Family, It’s Only a Movie, 1973

Produzent/ Family

Label/ Raft Records

Family aus Leicester waren von 1966 bis 1973 aktiv, und seit 2013 gibt es sie wieder. Die Band klingt schon wegen der Reibeisenstimme ihres Sängers Roger Chapman anders als die anderen. Auch das Instrumentarium war ungewöhnlich. So gehörten den verschiedenen Besetzungen unter anderem Cello, Geige, Akkordeon, Saxophon, Sitar und Vibraphon an. Die Band war keineswegs obskur. Dann und wann waren sie sogar in der englischen Hitparade anzutreffen. Im Vergleich zu anderen „progressiv“ angehauchten 70s-Bands wie Yes oder Emerson, Lake and Palmer waren Family meine Favoriten. Wenn ich mir ihre Alben heute anhöre, habe ich nie das Gefühl, ich tue dies nur wegen der Nostalgie.

So habe ich gerade für mich das letzte erschienene Family-Album „It’s Only A Movie“ von 1973 wieder entdeckt. Die Songs sind hier insgesamt etwas zugänglicher als auf früheren Platten. Dennoch ist das alles andere als Massengeschmack. Es gibt ziemlich originelle Songideen mit recht schrägen Einfällen, wobei sich das Geschick der beiden Komponisten Roger Chapman und Charlie Whitney darin zeigt, dass sie das Aussergewöhnliche in einem funktionierenden und kompakten Song zusammenzubringen. Mit seinen Parodien auf die musikalische Untermalung zu Stummfilmen, dem virtuosen Spiel mit Persepektivwechseln, den harten musikalischen Schnitten und ironischen Geräuschzitaten ist „It’s Only A Movie“ ein überaus gelungenes Album und mithin ein Beweis für die kreative und innovative Kraft der Band Family.

Dire Straits, Money For Nothing, 1985

Text/Musik/ Mark Knopfler

Produzent/ Mark Knopfler, Neil Dorfsman

Label/ Vertigo Records

Keiner meiner damaligen Musik-Kumpels konnte sich für die Dire Straits begeistern. Dabei schwöre ich bis heute, dass Mark Knopfler einer der grossen Gitarristen unserer Zeit ist. Doch um Gitarrenfertigkeit geht es hier nicht, sondern um Geld und Arbeit, und dazu hat Knopfler das Musterbeispiel eines Songs geschrieben, der nicht nur auf textlicher Ebene höchst ironisch funktioniert, sondern im Ganzen sich selbst schon fast ad absurdum führt. „Money for Nothing“ ist eigentlich ein langweiliger Song, der auf einem Riff und einem geschickt eingefädelten Chorus basiert – erst die Gesamtinszenierung entfaltet die ganze Wirkung. Knopfler zeigt sich als multimedialer Geschichtenerzähler, der auf verschiedenen Ebenen tanzt. Als Background-Sänger holten sich die Dire Straits ausgerechnet Sting, der eben The Police aufgelöst hatte und bis heute den Ruf des habgierigen Egomanen nicht los wird. Ihm gab Knopfler die Zeilen „I want my MTV“ zu einer Zeit, als der Musiksender noch Millionen für die Produktionen von Musikvideos und Promotionsauftritte zur Verfügung stellte.

Später erzählte Mark Knopfler auch die Geschichte zur Entstehung des Songs: In einem Elektrowaren-Geschäft in New York habe er zufällig mitgehört, wie zwei Typen in Arbeitsklamotten vor einem Regal mit Fernsehern stehen und über die Musikvideos lästern, die über die ausgestellten Bildschirme flimmern. Die beiden sollen sich über „die Schwuchteln mit den Ohrringen und der Schminke“ aufgeregt haben, und dass die „für den Scheiss, den die da machen“ auch noch Geld bekommen würden. Der einfache Arbeiter müsse sich mit dem Herumschleppen von Kühlschränken und Fernsehern den Rücken krumm schinden, während die Musikkonzerne mit den „yo-yo’s“ (Pfeifen, Penner, Affen) das grosse Geschäft machen.

Tom Waits, Swordfishtrombones, 1983

Produzent/ Tom Waits

Label/ Island Records

Es gab Zeiten, da man, wenn man von Tom Waits sprach, oder gar wagte, ein Stück von ihm vorzuspielen, mit einem mitleidigen Achselzucken bedacht wurde, das besagte: „Du findest diese besoffene Stimme, die in verrauchten Spelunken Balladen singt, doch nicht wirklich gut?“… und schon gehörte man zur Abteilung „verrostetes Eisen“.

Doch mit jeder Platte, die Tom Waits herausbrachte, und mit vielen Geschichten, die er erzählte, wuchs die Widerstandskraft gegen hartnäckige Ignoranten. Als dann 1983 „Swordfishtrombones“ erschien, war der Vorwurf, Tom Waits sei ein Fossil, das keine moderne Musik machen würde, endgültig vom Tisch. Erstens hatte er hier endlich sein Album selber produziert und damit sein „Image“ selbst gestalten und ändern können. Zweitens hatte seine Beschäftigung mit Filmmusik Spuren hinterlassen. Wenn seine früheren Balladen und Songs durch Barroom-Flair und Loser-Stimmung geprägt waren, so stellt sich auf „Swordfishtrombones“ sein Zynismus weniger romantisch als vielmehr exotisch dar. Auch die Instrumentierung ist üppiger als auf früheren Alben. Prägend ist der Einsatz der Hammondorgel, die besonders bei einem Instrumentalstück wie „Dave The Butcher“ gleich einer kaputten Kilbiorgel atonale Klänge erzeugt. Tom Waits unverkennbare, Rauch- und Whisky-geschwängerte Stimme schafft es auf „Swordfishtrombones“ jeden Song anders zu singen.

Bei der von Barmusik unterlegten Erzählung „Frank’s Wild Years“ klingt sie so breit und amerikanisch, als wäre es Burroughs, der spricht. „In The Neighbourhood“ bietet einen hymnischen Gesang à la Springsteen, und „Gin Soaked Boy“ könnte auch von Dr. Feelgood gesungen sein, aber es ist eben Tom Waits Stimme, die genauso einzigartig ist wie dieses Album.

Stevie Ray Vaughan, Texas Flood, 1983

Produzent/ Stevie Ray Vaughan and Double Trouble, John Hammond

Label/ Epic

Texas verfügt anscheinend über ein unerschöpfliches Reservoir an musikalischen Einflüssen, die auch von solch traditionsreichen Musikern wie Doug Sham, Johnny Winter, ZZ Top, etc. – aufgenommen und verarbeitet wurden.

Der im August 1990 bei einem Hubschrauberabsturz tödlich verunglückte Stevie Ray Vaughan und seine Band Double Trouble spielen auf ihrem Debüt-Album so ziemlich den aufregendsten Blues den ich seit Johnny Winter’s klassischem „Nothing But The Blues“ gehört habe. Der jüngere Bruder von Jimmy Vaughan (Fabulous Thunderbirds) hatte bereits der Bowie-LP „Let’s Dance“ mit seinen fliessenden, an B.B. King orientierten Soli ein starkes Rhythm & Blues-Feeling verliehen. Doch was wirklich in diesem herausragenden jungen Gitarristen steckte, wenn er seine Fähigkeiten voll ausspielen konnte, demonstriert diese Platte eindrücklich.

Vaughan’s beseeltes Spiel liegt irgendwo zwischen Chicago-Blues, Johnny Winter und Hendrix, der im Instrumental „Testify“ verblüffend zitiert wird. Die sparsame Instrumentierung (Triobesetzung) und Stevie Ray Vaughan’s rauchiger Gesang verleihen der Musik starke Authentizität. Als “executive Producer“ amtete übrigens kein Geringer als John Hammond (Entdecker von Billie Holiday, Aretha Franklin und Dylan). Ohne Abstriche eine grossartige, abwechslungsreiche LP!

Frank Zappa, Zoot Allures, 1976

Produzent/ Frank Zappa

Label/ Warner Bros. Records

Ich bin heute noch ein Anhänger seines beissenden Humors, seiner schnippischen Kommentare des „American Way Of Death“. Und hätte ich beim Unterfangen die besten Zappa-Scheiben herauszufinden Punkte zu vergeben, würde ich für seine „Zoot Allures“ eine Höchstpunktzahl geben. Und zwar in der Kategorie Rock, was was immer das auch heissen mag. Aber für die musikalische Komplexität von Frank Zappa gibt es eigentlich keine Kategorie.

Auf „Zoot Allures“ ist mal wieder alles in seiner Hand: Er ist Produzent, Re-Mix-Engineer, Songschreiber, auf zwei Stücken spielt er bis auf Schlagzeug alles, Gitarre, Bass, Tasteninstrumente und Gesang (auf „The Torture Never Stops“ ist er zudem noch „Direktor für erfrischende Aktivitäten“, doch wird nicht gesagt, wie die Dame heisst, die sich von Frank erfrischen und zu orgastischem Geschrei hinreissen lässt). Seine Assistenten sind u.a.: Donnie Vliet (Harmonika; da ist Captain Beefheart gemeint), Roy Estrada (Bass), Napoleon Murphy Brock (Saxophon), Ruth Underwood (Marimba, Synth) und Terry Bozzie (Schlagzeug).

Und wer es noch nicht gemerkt hat, Zappa war ein aussergewöhnlicher Gitarrist, dafür ist dieses Album der beste Beweis. Er weist ein ungeheures Spektrum auf, man höre sich nur einmal das lyrische „Black Napkins“ (live in Osaka aufgenommen), das orientalische „Friendly Little Finger“ oder meinen Favoriten „Zoot Allures“ (alles Instrumentalnummern) an. Frank Zappa wirkt zur Zeit auf mich wie Medizin, sie bläst meine Kopfschmerzen davon und lässt mich gut in den Tag. Also, morgens zwei bis drei Stücke von Zappa, und der Tag ist gerettet.

Pink Floyd, Animals, 1977

Produzent/ Pink Floyd

Label/ Harvest

Ich habe Pink Floyd-Alben lange nur als Musik mit Texteinlagen betrachtet. Musik, die mich einlud zum Träumen und sich Treibenlassen oder mich ganz einfach Abstand gewinnen liess zu den Dingen, die verhärten. Deshalb hatte ich lange auch kein Zugang zu „Animals“, weil hier die musikalische Aussage in erster Linie eine unterstützende Funktion zur textlichen Aussage hat.

Jeder der Songs enthält eine Spiegelung typischer menschlicher Charakterzüge, die jedem von uns nur allzugut vertraut sind. Es geht los mit „Drei verschiedene Schweine“. Schweine-Menschen sind die, die ihre Gefühle unterdrücken, das „Gefühl von Stahl“ lieben oder sich um die Moral anderer (zu viel) sorgen.

Die zweite Kategorie sind die Schafsmenschen: Sheeps. Wer kennt sie nicht, die Menschen, die den Schafen gleich harmlos auf einer Wiese ihr Leben fristen und ohne rechtes Bewusstsein und auf alten, ausgetrampelten Wegen sanftmütig und gehorsam dem Leittier folgen? Das „Fliegende Schwein“ ist ein geteilter (Part 1&2), kurzer, eindringlicher Song. Hier geht es um die so oft vernachlässigte, belächelte oder aus falscher Selbstüberschätzung heraus ignorierte Nächstenliebe.

Hunde – Dogs ist der von der Aussage her aggressivste Song. Ein Song über Arschkriecher, Punktesammler, die nach „oben“ strebenden Karrieremenschen, die mit „dem gewissen Blick in den Augen und dem gewinnenden Lächeln“, und über jene, die glauben „dass jeder austauschbar ist und keinen wirklichen Freund hat“. Diesen wünschen Pink Floyd ein gutes Ertrinken, heruntergezogen vom Stein, an den sie sich selbst angebunden haben.

Van Morrison, Common One, 1980

Produzent/ Van Morrison

Label/ Mercury

Auf „Common One“ sind sechs Titel mit einer Laufzeit von exakt 54:31 Minuten. Die Frage nach einer konkreten Stilrichtung erübrigt sich hier: Folkloristisches trifft auf Funk-Elemente, ein Hauch von Jazz inbegriffen. Als das Album erscheint, ist Van Morrison längst aus der Pop-Welt gefallen und fährt als arrivierter Aussenseiter auf einem Privatgleis. Die Musiker besorgen ausschliesslich Teamarbeit: Soli sind tabu. Bis auf „Satisfied“ ist dies ein nahezu meditatives Album, das streckenweise in völliger Ruhe dahindriftet.

Für die Impression „Summertime in England“ (15:40) ein sonnendurchfluteter Spätsommertag, trifft die Bezeichnung „Song“ nicht mehr zu: ein fast sakral anmutendes, vertontes Epos vielmehr, von einer geradezu gespenstischen Mischung aus totalem Gefühl und absoluter Perfektion. Hier wird jeder Name Wordsworth, Coleridge, T.S. Eliot, William Blake, James Joyce – jeder (mythische) Ort Avalon, Bristol, Kendal, the Church of St. John – zum Repräsentanten ganzer Bedeutungskontinente. „It ain’t whywhywhywhywhy, it just is“. Wenn Van Morrison rezitiert, deklamiert und improvisiert befinden wir uns längst jenseits von Übersetzungsversuchen. Am Ende macht alles Sinn, wenn er flüstert: „Are you listen to the silence/ Can you feel the silence?“

Bessie Smith, Sings More Blues, 2014

Produzent/ John Hammond u.a

Label/ Brownsville

Ihre Stimme übertönt noch heute alle Nebengeräusche: Das Knistern und Knacken der alten Aufnahmen genauso wie die sensationslüsternen Geschichten zu ihrem Leben, das gerne als Trash-Drama präsentiert wird, und an dessen Ende sie 43-jährig an den Folgen eines Autounfalls starb.

„Sing ′em, sing ‚em, sing them blues/ Let me convert your soul.“ Knapp drei Minuten lang ist die Aufnahme des „Preachin‘ Blues“ von 1928 – sie ist wie ein Energy Shot. Bessie Smith singt mit einer kraftvollen Entschlossenheit, die auch knapp ein Jahrhundert später noch eine schockierende Wirkung hat. Dabei ist es eher ein Sprechgesang als vermeintlich hohe Vokalkunst. Bessie Smith singt schlicht und eher geradeaus, mit voller Konzentration auf den Text, dem sie Wort für Wort mit ihrer Stimme eine Bedeutung gibt. Gerade im Vergleich zu anderen Aufnahmen von Sängerinnen aus dieser Zeit klingt Bessie Smith wie von einem anderen Stern.

Nicht umsonst trug sie schon zu Lebzeiten den Titel „Empress of the Blues“. Der Kaiserin lag in den 1920er Jahren ein Millionenpublikum zu Füssen, Singles mit ihren Songs verkauften sich zu Hunderttausenden, wenn sie mit einer Show in die Gegend kam, war der Andrang auf die Tickets riesig. Bessie Smith war nicht nur die erste schwarze Frau, die als Künstlerin enorm erfolgreich war, sondern überhaupt der erste grosse Musikstar Nordamerikas – eine Popikone.

Velvet Underground, VU, 1985

Produzent/ Velvet Underground

Label/ Verve

Das Ausgraben von Schätzen hat immer seine Tücken. Oft ist es kein Vergnügen sich anzuhören, was da aus irgendeinem Loch an 180 Demobändern hervorgezerrt und veröffentlicht wird. Es wäre also auch kein Vergnügen, wenn man über die Veröffentlichung dieser Sammlung von Velvet-Underground-Stücken sagen müsste, das sei reine Nostalgie gewesen.

Natürlich waren all diese Songs 1985 bereits Geschichte. Es handelt sich um die sanfte Phase der Velvet Underground in den Jahren 1968/69 kurz vor der Auflösung der Band, die einen fast ätherisch zu nennenden Song wie „Ocean“ überhaupt entstehen lassen konnte. John Cale ist nur noch bei zwei Stücken vertreten. Doch er beweist, dass er keineswegs der reine Experimental- und Geräusch-Berseker der Velvet Underground war, so wie er in dem Lied „Stephanie Says“ seine Viola spielt.

Doch nachdem er gegangen und von Doug Yule ersetzt worden war, konnte Lou Reed unterstützt von der grandiosen Schlagzeugerin Maureen Tucker, mit der er zusammen das spinnwebfeine „I’m Sticking With You“ singt, und dem gleichgültigen Sterling Morrison noch ungezwungen sanftmütiger und zerbrechlicher sein. Das Resultat sind einige der besten Songs, die er je gemacht hat. Diese Schätze sind wirklich Schätze, Klassiker also, und gehören deshalb nicht ins Archiv, sondern immer wieder gespielt.

Laurie Anderson, Home Of The Brave, 1986

Produzent/ Laurie Anderson, Roma Baran, Nile Rodgers

Label/ Warner Bros.

Das Album „Home Of The Brave“ enthält den Soundtrack zum gleichnamigen Konzertfilm, in dem das wandelnde Kunstwerk Laurie Anderson ihre eigene Bühnenperformance dokumentiert. Das ziemlich seltsame Multimediaspektakel aus Musik, Schauspielerei, Film, visueller Projektion und choreographiertem Tanz war damals neu. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Albumfassung die optischen Elemente nicht wiedergeben kann, aber auch so bleibt es ungewöhnliche Musik, die hängen bleibt.

Unter Mitwirkung u.a. von Bill Laswell, Adrian Belew und Nile Rodgers glänzt Laurie Anderson hier als blitzgescheite Analytikern des amerikanischen Alltags. Zu experimentellen und doch eingängigen Elektropop-Klängen erzählt sie tiefgründige und unterhaltsame Geschichten über Politik, Sprache, Liebe und die schöne neue Medienwelt am Ende des 20. Jahrhunderts. So handelt etwa „Language Is A Virus“ von den Kommunikationsproblemen ihrer Landesleute, die alle dieselbe Sprache sprechen, sich aber trotzdem nicht immer verstehen (was natürlich auch auf andere Nationen übertragbar ist). Und „Sharkey’s Night“ entlarvt die fernsehgerechten Reden der heutigen Politiker als leere Worthülsen.