Randy Newman, Little Criminals, 1977

Produzent/ Lenny Waronker, Russ Titelman

Label/ Reprise

Randy Newman hatte mit „Short People“ ziemlich Schwierigkeiten bekommen, der Song durfte beim Erscheinen von den US-Radio-Stationen nicht gespielt werden. Wenn es nun simpel gegen kleinwüchsige Menschen ginge, wäre das auch eine vernünftige Entscheidung; aber so schlicht wird man Randy Newman wohl nicht interpretieren dürfen. Wenn in seinem Song Zeilen vorkommen wie „They walk around / Tellin‘ great big lies…“ liegt die Interpretation nahe, dass er sich allgemein kritisch mit dem sogenannten „Kleinbürger“ auseinandersetzten will, dem Spiesser. Ausserdem heisst es im Text „Short people are just the same / As you and I /(A fool such as I) / All men are brothers / Until the day they die / (It’s a wonderful world)“ – der Song bemüht sich also um Empathie, vielleicht ist auch Selbstkritik mit dabei.

„Short People“ ist bereits ein starker Opener für „Little Criminals“, aber auch die übrigen Titel sind beeindruckend. „Sigmund Freud’s Impersonation Of Albert Einstein In America“ und das brillante „Baltimore“ sind zeitlos schöner Pop. Randy Newmans Melodien schleichen sich ganz unaufdringlich ins Ohr, teilweise sogar richtig zuckersüss („I’ve always been crazy bout irish girls“), aber wenn man dann anfängt, auf die Texte zu achten, ist es so, als ob man einen mit dem Hammer verpasst bekommt. Sarkasmus pur, Ironie, böse Kritik. („We’re Rednecks“) Am Fiesesten und überhaupt schön ist „In Germany Before The War“ „In Germany before the war/ there was a man who owned a store/in nineteen hundred thirty four in Düsseldorf“. Angeblich soll der Kindermörder Fritz Haarmann hier Pate gestanden haben…

John Coltrane, Blue Train, 1958

Produzent/ Alfred Lion

Label/ Blue Note

„Blue Train“, John Coltrane’s einzige Platte für Blue Note, kam aufgrund mündlicher Vereinbarungen mit Label-Boss Alfred Lion zustande. Coltrane machte mit diesem Album erst seine zweite LP als Solist – zu einem gewissen Teil sicher aus der Not heraus – Miles Davis hatte ihn 1957 aufgrund seiner Heroinsucht aus seiner Tour-Band geworfen, Coltrane aber wollte mehr touren. So stellte er eine eigene Band zusammen und spielte im September ’57 diese Sessions für Blue Note ein – natürlich mit den besten Musikern des Labels: Eine dreifach besetzte Hornsektion mit dem Trompeter Lee Morgan, Trombonist Curtis Fuller und Coltrane selbst am Saxophon, Kenny Drew am Piano und als Rhythmussektion Bassist Paul Chambers und Drummer „Philly“ Joe Jones. Alles beileibe keine reinen Mitläufer und alles Musiker, die ihn später immer wieder in wechselnden Konstellationen begleiten sollten.

Noch war Coltrane musikalisch nicht so „revolutionär“, wie er werden würde, noch ist es der „reine“ Hard Bop, der hier gespielt wird – egal, meiner Meinung nach, denn Innovation im Jazz ist oft nur für Musiktheoretiker interessant (und wirklich zu erkennen) und „Blue Train“ ist unabhängig von allen technischen Feinheiten ein grossartiges Album voller Inspiration und Energie. So wurden der Titeltrack oder das energiegeladene „Moments Notice“ mit dem Trombone-Solo von Fuller, sowie das grossartige „Locomotion“ zu Standards des Hard Bop – und dieses Album mit seinem geschmackvollen Cover-Design zum ersten Klassiker in Coltrane’s Solo-Diskografie. Da ist insbesondere das enge Zusammenspiel der drei Bläser auf „Blue Train“, welches die Platte mit Recht zum Highlight macht – und zu dem Album, das er selber als das Beste aus der Phase vor „Giant Steps“ (1960) bezeichnen sollte.

Captain Beefheart & The Magic Band, Bluejeans & Moonbeams, 1974

Produzent/ Andy DiMartino

Label/ Virgin Records

Die beste Phase von Beefheart ist von „Safe As Milk“ bis „Lick My Decals Off Baby“. Was diese frühen Platten zu solchen Lichtjahre entfernten Meisterwerke macht, kommt nicht nur aus der Persönlichkeit Beefhearts, sondern auch aus der Spontanität der Magic Band, von Leuten wie Zoot Horn Rollo, Antennae Jimmy Semens, Rockette Morton usw. Auf „Bluejeans & Moonbeams“ ist von damals niemand mehr dabei und die Band spielt so wie es Beefheart vorschreibt, und das offenbar minutiös. Natürlich hatte es der Captain irgendwie auch schwer. Spielte er experimentell, mochten ihn die Fans, aber die Platten verkauften sich schlecht. Wenn er dagegen harmonischen Deltablues spielte, wurde er von den Fans zerrissen. Auch 1974, als er „Bluejeans & Moonbeams“ herausbrachte, wurde ihm ein Stilwechsel nicht gestattet. 1985 wandte er sich schliesslich völlig von der Musik ab, und widmete sich nur noch der Malerei, wenngleich auch mit grossem Erfolg.

Aus heutiger Sicht wirkt „Bluejeans & Moonbeams“ sehr facettenreich. Der Captain ist in bester Form, in der besten seit den besagten Alben. Als Sänger ebenso wie als Songwriter. Natürlich kam man ihm Selbstplagiat vorwerfen, aber man darf ihn auch nicht ewig an ein Werk vom Kaliber „Trout Mask Replica“ messen. Das war zwar in der Tat ein aussergewöhnliches Album, aber wahrscheinlich für 90 Prozent der Weltbevölkerung unhörbar. „Bluejeans & Moonbeams“ hingegen ist kein aussergewöhnliches, aber es kommt aus heutiger Sicht doch klar als ein bodenständiges Bluesalbum daher. Unabhängig von anderen Beefheart Alben wahrgenommen, ist es also durchaus empfehlenswert nach 50 Jahren dem Album wieder eine Chance zu geben, sich reinzuhören und vielleicht festzustellen, das auch diese Scheibe ihre eigenen Reize hat.

Velvet Underground, VU, 1985

Produzent/ Velvet Underground

Label/ Verve

Das Ausgraben von Schätzen hat immer seine Tücken. Oft ist es kein Vergnügen sich anzuhören, was da aus irgendeinem Loch an 180 Demobändern hervorgezerrt und veröffentlicht wird. Es wäre also auch kein Vergnügen, wenn man über die Veröffentlichung dieser Sammlung von Velvet-Underground-Stücken sagen müsste, das sei reine Nostalgie gewesen.

Natürlich waren all diese Songs 1985 bereits Geschichte. Es handelt sich um die sanfte Phase der Velvet Underground in den Jahren 1968/69 kurz vor der Auflösung der Band, die einen fast ätherisch zu nennenden Song wie „Ocean“ überhaupt entstehen lassen konnte. John Cale ist nur noch bei zwei Stücken vertreten. Doch er beweist, dass er keineswegs der reine Experimental- und Geräusch-Berseker der Velvet Underground war, so wie er in dem Lied „Stephanie Says“ seine Viola spielt.

Doch nachdem er gegangen und von Doug Yule ersetzt worden war, konnte Lou Reed unterstützt von der grandiosen Schlagzeugerin Maureen Tucker, mit der er zusammen das spinnwebfeine „I’m Sticking With You“ singt, und dem gleichgültigen Sterling Morrison noch ungezwungen sanftmütiger und zerbrechlicher sein. Das Resultat sind einige der besten Songs, die er je gemacht hat. Diese Schätze sind wirklich Schätze, Klassiker also, und gehören deshalb nicht ins Archiv, sondern immer wieder gespielt.

Les Rita Mitsouko, C’est Comme Ça, 1986

Text/Musik/ Fred Chichin, Catherine Ringer

Produzent/ Tony Visconti

Label/ Virgin

Um zu wissen, dass die Euphorie in der Jugend stärker ist als im Alter, braucht man keine Studien. Dass die Studien es bestätigen, finde ich nicht besonders „erschreckend“. Auch ohne grosse Euphorie hat das Alter gewisse Vorzüge. Wenn man ein paar Dekaden hinter sich hat, weiss man, dass das Leben nicht nur aus „Liebe bis in die Zehenspitzen“ und atemberaubender Euphorie besteht, sondern dass auf die Euphorie oft der Absturz folgt, die Trennung, der Blues. Wie Les Rita Mitsouko schon vor vierzig Jahren sangen: „C’est comme ça“. Besonders dieses Lied von Catherine Ringer und ihrem Partner Fred Chichin bleibt für mich mit Erinnerung verbunden.

Damals wollten wir es vielleicht nicht so genau wissen, aber mit der Zeit wissen die meisten, dass es so ist. Und auf die Gefahr, wie ein Grufti zu klingen, muss ich auch sagen: Immer, wenn ich versuche, mich „für neue Musik zu interessieren“, komme ich zum selben Fazit: Die sogenannte „neue Musik“ klingt wie die alte, nur weniger gut. Aber das macht nichts. Ich habe soviel Musik, dass ich sie jahrelang rauf- und runterhören kann.

J. J. Cale, 5, 1979

Produzent/ Audie Ashworth, J. J. Cale

Label/ Island

Er war ein schweigsamer Typ aus dem Bauernstaat Oklahoma, USA, unrasiert unter dem abgewetzten Hut und in allem schwer zu beeindrucken. Seine mehr gemurmelten als gesungenen Texte kamen einsilbig daher, in denen er die Zeit nach Mitternacht, den Wind, den Mond, die Magnolien, die Liebe und das freie Musizieren besang. Ebenso skizzenhaft klang sein Gitarrenspiel auf der Halbakustischen: Elemente von Blues, Rockabilly und Country in Andeutungen und dazu federnde, zum Singen schöne Melodielinien.

Mit seinem fünften Album, das er auch so benannte, hat er einen Klassiker herausgebracht. Bereits die ersten vier Songs „Thirteen Days“, „Boilin Pot“, „I’ll Make Love Tou You Anytime“ und „Don’t Cry Sister“ gehen sofort ins Ohr und nicht mehr raus. Bei “Too Much For Me“ ist man fast geneigt zu sagen, das ist genau der Titel, der auf vielen Alben anderer Musiker das Highlight wäre, einer dem etwas, aber wirklich nur ganz wenig fehlt, um als Klassiker durchzugehen. Das ist wieder der nächste, das traumhafte schöne „Sensitive Kind“ und das Fahrt aufnehmende groovende „Friday“ – unglaublich was dieser Mann für ein Feeling hat.

J. J. Cale inspirierte mit seinen Songs weit bekanntere Kollegen wie Eric Clapton und die Dire Straits, blieb aber zugleich auf seine konsequente Art bescheiden. Er gehört zu den wenigen Legenden in der Rockmusik, die nicht nur für sich ganz alleine ein Genre geprägt, sondern dieses auch unerreicht über Jahrzehnte besetzt haben.

Syd Straw, War And Peace, 1996

Produzent/ Syd Straw

Label/ Capricorn Records

Die Karriere von Syd Straw verlief auf ziemlich krummen Wegen. Sehr begabt, von Grossen umschmeichelt, als Backingstimme auf deren Aufnahmen genutzt, in unzähligen Booklets dankend erwähnt – nur sie selbst bekam es irgendwie nicht so richtig auf die Strasse! Ihre Stimme ist spröde, seltsam uncharmant, ihre Kompositionen im Kleinen schräg, obwohl es doch nur Rockmusik ist, eigentlich gar nichts ambitioniertes, es klingt nur oft so ungeniessbar. Dabei hatte sich ihre alte Firma Virgin sogar Mühe mit Syd Straw gegeben und sie durfte für ihr erstes Album „Surprise“ alles einladen was Rang und Namen hat, von Michael Stipe bis Richard Thompson, von Greg Leisz bis Marc Ribot usw. Trotzdem wurde „Surprise“ ein Flop. Spröde Songs, spröde Stimme – unverkaufbar.

Dann ein neues Label, immer noch ein grosses, aber offensichtlich kleines Budget. Für die Stars reichte es diesmal nicht mehr. Also einfach eine Rockband ins Studio eingeladen. Und das ist genau das Reizvolle an diesem Album – Die Skeletons die hier den musikalischen Background abgeben sind ganz Abgehangene, uralte Füchse, die zeitlosen Rock’n’Roll spielen – und das bekommt „War And Peace“ gut! Die Platte ist aus einem Guss; Syd Straw hat auch alle Texte selbst geschrieben und die Songs produziert.

Dave & Phil Alvin, Common Ground: Dave & Phil Alvin Play And Sing The Songs Of Big Bill Broonzy, 2014

Produzent/ Dave Alvin

Label/ Yep Roc

Einst gründeten die Brüder The Blasters aber musikalische Meinungsverschiedenheiten führten 1986 dazu das man sich trennte. Aber eines verband sie immer, die Liebe zum Blues. So kam es dann, das sie 2014 zum ersten Mal wieder zusammen ein Album aufnahmen.

Gemeinsam hauchen sie auf „Common Ground: Dave Alvin & Phil Alvin Play And Sing The Songs Of Big Bill Broonzy“ zwölf Songs aus dem umfangreichen Repertoire des 1958 verstorbenen Blues-Klassikers Big Bill Broonzy neues Leben ein. Ihre Würdigung Broonzys vereint das Beste aus beiden Welten – die so unterschiedlich nicht sind. Schliesslich besteht sogar die angeheuerte Band aus Mitgliedern der Blasters und aus Dave Alvins Liveband. Das Resultat ist kein gut gemeintes Bluesalbum weisser Buben im fortgeschrittenen Alter, sondern schiebt im Geist des zusammen generierten Roots-Rock an, dass es Phils Gesicht wieder ordentlich in Falten legt, wie damals, 1981. Ein paar Songs wie „Stuff They Call Money“ singen die beiden im Duett, den Rest teilt man sich paritätisch. Dave ist der düstere Typ, Phil hat das sonnigere Gemüt.

In der Mischung ergibt das ein grossartiges Blues- und Rock’n’Roll-Album, ohne in die Nähe eines öden Bluesrock zu kommen. Gene Taylor klimpert sein bestes Juke-Joint-Piano, Phil drückt aufs Gas, Dave geht mit oder steht auf der Bremse. Das resultiert in einer Dynamik, die alle zwölf Titel belebt. Die Musik ist dreckig, luftig, sie besitzt jenes Gefühl, das so vielen ähnlichen Alben vollkommen abgeht.

Lucinda Williams, Car Wheels on a Gravel Road, 1998

Produzent/ Roy Bittan, steve Earle, Ray Kennendy, Lucinda Williams

Label/ Mercury

Ich kannte Lucinda Williams schon, als sie 1998 ihr Album „Car Wheels on a Gravel Road“ veröffentlichte. Aber die Euphorie war etwas abgeflaut, jetzt waren Hip-Hop und andere Indie-Töne angesagt. Zum Hip-Hop gab es bei „Car Wheels“ einen Link: Die Platte hatte Rick Rubin für sein AmericanLabel aufgenommen, er verkaufte die Produktion dann aber weiter. So nackt und ehrlich die Musik hier tönt, so viel Arbeit steckt dahinter: Sechs Jahre beanspruchte das Making of. Steve Earle, der involviert war, klagte, er habe noch nie so wenig Spass bei einer Aufnahmesession gehabt.

Bisher hatte man die Songs von Lucinda in den Versionen von anderen gekannt. Nun überzeugte die Perfektionistin auch als Interpretin, mit ihrer schläfrigen, verletzlichen und manchmal aufreizenden Stimme, die immer leicht neben dem „richtigen“ Ton liegt. Hier gibt es keine Hits, aber Atmosphäre, Emotionen, Sounds. Thematisch dreht sich das Album um Verlust, Reue, Erinnerung – und um Lebenshunger und Leidenschaft. Nie hat Williams ihr Talent, aus kleinen Ereignissen grosse Songs zu machen, so überzeugend schmerzlich umgesetzt wie auf „Car Wheels“. Ein Evergreen der amerikanischen Songkultur.

Uncle Tupelo, No Depression, 1990

Produzent/ Sean Slade, Paul Q. Kolderie

Label/ Columbia Records

Uncle Tupelo waren eine verlässliche Grösse im entstehenden Americana-Genre der frühen Neunziger, Stichwort: Flanellhemd. Ihr Debütalbum „No Depression“, hatte in unnachahmlicher Weise Post Punk und Alternative Rock mit Country und Folk verbunden. Der Titel des Albums war dem gleichnamigen Song der Carter Family aus den 1930er Jahren entlehnt, den die beiden Songwriter der Band, Jay Farrar und Jeff Tweedy, zu einem musikalischen Meilenstein der Grunge-Ära umdeuteten.

Die Themen von „No Depression“ sind vorallem klassische Motive, die das Dasein in einer amerikanischen Kleinstadt, den Traum von Weggehen und die Angst vorm Ankommen berühren. Der Erfolg des Albums verdeutlichte, dass selbst die Generation Punk dem Sentiment des Country erliegen konnte, wenn dieser authentisch klang und nicht als reaktionäre Nashville-Mogelpackung daherkam.

1994 war es dann mit Uncle Tupelo vorbei, das finale Album „Anodyne“ wurde in Austin, Texas aufgenommen und enthielt auch ein Duett mit Doug Sahm. Zwischen 1995 und 2008 erschien „No Depression“ als gedruckte Musikzeitschrift, heute erscheint sie weiter als social-media-intensive Website. Auch Farrar und Tweedy machten mit ihren eigenen Folgebands weiter, insbesondere Tweedys Doppelalbum „Being There“ mit Wilco gilt als „White Album des frühen Americana.