Dan Stuart with Twin Tones, Marlowe’s Revenge, 2016

Produzent/ Danny Amis

Label/ Fluff and Gravy Records

Mitte der 90er Jahre hatte er Green on Red den Laufpass gegeben für ein Duoprojekt mit Al Perry, aber dann schien er doch das Soloalbum für die ehrlichste Form der Veröffentlichung zu halten. „Marlowe’s Revenge“ ist Dan Stuarts Aufarbeitung seines Exils in Mexiko zu Beginn dieses Jahrzehnts. Besonders Mexico City spielt hier eine Rolle im selbstreinigenden Rückblick auf eine traumatische Zeit heftigster Exzesse und Versuche der Selbstzerstörung. Hätte man nicht vermutet, wenn Dan Stuart und Green on Red früher leutselig zur nächsten bierseligen Sause aufspielten; wer hat da schon den Texten gelauscht?

Auf „Marlowe’s Revenge“ kann man einen musikalisch gewandelten, aufgeräumten, besonnenen, fast melancholischen Stuart treffen, der so nebenbei auch gleich den trocken-coolen Arizona-Sound in seiner Lässigkeit als heuchlerisch entlarvt. Auf den Entschluss zu überleben reduziert, („ Last Blue Day“, „ So Un Hombre“ oder in „Name Hog“) steckte Dan hier die Nase weit über den Tellerrand der meist nonchalant-rumpelnden Americana-Klänge hinaus.

Creedence Clearwater Revival, Green River, 1969

Produzent/ John Fogerty

Label/ Fantasy

Die Debütplatte von Creedence Clearwater Revival aus dem Jahre 1968 stellte eine Band vor, die Blues und Rock’n’Roll vereinte und einen frischen Sound voller Soul kreierte. Auf „Bayou Country“ kam „Proud Mary“, der erste internationale Megahit. Doch mit ihrem zweiten Album „Green River“ definierten Creedence ihre Vision und ihren Sound – kurz und knapp, sauber und direkt.

Creedence kamen aus der Gegend von San Francisco, spielten aber keine drogeninduzierten, psychedelischen Jams wie so viele Bands der Stadt – und wurden deshalb von Kritik und Publikum, als Retter des amerikanischen Rock’n’Roll gefeiert. „Green River“ beginnt mit dem Titelsong – eine Ode an den magischen Süden in markantem Groove, während Fogerty von der Rückkehr an einen Ort singt, wo die Mädchen barfuss tanzen und die Ochsenfrösche deine Namen rufen. „Bad Moon Rising“ war der grösste Hit der Band und – nach „Proud Mary“ ihr berühmtester Song. Über dem funkigen Rhythmus mit Rockabilly-Einschlag kommen Drummer Doug Clifford, Bassist Stu Cook und Gitarrist Tom Fogerty zur Sache, während John von bedrohlichen Ereignissen am Horizont singt – angesichts von Vietnam und Nixons Amtsantritt visionäre Worte. Die Ballade „Lodi“ erzählt vom Überlebenskampf der Musiker, der Rest der LP besteht aus bluesigen Rockstücken.

Creedence hatten grössere Erfolge mit den Alben „Willie And The Poorboys“ und „Cosmo’s Factory“, doch „Green River“ war die erste durchgängige Demonstration dessen, was später ihr Markenzeichen werden sollte: sauberer Sound, der aber tief aus dem Bauch kam.

Joni Mitchell, The Hissing of Summer Lawns, 1975

Produzentin/ Joni Mitchell

Label/ Asylum Records

Die weitverbreitete Behauptung, Frauen hätten in der Popmusik lange Zeit nur eine Existenzberechtigung gehabt, sofern sie der Projektion des Opfers oder des Fertigprodukts entsprachen, dürfte mittlerweile ein wenig veraltet und schematisch wirken. Trotzdem markierte „The Hissing Of Summer Lawns“ von Joni Mitchell eine Zäsur, denn zum ersten Mal trat eine Songwriterin mit dem Anspruch eines souveränen Autorensubjekts auf, indem sie sich den bis dahin nur der maskulinen Signifikationswelt vorbehaltenen Luxus leistete, ihre Veröffentlichungen als Werkkörper und Schauplatz einer Entwicklung mit Option auf fliessende Identitätswechsel zu definieren.

Um diesen Selbstentwurf durchsetzen zu können, brach sie einerseits mit den bis an die Schmerzgrenze naturalisierten Ausdrucksformen ihrer Frühphase, aber auch mit dem bohemistischen Künstlermodell, das sich Würde nur unter den Bedingungen materieller Armut und der romantischen Fiktion des tragischen Scheiterns vorstellen kann, Im Gegenzug plädierte „The Hissing Of Summer Lawns“ für eine Stilpolitik der unterkühlten Eleganz und etablierte eine hypermoderne Vorstellung von Urbanität, die in der Stadt nicht länger als Ort von existentiellen Abenteuern und Street-Credibility sehen mochte. Los Angeles wurde zur topischen Metapher einer sonnenbeschienenen, mit Chrom und Glas verspiegelten Suburb, in der Träume von einem anderen Leben unter Palmen und dem Zischen der Rasensprenger in ein zivilisatorisches Vakuum verdampfen.

Fleetwood Mac, Oh Well, Parts 1 & 2, 1969

Text und Musik/ Peter Green

Produzent/ Fleetwood Mac

Label/ CBS

Sein Gitarrenspiel erschien zunächst wenig aufregend, weniger spektakulär als jenes von Hendrix oder Jeff Beck. Peter Green spielte sogar noch langsamer als Mr. Slowhand Eric Clapton. In der Fleetwood-Mac-Urbesetzung tat sich Green sowohl durch psychedelisch-zarte Klänge wie durch derben, obzönen Rock’n’Roll hervor. „Oh Well, Parts 1 & 2“ vereinte diese Gegensätze und beleuchtete das geplagte Genie der Band. Der Schlagzeuger Mick Fleetwood erinnerte sich später, Peters Persönlichkeit habe eine „aggressive Seite“ gehabt. Die erste Hälfte des Tracks war eine grossspurige, mörderische Blues-Attacke mit einem Text, der voller Verachtung sein Zielobjekt anfauchte, einen Verrückten, der Green unrecht getan hatte. Darauf folgte die idyllische zweite Hälfte, ein eindringliches Instrumental für Cello, Akustikgitarre und Flöte. Dies brachte, so Fleetwood, die andere Seite von Greens Persönlichkeit zum Ausdruck, „den nachdenklichen, spirituellen Musiker“.

Weil er zuviel LSD geschluckt hatte, erlitt Peter Green im Frühling 1970 einen Nervenzusammenbruch und verliess die Band. Er selbst sagte dazu später: „Ich machte einen Trip und kam nie mehr zurück“. Peter Green wurde Friedhofsgärtner und schloss sich einer Sekte an. Nach einem längeren Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt kehrte er zwar zwischenzeitlich wieder auf die Bühne zurück, doch Green war nur noch ein Schatten seiner selbst. Der Wahn hatte das Genie besiegt. Die Nebenwirkungen der Psychopharmaka machten ihm zu schaffen. Er hatte Mühe, sich zu konzentrieren. „Das Schlimmste, was mir im Leben passiert ist, sind die Drogen“, sagte er einmal in einem Interview. Am 25. Juli 2020 ist Peter Green gemäss seinen Familienangehörigen im Alter von 73 Jahren „friedlich eingeschlafen“. Er hat seinen Trip endlich beendet.

The Pretty Things, Get the Picture?, 1965

Produzent/ Bobby Graham, Glyn Johns

Label/ Fontana

In den frühen Sixties waren The Pretty Things die wildeste aller britischen Rhythm & Blues-Bands – laut, rüde, wild. Als die von dem Sänger Phil May angeführte Horde enthusiastischer R&B-Freaks 1964 ihre erste Hit-Single „Rosalyn“ veröffentlichten, schien ihr Weg zum Starruhm vorgezeichnet. Doch die grosse Kohle machten schliesslich andere aus derselben Londoner Szene von Kunststudenten – The Who oder die Rolling Stones.

Neben dem Gitarristen Dick Taylor war der mit seiner Mischung aus Aggression und androgyner Zügellosigkeit und für damalige Verhältnisse extrem langhaarige May der perfekte Frontmann für den R&B, den die Pretty Things zelebrierten. Dass es bei den Liveauftritten regelmässig zu Tumulten kam, festigte ihren Ruf als Bad Boys. Nach dem sehr traditionellen, wenn auch umwerfenden Debütalbum, machten die Pretty Things, auf ihrem zweiten Album „Get The Picture?“ gleich mal ein ganz anderes Fass auf. Zum einen stürzten sie sich in kraftvolle Eigenkompositionen, die trotz Beat und Blues wirklich schon garagenrockmässig daherkamen und zugleich psychedelische Elemente mit ins Repertoire brachten. Was man auch an manchem Titel sofort erkennt („L.S.D.“).

Dieses Statement dürfte auch ein wesentlicher Bestandteil des aufkeimenden Swinging London gewesen sein. Hier ist der Beginn einer kulturellen Revolution mitverankert, die dann hemmungslos stilistische Zutaten verschmolzen hat und zu einem eigenen Ausdruck fand. Und diese Aufbruchstimmung hört man deutlich heraus. Sicherlich wurde dies später noch verfeinert, aber „Get The Picture?“ ist und bleibt ein wichtiges Album in der Entwicklung der Rockmusik in den 60ern.

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The Velvet Underground & Nico, 1967

Produzent/ Andy Warhol

Label/ Verve Records

Für mich kam diese Musik scheinbar aus einem fernen Kosmos. So sangen und sprachen sie nicht 1967, die andern, die Beatles nicht und Bob Dylan auch nicht. Die Velvet-Underground-LP, mit dem Bananencover, war viel geliebt in der Zeit, als Rock ’n’ Roll mein Leben rettete. Oder mir zumindest klarmachte, dass das Leben meiner Eltern nicht mein Leben sein kann.

Rock war verheissungsvoll, Velvet Underground äusserst verheissungsvoll: Drogen! Sex! Meine Eltern konnten kein Englisch. Lou und ich schon. Es war die schreckliche Zeit nach der Schule und Velvet Underground der perfekte Soundtrack: verloren, irgendwo achtlos in eine Ecke geworfen. Es war die perfekte Musik, um verborgen unter fragilem Lärm, intensivstem Sound und dem wohltuenden Gefühl im Schlamm zu wühlen, Schmutz eine Form zu geben. Für mich die Geschichte einer vergangenen Zeit, darum kann ich das Album heute nur noch selten hören, leider.

The Belles, Melvin/ Come Back, 1966

Text/Musik/ Morrison, Teaver

Produzent/ Mana Productions

Label Tiara

Van Morrisons Song „Gloria“ von Them dürfte jede und jeder bereits in der einen oder anderen Version gehört haben. Es muss ja nicht Patti Smith sein, aber The Wheels, Shadows of Knight oder The Boots. Die Fassung von The Belles jedoch konnte man früher nur sehr selten hören.

Unter dem Titel „Melvin“ 1966 in Miami Beach, Florida von einer vierköpfigen Frauenband aufgenommen, klingt der Song perfekt nach Garage Punk. Auch wenn die vier Oberstufenschülerinnen eigentlich keine schräge Mode und Verhaltensweisen mögen, sich lieber damenhaft geben, Liebesballaden irgendwelchen Protest-Songs vorziehen, alle jahrelang Musik studiert haben, alle singen, alle mehrere Instrumente spielen und auch mal Beethoven-Fingerübungen in ihre Songs einfliessen lassen. Aber: bei ihrer Adaption von „Gloria“ klingen sie wie eine fiese Motorradgang. Die Eigenkomposition „Come Back“ geht mehr in Richtung Girl Group, bleibt aber mit ihren Tempowechseln und dem fesselndem Gesang ebenfalls hängen.

The Small Faces, Itchycoo Park, 1967

Text/Musik/ Steve Marriott, Ronnie Lane

Produzent/ Steve Marriott, Ronnie Lane

Label/ Immediate

Sie überqueren eine Seufzerbrücke „Over bridge of sighs“, dann werden sie high. Das führt zu einer überwältigenden Erfahrung, zu dem berühmten: „It’s all too beautiful!“ Die Rede ist von „Itchycoopark“ von den Small Faces, am besten anzuschauen als Performance im deutschen Beat Club. Die überwältigende Erfahrung wird allerdings von Anfang im Gespräch aufbereitet, das Steve Marriott und Ronnie Lane führen. Sie reizen sich gegenseitig mit wunderbaren Aussichten, wie man den Tag verbringen könnte. Schliesslich macht es klick, als Steve mit verschlagenen Gesichtsausdruck vorschlägt: „Wir könnten die Schule schwänzen!“ „Great!“ antwortet Ronnie.

Das Weitere übernimmt die Musik. Der Dialog steht für die sich gegenseitig aufschaukelnde Euphorie eines gemeinsam erlebten Abenteuers; der langsamen Phase des Abschlaffens der Euphorie folgt ein neuer Rush: „Ich würde mir unter Umständen das Gehirn wegblasen lassen ( I feel inclined to blow my mind).“ Das Drum-Break von Kenney Jones wirkt wie der Neustart eines Jahrmarktkarussells. Die Trip-Erfahrung ist eine freie Entscheidung. „What did you do there? We got high!“ An den Fernsehbildern des „Beat Club“ kann man auch sehen, wie diese Glücksidee noch mit einer konventionellen Musikdarbietungswelt verbunden ist.

The Kinks, Sunny Afternoon, 1966

Text/Musik / Ray Davies

Produzent/ Shel Talmy

Label/ Pye

Wie so viele Songs aus der Zeit zwischen 1966 und 1968 schien „Sunny Afternoon“ den Geist des Wandels zu verkörpern, der damals die USA und Europa durchströmte. „Tune in, turn on, and drop out“, lautete das Motto der Gegenkultur, und immer mehr Menschen begriffen, dass man nicht zum Mainstream gehören musste. Auch die Beatles rieten ihren Fans 1966, sich zu entspannen, die Gedanken auszuschalten und sich flussabwärts treiben zu lassen. Die Kinks jedoch waren vor ihnen da.

Musikalisch und textlich war der Song eine Offenbarung. Der Schritt zurück, den Songwriter Ray Davies damit wagte (zurück in die verrückte Music-Hall-Zeit seiner Jugend), statt die progressive Richtung weiterzuverfolgen, in die die früheren Hits der Band zu weisen schienen, erwies sich im nachhinein als genial. Hinter der warmen, lakonischen Weichheit der Aufnahme verbergen sich kluge Köpfe – eine Beobachtung, die, mal wieder auch auf die Beatles zutrifft, die im Jahr darauf ihre eigene Music-Hall-Hommage, „Being for the Benefit of Mr. Kite“, aufnahmen.

Cream, I Feel Free, 1966

Text/Musik/ Jack Bruce, Pete Brown

Produzent/ Robert Stigwood

Label/ Reaction

Nach dem Fehlstart der Debutsingle „Wrapping Paper“ musste Cream – die erste Rock-Supergroup der Welt: Jack Bruce, Eric Clapton und Ginger Baker – zeigen, dass sie dem Hype um die Band gerecht werden konnten. „I Feel Free“ beweist: Ernsthafte Blues-Musiker können Popmusik machen.

„I Feel Free“ war ein prima Gaumenreiniger. Der britische Charterfolg kam gerade, als die Beatmusik das Feld endgültig der Psychedelica überliess. Mit markanter Stimme präsentiert Bruce Browns frohe Botschaft von alles verzehrender Liebe. Clapton bündelt seine Fähigkeiten zu einem extrem kurzen Gitarrensolo. Baker war mit seinem Schlagzeugpart nie zufrieden, passt aber hervorragend in das wilde Tempo des Songs.

Der Song, der auf der britischen Ausgabe des Debutalbums „Fresh Cream“ fehlte, war der Opener der USA-Ausgabe und der Anfang einer langen Liebesbeziehung zwischen Amerika und der Band. David Bowie bewunderte den Song, spielte ihn auf der Ziggy Stardust-Tour 1972 und nahm ihn 1993 für sein Album „Black Tie White Noise“ auf.

„I Feel Free“ versetzt den Zuhörer in freudige Erregung und hört auf, wenn es am schönsten ist. Es ist einer der schönsten Cream-Momente überhaupt.