Caetano Veloso, Transa, 1972

Produzent/ Ralph Mace

Label/ Philips

Dieses Album des brasilianischen Musikers Caetano Veloso entstand während seines Exils in London und erschien 1972 kurz nach seiner Rückkehr nach Brasilien. Die Mischung aus Rock, Bossa Nova, brasilianischem und portugiesischem Folk ergibt ein sehr schönes Meisterwerk. Die poetischen Texte sind mehrheitlich in Englisch und teilweise in Portugiesisch. Es geht unter anderem um Velosos Heimweh, seine Verlorenheit und Fremdheit angesichts seines Exils in England. Seinen besonderen musikalischen Reiz hat „Transa“ für mich in der ausbalancierten Mischung westlicher und südamerkanischer Musikstile und dem unkonventionellen Aufbau der Lieder.

Von den sieben Songs gefällt mir am besten „Nine Out Of Ten“. Caetano Veloso singt wie er die Portobello Road in London entlangläuft mit einem immensen Glücksgefühl im Bauch, das sich aus seinem Wissen speist, in diesem Augenblick am Leben zu sein. Er weiss, dass er eines Tages sterben wird, aber: „I’m alive“. Es ist das Wissen um die eigene Sterblichkeit, die den gegenwärtigen Moment so kostbar macht. In dem sanft wiegenden Reggae-Beat verrät Veloso auch, woran er merkt, dass er am Leben ist: Neun von zehn Filmstars brächten ihn zum Weinen. „Nine out of ten movie stars make me cry / I’m alive / And nine out of ten film stars make me cry / I’m alive“. Ist das nicht schön?

Ich danke an dieser Stelle allen Abonnenten von hotfox63 für ihre Aufmerksamkeit und wünsche ein gutes neues Jahr!

Julie Driscoll, Brian Auger & The Trinity, Season Of The Witch, 1967

Text/Musik/ Donovan, Shawn Phillips

Produzent/ Giorgio Gomelsky

Label/ Polydor

Julie Driscoll ist eine der aussergewöhnlichsten und ausdrucksstärksten Sängerinnen der Rockgeschichte. Eine unglaublich kämpferische und leider heute schon fast vergessene Sängerin. Mit Brian Auger & The Trinity hat sie einige Klassiker der Rockmusik Ende der 60er Jahre veröffentlicht. Ihre Version von „Season Of The Witch“ ist aus meiner Sicht immer noch die beste Interpretation dieses Songs. Julie Driscolls Stimme ist voller Intensität, Melancholie und Schönheit: „When I look at my window/ Many sides to see/ And when I look in my window/ So many different people to see/ That is strange, it sure is strange“ reflektiert sie, und dann „You’ve got to pick up every stitch“ fährt Julie fort, wiederholt, die Intensität ihres Gesangs steigernd “You’ve got to pick up every stitch” und abermals halb anklagend, halb inbrünstig, fordert Julie „You’ve got to pick up every stitch“ und dann zischen Orgel-Schlangen aus einem unsichtbaren Raum, den nun Brian Auger betreten hat und Julie Driscoll tanzt in den Raum, singt den Refrain, dreimal die Zeile „Must be the season of the witch“ wiederholend. Dann begibt sich der Song auf eine zweieinhalb-minütige instrumentale angejazzte Reise, auf der Brian Auger mit seiner Orgel über das Grundthema des Songs improvisiert. „You’ve got to pick up every stitch“ wiederholte Julie Driscoll dreimal in aller Dringlichkeit, um ganz aus sich heraus „Must be the season of the witch“ ebenso dreimal in furioser Manier zu wiederholen, besser: zu variieren, um so den Song in sein Finale zu überführen, immer begleitet vom magisch-swingenden Groove der Rhythmusgruppe und Brian Augers Orgelspiel.

Sister Rosetta Tharpe, Gospel Train, 1956

Produzent/ Ken Druker

Label/ Mercury

In einigen der wenigen historischen Filmaufnahmen ihrer Live-Auftritte sieht man eine Frau mittleren Alters auf der Bühne, ihr Dekolleté ziert eine funkelnde Halskette, die elegante, enganliegende Abendrobe reicht ihr bis zu den Waden. Das hält sie keineswegs davon ab, sich eine E-Gitarre umzuschnallen und auf dieser mit ausladenden Gesten zu spielen. Ein kurzer Blick ins Publikum, ein süffisantes Lachen, dann beginnt Rosetta mit erhobenem Zeigefinger zu singen: „I wanna tell you the natural facts, that the man don’t understand the good book write, and that’s all!“. Anschliessend widmet sie sie sich wieder ihrem Gitarrenspiel, das den Ton angibt, fasziniert und die Menge herauszufordern scheint: Na, wer von euch kann es mit mir aufnehmen?

Sister Rosetta Tharpe enwickelte in ihren Liedern eine einzigartige Mischung aus spirituellen Lyrics und rhythmischer Begleitmusik. Diese Begleitmusik gilt heute als Manifestation dessen, was später unter dem Namen Rock’n’Roll für unglaubliche Furore sorgen und die Popkultur des 20. Jahrhunderts prägen sollte wie kaum ein anderes musikalische Genre. Auch die Körperlichkeit, mit der Sister Rosetta Tharpe auf der Bühne performte und ihre Gitarre spielte, nahm das später zum Kult gewordene Gebaren männlicher Rock’n’Roll-Stars vorweg. Nicht zuletzt verlieh Rosettas Attitüde ihren Gospelzeilen bereits den herausfordernden Rock’n’Roll-Spirit, der das Genre später vorallem für junge Menschen so attraktiv und populär machen sollte.

Jimi Hendrix Experience, Wild Thing (Live), 1967

Text/Musik/ Chip Taylor

Produzent/ John Phillips, Lou Adler

Label/ Polydor

Es ist, wieder mal, Geschichte was am Festival im kalifornischen Monterey geschah. Angekündigt von Brian Jones legte Jimi tierisch vor, klingelte mit „Killing Floor“ jeden Freak mit tausend Phones aus den Haschischträumen. Von Track zu Track erklang ein Sound aus immer neuen Räumen. Die Leute lauschten bass erstaunt, sahen die Federboa fliegen, die blutigroten Beine sich wie die orange Brust verbiegen. Jimi spielte meisterlich! Dem Zauber eines Magiers gleich gebot er allen Tönen, die Bühne ward zum Himmelsreich, erfüllt vom Klang des Schönen. Er wandte sich ans Publikum, gestand mit leiser Stimme, er brächte jetzt sein Liebstes um, kein Opfer wäre schlimmer. Er liess die Gitarre heulen, begann in „Wild Thing“ von den Troggs die Verstärker zu zerbeulen, stiess die Fender in die Box, klemmte sie in seine Schenkel, nahm den Vibratorarm als Henkel, legte die Gitarre flach, küsste ihren Körper, bespritzte sie noch mannigfach und setzte sie in Flammen.

Soul Asylum, Grave Dancers Union, 1992

Produzent/ Michael Beinhorn

Label/ Columbia

Aufreizend. Je mehr man über dieses Album nachdenkt, desto mehr demontiert es sich, zerlegt sich. Die Teile verschwinden nicht, keineswegs, aber liegen da wie ein Bausatz: Verfeinertes Headbanging für Collegeknaben. Jeder kann lernen, was es mit Hardrock auf sich hat, um endlich die Wahrheit über Hardrock richtig massenwirksam zu verbreiten. In dem Zusammenhang sind Soul Asylum natürlich gut, breiten sich aus, sind eine solide Band, unaufgeregt, spielen sie sich durch „Grave Dancers Union“, mit breiten gemächlichen Soli, leicht fadigem Gesang, ganz nahe bei R.E.M. aber mit mehr Feinheiten.

Mit „Somebody To Shove“ klappen sie ihr Popsongbuch auf, um es in einem gemächlichen „The Sun Maid“ zu beenden. Die fanfarigen Heavy-Metal-Breaks sind trotz aller Verkleidungen zu erkennen; den Gitarren und teils auch dem Piano unterlegt werden speedige Partikel, gekonnt eingesprenkselt, und irgendwo findet sich noch Platz für Akustik-Folk. Es gibt Momente, bei denen man schon fast an Springsteen denken könnte, und andere an frühere HüskerDü. Noch öfter denkt man aber an diesen Über-Hit „Runaway Train“ und das zugehörige Video über vermisste Kinder, mit dem die Band 92 plötzlich zu Weltruhm gelangte. Klar, „Runaway Train“ ist ein starker Song, aber es gibt auf diesem Album einen ganzen Haufen starker Songs. „Grave Dancers Union“ ist ein schönes klassisches Stück Ekstase. Dröhn ab. Soul Asylums Highlight.

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Eric Burdon and the Animals, When I Was Young, 1967

Text/Musik/  Eric Burdon And The Animals

Produzent/ Tom Wilson

Label/ MGM

Der Song beginnt sehr harsch – mit sägenden Gitarren. Sie deuten eine Sirene oder ein Bombengeschwader an und erinnern damit an die Zeit, als Eric Burdon und seine Mitmusiker wirklich jung waren. Burdon, der 1941 im britischen Newcastle upon Tyne zur Welt kam, gehört zu einer Generation, die ihre Kriegserfahrungen kaum in Worte fassen kann. Eric Burdon thematisiert die dunkle Vergangenheit mit ebenso vagen wie klaren Bildern: „The rooms were so much colder then/ My father was a soldier then/ And times were very hard/ When I was young.“

Als das Lied 1967 erscheint, sind die äusseren Folgen des Krieges immer noch zu sehen: überall Bauschutt, überwuchertes Brachland und Ruinen. Neben den sichtbaren Zeugnissen der Zeit existieren aber auch die unsichtbaren Wunden, die vernarben, ohne zu heilen: „When I was young, it was more important/ Pain more painful, laughter much louder, yeah“, singt Eric Burdon mit zornig-verletzter Stimme. Er weiss, dass er mit vielen Dingen Schwierigkeiten hat, vor allem auch mit dem, was Mannsein bedeutet: „And for girls, I had a bad aim/ Oh, I meant so very much.“

Letzlich sind die Zeiten hart, der Junge im Lied wächst ziel- und zügellos in eine immer buntere Welt hinein, der er noch weniger gewachsen zu sein scheint. Burdons Fazit ist im Hinblick auf die Kinder- und Jugendjahre eindeutig: „My faith was so much stronger then/ I believed in my fellow men/ I was really so much older then/ When I was young.“

The Walkabouts, Devil’s Road, 1996

Produzent/ Victor Van Vugt

Label/ Virgin

Eine wunderschöne Platte. Die sich aneinanderreihenden und endlos kettenartig abwechselnden Kettengesänge von Chris Eckmann und Carla Togerson sind das Fühlen, aus dem der Stoff dieser Band geschnitzt ist. Songs voller Hingabe und Fruchtfleisch, die nie eine schnöde Dramatik oder eine aufdringliche Struktur haben, obwohl sie sicherer und festgefügter klingen als das, was Bands normalerweise noch aus den gesichersten Standards von Hank Williams oder Bob Dylan herausholen.

Die Walkabouts aus Seattle haben eine neue Möglichkeit der Folkmusik ausprobiert, und damit schon Anfang der 90er Jahre eine Perfektion erreicht, die mit jeder Veröffentlichung bewegender und einzigartiger wurde. „The Light Will Stay On“ ist hier wohl das beste Beispiel dafür. Die oft von Streicherinstrumenten unterstützten Songs zeigen zwar eine nach allem offene Musikalität dieser Band. Anderseits haben die Walkabouts nichts vom kulinarischen Pop-Fan, es wirkt immer, als ob eine Blutbande, eine eherne Verbindung mit einer uramerikanischen Arbeiter- und Bauernmusik sie zwänge, sich diese wunderschönen und ergreifenden Folk- Rock-Songs auszudenken.

The Kinks, Low Budget, 1979

Produzent/ Ray Davies

Label/ Arista

Eine gute Platte. Einzig hervorzuheben an „Low Budget“ scheint mir das Mass an Bosheit, mit dem Ray Davies zum Rundschlag seiner Gesellschaftskritik ausholt. Als bösartiger Satyr, mit peitschendem Schweif lässt er nichts ungeschoren – seine Ironie ist ätzend-beissend. Lieder, die mit nettem oder beschaulichen Inhalt in Pop-Regionen abdriften, fehlen ganz. Die Musik ist derart hart und kantig, dass man die Kinks allein an Rays signifikanter Stimme erkennen kann. Lediglich „(Wish I Could Fly Like) Superman“ lässt Raum zum Schmunzeln: ein Disco-Imitat mit bumpernder Basstrommel, versteckten Bee Gees-Zitaten und einer bohrenden Spitze auf Hollywoods Protzprodukte. In „Catch Me Now I’m Falling“ fleht „Capitan America“ um Rückenstärkung, hintergründig äfft ein Engelschor „Falling, Falling!“, in „A Gallon Of Gas“ nimmt Ray die sogenannte Benzinkrise aufs Korn frei nach dem Motto: Endlich ist das langbestellte Auto da, aber es gibt keinen Tropfen Benzin mehr.

Die Geschichte vom Geld, das hinten und vorne nicht langt, singt Ray Davies im Titelsong „Low Budget“ wie immer bei seinen Kleinbürgersongs so glaubwürdig, dass man ihm die Story fast als seine eigene abkauft. Wer intelligente Rockmusik mit guten Texten mag, ist mit diesem Kinks-Album bestens bedient.

Pixies, Doolittle, 1989

Produzent/ Gil Norton

Label/ Elektra Records

Es gibt Leute, die halten „Surfer Rosa“ für das beste Album der Pixies. Vielleicht haben sie recht. Die von Steve Albini akribisch eingebügelten Ecken und Kanten haben wohl massgeblich dazu beigetragen, dass „Surfer Rosa“ damals (von der Jugend!) als ursprünglich und elektrisierend aufgenommen wurde. Doch der grosse Hit, der Klassiker, der Evergreen ist „Doolittle“. Das war die Platte, auf die sich damals alle einigen konnten. „Doolittle“ warf Wellen weit über die Grenzen des Undergrounds hinaus, hinterliess tiefe Spuren, beeinflusste viele Bands und bereitete nicht zuletzt den Grunge vor.

Die bluesigen, knarzigen, schmeichelnden und krachigen Entlehnungen aus dem Rock’n’Roll-Schatz sind wundersam artgerecht, lebendig – und meistens entstehen daraus kurze und kurzweilige Songs. Manchmal macht der Bass die Melodie, manchmal ist es die Gitarre, manchmal der Gesang, manchmal alle drei. „Debaser“, „Here Comes Your Man“ und „Monkey Gone To Heaven“ sind die Evergreens, aber keiner der 15 Songs fällt ab. Das liegt nicht zuletzt an der Produktion von Gil Norton: Sie ist geschliffen und geschmeidig, rückt alle Instrumente gleichberechtigt in den Vordergrund und holt den Pop-Appeal jedes Songs aus dem Krach. „Doolittle“ ist kein Punk, der sich als Pop ausgibt, sondern Pop der sich hie und da als Punk gebärdet. Und die Pixies wirken auf dem Album immer freundlich und gut gelaunt, egal wie laut der damals schon zu gemütlicher Rundlichkeit neigende Black Francis brüllt, keift und wütet und wie heftig die Gitarren krachen.

„Doolittle“ ist ein Klassiker, kein Zweifel, eine massgebende Platte der späten 80er Jahre und vorallem ein unverwüstlicher Evergreen, der heute nicht weniger frisch klingt wie damals.

Patti Smith, Dream Of Life, 1988

Produzent/ Fred Smith, Jimmy Lovine

Label/ Arista

Patti Smiths Alben und ihre Bücher sind das letzte, über das ich mich streite. Und wenn sie zehnmal ihre Texte mit See, Licht, Wolken, der Erde und Revolution überfrachtet. Sie darf alles. Die Träume, das Engel-Sehen, der Glaube an das Leben nach dem Tod und andere Sentimentalitäten, denn Patti Smith hat sich schon immer daneben ausgedrückt, seit sie im Alter von 28 Jahren angefangen hatte, ihre Idee vom Dichter-Leben in Rockmusik zu intergrieren. Immer nur das tun, was wirklich zu tun ist. Am Anfang waren die Lösungen radikal wie „Horses“, wie der Abbruch der Karriere 1979 nach „Wave“, um eben Karriere zu verhindern und weiterhin das zu tun, was zu tun ist.

„Dream Of Life“, dem Comeback, liegt diese Kombination aus grossem Kitsch und einer herrlichen Zähigkeit zugrunde, mit der Grössenwahn, eine krude Religiosität und auf diesen Pfeilern ruhende Dichtungen und Kompositionen offen und selbstbewusst, weniger hektisch und gehetzt als mit „Wave“ dargebracht werden. Es macht Spass das Album zu hören und mir fällt immer auf wie schön diese Musik ist. Selbst das rockhymnenhafte „Power To The People“ oder das ebenso gearbeitete „Looking For You“ haben eine einfache, schöne Schrabbligkeit, die sie vor dem Aufgehen im Mainstream bewahrt. Wie den alten Wintermantel, immer weiter nutzen. Hauptsache warm.

„Dream Of Life“: Liebe zur Familie, aber dennoch ein Versuch herauszukommen aus der Isolation des Lebens als Privatier. Einblick in die Essenzen der Beat-Poet-Hippie-Bewusstseins-Erweiterungen. Nie feist und fettig werden, dass Schönheit ist, auch wenn wenn sie sich im Unsinn von blühenden Sonnen und Zahlenmystik verirrt: „The dreamer is rising and considers the long field. And the clouds, like crazy eights, drifting horizontal. And his own hands, which hold, even so peacefully, so much power.“