The Velvet Underground, After Hours, 1969

Text/Musik/ Lou Reed

Produzent/ The Velevet Underground

Label/ MGM Records

Letzthin fiel mir der Anfang einers Songtexts ein: „If you close the door, the night could last forever. Keep the sunshine out and say hello to never“. Wer hat das gesungen? Eine Frauenstimme, so viel weiss ich noch. Die Stimme klingt jung, weich und verletzlich. Plötzlich habe ich sie wieder im Ohr. Der Song ist schon alt, er entstand Ende der 60er Jahre. Die Frau trug damals einen braunen, glatten Umhang aus Haar. In der Mitte gescheitelt. Die Stimme klingt echt, einfühlsam, doch der Song, ist kein Klagelied, dafür ist die Melodie zu harmlos und zu fröhlich. Und jetzt fällt mir auch der Name der Sängerin wieder ein. Das war Moe Tucker, die Schlagzeugerin der Velvet Underground, die aussieht wie ein Mann. Eigentlich sieht sie aber aus wie gar nichts, jedenfalls nicht so wie ihre Stimme. Nach dem Ende der Band hat sie eine Zeit lang als Kassiererin bei Walmart gearbeitet.

The Clash, Complete Control, 1977

Text/Musik/ Joe Strummer, Mick Jones

Produzent/ Lee „Scratch“ Perry

Label/ CBS

Was sagen einem heute Songs, die wesentlicher Bestandteil der Jugend waren. Mit geballter Faust vor dem Computer sitzen, „Complete Control“ hören und sich vorkommen wie ein Boulevard-Journalist beim Abfassen einer „70er-Punk-Story“. Ich erinnere mich noch an die Fahrt nach Lausanne mit Pädu an das  Konzert von Clash 1981 im Palais de Beaulieu. Dort, wo ein paar Typen versucht haben Strummer von der Bühne zu ziehen und der mit der Gitarre um sich schlug. Zerdepperte Bierflaschen auf der Eingangstreppe und eine Schmierpizza am Verpflegungsstand und sich unheimlich Urban-Guerilla-mässig vorkommen. Klar, das wussten wir doch damals schon, dass die in England Punk schon hinter sich hatten. Es war dann auch schon fast ein absolut nostalgisches Konzert mit allen wilden, wüsten Hits, Fussballchören und Strummer-Hymnen. „Complete Control“, ein feiner Punkrocksong, auch heute noch hörbar. Stay free, Buddy. Die Welt ist nicht besser geworden.

Jerry Garcia Acoustic Band, Almost Acoustic, 1987

Produzent/ Sandy Rothman

Label/ Grateful Dead Records

Diese Platte ist nun schon fünfunddreissig Jahre alt, aber was macht das bei Musikern, die zusammengelegt, so alt sind, dass sie eine Strecke von Genf nach Romanshorn ergäben. Jerry Garcia hat mit seiner Prä-Grateful-Dead-Band und drei weiteren Freunden 1987 ein akustisches Doppelalbum live aufgenommen. Sechsminütige Traditionals und Songs, die zusammen älter sind als die Magna Carta, ein Grateful-Dead-Stück („Ripple“) und ein Traditional, den es auch von den Dead gibt ( das unglaubliche „I’ve Been All Around This World“), unter anderem sind auch Blues- und Country-Standards von Mississippi John Hurt und Elizabeth Cotton.

Die Besetzung (zwei Gitarren, Standbass, Fiedel, Dobro oder Mandoline und Snare erinnert ein wenig an Garcias andere Country-Band aus den mittleren 70ern Jahren „Old and in the Way“, bei der David Nelson und John Kahn auch dabei waren. Falls man aber bei solcher Musik BPM-Zahlen ermitteln könnte, lägen sie hier bei einem Drittel der Blue-Grass-lastigen Songs bei circa 30 BPM im Schnitt.

Diese Musik ist noch vielviel älter und im Weg, als ich mir das damals als blühender Mitdreissiger vorstellen konnte. Und das Tolle ist, es ist die schönste, friedlichste und freundlichste Musik, die je gemacht wurde: sie lehrt dich den Unterschied zwischen alt und dated; denn dated ist sie nicht, nur so völlig unfassbar alt, zwanzig Jahre älter als jede Vorstellung und Tolstoi in seinen letzten Momenten. Die ungehetzteste Musik aller Zeiten.

Ich danke an dieser Stelle Alexander für das anspruchsvolle und entspannte Gitarren Zusammenspiel jeden Monat über so viele Jahre.

John Lennon, Walls And Bridges, 1974

Produzent/ John Lennon

Label/ Capitol Records

„Walls And Bridges“ ist zwar nicht das, was ich einen Heuler nennen würde – dazu ist es einfach zu seriös und ernsthaft – aber dafür hat es mehr Substanz als die neuen Alben, die ich in letzter Zeit gehört habe. „Walls And Bridges“ ist ein Album, das ich in diesem Winter wiederentdeckt habe, eine „Stimmungsplatte“ in vielerlei Hinsicht. Nicht nur, weil so sanfte Songs wie „Nr. 9 Dream“ darauf sind, sondern auch wegen der harten Sachen wie „What You Got“ oder „Whatever Gets You Thru The Night“, wobei mich das letztere mit seinen schrägen Saxophonpassagen irgendwie an Junior Walker erinnert, auch gewisse Anklänge an Stevie Wonder oder Booker T. & The M.G.’s sind nicht zu überhören.

Es ist faszinierend, wie Lennon es geschafft hat, eine Bläsergruppe, die vielen Streichern und die Plastic Ono Nuclear Band auf allen Stücken so unter einen Hut zu bringen, dass ein Song, der funky sein soll, eben wirklich funky ist und nicht etwa überladen. Und dass die gleichermassen verträumten und melancholischen Lieder ebenso wie die verbitterten und gequälten eben wirklich verträumt oder melancholisch oder verbittert und gequält wirken, ohne jemals durch die doch recht vollgepackten Arrangements ins Kitschige und Süssliche abrutschen. Fred Ghurkin alias Dr. Winston O’Boogie alias John Lennon war halt einer der wenigen Leute im Showbiz, die sich redlich Mühe gegeben haben, sich selbst in ihrer Musik zu verwirklichen.

Uriah Heep, Look At Yourself, 1971

Produzent/ Gerry Bron

Label/ Bronze

Die Scheibe ist von 1971 (da war ich gerade 18 Jahre alt und schwänzte die Berufsschule) und war schon durch das Cover ein echter Hingucker. Unter den beiden Augen in der oberen linken und rechten Ecke befand sich eine reflektierende Folie, in der der Betrachter sich – wie in einem Spiegel – selbst sehen konnte.

Mit dem Titelsong geht es gleich mächtig los, ein Hochgeschwindigkeitsrocker, getragen von Ken Hensleys wildem Orgelgedröhle und den krachigen Gitarrensolos von Mick Box. An den Aufnahmen war übrigens die afrikanische Band Osibisa beteiligt, die einen wilden Percussionsteil beisteuerte. Der längste Track auf dem Album ist „July Morning“, der mit einem stimmungsvollen Orgel-Riff beginnt, zu dem sich Gitarre, Drums und Bass gesellen und schliesslich den eigentlichen Song, eine gefühlvolle und melancholische Ballade einleiten, der in einen fast epischen und symphonischen Rocksong übergeht. Dank der 10 Minuten Spielzeit ist hier auch allerlei Platz für musikalische Spielereien und ausgefeilte Übergänge sowie einen interessanten Instrumentalteil gegen Ende des Songs: zu Hensleys Orgelriffs kommt ein schräges und wildes Synthesizer-Solo, gespielt von Manfred Mann.

Die Musik ist alles in allem einfach ein Stück Zeitgeschichte. „Look At Yourself“ hat mir gefallen. Vielleicht das beste Album von Uriah Heep, in jedem Fall aber eines der besten drei, leider war dann nach 1972 weitgehend die kreative Luft raus.

Caetano Veloso, Transa, 1972

Produzent/ Ralph Mace

Label/ Philips

Dieses Album des brasilianischen Musikers Caetano Veloso entstand während seines Exils in London und erschien 1972 kurz nach seiner Rückkehr nach Brasilien. Die Mischung aus Rock, Bossa Nova, brasilianischem und portugiesischem Folk ergibt ein sehr schönes Meisterwerk. Die poetischen Texte sind mehrheitlich in Englisch und teilweise in Portugiesisch. Es geht unter anderem um Velosos Heimweh, seine Verlorenheit und Fremdheit angesichts seines Exils in England. Seinen besonderen musikalischen Reiz hat „Transa“ für mich in der ausbalancierten Mischung westlicher und südamerkanischer Musikstile und dem unkonventionellen Aufbau der Lieder.

Von den sieben Songs gefällt mir am besten „Nine Out Of Ten“. Caetano Veloso singt wie er die Portobello Road in London entlangläuft mit einem immensen Glücksgefühl im Bauch, das sich aus seinem Wissen speist, in diesem Augenblick am Leben zu sein. Er weiss, dass er eines Tages sterben wird, aber: „I’m alive“. Es ist das Wissen um die eigene Sterblichkeit, die den gegenwärtigen Moment so kostbar macht. In dem sanft wiegenden Reggae-Beat verrät Veloso auch, woran er merkt, dass er am Leben ist: Neun von zehn Filmstars brächten ihn zum Weinen. „Nine out of ten movie stars make me cry / I’m alive / And nine out of ten film stars make me cry / I’m alive“. Ist das nicht schön?

Ich danke an dieser Stelle allen Abonnenten von hotfox63 für ihre Aufmerksamkeit und wünsche ein gutes neues Jahr!

Julie Driscoll, Brian Auger & The Trinity, Season Of The Witch, 1967

Text/Musik/ Donovan, Shawn Phillips

Produzent/ Giorgio Gomelsky

Label/ Polydor

Julie Driscoll ist eine der aussergewöhnlichsten und ausdrucksstärksten Sängerinnen der Rockgeschichte. Eine unglaublich kämpferische und leider heute schon fast vergessene Sängerin. Mit Brian Auger & The Trinity hat sie einige Klassiker der Rockmusik Ende der 60er Jahre veröffentlicht. Ihre Version von „Season Of The Witch“ ist aus meiner Sicht immer noch die beste Interpretation dieses Songs. Julie Driscolls Stimme ist voller Intensität, Melancholie und Schönheit: „When I look at my window/ Many sides to see/ And when I look in my window/ So many different people to see/ That is strange, it sure is strange“ reflektiert sie, und dann „You’ve got to pick up every stitch“ fährt Julie fort, wiederholt, die Intensität ihres Gesangs steigernd “You’ve got to pick up every stitch” und abermals halb anklagend, halb inbrünstig, fordert Julie „You’ve got to pick up every stitch“ und dann zischen Orgel-Schlangen aus einem unsichtbaren Raum, den nun Brian Auger betreten hat und Julie Driscoll tanzt in den Raum, singt den Refrain, dreimal die Zeile „Must be the season of the witch“ wiederholend. Dann begibt sich der Song auf eine zweieinhalb-minütige instrumentale angejazzte Reise, auf der Brian Auger mit seiner Orgel über das Grundthema des Songs improvisiert. „You’ve got to pick up every stitch“ wiederholte Julie Driscoll dreimal in aller Dringlichkeit, um ganz aus sich heraus „Must be the season of the witch“ ebenso dreimal in furioser Manier zu wiederholen, besser: zu variieren, um so den Song in sein Finale zu überführen, immer begleitet vom magisch-swingenden Groove der Rhythmusgruppe und Brian Augers Orgelspiel.

Sister Rosetta Tharpe, Gospel Train, 1956

Produzent/ Ken Druker

Label/ Mercury

In einigen der wenigen historischen Filmaufnahmen ihrer Live-Auftritte sieht man eine Frau mittleren Alters auf der Bühne, ihr Dekolleté ziert eine funkelnde Halskette, die elegante, enganliegende Abendrobe reicht ihr bis zu den Waden. Das hält sie keineswegs davon ab, sich eine E-Gitarre umzuschnallen und auf dieser mit ausladenden Gesten zu spielen. Ein kurzer Blick ins Publikum, ein süffisantes Lachen, dann beginnt Rosetta mit erhobenem Zeigefinger zu singen: „I wanna tell you the natural facts, that the man don’t understand the good book write, and that’s all!“. Anschliessend widmet sie sie sich wieder ihrem Gitarrenspiel, das den Ton angibt, fasziniert und die Menge herauszufordern scheint: Na, wer von euch kann es mit mir aufnehmen?

Sister Rosetta Tharpe enwickelte in ihren Liedern eine einzigartige Mischung aus spirituellen Lyrics und rhythmischer Begleitmusik. Diese Begleitmusik gilt heute als Manifestation dessen, was später unter dem Namen Rock’n’Roll für unglaubliche Furore sorgen und die Popkultur des 20. Jahrhunderts prägen sollte wie kaum ein anderes musikalische Genre. Auch die Körperlichkeit, mit der Sister Rosetta Tharpe auf der Bühne performte und ihre Gitarre spielte, nahm das später zum Kult gewordene Gebaren männlicher Rock’n’Roll-Stars vorweg. Nicht zuletzt verlieh Rosettas Attitüde ihren Gospelzeilen bereits den herausfordernden Rock’n’Roll-Spirit, der das Genre später vorallem für junge Menschen so attraktiv und populär machen sollte.

Jimi Hendrix Experience, Wild Thing (Live), 1967

Text/Musik/ Chip Taylor

Produzent/ John Phillips, Lou Adler

Label/ Polydor

Es ist, wieder mal, Geschichte was am Festival im kalifornischen Monterey geschah. Angekündigt von Brian Jones legte Jimi tierisch vor, klingelte mit „Killing Floor“ jeden Freak mit tausend Phones aus den Haschischträumen. Von Track zu Track erklang ein Sound aus immer neuen Räumen. Die Leute lauschten bass erstaunt, sahen die Federboa fliegen, die blutigroten Beine sich wie die orange Brust verbiegen. Jimi spielte meisterlich! Dem Zauber eines Magiers gleich gebot er allen Tönen, die Bühne ward zum Himmelsreich, erfüllt vom Klang des Schönen. Er wandte sich ans Publikum, gestand mit leiser Stimme, er brächte jetzt sein Liebstes um, kein Opfer wäre schlimmer. Er liess die Gitarre heulen, begann in „Wild Thing“ von den Troggs die Verstärker zu zerbeulen, stiess die Fender in die Box, klemmte sie in seine Schenkel, nahm den Vibratorarm als Henkel, legte die Gitarre flach, küsste ihren Körper, bespritzte sie noch mannigfach und setzte sie in Flammen.

Soul Asylum, Grave Dancers Union, 1992

Produzent/ Michael Beinhorn

Label/ Columbia

Aufreizend. Je mehr man über dieses Album nachdenkt, desto mehr demontiert es sich, zerlegt sich. Die Teile verschwinden nicht, keineswegs, aber liegen da wie ein Bausatz: Verfeinertes Headbanging für Collegeknaben. Jeder kann lernen, was es mit Hardrock auf sich hat, um endlich die Wahrheit über Hardrock richtig massenwirksam zu verbreiten. In dem Zusammenhang sind Soul Asylum natürlich gut, breiten sich aus, sind eine solide Band, unaufgeregt, spielen sie sich durch „Grave Dancers Union“, mit breiten gemächlichen Soli, leicht fadigem Gesang, ganz nahe bei R.E.M. aber mit mehr Feinheiten.

Mit „Somebody To Shove“ klappen sie ihr Popsongbuch auf, um es in einem gemächlichen „The Sun Maid“ zu beenden. Die fanfarigen Heavy-Metal-Breaks sind trotz aller Verkleidungen zu erkennen; den Gitarren und teils auch dem Piano unterlegt werden speedige Partikel, gekonnt eingesprenkselt, und irgendwo findet sich noch Platz für Akustik-Folk. Es gibt Momente, bei denen man schon fast an Springsteen denken könnte, und andere an frühere HüskerDü. Noch öfter denkt man aber an diesen Über-Hit „Runaway Train“ und das zugehörige Video über vermisste Kinder, mit dem die Band 92 plötzlich zu Weltruhm gelangte. Klar, „Runaway Train“ ist ein starker Song, aber es gibt auf diesem Album einen ganzen Haufen starker Songs. „Grave Dancers Union“ ist ein schönes klassisches Stück Ekstase. Dröhn ab. Soul Asylums Highlight.