Dave & Phil Alvin, Common Ground: Dave & Phil Alvin Play And Sing The Songs Of Big Bill Broonzy, 2014

Produzent/ Dave Alvin

Label/ Yep Roc

Einst gründeten die Brüder The Blasters aber musikalische Meinungsverschiedenheiten führten 1986 dazu das man sich trennte. Aber eines verband sie immer, die Liebe zum Blues. So kam es dann, das sie 2014 zum ersten Mal wieder zusammen ein Album aufnahmen.

Gemeinsam hauchen sie auf „Common Ground: Dave Alvin & Phil Alvin Play And Sing The Songs Of Big Bill Broonzy“ zwölf Songs aus dem umfangreichen Repertoire des 1958 verstorbenen Blues-Klassikers Big Bill Broonzy neues Leben ein. Ihre Würdigung Broonzys vereint das Beste aus beiden Welten – die so unterschiedlich nicht sind. Schliesslich besteht sogar die angeheuerte Band aus Mitgliedern der Blasters und aus Dave Alvins Liveband. Das Resultat ist kein gut gemeintes Bluesalbum weisser Buben im fortgeschrittenen Alter, sondern schiebt im Geist des zusammen generierten Roots-Rock an, dass es Phils Gesicht wieder ordentlich in Falten legt, wie damals, 1981. Ein paar Songs wie „Stuff They Call Money“ singen die beiden im Duett, den Rest teilt man sich paritätisch. Dave ist der düstere Typ, Phil hat das sonnigere Gemüt.

In der Mischung ergibt das ein grossartiges Blues- und Rock’n’Roll-Album, ohne in die Nähe eines öden Bluesrock zu kommen. Gene Taylor klimpert sein bestes Juke-Joint-Piano, Phil drückt aufs Gas, Dave geht mit oder steht auf der Bremse. Das resultiert in einer Dynamik, die alle zwölf Titel belebt. Die Musik ist dreckig, luftig, sie besitzt jenes Gefühl, das so vielen ähnlichen Alben vollkommen abgeht.

Lucinda Williams, Car Wheels on a Gravel Road, 1998

Produzent/ Roy Bittan, steve Earle, Ray Kennendy, Lucinda Williams

Label/ Mercury

Ich kannte Lucinda Williams schon, als sie 1998 ihr Album „Car Wheels on a Gravel Road“ veröffentlichte. Aber die Euphorie war etwas abgeflaut, jetzt waren Hip-Hop und andere Indie-Töne angesagt. Zum Hip-Hop gab es bei „Car Wheels“ einen Link: Die Platte hatte Rick Rubin für sein AmericanLabel aufgenommen, er verkaufte die Produktion dann aber weiter. So nackt und ehrlich die Musik hier tönt, so viel Arbeit steckt dahinter: Sechs Jahre beanspruchte das Making of. Steve Earle, der involviert war, klagte, er habe noch nie so wenig Spass bei einer Aufnahmesession gehabt.

Bisher hatte man die Songs von Lucinda in den Versionen von anderen gekannt. Nun überzeugte die Perfektionistin auch als Interpretin, mit ihrer schläfrigen, verletzlichen und manchmal aufreizenden Stimme, die immer leicht neben dem „richtigen“ Ton liegt. Hier gibt es keine Hits, aber Atmosphäre, Emotionen, Sounds. Thematisch dreht sich das Album um Verlust, Reue, Erinnerung – und um Lebenshunger und Leidenschaft. Nie hat Williams ihr Talent, aus kleinen Ereignissen grosse Songs zu machen, so überzeugend schmerzlich umgesetzt wie auf „Car Wheels“. Ein Evergreen der amerikanischen Songkultur.

Uncle Tupelo, No Depression, 1990

Produzent/ Sean Slade, Paul Q. Kolderie

Label/ Columbia Records

Uncle Tupelo waren eine verlässliche Grösse im entstehenden Americana-Genre der frühen Neunziger, Stichwort: Flanellhemd. Ihr Debütalbum „No Depression“, hatte in unnachahmlicher Weise Post Punk und Alternative Rock mit Country und Folk verbunden. Der Titel des Albums war dem gleichnamigen Song der Carter Family aus den 1930er Jahren entlehnt, den die beiden Songwriter der Band, Jay Farrar und Jeff Tweedy, zu einem musikalischen Meilenstein der Grunge-Ära umdeuteten.

Die Themen von „No Depression“ sind vorallem klassische Motive, die das Dasein in einer amerikanischen Kleinstadt, den Traum von Weggehen und die Angst vorm Ankommen berühren. Der Erfolg des Albums verdeutlichte, dass selbst die Generation Punk dem Sentiment des Country erliegen konnte, wenn dieser authentisch klang und nicht als reaktionäre Nashville-Mogelpackung daherkam.

1994 war es dann mit Uncle Tupelo vorbei, das finale Album „Anodyne“ wurde in Austin, Texas aufgenommen und enthielt auch ein Duett mit Doug Sahm. Zwischen 1995 und 2008 erschien „No Depression“ als gedruckte Musikzeitschrift, heute erscheint sie weiter als social-media-intensive Website. Auch Farrar und Tweedy machten mit ihren eigenen Folgebands weiter, insbesondere Tweedys Doppelalbum „Being There“ mit Wilco gilt als „White Album des frühen Americana.

Neil Young, My My, Hey Hey (Out Of The Blue), 1979

Text/Musik/ Neil Young

Produzent/ Neil Young

Label/ Reprise

Eine der schönsten Fähigkeiten Neil Youngs war es immer, im Pathetischen genau zu sein, wenn alle nur ein bestimmtes, Scheitern bestätigendes Pathos und Bewegung und grosse Emotionen wahrnahmen und hören wollten, etwas ganz genau zu sagen, dem sich auch die grosse Aufwallung der Gefühle in seiner Gefolgschaft zu unterwerfen hatte. Seine grosse Hymne aus dem Jahr 1979 puncht Neil Young auf dem Album „Rust Never Sleeps“ gleich beidseitig: „My My, Hey Hey (Out Of The Blue) akustisch, und „Hey Hey, My My (Into The Black)“ elektrisch.

Als Neil Young den Song schrieb, war Punk gerade passiert und der Songwriter fühlte sich alt. Youngs Sätze sind explosiv und müde zugleich: „They give you this/ But you pay for that“, und natürlich „It’s better to burn out than to fade away“, der vielzitierte Slogan, den John Lennon hasste und Kurt Cobain in seinen Abschiedsbrief kritzelte. Schwer zu sagen, ob Nachgeborene die Kraft und Autorität des Songs in dieser Intensität spüren.

Dennis Wilson, Pacific Ocean Blue, 1977

Produzent/ Dennis Wilson, Gregg Jakobson

Label/ Caribou Records


„Pacific Ocean Blue“ war das erste Soloalbum eines Beach Boys. Dennis Wilson greift die Komplexität der Teenager-Sinfonien von Brian Wilson auf, entfernt sich aber von deren sonnengetränktem, sinfonischem Sound – seine Songs sind melancholische Balladen zwischen Introversion und Pathos, und die Vokalharmonien unterstreichen den rauen und düsteren Charakter von Musik und Text. Man sitzt zwar am Strand und schaut über den weiten Ozean – der Sommer ist aber vorbei, ein herbstlicher Wind weht, die Strandbuden schliessen, die Surfer packen ihre Bretter ein, und man wird durchdrungen von einem tiefen Gefühl der Einsamkeit.

In „The River“ perlt ein Klavier leicht wie Gischt über eine starke Strömung aus Gospelstimmen, bis Rockgitarren in wuchtigen Wellen darüber hereinbrechen. In „Time“ und „Thoughts of You“ inszeniert sich Dennis Wilson als eine Mischung aus Kind und Lebemann, der sein Leben nicht ohne Reue betrachtet und den Tod vor sich sieht: „All things that live, one day must die“. Der Höhepunkt ist „Dreamer“, das von einem jazzigen Groove und einem an ein Didgeridoo gemahnenden Bass-Harmonika-Loop vorangetrieben wird.

Am Eindrücklichsten und Überraschendsten ist jedoch Dennis Wilsons Stimme. Im Gegensatz zu seinen Brüdern Brian und Carl hatte er nicht eine Engelsstimme. Auf „Pacific Ocean Blue“ klingt seine Stimme, von Alkohol und Drogen gezeichnet, roh, schmerzhaft und einsam. Der endlose Sommer ist vorbei, endgültig.

Led Zeppelin II, 1969

Produzent/ Jimmy Page

Label/ Atlantic Records

Als im Januar 1969 das erste Album der Rockband Led Zeppelin erscheint, ahnt noch niemand etwas vom zukünftigen grossen Erfolg dieser Band. Mit dem Erscheinen des zweiten Albums schafft sie dann den Durchbruch. Das Album, das sinnigerweise den Titel „Led Zeppelin II“ erhält, zählt bis heute zu den erfolgreichsten Alben der Band. Es hat den Stil des ersten Albums, basiert somit auf einer Mischung aus Folk -und Rockmusik. Zeitgleich ist es Vorreiter des späteren Heavy Metal. Andere Musiker lassen sich von seinem Sound inspirieren. Rockbands wie Deep Purple und Van Halen gehören zu den bekanntesten Led-Zeppelin-Anhängern.

Auf „Led Zeppelin II“ gibt es bekannte Stücke wie beispielsweise „Whole Lotta Love“ und „Heartbreaker“. Beide Stücke sind durch ihre einprägsamen Gitarrenriffs gekennzeichnet. „Whole Lotta Love“ ist zudem der einzige Titel des Albums, der je als eine Singleversion erscheint. Das Stück „What Is And What Should Never Be“ diente der Band dazu, ein paar neue Ideen auszuprobieren. Es wird durch eine aussergewöhnliche Bassmelodie gekennzeichnet.

Pete Townshend & Ronnie Lane, Rough Mix, 1977

Produzent/ Glyn Jones

Label/ Polydor

„Rough Mix“ ist ein sehr schönes, ruhiges, warmes Album mit vielen akustischen, volkstümlichen Tönen. Als Duo sind Townshend und Lane nur auf einem Song zu hören („Heart To Hang On To“), der noch am stärksten an Who-Aufnahmen erinnert. Aber auch schon das erste Stück „ My Baby Gives It Away“ wäre mit Daltrey’s Stimme leicht eine Who-Nummer geworden, ebenso wie „ Keep Me Turning“. Ausser beim Titelstück dominieren akustische Instrumente, Mandolinen, Banjos, Harmonika, Akkordeon, Dobro und ein ganzes Streichorchester bei Townshends „Street in The City“.

Townshends Songs sind die komplizierteren auf „Rough Mix“ und mir gefallen die verhältnismässig einfachen und überzeugend von ihm selbst gesungenen Versionen. Dennoch haben mich am meisten die Lieder von Ronnie Lane berührt. Eines davon heisst „April Fool“, hat eine wunderhübsche Melodie und wird von Ronnie in der dünnen knödeinden Stimme gesungen, die an Dylans „Nashville Skyline“ und „New Morning“ erinnert. Far out!

David Lowery, The Palace Guards, 2011

Label/ Blue Rose Records

Produzent/ David Lowery, John Morand, Alan Weatherhead

So richtig oben angekommen ist David Lowery weder mit der Band Camper van Beethoven, noch mit dem Anfang der Neunzigerjahre gegründeten Projekt Cracker. Als Lowery seinerzeit merkte, dass Camper van Beethoven nur ein auf Ironie und Kennerschaft getrimmtes Studentenpublikum erreichen konnte, entwarf er mit Johnny Hickman zusammen ein Konzept, wie zeitgemässe Rockmusik der Neunziger sich anhören sollte. Dieser Reissbrett-Rock entpuppte sich nach anfänglichen Erfolgen aber auch nicht tragfähig genug, um aus Lowery den Tom Petty seiner Generation zu machen.

Dann hat man von dem 1960 von einem amerikanischen Luftwaffe-Offizier und einer englischen Working-Class-Hausfrau geborenen selbstbezogenen, oft bekifften und betrunkenen Alternativ-Rockstar lange nichts mehr gehört – der Mann schien verschwunden zu sein. Doch Lowery hat das Pferd noch einmal aufgezäumt. 2011 erschien sein erstes Solo-Album: „The Palace Guards“ ist ein Wunderwerk der Nicht-Authentizität, eine von Tumbleweeds durchwehte, von Leuchtreklamen bestrahlte Wunschbiographie mit politisch gemeinten Texten wie sie in den USA als links durchgehen. Die Musik dieses Mannes ist tadellos ausgeführt und kommt aus ganzem Herzen. Yee-haw!

Wreckless Eric, England Screaming, 2025

Produzent/ Eric Goulden

Label/ Tapete Records

1985 war Wreckless Eric auf dem Tiefpunkt: Sein Alkoholkonsum und sein notorischer Misserfolg forderten ihren Tribut. Unter dem Namen Captains of Industry nahm er das Album „A Roomful of Monkeys“ auf, mit dem niemand glücklich war. Er bezeichnet es als „insipid, half-arsed affair“. Die Songs aber waren an und für sich gut, und deshalb hat Wreckless Eric das Album unter eigenem Namen und quasi im Alleingang neu eingespielt.

Neuaufnahmen alter Songs und Alben überzeugen in den seltensten Fällen – aber hier herrschen Freude und Begeisterung. Wreckless Eric hat die Qualitäten dieser Songs freigelegt, sie sind ruppig und rau, klangen kraftvoll und direkt, und er bringt die Melodien – ausnahmslos Ohrwürmer – zum Leuchten. Meistens besingt er mit seiner nasalen Stimme die kleinen wichtigen Freuden und Leiden normalsterblicher Menschen – 1985 sezierte er überdies mit Sarkasmus ein sich im Individualismus auflösendes Britannien, was seinen Songs heute eine unvermutete Aktualität gibt. In erster Linie aber gibt es auf England Screaming“ neun zeitlose Popsongs, die – typisch für Wreckless Eric – melancholisch und fröhlich zugleich klingen.

Bildschirmfoto 2021-11-18 um 08.44.24

Ian Dury & The Blockheads, Sweet Gene Vincent, 1977

Text/Musik/ Ian Dury, Chas Jankel

Produzenten/ P. Jenner, L. Latham, R. Walton

Label/ Stiff

Ian Dury beschreibt seine Einflüsse als „die Labels Stax und Motown, Max Miller und viel Fernsehen“, aber häufig diente ihm Gene Vincent als Inspiration. Es war nach Vincents Tod 1971, dass Dury seine erste Band gründete, Kilburn & The High Roads, und neben der Musik prägte ihn auch die elegante Bühnenerscheinung seines Idols ( vorallem dessen schwarze Lederhandschuhe). Dury, der selbst aufgrund von Kinderlähmung gehbehindert war, beteuerte, dass ihn zuerst Genes Stimme und Gesangsstil fasziniert hätten und er erst später dessen Beinschiene bemerkte.

Dury Hommage „Sweet Gene Vincent“ erschien auf seinem ersten Soloalbum „New Boots und Panties!!“ und war die einzige Single-Auskoppelung. Durys Text ist verspielt und lebendig, mit raffinierten Querverweisen auf Vincent-Songs wie „Blue Jean Bop“, „Who Slapped John?“ und „Be-Bop-A-Lula“. Co-Autor Chas Jankel erzählte, dass die Aufführung des ersten Textentwurfs – dank Durys ausgiebiger Recherche über Vincent – mehr als 15 Minuten lang gewesen wäre. Der Text ist vollgestopft mit Wortspielereien und Anspielungen auf Essex und Ostlondon, alles in breitem „Estuary English“, das kaum jemand verstand, die Amerikaner erst recht nicht, weswegen das Album samt „Sweet Gene Vincent“ ein sehr englischer Erfolg geblieben ist.