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Bob Dylan, New Morning, 1970

Produzent/ Bob Johnston

Label/ Columbia Records

Dieses Album könnte Bob Dylans Karriere gerettet haben. Auf jeden Fall aber bewies „New Morning“ aus dem Jahr 1970, dass der Barde immer noch eine Rolle spielte und sein Witz noch intakt war. „New Morning“ folgte direkt auf das grösste Desaster Dylans, das verstörende „Self Portrait“ – ein nahezu unmöglich zu hörendes Album, das bei so manchem Fan die Frage aufwarf, ob ihr Idol den Verstand verloren habe. Nun, der qualitative Unterschied legt zumindest den Verdacht nahe, dass das Scheitern des Vorgängers Kalkül war. Mit etwas mehr  Rock & Roll geht es bei „New Morning“ da weiter, wo es mit dem entspannten Country-Rock von „John Wesley Harding“ und „Nashville Skyline“ aufhörte, ausserdem mit einer brillante Band (u.a. David Bromberg, Charlie Daniels, Al Kooper und Russ Kunkel).

Von den grossen Dylan-Klassikern enthält das Album nur wenige („If Not For You“ wäre hier zu nennen); aber Dylan geht mit einigen Songs neue, eigenwillige Wege, die er bis zu diesem Zeitpunkt unberührt liess. Da sind die jazzigen Experimente auf „Sign on the Winter“ und „Winterlude“ oder auf dem weitschweifigen Spoken-Word-Stück „If Dogs Run Free“, das an J.J. Cale erinnert und auf dem Al Kooper ein starkes Jazz-Piano spielt. Auch wenn ein paar Songs unfertig produziert wirken, vorallem „Time Passes Slowly“ und „Went To See The Gypsy“, tut das der Qualität der Platte keinen Abbruch.

Diese unkonventionellen Songs machen „New Morning“ zu einem charmanten, liebenswerten Album.

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Nancy Sinatra, These Boots Are Made for Walkin‘, 1966

Produzent/ Lee Hazlewood

Label/ Reprise Records

1966 zahlt sich Lee Hazelwoods bizarre Leidenschaft für verräucherte Trucker-Kneipen aus: In einer Highway-Bar belauscht er zufällig einen frustrierten Ehemann. Vor einem Kollegen brüstet sich dieser damit, seiner jungen Frau demnächst einen kräftigen Stiefeltritt in den Hintern zu verpassen. Kurze Zeit später kommt Hazlewood auf die Szene zurück. Er sitzt gemeinsam mit einer jungen Sängerin und einem alten texanischen Gitarristen im Studio von Reprise Records. Die beiden Männer machen sich einen Spass daraus, das Mädchen aus dem vornehmen New Jersey mit dreckigen alten Cowboysongs aufzuziehen.

Als Hazlewood ihr jedoch einen halbfertigen Song vorspielt, der von dem Geschwafel des Truckers inspiriert wurde, ist die junge Sängerin begeistert. Nancy will den Song sofort aufnehmen. Doch Hazlewood zögert. Bei der ersten Zusammenarbeit mit der 24-Jährigen hatte er Mühe genug, ihre mädchenhafte Quitschstimme etwas tiefer zu bekommen.

Doch Nancy ist nicht irgendeine Nancy. Sie ist die Tochter von Label-Boss Frank Sinatra und besteht darauf, den Song einzuspielen. Einer Sinatra-Tochter widerspricht man nicht, weiss Hazlewood. „Okay. Dann sing es wie eine sechzehnjährige Schlampe, die es mit jedem Lastwagenfahrer treibt“, sagt er zu ihr. Und Nancy macht ihr Sache gut – ihre Aufnahme soll sich sich als grösster Hit des Komponisten Hazlewood erweisen: „These Boots are Made for Walking“.

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Neil Young, Peace Trail, 2016

Produzent/ Neil Young & John Hanlon

Label/ Reprise

Er ist auch mit 71 Jahren rast- und ruhelos. Unermüdlich macht er ein Album nach dem anderen, ganz nach dem Motto eines seiner Songs, „Can’t Stop Working“. Dabei sind die Themen, die er in seinen Songs behandelt grösstenteils sehr aktuell. Zu „Indian Givers“ gibt es ein Video, in dem man Zusammenstösse zwischen der Polizei und den Nachfahren der indianischen Urbevölkerung sieht. Es ist einer der erschütterndsten Momente im Kontext dieses Albums. Der andere ist „John Oaks“, die Geschichte eines Arbeiters, der zum Kämpfer gegen Politiker wurde. Kuriose Elemente sind auch enthalten. So beschliesst Young den Song „Texas Rangers“ mit einem kurzen „Ha!“- Schrei und einem ebenso knappen Harmonika-Einsatz. Nicht vergessen sollte man die Voder-Gesänge an Ende in „My Pledge“ und „My New Robot“. Neil Young und der elektronische neue Sound, garniert mit einer sarkastischen Geschichte über eine Bestellung bei Amazon.

Das Album spielte Neil Young nicht mit seiner Begleitband ein, sondern in vier Tagen mit den beiden Session Musikern Jim Keltner (Drums) und Paul Bushnell (Bass). Und wenn Neil Young nicht immer mit seiner E-Gitarre dazwischen grätschen würde, könnte man glatt meinen das es sich um ein reines Akustik-Album handeln würde. Das ist aber Spirit von „Peace Trail“, die Songs wirken sehr hemdsärmelig und auch ein wenig ungeschliffen, auf irgendwelchen Schnickschnack wird hier gänzlich verzichtet.

Im Grunde gibt es keinen schlechten Song auf diesem Album, egal welchen Titel man auch hört. Auch wenn der Sound etwas angestaubt wirkt, sind die Songs aktuell und man bekommt eine Menge über in der Vergangenheit ruhende Probleme und deren Folgen für die heutige Zeit zu hören.