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Talking Heads, Fear Of Music, 1979

Produzent/ Brian Eno

Label/ Sire Records

Was der Rolling Stone in seiner Rezension der zweiten Talking-Heads-Platte formulierte, könnte eine Definition ihrer dritten sein: „Although Rock’n’Roll usually celebrates release, the Talking Heads dramatize repression“. Die neurotische Bipolarität von „Fear Of Music“ findet im Sound der Platte ihren Ausdruck. Der Sound klingt abgehackt, die Musik hart, atemlos eingepresst in die afrikanisierten Rhythmen, mit denen Byrne und Brian Eno zu arbeiten begonnen haben. Die Texte haben einen paranoischen Unterton. Ein „Life During Wartime“ wird beschrieben, ein Leben im Untergrund und der Erzähler auf der Flucht.

Selbst Drogen helfen nicht weiter, wobei das Stück „Drugs“ nicht von Psychedelika handelt, diese Träume sind längst verdampft. Die Drogen der Achtziger sind Kokain und Amphetaminderivate, Aufputscher – Leistungskatalysatoren. Bei den Aufnahmen zu „Drugs“ läuft Byrne im Studio zwischen zwei Mikrophonen hin und her, um den Eindruck von Atemlosigkeit zu erzeugen. Im Begleitheft der Talking-Heads-Kompilation „Sand In The Vaseline“ (1992) gesteht Byrne: „I couldn’t handle marijuana. It made me paranoid“. Und über Kokain schreibt er: „A problem waiting to happen. Too many late nights (it was usually accompanied by drinking) and spaced out days and soon I decided to stop.“

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Talking Heads, Stop Making Sense, 1984

Produzent/ Gary Goetzman

Label/ Sire Records

Zu Beginn betritt er allein die Bühne, Gitarre in der einen, Ghettoblaster in der anderen Hand. Unter dem Hallenlicht singt er dann „Psychokiller“ mit den Anfangszeilen: „I can’t seem to face up through the facts/ I’m tense and nervous and I can’t relax/ I can’t sleep cause my bed’s on fire/ Don’t touch me, I’m a real live wire.“

So beginnt das Konzert und begann die Karriere. „Psycho Killer“ ist der erste Song, den David Byrne mit der Band geschrieben hat; Karriere und Bühnenrolle fallen zusammen. Als Bassistin kommt Tina Weymouth hinzu. Während die beiden zusammen spielen, werden Schlagzeug und Keyboards hereingerollt. Die Techniker gehen von der Bühne, während die Talking Heads und ihre Begleitmusiker die Plätze einnehmen. Im Konzert werden seine Produktionsbedingungen zum Teil der Performance. Bei „Burning Down The House“ fragt Byrne sein Publikum „do you wanna dance?“, das Deckenlicht geht aus und die Konzertbeleuchtung geht an. Es geht los.

Der Sänger zuckt in seiner Mischung aus Gänsemarsch und Veitstanz über die Bühne. Seine Bühnefigur scheint von Angst und Rhythmen geschüttelt. Man weiss nie, ob sie zuckend ihren eksatischen Zustand angibt oder sich mit Ticks und Spasmen dagegen wehrt.

Byrne ist während diesen Konzerten aufgefallen, wie sehr sich die Spannung zwischen Wunsch und Kontrolle überträgt, der Wunsch nach ekstatischer Auflösung und sein Scheitern sich in der Publikumsreaktion abbildet. Die Ambivalenz des Sängers, vermutet er, schaffe „a kind of empathy to the listener… only in the sense that it gives a feeling of solidarity and empathy about what other people are going through.“

Solche Sätze deuten auf ein komplexes Verhältnis zwischen Sänger und Publikum und ihre wechselseitigen Identifikationen. „What other people going through“ zeigt auch, dass Ekstase nur unter Schmerzen möglich ist. Erst am Ende des Konzertes nehmen die Talking Heads Al Greens „Take Me To The River“ wieder auf und tauchen in den Strom des Verlangens.

Bis heute hat David Byrne Schwierigkeiten beim Versuch, sich gehen zu lassen. Doch er gibt sich hartnäckig. Byrne ist ein Sammler von Ekstasen, seine Faszination für vorchristliche Musik, wie er sie nennt, ist ungebrochen, sie erstreckt sich auf keltische, afrikanische und amerikanische Varianten, Amerika Süd und Nord. Bei der leichten Deutbarkeit dieser Musik besteht aber auch immer die Gefahr sich nicht an der Musik, sondern an ihrer Entschlüsselung zu begeistern.

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Talking Heads, Little Creatures, 1985

Produzent/ Talking Heads

Label/ EMI

„Little Creatures“ ist ganz offensichtlich ein Talking-Heads-Album. Beschäftigen sich die Talking Heads doch schon seit ihren Anfang mit quasi-analytischen Beschreibungen moderner Phänomene. Amerikaner sind bekanntlich immer an der positiven Seite der Dinge interessiert. Das Einzige, was die Talking Heads an positiven Vorschlägen zu bieten haben, ist, das gleiche zu tun, was sie getan haben. Ihre oft wie Aufzählungen gearbeiteten Beobachtungen der mondänen Sphären der modernen Welt sind keine Affirmationen, sondern erzählen von der Fähigkeit durch das Aufzählen dieser Listen die aufgezählten Gegenstände zu überwinden. So ist die typische Sprechweise der Talking Heads entstanden.

Das Einzige, was seit dem Anfang hinzugekommen ist, ist David Byrnes Idee primitive Musik in diese Art-Pop-Musik einzubeziehen. Aber es sind ganz offensichtlich immer die Talking Heads, die sich demonstrativ solchen Einflüssen bedienen oder sie ganz demonstrativ weglassen.

Auf „Little Creatures“ gibt es beides: eine Song-Seite und eine mehr perkussiv schwarze Seite, beide gefüllt mit Bezügen auf die eigene Geschichte („Psychokiller“, Bridge in „Walk It Down“), auf Abba, Grateful Dead und die Beatles und sogar dieselbe Platte (die Reprise von „Lady Don’t Mind“ in „Road To Nowhere“). Im Aufbau der Songs, in ihren Arrangements entfalten sich die bekannten Talking-Heads-Techniken der postmodernen Reduktion. War es aber in der Vergangenheit immer der Fall, dass die auf diesen Techniken aufgebauten Listen und Aufzählungen einer Einsicht oder Idee dienten, bleiben die Listen und das Handwerk hier unter sich.

„Little Creatures“ ist kein schlechtes Album. Doch historisch gesehen vor allem ein Dokument des Kampfs zwischen Tom-Tom-Club und Talking-Heads, kein Songs kann es mit den stärksten der Band aufnehmen. Anderseits ist die Platte es durchaus wert, angehört zu werden.

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Talking Heads, Once In A Lifetime, 1980

Text/Musik/ Talking Heads, Brian Eno

Produzenten/ Brian Eno, Talking Heads

Label/ Sire

Nach drei dichtgepackten New-Wave-Alben beschworen die Talking Heads den Geist Afrikas herauf und kreierten einen funkigen Kult-Klassiker.

Bandleader David Byrne erinnert sich: „Brian Eno und ich hatten viele über afrikanische Musik und Sinnlichkeit und deren Wirkung gelesen – Leute, die durch das Spielen multipler Rhythmen in Trance versetzt werden – und ich fand, dass das ziemlich gut klang.  Viele der Erkundungen, die mit meiner Platte mit Brian Eno („My Life in the Bush of Ghosts, erschienen erst 1981) begonnen hatten, trugen auf der Talking-Heads-Platte-Früchte.

In den Compass Point Studios auf den Bahamas bastelten die Heads an, wie Drummer Chris Frantz es nannte, „in die Länge gezogenen Grooves“ herum. Einer davon war „Weird Guitar Riff Songs“, ein Prototyp für „Once in a Lifetime“. Zurück in den Staaten liess sich Byrne von Radiopredigern inspirieren, die er aufzeichnete. Eine Predigt, erinnert er sich, „war wie eine Beschwörung, hatte einen Groove. Es ging um Hölle und Verdammnis und das Leben in einem Shotgun-House. Ich dachte, das kann ich verwenden.“

Byrnes Darstellung als besessener Priester im Video faszinierte Talking Heads-Neulinge (das Video wird heute im New Yorker Museum of Modern Art gezeigt). „Once in a Lifetime“ wurde viel gecovert, u.a. von Smashing Pumpkins und Marilyn Manson. Auch die Fans der Talking Heads liebten den Song, wie in dem Konzertfilm „Stop Making Sense“ gut zu sehen ist. „Es hat immer grossen Spass gemacht, den Song live zu spielen“, erinnerte sich Frantz 1992. „Es war ein erhebendes Gefühl, und das Publikum war voll dabei.“

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Brian Eno And David Byrne, My Life In The Bush Of Ghosts, 1981

Produzent/ Brian Eno, David Byrne

Label/ Sire

Inspiriert wurde „My Life In The Bush Of Ghosts“ von Holger Czukays „Movies“ (1979). Nur wenige kennen diese Sounds – Ähnlichkeiten gibt es mit Peter Gabriel drittem Album oder bei den Talking Heads. Tatsächlich war das Album als Vorläufer von „Remain In Light“ geplant, doch rechtliche Probleme führten dazu, dass man abbrach und neu begann.

Rhythmen aus aller Welt, Funk und Elektronik wurden gekrönt mit gesampelten Sängern, Radioschnipseln und Predigern – berüchtigt ist der Exorzist in „The Jezebel Spirit“. „America Is Waiting“ und „Regimen“ sind Stücke, die „normalem“ Rock am nächsten kommen. Der Rest ist finster („Mea Culpa“), gespenstisch („Moonlight In Glory“), verwandt mit „Seen And Not Seen“ auf „Remain In Light“ oder einfach wunderschön.

Das Stück „Qu’ran“ wurde später auf einigen Editionen durch die B-Seite der „Jezebel“-Single („Very , Very Hungry“) ersetzt, um islamische Einwände zu vermeiden. Aber „Bush Of Ghosts“ ist gleichzeitig Zeugnis von Byrnes und Enos Voraussicht (Hip-Hop-Sampling und westliche Öffnung für World Music waren noch Jahre entfernt) und davon, wie ausserordentlich Musik sein kann, wenn sie gegen alle Regeln verstösst.