Dire Straits, 1978

Produzent/ Muff Winwood

Label/ Warner Bros.

Dass das Debüt gleich ein zeitloser Klassiker wird, hat bei der Veröffentlichung niemand geahnt. Es dauerte fünf Monate, bis die Single „Sultans of Swing“ in den US-Charts Fuss fasste. Schliesslich waren die Dire Straits die Sperrspitze einer neuen Brit-Invasion mit The Police und Elvis Costello. Auf Tourneen überzeugte die Band ihr Publikum mit ihrer Live-Energie, das Album wurde weltweit bekannt. Kein Wunder, auf „Dire Straits“ ist alles schon da, was ein gutes Album vom Mark Knopfler ausmacht: die Geschichten aus dem Alltag, Songs über Probleme mit Frauen, Finanzen und der Wohnung. Dazu kommt Knopflers nuschelnder Sprechgesang und sein unverkennbares Gitarrenspiel. Der Unterschied zu heute: Die Scheibe hat an den entscheidenden Stellen den nötigen Punch, während sich heute Knopfler gerne laid back zeigt.

„Dire Straits“ ist einfach gute Musik, die man immer wieder hören kann. Auch nach 45 Jahren fällt mir dazu nichts Neues ein, ausser dass man doch mal „Live at the BBC“ hören sollte, wo die Band „Dire Straits“ vor der Veröffentlichung schon live aufgeführt hat.

Lou Reed, Street Hassle, 1978

Produzent/ Lou Reed, Richard Robinson

Label/ Arista

Ein Teil von Lou Reeds „Street Hassle“ wurde 1977 live in München und Ludwigshafen aufgenommen (das Publikum wurde rausgemischt). Das Album war binaural abgemischt, ein Versuch, die 3D-Studioatomsphäre in Stereo hinzukriegen, was erst durch das digitale Multitrack-Verfahren von heute gelingt. Im Hintergrund quengelt sich eine hart rockende Band durch zwei, drei Akkorde, darüber honkt gelegentlich ein Saxophon. Vorne ist Lou. So cool, dass er kaum den Mund aufmacht, so aufgeschwemmt und mit Drogen vollgepumpt, dass sein Gesang hechelnd und daher übertreibend geil wirkt. Der Popstar am Scheideweg: Ertrinken oder Schwimmen. Lou Reed entschloss sich bald nach „Street Hassle“ zu schwimmen, zu heiraten, zum Klassiker zu werden, ja sogar zum Gutmenschen. Aber zu „Street Hassle“-Zeiten war ihm ein issue noch ein Tissue, mit dem man sich den Hintern wischt: Downtown-Manhattan-Ennui at its best. Höhepunkt ist das elfminütige Titelstück, eine Punkrock-Suite über Liebe, Sex und „Waltzing Mathilda“, das Lied der Australier. Hat noch keiner besser gemacht.

Tom Verlaine, Warm and Cool, 1992

Produzent/ Tom Verlaine

Label/ Rykodisc

Tom Verlaine war das missing link zwischen der Pop-Art-Welt der 60er und Punk. John Cale, Patti Smith, Leute von Ramones und MC5 waren mit ihm befreundet. Als Sänger, Gitarrist und Poet der Band Television war er das Gross-Talent, der gerngesehene Session-Gitarrist, der Produzent, ein Musiker für Musiker, aber keiner für die Massen. Sein Gitarrenspiel ist ein Markenzeichen und Muster für andere, schimmernde Klänge, sich langsam brechende Kaskaden, die wie Luftspiegelungen auf heisser Fahrbahn oder wie Scheinwerferlicht auf nasser, nächtlicher Strasse flirren und irrlichtern.

Bestimmt kein Zufall, dass Verlaine so ein Photo als Cover für seine Instrumentalplatte „Warm and Cool“ ausgewählt hat. Das Album ging damals unter, ich weiss auch nicht: Instrumentale Rockmusik der 90er muss wohl anders klingen, mehr nach Chicago und nach Jazz und nicht so sehr nach Cowboystiefeln, die auf Grosstadtpflastern schiefgelatscht werden. Für mich bleibt Tom Verlaine der Ry Cooder seiner Generation, ohne dessen diplomatische Ader und völkerverbindende Art, mehr so ein One-Man-Soundtrack für den Film des Lebens.

Big Brother and the Holding Company, Cheap Thrills, 1968

Produzent/ John Simon

Label/ Columbia

In erster Linie ist das ein Album von Janis Joplin. Mit ihrer gutturalen, erdhaften, eindeutig vom Blues her kommenden, dennoch wandlungsfähigen Stimme dominiert sie. Wenn man sie in „Ball And Chain“, ihrer Paradenummer hört, hat man das Gefühl, dass sie ein weisses Gegenstück zu Bessie Smith oder Big Mama Thornton ist.

Die übrigen Mitglieder der Band sind nicht schlecht – einer der beiden Leadgitarristen, James Gurley nämlich, spielt teilweise unglaubliche Gitarrensoli, etwa das Intro zu „Ball And Chain“ – doch sie stehen alle im Schatten von Janis Joplin. Wahrscheinlich wäre die Band ohne Janis eine sehr gute Gruppe geworden, doch mit ihr wurde sie zur blossen Begleitband degradiert.

„Cheap Thrills“ – ursprünglich „Sex, Dope & Cheap Thrills“ benannt, doch die Firma fand den Titel zu anstössig, ist ein Album, das ich immer wieder gern höre. Aus der heutigen Perspektive betrachtet, ist es eine Zeitkapsel des Jahres 1968. Dieses Jahr markierte wohl den Moment, als Big Brother, Janis und die ganze LSD-getränkte, komplett überdrehte Frisco-Szene der 60er überkochte. Das Cover stammt übrigens von Robert Crumb und kommt auf der Vinyl-Platte natürlich besser zur Geltung.

The Traveling Wilburys, Volume One, 1988

Produzent/ Otis Wilbury, Nelson Wilbury

Label/ Wilbury

Auf der Innenhülle findet man das Märchen von den Traveling Wilburys (die Zunft der Wandermusikanten), deren Geschichte eng verbunden ist mit der Musikentwicklung schlechthin. Denn, nachdem sich eine bemerkenswerte Musikkultur entfaltet hatte, brach die Industrialisierung über sie herein, fast alle Wilburys kamen unter die Räder, wurden Frisöre oder TV-Werbespot-Darsteller. Die Medienkanäle beherrscht seither Eintönigkeit. Deshalb ist eine handvoll überlebender Wilburys ausgezogen, das einst begonnene Werk fortzuführen – so die die Essenz der Story.

Natürlich ist man alternativ und schliesst sich um „independent“ unabhängig von amerikanischen Grosskonzernen zu sein, dem fiktiven bulgarischen Label „Wilbury“ an. Traveling Wilburys-Sound ist unbeeinflusst von Modetrends, verbannt weitgehend Maschinenmusik und klingt nach frischem Drive, sonniger Melodik und Schmacht-Pop. Für den besten Kontrast sorgt Bob Dylan. Bei fünf Gitarristen scheppern gehörig die Saiten, auch mal in Slide-Technik, die fünf Sänger wechseln sich als Solisten ab, der Rest fungiert als Chor wie in seligen Beatles-Zeiten. Bei den Traveling Wilburys findet sich ein guter Dreh, dekadenten Erscheinungen der Branche mit Witz (Selbstironie nicht ausgenommen) den Spiegel vorzuhalten. Sie mogeln sich nicht an den schlimmen Problemen der Zeit vorbei, singen aber gegen Pessimismus und Passivität an. Deshalb hat das Album eine freundliche und optimistische Stimmung und die Rockliedchen strahlen aus, dass es den alten Kumpels Spass gemacht haben muss. Leider nahm das Projekt dann durch den plötzlichen Tod von Roy Orbison eine jähe Wendung. Das „Volume Two“ musste ohne ihn eingespielt werden.

The Velvet Underground, After Hours, 1969

Text/Musik/ Lou Reed

Produzent/ The Velevet Underground

Label/ MGM Records

Letzthin fiel mir der Anfang einers Songtexts ein: „If you close the door, the night could last forever. Keep the sunshine out and say hello to never“. Wer hat das gesungen? Eine Frauenstimme, so viel weiss ich noch. Die Stimme klingt jung, weich und verletzlich. Plötzlich habe ich sie wieder im Ohr. Der Song ist schon alt, er entstand Ende der 60er Jahre. Die Frau trug damals einen braunen, glatten Umhang aus Haar. In der Mitte gescheitelt. Die Stimme klingt echt, einfühlsam, doch der Song, ist kein Klagelied, dafür ist die Melodie zu harmlos und zu fröhlich. Und jetzt fällt mir auch der Name der Sängerin wieder ein. Das war Moe Tucker, die Schlagzeugerin der Velvet Underground, die aussieht wie ein Mann. Eigentlich sieht sie aber aus wie gar nichts, jedenfalls nicht so wie ihre Stimme. Nach dem Ende der Band hat sie eine Zeit lang als Kassiererin bei Walmart gearbeitet.

The Clash, Complete Control, 1977

Text/Musik/ Joe Strummer, Mick Jones

Produzent/ Lee „Scratch“ Perry

Label/ CBS

Was sagen einem heute Songs, die wesentlicher Bestandteil der Jugend waren. Mit geballter Faust vor dem Computer sitzen, „Complete Control“ hören und sich vorkommen wie ein Boulevard-Journalist beim Abfassen einer „70er-Punk-Story“. Ich erinnere mich noch an die Fahrt nach Lausanne mit Pädu an das  Konzert von Clash 1981 im Palais de Beaulieu. Dort, wo ein paar Typen versucht haben Strummer von der Bühne zu ziehen und der mit der Gitarre um sich schlug. Zerdepperte Bierflaschen auf der Eingangstreppe und eine Schmierpizza am Verpflegungsstand und sich unheimlich Urban-Guerilla-mässig vorkommen. Klar, das wussten wir doch damals schon, dass die in England Punk schon hinter sich hatten. Es war dann auch schon fast ein absolut nostalgisches Konzert mit allen wilden, wüsten Hits, Fussballchören und Strummer-Hymnen. „Complete Control“, ein feiner Punkrocksong, auch heute noch hörbar. Stay free, Buddy. Die Welt ist nicht besser geworden.

Jerry Garcia Acoustic Band, Almost Acoustic, 1987

Produzent/ Sandy Rothman

Label/ Grateful Dead Records

Diese Platte ist nun schon fünfunddreissig Jahre alt, aber was macht das bei Musikern, die zusammengelegt, so alt sind, dass sie eine Strecke von Genf nach Romanshorn ergäben. Jerry Garcia hat mit seiner Prä-Grateful-Dead-Band und drei weiteren Freunden 1987 ein akustisches Doppelalbum live aufgenommen. Sechsminütige Traditionals und Songs, die zusammen älter sind als die Magna Carta, ein Grateful-Dead-Stück („Ripple“) und ein Traditional, den es auch von den Dead gibt ( das unglaubliche „I’ve Been All Around This World“), unter anderem sind auch Blues- und Country-Standards von Mississippi John Hurt und Elizabeth Cotton.

Die Besetzung (zwei Gitarren, Standbass, Fiedel, Dobro oder Mandoline und Snare erinnert ein wenig an Garcias andere Country-Band aus den mittleren 70ern Jahren „Old and in the Way“, bei der David Nelson und John Kahn auch dabei waren. Falls man aber bei solcher Musik BPM-Zahlen ermitteln könnte, lägen sie hier bei einem Drittel der Blue-Grass-lastigen Songs bei circa 30 BPM im Schnitt.

Diese Musik ist noch vielviel älter und im Weg, als ich mir das damals als blühender Mitdreissiger vorstellen konnte. Und das Tolle ist, es ist die schönste, friedlichste und freundlichste Musik, die je gemacht wurde: sie lehrt dich den Unterschied zwischen alt und dated; denn dated ist sie nicht, nur so völlig unfassbar alt, zwanzig Jahre älter als jede Vorstellung und Tolstoi in seinen letzten Momenten. Die ungehetzteste Musik aller Zeiten.

Ich danke an dieser Stelle Alexander für das anspruchsvolle und entspannte Gitarren Zusammenspiel jeden Monat über so viele Jahre.

John Lennon, Walls And Bridges, 1974

Produzent/ John Lennon

Label/ Capitol Records

„Walls And Bridges“ ist zwar nicht das, was ich einen Heuler nennen würde – dazu ist es einfach zu seriös und ernsthaft – aber dafür hat es mehr Substanz als die neuen Alben, die ich in letzter Zeit gehört habe. „Walls And Bridges“ ist ein Album, das ich in diesem Winter wiederentdeckt habe, eine „Stimmungsplatte“ in vielerlei Hinsicht. Nicht nur, weil so sanfte Songs wie „Nr. 9 Dream“ darauf sind, sondern auch wegen der harten Sachen wie „What You Got“ oder „Whatever Gets You Thru The Night“, wobei mich das letztere mit seinen schrägen Saxophonpassagen irgendwie an Junior Walker erinnert, auch gewisse Anklänge an Stevie Wonder oder Booker T. & The M.G.’s sind nicht zu überhören.

Es ist faszinierend, wie Lennon es geschafft hat, eine Bläsergruppe, die vielen Streichern und die Plastic Ono Nuclear Band auf allen Stücken so unter einen Hut zu bringen, dass ein Song, der funky sein soll, eben wirklich funky ist und nicht etwa überladen. Und dass die gleichermassen verträumten und melancholischen Lieder ebenso wie die verbitterten und gequälten eben wirklich verträumt oder melancholisch oder verbittert und gequält wirken, ohne jemals durch die doch recht vollgepackten Arrangements ins Kitschige und Süssliche abrutschen. Fred Ghurkin alias Dr. Winston O’Boogie alias John Lennon war halt einer der wenigen Leute im Showbiz, die sich redlich Mühe gegeben haben, sich selbst in ihrer Musik zu verwirklichen.

Uriah Heep, Look At Yourself, 1971

Produzent/ Gerry Bron

Label/ Bronze

Die Scheibe ist von 1971 (da war ich gerade 18 Jahre alt und schwänzte die Berufsschule) und war schon durch das Cover ein echter Hingucker. Unter den beiden Augen in der oberen linken und rechten Ecke befand sich eine reflektierende Folie, in der der Betrachter sich – wie in einem Spiegel – selbst sehen konnte.

Mit dem Titelsong geht es gleich mächtig los, ein Hochgeschwindigkeitsrocker, getragen von Ken Hensleys wildem Orgelgedröhle und den krachigen Gitarrensolos von Mick Box. An den Aufnahmen war übrigens die afrikanische Band Osibisa beteiligt, die einen wilden Percussionsteil beisteuerte. Der längste Track auf dem Album ist „July Morning“, der mit einem stimmungsvollen Orgel-Riff beginnt, zu dem sich Gitarre, Drums und Bass gesellen und schliesslich den eigentlichen Song, eine gefühlvolle und melancholische Ballade einleiten, der in einen fast epischen und symphonischen Rocksong übergeht. Dank der 10 Minuten Spielzeit ist hier auch allerlei Platz für musikalische Spielereien und ausgefeilte Übergänge sowie einen interessanten Instrumentalteil gegen Ende des Songs: zu Hensleys Orgelriffs kommt ein schräges und wildes Synthesizer-Solo, gespielt von Manfred Mann.

Die Musik ist alles in allem einfach ein Stück Zeitgeschichte. „Look At Yourself“ hat mir gefallen. Vielleicht das beste Album von Uriah Heep, in jedem Fall aber eines der besten drei, leider war dann nach 1972 weitgehend die kreative Luft raus.