Michelle Shocked, Captain Swing, 1989

Produzent/ Pete Anderson

Label/ Mercury

„Captain Swing“ meint: „Swing is a feeling… Everything else is just style.“ Da kann man noch den Blues ergänzen, aber vom Prinzip her stimmt es. „Captain Swing“ ist nach meinen Kenntnissen die dritte Scheibe von Michelle Shocked, dem Chamäleon der Rockmusik. Jedes mir bekannte Album hat einen anderen Stil. Mal rockt es, dann sind es wieder leisere Töne der Songwriterin und Blues gibt es auch. Sie kam aus der Punkszene und war politisch so engagiert, dass ihre Eltern sie in die Psychiatrie einwiesen. Man konnte nie erahnen was kommen wird. Eines gemeinsam haben ihre Alben: sie sind durchweg von hoher Klasse und einen echten Ausfall bei den Songs gibt es nicht. Ab und zu fiel auch ein Song für die Charts ab, wie z.B. „Anchorage“.

Mit „Captain Swing“ holte sich Michelle Shocked den Jazz der 1940er und 1950er Jahre in das Jahr 1989. Für viele ihrer Anhänger war das Album eine Enttäuschung. Erwartet wurden Folk, Rock oder Punk, mit Jazz rechnete niemand. Der Erfolg war daher auch nicht so berauschend. Wie nicht anders zu erwarten, wurden sämtlich Songs von Michelle Shocked komponiert und getextet. Sie holte sich bei den meisten Songs zwar Bläser, es gibt aber auch Songs in kleiner Besetzung. Bei „Silent Way“ hört man eine Geige und akustische Gitarren so wie man es von Stephane Grappelli und Django Reinhardt kennt. Es gibt auch Bluesrock auf dem Album mit hervorragenden Gitarrensoli, eigentlich für jeden etwas. Der letzte Song trägt den Titel „Mystery Song“. Es könnte Absicht gewesen sein, denn hier wird nicht geswingt sondern gebluest. Der Stil erinnert an den Texasblues, aus Texas stammt die Dame auch. “My Little Sister” und “On The Greener Side” sind zwei Songs, die für mich in diesem Album weit oben stehen.

The Go-Betweens, 16 Lovers Lane, 1988

Produzent/ Mark Wallis

Label/ Beggars Banquet

„16 Lovers Lane“ von den australischen The Go-Betweens ist ein herrlich unspektakuläres Album, das ich in dieser Jahreszeit immer wieder gerne höre. Schon allein der uplifting fröhliche Song „Streets of Your Town“ löst bei mir Frühlingsgefühle aus. Da ist diese lüpfige Melodie, die tolle Akustikgitarre, der Singalong-Refrain „Round and round, up and down / Every day I make my way, through the streets of your town“. Ein totaler Ohrwurm, der mich auch 38 Jahre nach Erscheinen fragen lässt, warum dieser Knaller nie ein grosser Hit geworden ist? Geschrieben hat den Song der leider verstorbene Grant McLennan, angeblich innerhalb kürzester Zeit zusammen mit seiner damaligen Freundin Amanda Brown, der hübschen Go-Betweens-Geigerin. Das Stück war ihr wohl „grösster kommerzieller Versuch“, wie McLennans Songschreiber-Partner Robert Foster einmal erzählte. Leider wurde es kein Hit.

Alle zehn Songs auf „16 Lovers Lane“ haben eine Magie, die schwer zu beschreiben ist. Auch wenn die Musik sehr einfach konstruiert ist, wird sie immer süchtiger machend, je man öfter man die Platte hört. Vielleicht liegt es daran, dass es verdammt schwer ist einfache und simple Musik zu machen, die nicht nach dem zweiten Hören anödet, sondern nur noch Lust auf Mehr macht.

Lucio Dalla, Canzoni, 1996

Produzent/ Mauro Malavasi

Label/  BMG Ricordi

Lucio Dalla ( 4. März 1943 – 1. März 2012) war ein italienischer Sänger, Saxofonist und Pianist und er ist neben Poalo Conte mein Favorit in der neueren italienischen Musik. Alle Lieder auf diesem Album sind sehr gut. Alle Lieder haben poetische Texte,  tief eingebettet in die italienische Musiktradition, aber zeitgemäss genug, um im internationalen Musikgeschehen mithalten zu können. Die Musik  ist teilweise von absoluter Schwerelosigkeit – traumhaft im wahren Sinne des Wortes unterstützt sie die verbalen Aussagen der Lieder mit ungewohntem Nachdruck. 

Das wichtigste Instrument auf diesem Album, daran lässt die Produktion keinen Zweifel, ist die Stimme Dallas,  die Geschichten erzählt. Geschichten über die Nacht, den Tod und die Sterne, diese magische Kombination. Und über die Menschen natürlich. Über Menschen, die nicht wissen, ob sie ihr Leben in Stücke hauen sollen oder ob sie den Zug mit ihren Händen aufhalten sollen. Mich fasziniert die knappe Sprache und die Intensität der Bilder, die sie hervorbringt. Dalla spielt keine Patentlösungen vor, seine Lieder sind keine Märchen mit Happy End. Sie zeigen universelle Probleme und Situationen des Alltags. Kritisch aufbereitet, aber mit viel Humor und Verständnis auf den Punkt gebracht.

Neil Young, Mirror Ball, 1995

Produzent/ Brendan O’Brien

Label/ Reprise

Harte energetische Rockklänge bestimmen den Ton, darüber liegt Youngs Jammern, was dem Ganzen einen unüberhörbaren Geschmack von Bitterkeit und Enttäuschung verleiht. Der struppige Grübler, der damals von sich sagte, er habe keine Zeit für Perfektion, er sei nur mit Leidenschaften und Gefühlen befasst, markiert einen radikalen Gegenentwurf zur gängigen Popszene der 1990er. Gefühl und Härte kamen in neuer Verpackung mit Nostalgieschleifchen auf den Ladentisch.

Neil Young fesselt letztlich als schräge mutige Person mehr denn als Musiker. Ein Mann mit Woodstock-Geschichte steht in seinen späten Jahren wieder im Rampenlicht, ein Getriebener, dem man auch seine Drogenkarriere ansieht, ein oft verwirrt wirkender Grübler, der auf ein letztlich nicht wirklich von Love & Peace getragenes Hippiedasein zurückblicken kann. Gerade das machte ihn zu einem Idol mit Tragik und Tiefgang, das zeigt, wie nah der Rock’n‘Roll doch immer auch gleichzeitig am Abgrund entlang segelt. Dass Kurt Cobain diesen verzweifelten Protestgestus dankbar aufnahm, zeigt, dass auch die junge Generation mit Depressionen, Drogen und Krankheiten zu kämpfen hatte. Die Strassen durch Amerika, die in den 1950ern und 1960ern noch so viel Freiheit versprochen hatten, führten für diese Künstler nicht mehr ins Licht, sondern über die „road to nowhere“ schnurstracks in die Hölle.

Simon and Garfunkel, Richard Cory, 1966

Text/Musik/ Paul Simon

Produzent/ Bob Johnston

Label/ Columbia Records

Der Song wird aus der Perspektive eines Arbeiters erzählt, der in Corys Fabrik schuftet, so dass die Beziehung des Arbeiters und der Reichtum Corys in eine unmittelbare Beziehung gesetzt werden. Richard Cory ist in eine reiche Familie hineingeboren und dann noch als einziger Erbe. Seinen wirtschaftlichen Erfolg verdankt er auch seinen Beziehungen zu Politikern, die die er dank seines Vermögens schmiert. Er ist ein Mann der Gesellschaft, aber die Orgien auf seiner Jacht haben etwas Zwiespältiges. Dass er ganz uneigennützig für wohltätige Zwecke spendet, nimmt man ihm auch nicht ab.

Der Arbeiter jedoch möchte nicht dieses System abschaffen oder reformieren, sondern er ist einfach neidisch. Er möchte an Corys Platz – mit der logischen Konsequenz, dass er der Kapitalist sein wird, der seine Kollegen ausbeutet. Wie pervers dieser Neid ist, zeigt sich im letzten Refrain: Der Tycoon schiesst sich eine Kugel durch den Kopf – wir wissen nicht warum. Sind plötzlich seine Aktien an der Börse abgestürzt? Steht er vor der Insolvenz? Droht im eine Verhaftung wegen Wirtschaftskriminalität? Ist ihm die Frau weggelaufen? Der Arbeiter weiss es auch nicht, aber sein Neid macht ihn so blind, dass er immer noch an Corys Stelle stehen möchte. Hauptsache reich sein, auch wenn der Reichtum zum Selbstmord führt.

Eric Burdon & The Animals, Good Times, 1967

Text/Musik/ Burdon, Briggs, Weider, Jenkins, McCulloch

Produzent/ Tom Wilson

Label/ MGM Records

„Wenn ich an gute Zeiten denke, dann kommt es mir vor, als hätte ich genau das Falsche getan und meine Zeit vergeudet. Habe getrunken, statt nachzudenken, mich beklagt, anstatt die Dinge zu ändern, oder ich habe einfach nur nutzloses Zeug geredet“. Der Beizenschluss liess sich damals nur irgendwie auflösen, indem man gemeinsam zu jemandem nach Hause ging und dann Platten hörte. Richtig gute Musik. Zum Beispiel „Winds Of Change“ aus dem Jahr 1967.  Das Album passte gut zum Geist der Sechziger, als man alles in Frage gestellt hat, Autoriäten zum Beispiel oder den Konsum und die Oberflächlichkeit. Damals waren viele Menschen politisch sehr aktiv und haben für mehr Gerechtigkeit gekämpft.

The Pogues, Rum Sodomy & the Lash, 1986

Produzent/ Elvis Costello

Label/ Stiff Records

Mal ehrlich, haben Sie nicht manchmal Lust cool an der Theke zu stehen? Saufen, gröhlen, hässlich sein? Juckt es nicht manchmal Fussballchöre anzustimmen und „You’ll Never Walk Alone“ zu johlen? Aber die Zeiten sind eben nicht mehr danach, und so müssen wir uns halt mit dem Pogues zufriedengeben um das Geheule vom verdrängten Proll im tiefsten Inneren anzuhören. Und so legen wir „Rum Sodomy & the Lash“ auf und sagen, isch doch aues nid so schlimm, diese verrückten englischen Iren lassen sich das Singen auch nicht verbieten. Die Platte ist gut, schliesslich wurde sie von Elvis Costello produziert, der weiss was gut ist…

Von den zwölf Songs eignen sich jedoch nicht alle zu therapeutischer Behandlung von Biertisch-Neurosen. „The Gentleman Soldier“ und „The Band Played Waltzing Matilda“ sind Lieder vom Krieg. Erzählungen von kleinen Soldaten, hart aber wahr. Ebenfalls verhalten, aber Balsam fürs Herzeleid ist „A Pair Of Brown Eyes“, gut geeignet für Bauern-Hochzeiten, wenn drei Viertel der Gäste schon unter dem Tisch liegen und nur noch der Pfarrer und das Brautpaar fit sind. Und von der epochalen Version des Ewan MacColl-Klassikers „Dirty Old Town“ muss ich erst gar nicht sprechen. Durch Folklore zu mehr Lebensglück mit den Pogues.

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John Lee Hooker, Dimples, 1956

Text/Musik/ John Lee Hooker

Produzent/  Jeff Palo

Label/ Vee-Jay Records

Als John Lee Hooker im August 1955 das Vee-Jay Tonstudio in Chicago betrat, war er bereits ein angesehener Mann. Einige seiner Singles hatten sich gut verkauft, zwei waren auf Platz 1 der amerikanischen R&B-Charts gelandet. Doch an diesem Tag sollte seine Karriere eine Wendung nehmen. Der Vertrag, den er beim Vee-Jay-Label  unterschrieb, hatte ihm für die erste Aufnahme-Session eine Begleitband ins Studio bestellt. Doch es gab da ein kleines Problem, das die engagierten Musiker nervös machte: John Lee Hooker hatte bis dahin noch nie mit einer Band gespielt. Dementsprechend ergaben sich während der ersten Aufnahmen gewisse Timing-Probleme. Hookers Rhythmusgefühl war ebenso einzigartig wie sein ganzer Stil. Er hackte auf seiner elektrischen Gitarre den Takt, Gitarrist Eddie Taylor, Bassist George Washington und Schlagzeuger Tom Whitehead versuchten, so gut es ging, zu folgen.

Im Verlauf des zweiten Aufnahmetermins waren sie bereits so weit, dass sie die rhythmischen Kaprizen von John Lee hervorsehen und antizipieren konnten. An diesem Tag wurde auch das Stück „Dimples“ eingespielt. Es dauert zwei Minuten und neun Sekunden und ist die Essenz eines perfekten Popsongs, mitsamt Hookline, treibendem, simplem Beat, einer Ohrwurmmelodie, in welcher eine Dame mit Grübchen um die Mundpartie angehimmelt wird. Und dann ist da diese Stimme von John Lee Hooker, wundersam zwischen Beseeltheit und Stoizismus oszillierend, eine Stimme, welche nicht nur die Blues- und Soul-, sondern die ganze Popgeschichte mitprägen sollte.

Van Morrison, T.B. Sheets, 1973

Produzent/ Bert Berns

Label/ Bang Records

Persönliche Differenzen bereiteten der irischen Band Them nach einer erschöpfenden US-Tournee 1966 ein Ende. Bert Berns, der kurze Zeit Manager von Them war und deren Hit „Here Comes The Night“ geschrieben hatte, hatte inzwischen in den USA sein eigenes Label Bang Records gegründet. Er lockte Van Morrison 1966 erneut über den Teich und bot ihm an, ihm bei seiner Solokarriere zu helfen. Morrison nahm unter anderem den Song „Brown Eyed Girl“ auf, der ihm überraschenderweise einen Top-Ten-Hit bescherte.

Aber Berns Machenschaften waren eher von einer undurchsichtigen Art, und aus den Songs, die Van Morrison als geplante Singles aufgenommen hatte, machte der Label-Chef ein Album, das er ohne Absprache mit dem Sänger unter dem Titel „Blowin‘ Your Mind“ (1967) veröffentlichte. Es kam noch zu einer weiteren Session, bei der der frustrierte Morrison erneut feststellen musste, dass ihm alles aus der Hand genommen wurde. „The Best Of Van Morrison“ (1967) bot eine willkürliche Zusammenstellung älterer und neuerer Aufnahmen. Unter den Aufnahmen der beiden Bang-Sessions finden sich frühe Fassungen von Songs, die er auf „Astral Weeks“ in neuen Arrangements veröffentlichte, aber auch leichte, fast unschuldige Pop-Perlen wie „Ro Ro Rosey“. Höhepunkt dieser Session war das fast zehnminütige „T.B.Sheets“, eine Reflexion über Schuld, Ekel und Mitleid angesichts des Dahinsiechens der tuberkulosekranken Freundin – ein bedrückend faszinierender Ausblick auf die klaustrophobische Welt von „Astral Weeks“. Bereits hier taucht das bei Van Morrison immer wiederkehrende Radio-Motiv auf: Bevor der Erzähler die Kranke verlässt, schaltet er ihr noch das Radio an. Der Trost kommt immer nur aus der Ferne, Musik als die grosse Heilerin des Schmerzes.

Für „T.B. Sheets“ blieb der erhoffte Erfolg allerdings aus, denn die geniale Morbidität des Songs wollte so überhaupt nicht in die blümchenliebende Hippie-Zeit passen. Bert Berns starb Ende 1967 an einem Herzinfarkt – für Van Morrison eine Erleichterung, schliesslich hatte sich so das Vertragsproblem von allein gelöst.

Bob Dylan, Infidels, 1983

Produzent/ Bob Dylan, Mark Knopfler

Label/ Columbia

Ich habe mich damals darüber geärgert, wie das Album in der Schweizer Radiosendung „Sounds“ vorgestellt wurde. Da wurde von zwei sogenannten „Dylanologen“ gerupft und gezupft und gefummelt, dass es keine Lust mehr war: „Was meint er wohl damit? Und voilà, da hat er zum ersten Mal starke innere Konflikte (Schizophrenie?) im Lied „I And I“ – und dann ist er Zionist („Neighborhood Bully“), und dann hat er eine Wandlung durchgemacht, die radikaler nicht sein könnte; denn dort hiess es: „Mein Herz sei still“, und jetzt heisst es: „Andere sprechen mit meinem Mund, ich höre bloss auf mein Herz“ … blablabla.

Für gewisse Leute ist es vielleicht schwer verständlich, dass es in guten Texten um komplexes und weitläufiges Denken geht, das sich nicht zerkrümeln und nach der jeweiligen Laune interpretieren lässt, dass Texte Mitteilungen einer Seele sind und keine ideologisches Rätselraten für intellektuelle Fangemeinden. Vielleicht kommt der Flash halt erst nach einer durchfrorenen Nacht, oder… fragt mich nicht.

Tatsache ist, dass „Infidels“ bildhaft ist wie ein Traum. Es hat auf diesem Album Platz für Poesie, Texte voller Metaphern und Luftschlösser, mehrschichtige und hintergründige Zeilen, bedeutungsschwanger, ohne Eingeständnisse zu geben. Drive und Mental Energy. Hier ein Ausschnitt aus „Man Of Peace“: „Er kann faszinierend sein, er langweilig sein kann, er kann die Niagara Fälle hinunterreiten, in der Schale deines Schädels, ich riech, es ist etwas am Kochen, es gibt ein Fest, manchmal kommt der Satan, als der Mann des Friedens. Er ist ein grosser Humanist, er ist ein Menschenfreund, er weiss, wo er dich berühren muss, und wie du geküsst werden werden willst, er legt beide Arme um dich, du fühlst den zarten Hauch des Tieres“.