unsatisfied, 1984

Text/Musik/ Paul Westerberg

Produzent/ Peter Jesperson, Paul Westerberg

Label/ Twin/Tone Records

„Unsatisfied“ ist ein mit vier Minuten untypisch langes Stück für die Replacements. Ein Song ohne echten Refrain, den Westerberg unfertig ins Studio bringt, wo er recht spontan aufgenommen wird. Gitarrist Bob Stinson steuert  nachträglich noch eine improvisierte Solo-Gitarre hinzu. Eine gezupfte 12-saitige Akustikgitarre leitet den Song schon fast hippiesk-folkig ein, bis die Band nach 30 Sekunden einsetzt und ein wenig vor sich hin mäandert. Fast denkt man, dies wäre nur ein kleines Instrumental-Intermezzo, da setzt Paul Westerberg mit kehlig-desillusionierter Stimme und den Worten „Look me in the eye and tell me that I’m satisfied, was you satisfied?“ ein. Die Zeilen werden in leichten Variationen immer fordender und krächzender gesungen, während in zwei bridgeartigen Teilen ein wenig Hintergrund für diese Unzufriedenheit geliefert wird. „Everything goes well, anything goes all of the time. Everything you dream of is right in front of you and everything is a lie“, heisst es da etwa. Und am Ende überschlägt sich Westerbergs Stimme förmlich, wenn er wieder und wieder „I’m so, I’m so unsatisfied“ brüllt. 

„Unsatisfied“ ist kein Song für die Indie-Disco, keine Radio-Ballade. Der Song wurde nie als Single ausgekuppelt, die Band selbst hielt den Song und die Aufnahme nicht für sonderlich gelungen. Unausgereift und und unfertig wäre er. Und doch ist er ein zentrales Stück der „Teenage Angst“ der damaligen Zeit. Etwa zehn Jahre später sollte Kurt Cobain für die Grunge-Generation ähnliches leisten. Doch das ist eine andere Geschichte.

Joni Mitchell, Big Yellow Taxi, 1970

Text/Musik/ Joni Mitchell

Produzentin/ Joni Mitchell

Label/ Reprise Records

„Big Yellow Taxi“ ist vermutlich der bekannteste Song über die so einzigartige menschliche Tendenz, den Planeten Erde, der unser aller Zuhause ist, gedankenlos zu zerstören. Dabei ist „They paved paradise, put up a parking lot“ mehr als nur eine gelungene Alliteration, sondern basiert nach Joni Mitchell auf einer realen Begebenheit: Am ersten Morgen einer Reise nach Hawaii öffnete sie den Vorhang, um die wunderbare Berglandschaft der Insel zu sehen, sah aber nur einen lächerlich grossen Parkplatz, der sich vor ihr erstreckte.

Ausserdem geht es in dem Lied um die Entwaldung, die Kommerzialisierung der Natur und giftige Pestizide in unseren Nahrungsmitteln. In der letzten Strophe singt Mitchell: „A big yellow taxi took away my old man“. Ist „old man“ vielleicht eine Art Bezeichnung für ihren Freund? Falls ja, verknüpft sie hier zwei Geschichten, anhand derer man sieht, wie vergänglich das Glück ist: „Don’t it always seem to go/ That you don’t know what you got til it’s gone?“ Es scheint als wollte Joni Mitchell damit sagen, dass es, wenn es um den Planeten Erde geht, nicht anders ist als bei Herzensangelegenheiten. Zurückrudern bringt nichts.

Randy Newman, Little Criminals, 1977

Produzent/ Lenny Waronker, Russ Titelman

Label/ Reprise

Randy Newman hatte mit „Short People“ ziemlich Schwierigkeiten bekommen, der Song durfte beim Erscheinen von den US-Radio-Stationen nicht gespielt werden. Wenn es nun simpel gegen kleinwüchsige Menschen ginge, wäre das auch eine vernünftige Entscheidung; aber so schlicht wird man Randy Newman wohl nicht interpretieren dürfen. Wenn in seinem Song Zeilen vorkommen wie „They walk around / Tellin‘ great big lies…“ liegt die Interpretation nahe, dass er sich allgemein kritisch mit dem sogenannten „Kleinbürger“ auseinandersetzten will, dem Spiesser. Ausserdem heisst es im Text „Short people are just the same / As you and I /(A fool such as I) / All men are brothers / Until the day they die / (It’s a wonderful world)“ – der Song bemüht sich also um Empathie, vielleicht ist auch Selbstkritik mit dabei.

„Short People“ ist bereits ein starker Opener für „Little Criminals“, aber auch die übrigen Titel sind beeindruckend. „Sigmund Freud’s Impersonation Of Albert Einstein In America“ und das brillante „Baltimore“ sind zeitlos schöner Pop. Randy Newmans Melodien schleichen sich ganz unaufdringlich ins Ohr, teilweise sogar richtig zuckersüss („I’ve always been crazy bout irish girls“), aber wenn man dann anfängt, auf die Texte zu achten, ist es so, als ob man einen mit dem Hammer verpasst bekommt. Sarkasmus pur, Ironie, böse Kritik. („We’re Rednecks“) Am Fiesesten und überhaupt schön ist „In Germany Before The War“ „In Germany before the war/ there was a man who owned a store/in nineteen hundred thirty four in Düsseldorf“. Angeblich soll der Kindermörder Fritz Haarmann hier Pate gestanden haben…

John Coltrane, Blue Train, 1958

Produzent/ Alfred Lion

Label/ Blue Note

„Blue Train“, John Coltrane’s einzige Platte für Blue Note, kam aufgrund mündlicher Vereinbarungen mit Label-Boss Alfred Lion zustande. Coltrane machte mit diesem Album erst seine zweite LP als Solist – zu einem gewissen Teil sicher aus der Not heraus – Miles Davis hatte ihn 1957 aufgrund seiner Heroinsucht aus seiner Tour-Band geworfen, Coltrane aber wollte mehr touren. So stellte er eine eigene Band zusammen und spielte im September ’57 diese Sessions für Blue Note ein – natürlich mit den besten Musikern des Labels: Eine dreifach besetzte Hornsektion mit dem Trompeter Lee Morgan, Trombonist Curtis Fuller und Coltrane selbst am Saxophon, Kenny Drew am Piano und als Rhythmussektion Bassist Paul Chambers und Drummer „Philly“ Joe Jones. Alles beileibe keine reinen Mitläufer und alles Musiker, die ihn später immer wieder in wechselnden Konstellationen begleiten sollten.

Noch war Coltrane musikalisch nicht so „revolutionär“, wie er werden würde, noch ist es der „reine“ Hard Bop, der hier gespielt wird – egal, meiner Meinung nach, denn Innovation im Jazz ist oft nur für Musiktheoretiker interessant (und wirklich zu erkennen) und „Blue Train“ ist unabhängig von allen technischen Feinheiten ein grossartiges Album voller Inspiration und Energie. So wurden der Titeltrack oder das energiegeladene „Moments Notice“ mit dem Trombone-Solo von Fuller, sowie das grossartige „Locomotion“ zu Standards des Hard Bop – und dieses Album mit seinem geschmackvollen Cover-Design zum ersten Klassiker in Coltrane’s Solo-Diskografie. Da ist insbesondere das enge Zusammenspiel der drei Bläser auf „Blue Train“, welches die Platte mit Recht zum Highlight macht – und zu dem Album, das er selber als das Beste aus der Phase vor „Giant Steps“ (1960) bezeichnen sollte.

Captain Beefheart & The Magic Band, Bluejeans & Moonbeams, 1974

Produzent/ Andy DiMartino

Label/ Virgin Records

Die beste Phase von Beefheart ist von „Safe As Milk“ bis „Lick My Decals Off Baby“. Was diese frühen Platten zu solchen Lichtjahre entfernten Meisterwerke macht, kommt nicht nur aus der Persönlichkeit Beefhearts, sondern auch aus der Spontanität der Magic Band, von Leuten wie Zoot Horn Rollo, Antennae Jimmy Semens, Rockette Morton usw. Auf „Bluejeans & Moonbeams“ ist von damals niemand mehr dabei und die Band spielt so wie es Beefheart vorschreibt, und das offenbar minutiös. Natürlich hatte es der Captain irgendwie auch schwer. Spielte er experimentell, mochten ihn die Fans, aber die Platten verkauften sich schlecht. Wenn er dagegen harmonischen Deltablues spielte, wurde er von den Fans zerrissen. Auch 1974, als er „Bluejeans & Moonbeams“ herausbrachte, wurde ihm ein Stilwechsel nicht gestattet. 1985 wandte er sich schliesslich völlig von der Musik ab, und widmete sich nur noch der Malerei, wenngleich auch mit grossem Erfolg.

Aus heutiger Sicht wirkt „Bluejeans & Moonbeams“ sehr facettenreich. Der Captain ist in bester Form, in der besten seit den besagten Alben. Als Sänger ebenso wie als Songwriter. Natürlich kam man ihm Selbstplagiat vorwerfen, aber man darf ihn auch nicht ewig an ein Werk vom Kaliber „Trout Mask Replica“ messen. Das war zwar in der Tat ein aussergewöhnliches Album, aber wahrscheinlich für 90 Prozent der Weltbevölkerung unhörbar. „Bluejeans & Moonbeams“ hingegen ist kein aussergewöhnliches, aber es kommt aus heutiger Sicht doch klar als ein bodenständiges Bluesalbum daher. Unabhängig von anderen Beefheart Alben wahrgenommen, ist es also durchaus empfehlenswert nach 50 Jahren dem Album wieder eine Chance zu geben, sich reinzuhören und vielleicht festzustellen, das auch diese Scheibe ihre eigenen Reize hat.

Velvet Underground, VU, 1985

Produzent/ Velvet Underground

Label/ Verve

Das Ausgraben von Schätzen hat immer seine Tücken. Oft ist es kein Vergnügen sich anzuhören, was da aus irgendeinem Loch an 180 Demobändern hervorgezerrt und veröffentlicht wird. Es wäre also auch kein Vergnügen, wenn man über die Veröffentlichung dieser Sammlung von Velvet-Underground-Stücken sagen müsste, das sei reine Nostalgie gewesen.

Natürlich waren all diese Songs 1985 bereits Geschichte. Es handelt sich um die sanfte Phase der Velvet Underground in den Jahren 1968/69 kurz vor der Auflösung der Band, die einen fast ätherisch zu nennenden Song wie „Ocean“ überhaupt entstehen lassen konnte. John Cale ist nur noch bei zwei Stücken vertreten. Doch er beweist, dass er keineswegs der reine Experimental- und Geräusch-Berseker der Velvet Underground war, so wie er in dem Lied „Stephanie Says“ seine Viola spielt.

Doch nachdem er gegangen und von Doug Yule ersetzt worden war, konnte Lou Reed unterstützt von der grandiosen Schlagzeugerin Maureen Tucker, mit der er zusammen das spinnwebfeine „I’m Sticking With You“ singt, und dem gleichgültigen Sterling Morrison noch ungezwungen sanftmütiger und zerbrechlicher sein. Das Resultat sind einige der besten Songs, die er je gemacht hat. Diese Schätze sind wirklich Schätze, Klassiker also, und gehören deshalb nicht ins Archiv, sondern immer wieder gespielt.

Les Rita Mitsouko, C’est Comme Ça, 1986

Text/Musik/ Fred Chichin, Catherine Ringer

Produzent/ Tony Visconti

Label/ Virgin

Um zu wissen, dass die Euphorie in der Jugend stärker ist als im Alter, braucht man keine Studien. Dass die Studien es bestätigen, finde ich nicht besonders „erschreckend“. Auch ohne grosse Euphorie hat das Alter gewisse Vorzüge. Wenn man ein paar Dekaden hinter sich hat, weiss man, dass das Leben nicht nur aus „Liebe bis in die Zehenspitzen“ und atemberaubender Euphorie besteht, sondern dass auf die Euphorie oft der Absturz folgt, die Trennung, der Blues. Wie Les Rita Mitsouko schon vor vierzig Jahren sangen: „C’est comme ça“. Besonders dieses Lied von Catherine Ringer und ihrem Partner Fred Chichin bleibt für mich mit Erinnerung verbunden.

Damals wollten wir es vielleicht nicht so genau wissen, aber mit der Zeit wissen die meisten, dass es so ist. Und auf die Gefahr, wie ein Grufti zu klingen, muss ich auch sagen: Immer, wenn ich versuche, mich „für neue Musik zu interessieren“, komme ich zum selben Fazit: Die sogenannte „neue Musik“ klingt wie die alte, nur weniger gut. Aber das macht nichts. Ich habe soviel Musik, dass ich sie jahrelang rauf- und runterhören kann.

J. J. Cale, 5, 1979

Produzent/ Audie Ashworth, J. J. Cale

Label/ Island

Er war ein schweigsamer Typ aus dem Bauernstaat Oklahoma, USA, unrasiert unter dem abgewetzten Hut und in allem schwer zu beeindrucken. Seine mehr gemurmelten als gesungenen Texte kamen einsilbig daher, in denen er die Zeit nach Mitternacht, den Wind, den Mond, die Magnolien, die Liebe und das freie Musizieren besang. Ebenso skizzenhaft klang sein Gitarrenspiel auf der Halbakustischen: Elemente von Blues, Rockabilly und Country in Andeutungen und dazu federnde, zum Singen schöne Melodielinien.

Mit seinem fünften Album, das er auch so benannte, hat er einen Klassiker herausgebracht. Bereits die ersten vier Songs „Thirteen Days“, „Boilin Pot“, „I’ll Make Love Tou You Anytime“ und „Don’t Cry Sister“ gehen sofort ins Ohr und nicht mehr raus. Bei “Too Much For Me“ ist man fast geneigt zu sagen, das ist genau der Titel, der auf vielen Alben anderer Musiker das Highlight wäre, einer dem etwas, aber wirklich nur ganz wenig fehlt, um als Klassiker durchzugehen. Das ist wieder der nächste, das traumhafte schöne „Sensitive Kind“ und das Fahrt aufnehmende groovende „Friday“ – unglaublich was dieser Mann für ein Feeling hat.

J. J. Cale inspirierte mit seinen Songs weit bekanntere Kollegen wie Eric Clapton und die Dire Straits, blieb aber zugleich auf seine konsequente Art bescheiden. Er gehört zu den wenigen Legenden in der Rockmusik, die nicht nur für sich ganz alleine ein Genre geprägt, sondern dieses auch unerreicht über Jahrzehnte besetzt haben.

Syd Straw, War And Peace, 1996

Produzent/ Syd Straw

Label/ Capricorn Records

Die Karriere von Syd Straw verlief auf ziemlich krummen Wegen. Sehr begabt, von Grossen umschmeichelt, als Backingstimme auf deren Aufnahmen genutzt, in unzähligen Booklets dankend erwähnt – nur sie selbst bekam es irgendwie nicht so richtig auf die Strasse! Ihre Stimme ist spröde, seltsam uncharmant, ihre Kompositionen im Kleinen schräg, obwohl es doch nur Rockmusik ist, eigentlich gar nichts ambitioniertes, es klingt nur oft so ungeniessbar. Dabei hatte sich ihre alte Firma Virgin sogar Mühe mit Syd Straw gegeben und sie durfte für ihr erstes Album „Surprise“ alles einladen was Rang und Namen hat, von Michael Stipe bis Richard Thompson, von Greg Leisz bis Marc Ribot usw. Trotzdem wurde „Surprise“ ein Flop. Spröde Songs, spröde Stimme – unverkaufbar.

Dann ein neues Label, immer noch ein grosses, aber offensichtlich kleines Budget. Für die Stars reichte es diesmal nicht mehr. Also einfach eine Rockband ins Studio eingeladen. Und das ist genau das Reizvolle an diesem Album – Die Skeletons die hier den musikalischen Background abgeben sind ganz Abgehangene, uralte Füchse, die zeitlosen Rock’n’Roll spielen – und das bekommt „War And Peace“ gut! Die Platte ist aus einem Guss; Syd Straw hat auch alle Texte selbst geschrieben und die Songs produziert.