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Bob Dylan, Oh Mercy, 1989

Produzent/ Daniel Lanois

Label/ Columbia

Mit „Oh Mercy“ scheint Dylan fast genau da weiterzumachen, wo er gut 10 Jahre vorher mit „Blood on the Tracks“ aufgehört hat. Ein stimmungsvoll-düsteres Album, voller Balladen und Songs über die Härten des Lebens. Das alles ist meisterlich arrangiert von Daniel Lanois, der die insgesamt eher sparsame Instrumentierung punktgenau einsetzt.

Je sparsamer in Szene gesetzt, desto besser: Mit dem „Man in the Long Black Coat“ erreicht Dylan einen der vielen einsamen Gipfel in seinem Gesamtwerk. Eine düstere Ballade, die die Geschichte der Frau, die mit dem geheimnisumwitterten Mann im schwarzen Mantel davonging, in poetischen Genrebildern erzählt. Man könnte sogar den Eindruck gewinnen, dass Dylan seine besten Songs geschrieben hat, wenn ihn die Frauen verliessen oder verlassen wollten. In diesem Song geht es allerdings ums ultimative Verlassen.

Mindestens ebenso eindringlich ist „Most Of The Time“, ein Liebeslied allererster Güte, mit dem Dylan all seine zuvorigen Liebeslieder nicht nur übertrifft, sondern ein Zeichen setzt, wie man Liebe, Abschied und – zum Beispiel – Seelenschmerz auf eine musikalisch tragende, hingegen niemals schnulzige Art und Weise behandeln kann.

Auch sonst beweist Dylan hier, dass er derjenige welcher unter den Songwritern ist. „Oh Mercy“ gehört zu den Dylan-Alben, bei denen von Anfang bis Ende so ziemlich alles stimmt, hinzu kommt diese dichte Atmosphäre, die gekonnte Instrumentierung, die musikalischen Anleihen bei den unwahrscheinlichsten Genres: „Where Teardrops Fall“ zum Beispiel, eine edle Tanznummer mit melancholischem Saxophon am Ende.

 

 

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The Kinks, Face To Face, 1966

Produzent/ Shel Talmy

Label/ Pye

Das Cover des vierten Albums der Kinks gefiel Ray Davies nicht. „Eigentlich sollte die Hülle nicht bunt und farbig sein, sondern schwarz und stark, wie der Sound der LP“, erinnert er sich.

„Face To Face“ signalisierte einen neuen Ansatz für Ray, seinen Bruder Dave, Schlagzeuger Mike Avory und Bassist Peter Quaife. Es war das erste Mal, dass sie Monate an einer LP sassen und immer wieder Tracks überspielten. Auch war es die letzte LP mit Shel Talmy, dessen knallharten Methoden kaum zu den sauberenen Arrangements passten.

„Party Line“ beginnt im üblichen Rockstil, während „Dandy“ satirisch das „Swinging London“ beschwört (wie der frühere Hit „Dedicated Follower Of Fashion“). Es folgen ernsthaftere Lieder. Ray erkundet seinen fragilen Geisteszustand mit dem harfenlastigen „Too Much On My Mind“; „Sunny Afternoon“ driftet zivilisationsmüde auf einer wunderschön absteigenden Basslinie. „House In The Country“ und „Most Exclusive Residence For Sale“ passen in das Albumschema, vom Liedzyklus über die britische Gesellschaft. Doch der klischeehafte „typisch englische Touch“ zieht sich durch die gesamte Vielfalt der Musik und der Texte. „Holiday In Waikiki“ (Hommage an Chuck Berry) beklagt die Kommerzialisierung von Hawaii. „Fancy“ ist ein gefühlsintensives, von indischen Ragas inspiriertes Stück, während „Rainy Day in June“ mit Donnerschlägen und Mysterien aufwartet.

„Face To Face“ war kein grosser Erfolg, doch es war der Beginn der klassischen Periode der Kinks.

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John Lee Hooker, The Healer, 1989

Produzent/ Jim Gaines, Roy Rogers, Carlos Santana

Label/ Chameleon

John Lee Hooker war einer der grössten in Blues und R&B vom Ende der Vierziger bis Ende der Sechziger; danach blieb es recht lang still um ihn. Doch mit ein wenig Hilfe von seinen Freunden gelang John Lee Hooker 1989 ein grandioses Comeback mit „The Healer“.

Der Titel des Albums bezieht sich auf die heilenden Kräfte des Blues; für Hookers kränkelnde Karriere kam die Heilung überraschend schnell. Die LP wurde mit einem Grammy ausgezeichnet und entfachte neues Interesse an ihm und seinem Werk, das über seinen Tod im Jahre 2001 hinausging. Zum Teil ist dies wohl auf die Liste der Gäste zurückzuführen (wie Carlos Santana und Bonnie Raitt), aber niemand spielte hier den Boogie wie John Lee.

„The Healer“ ist auf wahrlich inspirierten Gitarrenarbeiten aufgebaut. Gleich zu Beginn spielt Santana die Leadgitarre auf dem Latin Titelsong. Santana kann manchmal fad klingen, doch hier ist sein Sound fliessend – bestens geeignet zur Begleitung von Hookers leise klagenden Lyrics. Raitt ist die perfekte Partnerin auf dem grobkörnigen „I’m In The Mood“; ihre sexy Slide Gitarre gibt der typischen rhythmischen Note Hookers den besonderen Touch. Robert Cray durchbricht die Oberfläche so überzeugend auf „Baby Lee“, dass man wünscht, er würde stets nur mit der Legende persönlich aufnehmen. Mit Canned Heat feiert Hooker ein Wiedersehen auf „Cuttin Out“. Die Aufnahmen mit der Band hatten 1970 das Wahnsinnsalbum „Hooker ’n‘ Heat“ hervorgebracht.

Zum Schluss spielt Hooker drei Mississippi-Lieder allein. Das schmerzlich schöne Finale „No Substitute“ dient als Erinnerung, dass es nur den einen echten Boogie Man gab.

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Kevin Coyne, Marjory Razorblade, 1973

Produzent/ Steve Verona

Label/ Virgin

Er war der grosse kleine Mann von der Strasse. Ehemaliger Streetworker und Sozialarbeiter. Und ein grossartiger Songschreiber, der über all die grotesken täglichen Banalitäten, den immer wuchernden bedrohlichen Alltagsirrsinn und die Sorgen und Nöte der kleinen Leute gesungen hat. Er sang von seinem Weltschmerz, von psychiatrischen Kliniken, Ferien in Spanien, von Soldaten-Wehmut und dem Nuttenmilieu. Und all das verpackte er in kleine Songs. Am allerbesten machte er das auf dem 1973 erschienenen Doppelalbum „Marjory Razorblade“.

Zuvor hatte Kevin Coyne mit der Band Siren zwei LP’s und als Solokünstler das wenig beachtete Album „Case History“ veröffentlicht, welches wie die beiden Siren-Alben auf John Peel’s Dandelion Label erschienen waren. John Peel war schon damals einer der angesagtesten Radio DJ’s und der eigentliche Entdecker von Kevin Coyne. Dieser unterschrieb in der Folge beim eben aus der Taufe gehobenen Virgin Label von Richard Branson. „Marjory Razorblade“ war Coyne’s grossartiger Einstand bei der neuen Firma.

Auf dem Album nölt er sich durch allerlei spassige Alltagsgeschichten, bisweilen ziemlich schräg („Mummy“, „Good Boy“), rockt aber auch herzhaft („Eastbourne Ladies“) und baut immer wieder schwelgerisch schöne Songs ein wie „Marlene“ oder „Talking To No One“. Kevin Coyne besitzt viel Sinn für Humor, aber auch enorm viel Feingefühl und Sensorik für all die kleinen und grossen Alltäglichkeiten, die einem ständig durchs Leben begleiten. Er veröffentlichte noch eine ganze Reihe genialer Platten auf Virgin, unter anderem auch das schön schräge Album „Babble“ mit Dagmar Krause, bevor er im Dezember 2004 im Alter von 60 Jahren starb.