Motörhead, Overkill, 1979

Produzent/ Jimmy Miller

Label/ Bronze Records

Wenn ein Album unter die besten fünf von Motörhead gehört, dann ist es wohl ganz klar „Overkill“ aus dem Jahre 1979. Der Metal-Einschlag war damals noch gar nicht vorhanden und die Briten bedienten eindeutig für damalige Verhältnisse simplen und leicht rüpelhaften Rock. Mit Lemmys charismatischem Organ, das seinerzeit noch etwas frischer klang als später (wenn man das überhaupt jemals von Lemmys Stimme behaupten konnte), rundet sich der positive Eindruck ab. Hard Rock wie er im Buche steht. Die Gitarren rocken, der Bass rödelt und das Schlagzeug spielt dienliche, treibende Beats. Hinzu kommen Refrains, einige geile Soli und eine ehrliche Produktion. Egal ob nun das Titelstück „Overkill“, das schnittige „No Class“, „Stay Clean“ oder „Metropolis“, auf dem gesamten Album gibt es Rock ohne Schnörkel und unnötigen Klimbim.

Motörhead waren schon am Anfang ein Garant für harte Rock-Musik und bis zum Schluss bewahrte diese Band ihre Traditionen, auch wenn sie sich dem Fortschritt nicht ganz verwehren konnte. Letzteres ist im Falle von Motörhead meiner Meinung nach keineswegs verwerflich, denn Lemmy & Co. haben genug Alben herausgebracht und wenn man halt lieber die alten Perlen hört, legt man eben Scheiben wie „Ace Of Spades“ oder eben „Overkill“ auf und geniesst den Stoff so pur, wie er aufgenommen wurde. Let’s Rock!

Roxy Music, Country Life, 1974

Produzent/ John Punter, Roxy Music

Label/ Island

Für das Jahr 1974 ein geradezu unverschämtes und schockierendes Cover. Zwei Frauen in Dessous, die eine mit eindeutiger Geste, ihre Hand im Schritt, während die andere ihren Busen mit den Händen bedeckt. Aus heutiger Sicht mehr als harmlos, die Werbung bietet solches am Fliessband und kaum einer schaut noch hin.

Um so mehr ist „Country Life“ ein hörenswertes Album geblieben. Das Piano-Intro von „The Thrill Of It All“ verspricht einiges, dann legt die Band los, ein eleganter Glam-Art-Pop-Rock und dann die bebend-vibrierende Stimme Bryan Ferrys mit manierierten Schlenkern. Auf „Three And Nine“ gibt es den sanfteren Bryan Ferry. Ein verspielt-erheiternder Song, stylish würde der Engländer sagen. „All I Want Is You“ hat lärmendes Instrumentarium und angeschrägte Melodie, Ferry singt unterkühlt, aber geschmeidig. „Out Of The Blue“ beginnt disharmonisch, Ferrys befreiter Gesang fügt dem Song poppige Strukturen hinzu, die Band schlägt Haken, die von Glam-Pop bis zu exzessiven Prog-Rock-Exzessen reichen. Danach wird’s fast rock-klassisch gemütlich mit „If It Takes All Night“, während „Bitter Sweet“ mit Marschrhythmen und deutschem Liedgut spielt: „Nein – das ist nicht/Das Ende der Welt/Gestrandet an Leben und Kunst/Und das Spiel geht weiter/Wie man weiss/Noch viele schönste…wiedersehn“. So weit so deutschgut. Wie ein fanfarisches Zwischenspiel klingt „Triptych“. Das furios-schrille „Casanova“ mit einem Bryan Ferry in Höchstform, Tremolos mit Sex-Appeal und fragend: „Now you’re flirting/With heroin/Or is it cocaine?“. „Mit A Really Good Time“ wagen sie ein wohl nicht so ernst gemeintes Klassik-Rock-Crossover. Zu guter Letzt nochmals Glam-Art-Pop-Rock, mit „Prairie Rose“. „Country Life“ gehört neben „Stranded“(1973) und „Siren“ (1975) zu den besten Alben von Roxy Music.

Fleetwood Mac, Rumours, 1976

Produzent/ Ken Caillat, Richard Dashut

Label/ Warner Bros.

Als Fleetwood Mac im kalifornischen Sausalito 1976 mit dem Aufnahmen zu „Rumours“ begannen, lag die sechsjährige Beziehung zwischen Lindsey Buckingham und Stevie Nicks in Trümmern. Auch die Ehe zwischen John und Christine McVie waren derart zerrüttet, dass beide nicht mehr miteinander sprachen. Selbst Mick Fleetwood liess sich scheiden. Das Thema der Songs war klar: das Scheitern von Beziehungen. Die drei Songschreiber der Band – Nicks, Buckingham und Christine McVie – texteten über fast nichts anderes. Man kann natürlich sagen, „Rumours“ sei glatt, sauber und sonnig. Aber darunter ist Dunkelheit und Morast, was in jedem Fall zur Einzigartigkeit des Albums, womöglich auch zu dessen Erfolg beitrug.

„Gold Dust Woman“, der letzte Song des Albums, sprach noch ein anderes Thema an, das für die ganze Band zu diesem Zeitpunkt von höchster Wichtigkeit war. Während der Sessions zu „Rumours“ bedienten sich sämtliche Beteiligten regelmässig aus einem grossen Samtbeutel mit Kokain. Diese Sorglosigkeit führte bei Stevie Nicks zu einer schweren Drogenabhängigkeit; Mitte der Achtziger liess sie sich zum Entzug in eine Klinik einweisen. Der Song erinnert an die Naivität, mit der zu jener Zeit Kokain konsumiert wurde. Niemand bemerkte, wie stark es abhängig machte, denn niemand hatte es lange genug genommen, um das erfahren zu haben.

The Rolling Stones, Shattered, 1978

Text/Musik/ Jagger/Richards

Produzent/ The Glimmer Twins

Label/ Rolling Stones

Die Stones singen auf „Shattered“ ihr Psychogramm von New York City. Ungerührt listet das Stück die Ekelmomente der Stadt auf: „Don’t you know the crime rate is going up, up, up, up/ To live in this town you must be tough, tough, tough, tough, tough, tough/ You’ve got rats on the West Side/ And bed bugs uptown – what a mess/ This town’s in tatters“.

Während Jagger seine Monosyllablen abspult, murmelt der Chor unentwegt sein „shattered, shattered, shattered, shidoobey““. Das Stück klingt monoton, seine Struktur ist unterentwickelt. Zu Recht liesse sich hier sagen: eine mechanische Begleitung. Bass und Schlagzeug klopfen einen reizarmen Beat. Keith Richards Gitarre verzichtet ausnahmsweise auf das erkennungszeichnende Riff, beschränkt sich auf eine ostinante, zum Gurgeln verfremdete Begleitfigur. „Shattered“ heisst: zerstört, vernichtet, in seine Bestandteile zerstampft; shattered können Häuser sein, Flugzeuge, Menschen, Hoffnungen, Gefühle. Bei den Stones ist das einerlei: „shattered“ und „shidoobey“ sind nur ein Komma weit weg.

„Shattered“ als emotionaler Zustand liefert die Voraussetzung, ein kaputtes Leben leben zu können. Der Unterschied zwischen „shattered“ und „shidoobey“ ist ein Unterschied zwischen Realität und Reaktion: In der Wortwiederholung „up, up, up“ der Verbrechensrate und dem „tough, tough, tough“ der eigenen Verfassung wird der Schrecken relativiert durch sarkastische Übertreibung. „Shattered“ ist kein Protestsong, sondern eher ein Protest durch Bewegung.

John Prine, Souvenirs, 2000

Produzent/ Jim Rooney, John Prine

Label/ Ulftone Music


John Prine starb am 7. April 2020 im Alter von 73 Jahren an den Folgen einer Infektion mit dem Coronavirus. Er war einer dieser Musiker, die von Kollegen hoch verehrt wurden, die aber selbst nie Starruhm erreichten. Der Songwriter aus Illinois veröffentlichte 1970 seine erste Platte und beeindruckte Kollegen wie Bob Dylan und Kris Kristofferson.

Ein kommerzieller Durchbruch gelang Prine nicht wirklich, aber seine Songs wurden gerne und oft gecovert u.a. von Bruce Springsteen, Johnny Cash, Bonnie Raitt, David Lindley und Tom Petty. John Prine veröffentlichte in regelmässigen Abständen seine Alben und ging weiter auf Tour, obwohl er seit 1998 von diversen Krebserkrankungen geplagt wurde.

Normalerweise kommt der Manager der Musikzombies erst kurz vor dem Exitus des Schützlings auf die verzweifelte Idee, den abgetakelten Exstar die alten Songs noch einmal aufnehmen zu lassen. Ein Indiz für das nahe Ende. Ausser bei John Prine, wie man nach dem Hören seines persönlichen Best-of-Album „Souvenirs“ von 2000 sofort zugeben muss. Fünfzehn Interpretationen seiner bekanntesten Lieder ( darunter „Angel From Montgomery“ oder die bedrückende Drogenelegie „Sam Stone“) hat er neu eingespielt, meist zur akustischen Gitarre, manchmal mit karger Countryband. Mit überwältigendem Ergebnis: Nur ganz wenige Countryalben haben diese Intensität, diese Intimität.

Prines Gesang ist leicht verschlurft, er visiert die Melodien nur an, ohne sie auf die „schöne“ Nashville-Art zu treffen. Alle Versionen auf diesem Album übertreffen die Originale bei weitem. Sie gewinnen in ihrer Kargheit jene Kraft zurück, die ihnen die (Über-)Produktion einst entzogen hatte. So was ist selten, aber wahr.

John Hiatt, Slow Turning, 1988

Produzent/ Glyn Jones

Label/ A&M

Hiatt ad fontes. Von den Roots-Rock-Platten ist das vielleicht sein geschlossenstes Album. Angefangen vom Rocker „Drive South“ über die schönen Balladen „Trudy and Dave“, „Icy Blue Heart“, „Sometime Other Than Now“ und die Rocksongs „Ride Along“, „Slow Turning“ und „Paper Thin“ bis zum bluesigen Finale „Feels like Rain“ – alles wie aus einem Guss.

Die instrumentalische Komponente ist einfach spitze. Dies liegt nicht zuletzt an der Zusammenarbeit mit den Goners und ihrer Leitfigur Sonny Landreth, der mit seiner Gitarrenarbeit insbesondere den immer wieder eingestreuten Slides den Liedern eine erfreuliche Dynamik verleiht. Einfach super Blues und Rock’n Roll mit etwas Country, anspruchsvolle Musik zum Geniessen. Das beste Lied für mich ist der Titelsong „Slow Turning“.

Patti Smith Group, Because The Night, 1978

Text/Musik/ Bruce Springsteen, Patti Smith

Produzent/ Jimmy Iovine

Label/ Arista

Patti Smith spielte im Punk eine Schlüsselrolle – zumindest im US-amerikanischen Punk. Der Kern von ihrer Musik war nicht Anarchismus und Nihilismus, sondern der Glaube daran, dass Rock’n’Roll etwas bewegen kann, vielleicht sogar die Welt verändern. Ihr erstes Album „Horses“ steht bis heute stellvertretend für die Musik, die von der Strasse kommt, die Schmutz und Gefühle transportiert, kratzig und unbequem. Auf dem zweiten Album „Radio Ethiopia“ (1976) übertrieb es Patti Smith zuweilen mit ihrer Intensität. Erst ihr drittes Album „Easter“ wurde dann zum Anti-Establishment-Klassiker. Für „Because The Night“, den grössten Song ihrer Karriere, verbündete sie sich sogar mit Bruce Springsteen, der als musikalischer Koautor des Songs geführt wird. Schon früh hatte die Smith ihre Verehrung für ehrliche Typen aus dem Rock’n’Roll-Mainstream gepflegt.

Doch bald zeigte sich, dass Bruce Springsteen ihr anscheinend auf raffinierte Weise eine Falle gestellt hatte: Patti Smith kam nämlich nicht damit klar, berühmt zu werden. Im März 1979 führte der amerikanische Schriftsteller William S. Burroughs ein Interview mit ihr, in dem sie deutliche Unzufriedenheit mit den Verlauf ihrer Karriere verlauten liess. „Seit ich einen Hit und ein gewisses Mass an Erfolg habe“, sagte sie, „schmeissen sich Typen an mich ran, die glauben, dass ich das Zeug zum Star hätte. Ich musss jetzt erst mal verstehen, was ich eigentlich genau tue.“ Als sie das bald darauf kapiert hatte, hängte sie ihre Karriere für fast zehn Jahre an den Nagel.

Sleater-Kinney, Jumpers, 2005

Text/Musik/ Sleater-Kinney

Produzent/ Dave Fridmann

Label/ Sub Pop

Vielleicht haben Sleater-Kinney mehr über den Standpunkt junger, feministischer, aber auch punkbewegter Frauen in den USA gesagt, als die gesamte grungende Riot-Bewegung. Mit Ernst, Sarkasmus und Leidenschaft (der Begriff Anteilnahme würde es vielleicht noch besser treffen) thematisieren sie die Rolle der Frau innerhalb männlich geprägter Kulturen und damit auch selbstredend die Schwierigkeit, sich innerhalb solcher sozialen Strukturen als Frau zu bewegen, um schliesslich die Fragen nach Wahnsinn und Gesellschaft, Sexualität und Macht prägnant zu formulieren.

Sleater-Kinney verstehen es gut, um auf Songs von kurzer Dauer viel unterzubringen. Die Musik ist schnell, aber nicht überschnell, laut, einfach, eine sich überschlagende, auch kieksende Stimme, desinteressierte Melodien, Songs wie Ohrfeigen, wie Arschtritte, akustisches Karate, oder wie Sleater-Kinney selbst es nennen: „Words and Guitar“. In „Jumpers“ geht es um Selbstmord, der Text ist aus der Sicht einer Person geschrieben, die sich von der Golden Gate Bridge stürzt. 

Neil Young, Zuma 1975

Produzent/ Neil Young, David Briggs

Label/ Reprise

Einer meiner Lieblingsscheiben von 1975 ist Neil Young’s „Zuma“. Es ist ein Album, das mich in seiner inneren Konsistenz von Text und Melodie, Gesang und Instrumentierung noch heute überzeugt. Zentrales Thema von „Zuma“ ist die Liebe – verlorene Liebe. Bewältigung des Vergangenen, das Wiederfinden der eigenen Persönlichkeit und vorsichtiges Suchen nach neuer Bindung. Das Stadium von Schmerz und Verzweiflung ist überwunden. Young äussert sich in milder Resignation, ein wenig Wehmut klingt an, und es gelingen ihm sogar ein paar Stücke von bemerkenswert aggressiver Verärgerung.

Eine lange Instrumentalpassage, die mit unaufdringlicher Intensitätssteigerung eine sehr entspannte Stimmung schafft, leitet das ausgedehnte Epos „Cortez the Killer“ ein. Erzählt wird von der Zerstörung des Aztekenreichs unter König Montezuma durch den spanischen Konquistador Hernando Cortéz – Sinnbild für die Zerstörung eines paradisischen Lebensgefühls. Durch seine Eroberung verändert der Eroberer das, was er erobern wollte. Und je weiter er mit seiner Eroberung fortschreitet, desto mehr geht die Reinheit, die er suchte, verloren, blieb unerreichbar, irgendwo „there“. Wenn er ein wenig behutsam vorgeht, verirrt er sich auf halbem Weg. Wenn er nicht weiss, was er tut, und immer nur aufgeregt weiter drauflosstürmt auf den Reiz des Neuen und Unbekannten, das ihn in seinen Bann gezogen hat, dann zerstört er am Ende alles. Das ist der Fluch des Quetzalcoatl, den Montezuma in Cortéz personifiziert sah und Neil Young in sich selbst.

Robert Plant & Alison Krauss, Raising Sand, 2009

Produzent/ T Bone Burnett

Label/ Rounder Records

Die Kombination von Robert Plant und Alison Krauss war nicht zu toppen: „Raising Sand“, das erstaunliche Resultat ihrer musikalischen Liaison, bewies, dass die Stimme von Led Zeppelin und das Golden Girl des Bluegrass füreinander geschaffen waren. Mit 60 präsentierte sich Plant nicht als testosterongetriebener Gockel, sondern als gereifter Sänger, der sich nichts vergibt, wenn er der Jugend den Vorzug Iässt. Und Krauss, deren glockenhelle, ätherische Stimme sich in Songs von Tom Waits, Townes Van Zandt, Allen Toussaint, The Everly Brothers, Sam Phillips oder Gene Clark elegant um seine windet, erwies sich als perfektes Pendant.

„Raising Sand“, diese bezaubernde Exkursion ins Herz der amerikanischen Populärmusik, spürte Wurzeln nach, die sich in der Erde festkrallen, dort, wo die Grenzen zwischen Blues und Bluegrass, Country und Folk, Rock’n’Roll und Rockabilly verschwimmen. „Raising Sand“ klingt leichtfüssig und zeitgemäss. Dies war mit ein Grund für den kommerziellen Erfolg: Bis heute verkaufte das von T-Bone Burnett produzierte Album weltweit über zwei Millionen Kopien. Ein Crossover-Wurf und künstlerischer Triumph, der im Frühjahr 2009 mit fünf Grammys ausgezeichnet wurde – unter anderem als Album des Jahres.