Jefferson Airplane, Somebody To Love/ White Rabbit, 1967

Text/ Musik/ Grace Slick

Produzent/ Rick Jarrard

Label/ RCA Victor

„White Rabbit“ war der erste wirklich populäre Pro-LSD-Song. Anhand von Bildern aus „Alice im Wunderland“ wird hier zu trockenen Marschrhythmen die Welt der „pills“ und „mushrooms“ besungen. Natürlich ist „White Rabbit“ en Masse attraktiver als die Musik späterer Tage, in der LSD als „künstliches Paradies“, als vermeintlich natürliche Begabung der Phantasie attraktiv gemacht wird. Es geht in dem Song nicht darum sich in indische Heilige zu verwandeln, sondern das Künstliche, willkürlich Herbeigeführte des Trips zu lieben. Und Grace Slick meinte es dann schon ziemlich ernst, wenn sie am Schluss von „White Rabbit“ forderte: „Leave Your Head!“

Noch wichtiger als Drogen war Sex. Grace Slick hob bei Konzerten gern ihren Minirock und hatte nichts darunter. Das war damals viel brisanter, als man heute denken könnte, aber die Airplane gingen noch einen wesentlichen Schritt weiter: „Tears are running down your breast…/ And all the joy within you dies/ Don’t you want somebody to love/ Don’t you need somebody to love/ Wouldn’t you love somebody to love/ You better find somebody to love.“ Und Millionen Teenager im ganzen Land schrien „Ja! Ja! Ja!“. Und „to love“ hiess nicht „lieben“ sondern „ficken“. Und die Teenager gingen raus und suchten sich jemanden zum Ficken. Auch heute denken die jungen Leute keinen Deut anders als damals. Von Phasen und Genies mal abgesehen, fragen sich 14- bis 24jährige in ihrer Musik wie in ihrer Literatur immer dasselbe, wo komme ich her, wie fühle ich mich, fühle ich mich wohl, was ist das eigentlich, Sichwohlfühlen, wo gibts Liebe und was kostet sie, was ist das eigentlich Liebe?

The Lovin’ Spoonful, Summer in the City, 1966

Text/Musik/ John Sebastian, Mark Sebastian, Steve Boone

Produzent/ Erik Jacobsen

Label/ Kama Sutra

Daaa Bammm, Daaa Bammm, Daaa Bammm, mit drei gnadenlosen Schlägen begann der Sommer 1966. Die Lovin’ Spoonful hatten Platz 1 der Charts in den USA und eroberten nun England. Mit „Do You Believe in Magic“, „Daydream Believer“ oder „Nashville Cats“ waren sie 1965 in den Phalanx der englischen Bands eingedrungen mit ihrer Mischung aus Rock’n’Roll, Folk Music und Country. Für Gesang und Mundharmonika war der nickelbebrillte John Sebastian zuständig, der seine Karriere in Greenwich Village in New York, dem Ostküsten-Flower-Power-Mekka, begann. „Summer in the City“ war harter, guter Beat und hatte mit dem Flower-Power-Gesülze nichts zu tun.

Mitte der 1960er hörte ich regelmässig Radio Caroline, denn die spielten die Musik, die ich hören wollte, brachten die neusten Scheiben, dazu Gespräche mit den Bands. Die Lovin’ Spoonful hatten sich in der englischen Hitparade etabliert. „Summer in the City“ war der Sommerhit 1966. Es passte alles. Noch heute verkörpert der Song für mich das Lebensgefühl einer bestimmten Zeit und vermittelt die Stimmung und den Klang der Stadt im Sommer.

Guesch Patti, Étienne, 1987

Text/Musik/ Guesch Patti

Produzent/ Jean M’Ba, Rémi Walter

Label/ EMI

Das emphatische „Etienne“ klingt mir heute noch in den Ohren; und das Video erst. Kaum ein Videoclip konnte so eindeutig und kontrovers zugleich die Rolle der Frau in einer voyeuristischen Unterhaltungsgesellschaft thematisieren. All das trug den Stempel der Meisterin: Sämtliche Register der Provokation unter Einsatz der eigenen Person ziehen. Dafür stand Guesch Patti. Sicher geschieht nichts zweimal. Ein Megahit lässt sich so nicht wiederholen.

Doch wer Guesch Patti nur auf diesen Moment reduziert, übersieht das Eigentliche an ihr. Sie war nicht einfach nur eine Sängerin mit einem Hit. Sie war Tänzerin, Darstellerin, Musikerin, Bühnenmensch – eine Frau, die ihren Ausdruck aus dem ganzen Körper formte und der Kunst nie nur eine einzige Türe öffnete.

The Rolling Stones, Paint It Black, 1966

Text/Musik/ Mick Jagger, Keith Richards

Produzent/ Andrew Loog Oldham

Label/ Decca

Die zehnte Single der Stones – Nr.1 auf beiden Seiten des Atlantiks – warf einen bemerkenswerten Schatten auf den sonnigen Optimismus der Popmusik des Jahres 1966. „Paint It Black“ ist Blues, aber nihilistischer als alles, was die Band zuvor hervorgebracht hatte. Mick Jaggers Text „I have to turn my head until my darkness goes“ bezieht sich auf James Joyces Roman „Ulysses“ und nimmt den Tod eines lieben Menschen als Katalysator für eine verzweifelte, hoffnungslose Weltsicht. „Es ist wie das Anfangsstadium miserabler Psychedelica“, sage Jagger später. „Da haben die Rolling Stones etwas in Gang gesetzt.“

Die stärkste musikalische Ausstrahlung hat hier die Sitar von Brian Jones. Sie hat etwas Verwirrendes, leicht Bedrohliches an sich, und durch sie ist der Song ein viel erfolgreicherer Ausflug ins Psychedelische als die Platte „Their Satanic Majesties Request“ aus dem Jahr 1967. Die Aufnahmesession hätte nirgendwohin geführt, hätte Jones nicht sich nicht exotische Instrument geschnappt und angefangen, ihm Töne zu entlocken. „Wir haben’s mit funky Rhythmen probiert, und es hat funktioniert“, so Richards später; „er hat angefangen Sitar zu spielen und alle sind eingestiegen.“ Jones zauberte gekonnt einen hypnotischen Drone, und am Ende doppelte Bill Wyman seinen Bass mit den Basspedalen der Orgel.

Scheppernder Garagenpunk – Charlie Watts Drums pochen unerbittlich wie Migräne – gepaart mit abgrundtiefer Trauer. „Paint It Black“ ein mitreissendes Requiem des Pop.

Nancy Sinatra, These Boots Are Made for Walkin’, 1965

Text/Musik/ Lee Hazlewood

Produzent/ Lee Hazlewood

Label/ Reprise

Nancy Sinatras „These Boots Are Made for Walkin’“ nahm international die ersten Plätze ein. Eigentlich hatte Lee Hazlewood den Song für sich selbst geschrieben, aber Nancy bestand einfach darauf ihn zu singen. Woraufhin Lee ihr riet, das Ding dann auch nicht mit gewohnt hoher Kopfstimme, sondern eher aus Brust und Bauch heraus zu singen. So bekam das Lied, ursprünglich ein Country-Macho, einen feministischen, ja dezent sadistischen Unterton, und Nancys Image, einst ganz Daddy’s Little Girl, wurde, sowohl auf Platten wie im Film, durch eine fordernde Hooker- bzw. Bikerin-Dimension, zum reizvoll ambivalenten Wackelbild erweitert.

Abertausende haben sich bis heute die Zähne daran ausgebissen, ein Cover dieses Meilensteins aufzulegen – es geht nicht. Nancy Sinatras Erfolgsgeschichte bestand neben Lee Hazlewoods raffinierter Produktions-Regie, nicht zuletzt auch in den zwischen Surf und Country pendelnden, leicht hörbaren, aber durchaus funky Arrangements des 12-String-Gitarristen Billy Strange. 1966 erschien dann auch Nancys erstes Album, selbstredend „Boots“ betitelt, die Künstlerin posiert in roten solchen auf dem Cover.

The Beatles, She Said She Said, 1966

Text/Musik/ Lennon/ McCartney

Produzent/ George Martin

Label/ Parlophone

„Who put all those things in your head?“ Diese Dinge besorgte wohl Dr. Robert. John stellt hier das letzte von mir ausgewählte Stück vom „Revolver“ Album vor, voller verdrehten Rhythmen und auf- und niederstrebenden Melodien. Dieses Lied wurde durch die Begegnung der Beatles mit einige Mitgliedern der Byrds und dem Schauspieler Peter Fonda inspiriert. Im August 1965, bevor die Beatles Elvis in Graceland besuchten, nahmen sie einen gemeinsamen Trip mit dem Angeber Fonda, der ihnen weismachen wollte: „I know what it’s like to be dead.“ John glaubte ihm offenbar jedes Wort.

Der ursprüngliche Titel des Liedes war „He Said He Said“ und jeder, der sich schon einmal als Hobbypsychiater mit dem anregend regressiven Bild der Liedzeile „You’re making me feel like I’ve never been born“ beschäftigt hat, wird neuen Stoff zum Sinnieren erhalten, ursprünglich sang John nämlich: „You’re making me feel like my trousers are torn.“

The Beatles, Doctor Robert, 1966

Text/Musik/ Lennon/ McCartney

Produzent/ George Martin

Label/ Parlophone

Es handelt sich hier um eine „saubere“ Aufnahme. Der Text jedoch lässt keine Zweifel an der wahren Natur des Rezepts, das der gute Doktor verschreibt. Vorbild war ein gewisser Dr. Charles Robert, ein Acid-Doktor aus New York. Der Sänger lädt auf „Doctor Robert“ sowohl dazu ein, mit ihm einige illegale pharmazeutische Produkte zu teilen, wie auch eine Warnung, dass es sich bei diesem Charlie um einen Mann handele, dem man Glauben schenken müsse, der jedem Bedürftigen helfe.

Es dauerte nur wenige Jahre, bis John Lennon zu jenen gehörte, die für sich Drogen brauchten. Der „Doctor“ erinnert auch an Lennons und Harrisons ersten Acid-Trip. Ein befreundeter Zahnarzt hatte ihre Getränke mit LSD gespiked, ihnen ohne ihr Wissen LSD untergejubelt. Die Lennons fürchteten eine geplante Sexorgie und flüchteten mit George Harrison. Ihre Heimfahrt wurde zur spektakulärsten und entdeckungsfreundlichsten Reise in ihrem bisherigen Leben, zumal sie an der Haustür nicht aufhörte, sondern noch viel weiter führte.

The Beatles, I’m Only Sleeping, 1966

Text/Musik/ Lennon/McCartney

Produzent/ George Martin

Label Parlophone

Mit diesem Lied ändert John seine auf „Tomorrow Never Knows“ eingeschlagene Richtung um 180 Grad: statt „downstream“ floatete er nun „upstream“. Der Schlaf und vor allem die Träume spielen unter dem Einfluss von LSD eine völlig neue Rolle. Dieses dem Titel angemessen einschläfernde Stück dokumentiert jene faszinierende Grauzone zwischen Schlaf und Wachbewusstsein hervorragend. Mitten in diesem luziden Song gähnt Lennon schamlos und bittet: „Please don’t spoil my day, I’m miles away.“

The Beatles, Love You To, 1966

Text/Musik/ George Harrison

Produzent/ George Martin

Label/ Parlophone

Ich möchte die Psychedelic Music Compilation der Beatles weiterführen mit George Harrisons akustischem Sitargeschnörkel, das in der Folge zu einem Markenzeichen der psychedelischen Musik der Mittsechziger wurde. Acid verfeinerte nicht nur die Hörfähigkeiten, sondern auch das Bewusstsein. Durch die trippigen, exotischen Ideen von „Love You To“ bekam Indien für die HörerInnen dieses Liedes einen ganz neuen Stellenwert.

Es handelt sich hier um einen der ersten westlichen Popsongs, der für indische Instrumente geschrieben wurde. Um so erstaunlicher, dass George Harrison hier eigenhändig die Saiten bedient. Er hat zugegeben, dass die Sitarklänge auf „Norwegian Wood“ noch eher zufällig waren, sie bei „Love To You“ jedoch erstmals bewusst eingesetzt wurden. Mit einem Text, der sich inhaltlich definitiv von üblicher Popromantik abgenabelt hat und einem gesunden Schuss proto-hippiehafter Instruktionen wie „to make love all day long“ – begann die psychedelische Zeit der Beatles in atemberaubendem Stil.

The Beatles, Tomorrow Never Knows, 1966

Text/Musik/ Lennon/ McCartney

Produzent/ George Martin

Label/ Parlophone

Auf Besen reitende Hexen, die durch das sternenverpixelte Weltall rasen: Solch ein Bild suggerierten die Geräusche, die den Beatles-Song „Tomorrow Never Knows“ begleiteten, eine mantraartige Litanei in ostinatem C-Dur, von John Lennon mit verstellter Stimme gesungen und getragen vom ruckelnden Schlagzeug. Die Effekte hatten die Band und ihr Produzent George Martin mithilfe rückwärts gespielter oder beschleunigter Endlosbandschlaufen kreiert.

Das bahnbrechende Stück erschien im Sommer 1966 am Schluss des Albums „Revolver“ – und läutete ein Psychedelikfieber in der Popmusik ein, das seinen Höhepunkt 1967 erlebte. Wer Rang und Namen hatte in der Szene – und erst recht, wer es nicht hatte – begann nun, Klänge zu verfremden, Songs zu zersetzen, Engelschöre anzustimmen, barock zu trompeten und zu behaupten, man höre das Gras wachsen.