Elvis Presley, Tomorrow Is A Long Time, 1966

Text/Musik/ Bob Dylan

Label/ RCA Victor

1966 erwarteten nur noch eingefleischte Elvis-Fans Grosses von ihrem Idol. Dennoch machte Presley im Mai und im Juni jenes Jahres einige seiner bedeutendsten Aufnahmen seit seiner Glanzzeit. Bei diesen Sessions – aus denen das Gospel-Album „How Great Thou Art“ hervorging, das dem King einen Grammy und sein musikalisches Comeback einbrachte – wurde auch eine Version von Bob Dylans „Tommorrow Is A Long Time“ aufgenommen, die Dylan als sein Lieblingscover bezeichnete.

Das war nicht Presleys einziger Ausflug in Dylans Diskographie. Etwa zu gleichen Zeit nahm er zu Hause „Blowin‘ in the Wind“ auf und coverte „I Shall Be Released“. Sein „Tomorrow Is A Long Time“ orientierte sich jedoch an einer gewissen sparsamen, bluesigen Version der Folksängerin Odetta, die ihrerseits Dylan beeeinflusst hatte. Völlig im Gegensatz zu dem, was Presley damals sonst lieferte, war dieser Track gespenstisch und mit über fünf Minuten ungewöhnlich lang.

Dylans eigene Version (ursprünglich gedacht für „The Freewheelin‘ Bob Dylan“, 1963) erschien lediglich als Live-Take auf seinem 1970er Album „Greatist Hits Vol.II“. Gecovert wurde der Song u.a. von Rod Steward, Nick Drake und Sandy Denny, aber keine Version reicht an die von Elvis Presley heran.

Neko Case, Blacklisted, 2002

Produzent/ Neko Case, Darryl Neudorf, Craig Schumacher

Label/ Anti-Records

Flirrende, geisterhaft leere Highways. Ein Truckstop am Rande von Nirgendwo. Ein einäugiger Hund. Die Zukunftsaussichten so düster verhangen wie der Himmel. „The hammer clicks in place – The world is gonna pay“ heisst es im Opener „Things That Scare Me“, dazu klappert unheilvoll das Banjo.

Die stimmgewaltige Neko Case schwelgt mit „Blacklisted“ zutiefst in dunklen Klängen und Atmosphären. Mit tatkräftiger Unterstützung wie Joey Burns & John Convertino (Calexico), Howie Gelb oder Mary Margret O’Hara, entstanden schimmernde Country-Noir-Soundscapes, die auch in den Albtraumwelten eines David Lynch ihren Platz hätten. Düster, spröde und mysteriös kommen die Songs daher. In deren Adern zudem das Vermächtnis alter Klassiker pulsiert. Selten lagen Schönheit und Unbehagen so nah beieinander.

„Deep Red Bells“ ist mit knapp vier Minuten schon der längste Song des Albums. Was dieser Aufnahme seine Magie verleiht, ist aber weniger undurchsichtige Exzentrik, sondern eine glasklare Stimme, wie sie das 21. Jahrhundert bis dato nicht kannte – mit seiner songdienlichen, musikalischen Untermalung jedenfalls das Highlight des Albums für mich.

Taj Mahal, 1968

Produzent/ Bob Irwin, David Rubinson

Label/ Columbia

Was der junge Taj Mahal auf seinem Debütalbum zusammen mit Ry Cooder und einer vielversprechende Band namens The Rising Sons vergeigt hat, das kann gern als authentischer Blues durchgehen: „Statesboro Blues“, „Dust My Broom“, „Everybody’s Got To Change Sometime“ zeigen einen zeitgemässen Umgang mit Original-Material; vielfach dominiert die Mundharmonika von Mahal, manchmal klingt das Ganze auch ein wenig nach John Mayall. Aber bei den Eigenkompositionen, besonders bei „E.Z. Rider“, kommt die Intensität, mit der Taj Mahal gesanglich die Songs vorträgt, deutlich zutage. Ruhige, teilweise, fast monotone Bass-Läufe und unspektakuläre Drum-Arbeit sorgen für ein solides Rückgrat.

Apropos „E.Z.Rider“: Wer glaubt, dass die Verkürzung der Sprache durch Verwendung lautmalerisch treffender Buchstaben und Zahlen (z.B. ‚4 U‘ für ‚for you‘) erst im Zeitalter von Internet und SMS entstanden ist, wird hier eines Besseren belehrt. „E.Z.“ sind nicht die Initialen eines „Mr. Rider“; vielmehr besingt Taj Mahal den „Easy Rider“, einen im Südstaaten-Slang im doppelten Sinne unmoralischen Mann. Herausragend ist der Schlusssong „The Celebrated Walkin‘ Blues“, eine auf einem Traditional basierende Komposition Taj Mahals. Mit einer Spielzeit von knapp neun Minuten deckt das Stück fast ein Viertel der gesamten Spielzeit der Scheibe ab. Ein wunderschöner langsamer Blues!

The Zombies, Time of the Season,1968

Text/Musik/ Rod Argent

Produzent/ The Zombies

Label/ CBS

England in den Sechzigern. Im Norden von London liegt St. Albans. Dort gingen sie zur Schule und gründeten eine Band; Rod Argent, Paul Grundy und Paul Atkinson. das war noch keine Sensation, das taten viele. Doch immerhin gewannen die drei zwei neue Mitspieler, Chris White und Colin Blunstone, sowie einen neuen Namen: The Zombies. Es war gerade die rechte Zeit. Denn die Schule war vorbei und die fünf jungen Herren brauchten einen Beruf. Da es auch damals schon Rezessionen gab, war guter Rat teuer. Doch in Zeiten der Rezession blüht bekanntlich das unterhaltende Gewerbe. Und so war es auch mit den Zombies, die einen Wettbewerb nach der Suche der besten lokalen Band gewannen und beschlossen auf diesem ersten Erfolg aufzubauen. Bald interessierte sich die Firma Decca für sie. „She’s Not There“ wurde ein Hit in England. Danach hielten sich die Zombies einigermassen in Geschäft, aber es wurde immer schwieriger. Ein Hit reichte nicht zum Leben. Und ihr allergrösster Hit „Time of The Season“ kam, als sie schon resigniert hatten und kurz vor der Auflösung der Band standen.

Nach dem Split ging jeder seiner Wege. In den Neunzigern versammelten Chris White, Grundy und Colin Blunstone neue Musiker um sich, um als Zombies das Album „The Return of the Zombies“ aufzunehmen, das aber wenig beachtet wurde.Trösten konnten sich die Zombies immerhin mit der Bemerkung der Rockkritikerin Lillian Roxon, die Zombies seien wohl eine der am meisten unterschätzen Gruppen der Sixties gewesen.

Them, The Angry Young Them, 1965

Produzent/ Bert Berns, Dick Rowe

Label/ Decca

Heutzutags verbindet man mit Garage Rock alles was mit verzerrten Gitarren und fast unverständlichem Gesang daherkommt. Die Wurzeln vom Garage Rock siedeln sich jedoch im Rock’n’Roll an und tönen tun’ die noch anders als der heutige „Garage Rock”.

Eine wichtige Band für dieses Genre waren Them, ein Quintett aus Nordirland. Ihr Debut “The Angry Young Them” ist im Jahr 1965 erschienen. Van Morrison war, bevor er mit seiner Solokarriere durchstartete, damals Sänger bei Them. Der grosse Durchbruch gelang der Band Them jedoch nie. Darum bleiben viele ihrer Songs vergessene Klassiker.

Auf der Platte „The Angry Young Them“ gibt es neben einzelnen Covers ganze sechs vom Van Morrison geschriebene Songs. Der eigentliche Hit des Albums ist „Gloria“. Es gibt wohl wenige Titel, die öfter gecovert wurden, egal ob von Patti Smith, The Doors, Jimi Hendrix, Bruce Springsteen, Iggy Pop oder von zahllosen Schüler- und Hobbybands. Der Song war auch die erste Singleveröffentlichung von Them in den USA, wo die Band als Teil der „British Invasion“ vermarktet wurde. Im Rahmen ihrer US-Tour traten Them zwei Wochen – mit den Doors im Vorprogramm – in L.A. im legendären Rockclub „Whisky a Go Go“ auf, wo Jim Morrison und Van Morrison gemeinsam „Gloria“ im Duett sangen.

Calexico, Ballad Of Cable Hogue, 2000

Text/Musik/ Joey Burns

Produzent/ Joey Burns

Label/ City Slang

Der Kern von Calexico – Sänger Joey Burns und Drummer John Convertino – war ursprünglich die Rhythmussektion der Rockband Giant Sand um Howe Gelb. Mitte der Neunziger gründeten die beiden Musiker aus Tucson, Arizona dann ihre eigene Band. Mit einem eindrucksvollen Arsenal an Instrumenten, von Vibraphon über Akkordeon bis hin zu Mandoline und Steel-Gitarre, suchten sich Calexico ihre eigene Ecke im grossen Americana-Universum: einen Sound zwischen Country, Post-Rock und mexikanischer Folklore. Bei mir erscheinen immer schemenhafte Bilder vor der inneren Leinwand, wenn ich diese Musik höre. Die Wüste und die Sonne, imaginäre weite, leere Landschaften und staubige Strassen, irgendwo zwischen den USA und Mexico.

Calexico-Lieder sind Lieder im Schwebezustand, die den Traum vom Glück spazieren fahren, aber immer auch die Ahnung eines Schattens mit sich tragen. Kein Wunder, dass ihre Lieder auch schon für zahlreiche Filme verwendet wurden. So haben Calexico Taylor Hackfords Film „The Love Ranch“ vertont. Auf dem Soundtrack des Bob-Dylan-Films „I’m Not There“ war die Band gleich fünf Mal vertreten. Doch der Transfer verläuft auch umgekehrt: „ Ballad Of Cable Hogue“ heisst ein Calexico-Stück in Anlehnung an den gleichnamigen Western von Sam Peckinpah aus dem Jahr 1970. Es geht darin um einen Goldgräber, der von seinen Kumpanen ausgeraubt und ohne Nahrung und Wasser in der Wüste zurückgelassen wird. Kurz vor dem Erschöpfungstod stösst er auf eine Quelle, die ihn rettet. Dann plant er seine Rache. Der Song von Calexico ist eine Spielerei zu dem Film; ein musikalisches Klischee, das dazu dient, das Hybride zu erforschen und in Sound umzusetzen. Der Klang von „Ballad Of Cable Hogue“ machte Calexico weltberühmt. Das Lied wurde zusammen mit der US-amerikanisch-französischen Sängerin Marianne Dissard aufgenommen.

Dan Stuart with Twin Tones, Marlowe’s Revenge, 2016

Produzent/ Danny Amis

Label/ Fluff and Gravy Records

Mitte der 90er Jahre hatte er Green on Red den Laufpass gegeben für ein Duoprojekt mit Al Perry, aber dann schien er doch das Soloalbum für die ehrlichste Form der Veröffentlichung zu halten. „Marlowe’s Revenge“ ist Dan Stuarts Aufarbeitung seines Exils in Mexiko zu Beginn dieses Jahrzehnts. Besonders Mexico City spielt hier eine Rolle im selbstreinigenden Rückblick auf eine traumatische Zeit heftigster Exzesse und Versuche der Selbstzerstörung. Hätte man nicht vermutet, wenn Dan Stuart und Green on Red früher leutselig zur nächsten bierseligen Sause aufspielten; wer hat da schon den Texten gelauscht?

Auf „Marlowe’s Revenge“ kann man einen musikalisch gewandelten, aufgeräumten, besonnenen, fast melancholischen Stuart treffen, der so nebenbei auch gleich den trocken-coolen Arizona-Sound in seiner Lässigkeit als heuchlerisch entlarvt. Auf den Entschluss zu überleben reduziert, („ Last Blue Day“, „ So Un Hombre“ oder in „Name Hog“) steckte Dan hier die Nase weit über den Tellerrand der meist nonchalant-rumpelnden Americana-Klänge hinaus.

Creedence Clearwater Revival, Green River, 1969

Produzent/ John Fogerty

Label/ Fantasy

Die Debütplatte von Creedence Clearwater Revival aus dem Jahre 1968 stellte eine Band vor, die Blues und Rock’n’Roll vereinte und einen frischen Sound voller Soul kreierte. Auf „Bayou Country“ kam „Proud Mary“, der erste internationale Megahit. Doch mit ihrem zweiten Album „Green River“ definierten Creedence ihre Vision und ihren Sound – kurz und knapp, sauber und direkt.

Creedence kamen aus der Gegend von San Francisco, spielten aber keine drogeninduzierten, psychedelischen Jams wie so viele Bands der Stadt – und wurden deshalb von Kritik und Publikum, als Retter des amerikanischen Rock’n’Roll gefeiert. „Green River“ beginnt mit dem Titelsong – eine Ode an den magischen Süden in markantem Groove, während Fogerty von der Rückkehr an einen Ort singt, wo die Mädchen barfuss tanzen und die Ochsenfrösche deine Namen rufen. „Bad Moon Rising“ war der grösste Hit der Band und – nach „Proud Mary“ ihr berühmtester Song. Über dem funkigen Rhythmus mit Rockabilly-Einschlag kommen Drummer Doug Clifford, Bassist Stu Cook und Gitarrist Tom Fogerty zur Sache, während John von bedrohlichen Ereignissen am Horizont singt – angesichts von Vietnam und Nixons Amtsantritt visionäre Worte. Die Ballade „Lodi“ erzählt vom Überlebenskampf der Musiker, der Rest der LP besteht aus bluesigen Rockstücken.

Creedence hatten grössere Erfolge mit den Alben „Willie And The Poorboys“ und „Cosmo’s Factory“, doch „Green River“ war die erste durchgängige Demonstration dessen, was später ihr Markenzeichen werden sollte: sauberer Sound, der aber tief aus dem Bauch kam.

Joni Mitchell, The Hissing of Summer Lawns, 1975

Produzentin/ Joni Mitchell

Label/ Asylum Records

Die weitverbreitete Behauptung, Frauen hätten in der Popmusik lange Zeit nur eine Existenzberechtigung gehabt, sofern sie der Projektion des Opfers oder des Fertigprodukts entsprachen, dürfte mittlerweile ein wenig veraltet und schematisch wirken. Trotzdem markierte „The Hissing Of Summer Lawns“ von Joni Mitchell eine Zäsur, denn zum ersten Mal trat eine Songwriterin mit dem Anspruch eines souveränen Autorensubjekts auf, indem sie sich den bis dahin nur der maskulinen Signifikationswelt vorbehaltenen Luxus leistete, ihre Veröffentlichungen als Werkkörper und Schauplatz einer Entwicklung mit Option auf fliessende Identitätswechsel zu definieren.

Um diesen Selbstentwurf durchsetzen zu können, brach sie einerseits mit den bis an die Schmerzgrenze naturalisierten Ausdrucksformen ihrer Frühphase, aber auch mit dem bohemistischen Künstlermodell, das sich Würde nur unter den Bedingungen materieller Armut und der romantischen Fiktion des tragischen Scheiterns vorstellen kann, Im Gegenzug plädierte „The Hissing Of Summer Lawns“ für eine Stilpolitik der unterkühlten Eleganz und etablierte eine hypermoderne Vorstellung von Urbanität, die in der Stadt nicht länger als Ort von existentiellen Abenteuern und Street-Credibility sehen mochte. Los Angeles wurde zur topischen Metapher einer sonnenbeschienenen, mit Chrom und Glas verspiegelten Suburb, in der Träume von einem anderen Leben unter Palmen und dem Zischen der Rasensprenger in ein zivilisatorisches Vakuum verdampfen.

Fleetwood Mac, Oh Well, Parts 1 & 2, 1969

Text und Musik/ Peter Green

Produzent/ Fleetwood Mac

Label/ CBS

Sein Gitarrenspiel erschien zunächst wenig aufregend, weniger spektakulär als jenes von Hendrix oder Jeff Beck. Peter Green spielte sogar noch langsamer als Mr. Slowhand Eric Clapton. In der Fleetwood-Mac-Urbesetzung tat sich Green sowohl durch psychedelisch-zarte Klänge wie durch derben, obzönen Rock’n’Roll hervor. „Oh Well, Parts 1 & 2“ vereinte diese Gegensätze und beleuchtete das geplagte Genie der Band. Der Schlagzeuger Mick Fleetwood erinnerte sich später, Peters Persönlichkeit habe eine „aggressive Seite“ gehabt. Die erste Hälfte des Tracks war eine grossspurige, mörderische Blues-Attacke mit einem Text, der voller Verachtung sein Zielobjekt anfauchte, einen Verrückten, der Green unrecht getan hatte. Darauf folgte die idyllische zweite Hälfte, ein eindringliches Instrumental für Cello, Akustikgitarre und Flöte. Dies brachte, so Fleetwood, die andere Seite von Greens Persönlichkeit zum Ausdruck, „den nachdenklichen, spirituellen Musiker“.

Weil er zuviel LSD geschluckt hatte, erlitt Peter Green im Frühling 1970 einen Nervenzusammenbruch und verliess die Band. Er selbst sagte dazu später: „Ich machte einen Trip und kam nie mehr zurück“. Peter Green wurde Friedhofsgärtner und schloss sich einer Sekte an. Nach einem längeren Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt kehrte er zwar zwischenzeitlich wieder auf die Bühne zurück, doch Green war nur noch ein Schatten seiner selbst. Der Wahn hatte das Genie besiegt. Die Nebenwirkungen der Psychopharmaka machten ihm zu schaffen. Er hatte Mühe, sich zu konzentrieren. „Das Schlimmste, was mir im Leben passiert ist, sind die Drogen“, sagte er einmal in einem Interview. Am 25. Juli 2020 ist Peter Green gemäss seinen Familienangehörigen im Alter von 73 Jahren „friedlich eingeschlafen“. Er hat seinen Trip endlich beendet.