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Bob Dylan, New Morning, 1970

Produzent/ Bob Johnston

Label/ Columbia Records

Dieses Album könnte Bob Dylans Karriere gerettet haben. Auf jeden Fall aber bewies „New Morning“ aus dem Jahr 1970, dass der Barde immer noch eine Rolle spielte und sein Witz noch intakt war. „New Morning“ folgte direkt auf das grösste Desaster Dylans, das verstörende „Self Portrait“ – ein nahezu unmöglich zu hörendes Album, das bei so manchem Fan die Frage aufwarf, ob ihr Idol den Verstand verloren habe. Nun, der qualitative Unterschied legt zumindest den Verdacht nahe, dass das Scheitern des Vorgängers Kalkül war. Mit etwas mehr  Rock & Roll geht es bei „New Morning“ da weiter, wo es mit dem entspannten Country-Rock von „John Wesley Harding“ und „Nashville Skyline“ aufhörte, ausserdem mit einer brillante Band (u.a. David Bromberg, Charlie Daniels, Al Kooper und Russ Kunkel).

Von den grossen Dylan-Klassikern enthält das Album nur wenige („If Not For You“ wäre hier zu nennen); aber Dylan geht mit einigen Songs neue, eigenwillige Wege, die er bis zu diesem Zeitpunkt unberührt liess. Da sind die jazzigen Experimente auf „Sign on the Winter“ und „Winterlude“ oder auf dem weitschweifigen Spoken-Word-Stück „If Dogs Run Free“, das an J.J. Cale erinnert und auf dem Al Kooper ein starkes Jazz-Piano spielt. Auch wenn ein paar Songs unfertig produziert wirken, vorallem „Time Passes Slowly“ und „Went To See The Gypsy“, tut das der Qualität der Platte keinen Abbruch.

Diese unkonventionellen Songs machen „New Morning“ zu einem charmanten, liebenswerten Album.

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Bob Dylan, Highway 61 Revisited, 1965

Produzent/ Bob Johnston

Label/ Columbia Records

Seit dem Skandal bei der Premiere von Strawinskys bahnbrechendem „Le Sacre du Printemps“ 1913 in Paris hat wohl kein musikalischer Umbruch soviel Aufruhr gestiftet wie Bob Dylans Auftritt mit der elektrischen Gitarre auf dem Newport Folk Festival im Juli 1965. Doch die Kritik der Puristen erstickte im überschwenglichen Lob, als einen Monat später „Highway 61 Revisited“ herauskam.

Mit der Verwandlung vom akustischen Folksänger zum Rocker mit elektrischer Gitarre stellte Dylan die Regeln der Pop-Musik auf den Kopf. Es hatte bereits mit der A-Seite von „Bringing It All Back Home“ angefangen. Ein Hit wie die wirbelnde Hymne „Like A Rolling Stone“ musste nicht mehr in das Drei-Minuten-Limit passen.

Gebildete und kunstvolle Lieder wie „Just Like Tom Thumb’s Blues“, die Strophen zum Mitsingen quasi wegradierten, hatten riesigen Erfolg und etablierten Dylan als dominante Figur in der Rockmusik. Obwohl Dylans Stimme selten ernster und kraftvoller geklungen hatte, gab sie nicht den Ausschlag. Es war entscheidend, was er sagte, nicht wie er es sagte – ein echter Paradigmenwechsel für das Genre.

Die Platte wurde diskutiert und kritisiert wie kein Popalbum zuvor. Aber „Highway 61 Revisited“ hört man am besten ohne allzuviel analytische Theorie. Auch ohne literarische Referenzen ist der Adrenalinschub von „Tombstome Blues“ und „From A Buick 6“ ein wahrer Genuss. Das mag der Grund gewesen sein, warum sich Dylan dem Rock’n’Roll zugewandt hat.

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Bob Dylan, The Cutting Edge 1965- 1966 (The Bootleg Series Vol. 12), 2015

Label/ Columbia

Als Bob Dylan und sein Kumpel, der Folk-Singer Phil Ochs, an einem Abend des Jahres 1966 in einer Limousine durch New York gondelten, merkte Ochs dezent an, dass er den neue Dylan-Song „Can You Please Crawl out Your Window“ nicht so toll finde. Da explodierte Dylan, liess den Fahrer bremsen und schrie wütend: „Raus aus dem Auto, Ochs!“ Die nächsten zehn Jahre sprachen die beiden kein Wort miteinander.

Eine Geschichte, die erahnen lässt, wie aufgeladen die Stimmung damals war. Kein Wunder, denn Mitte der Sechziger war Bob Dylan im Zentrum eines Orkans. Das lähmte ihn aber nicht, sondern befeuerte seine Kreativität nur noch mehr. Die drei Alben, die Dylan damals innerhalb von 14 Monaten, zwischen Januar 1965 und März 1966, einspielte, veränderten nicht nur seine Karriere, sondern modernisierten die Popmusik insgesamt.  All die Superlative aufzuzählen, die mit den Werken „Bringing It All Back Home“, „Highway 61 Revisited“ und „Blonde On Blonde“ in Verbindung gebracht werden, wäre öde. Es bleibt aber, dass jedes einzelne dieser Alben Bob Dylan allein schon zur Legende gemacht hätte.

Als Dylan die Elektrizität für sich entdeckte, hatte er den einsam mahnenden Folk-Singer hinter sich gelassen und sich eine E-Gitarre und Band besorgt. Dass er so die Wut der vermeintlich toleranten Folk-Fans auf sich zog, hielt er aus. Songs wie „Subterranean Homesick Blues“, „Maggie’s Farm“, „Visions of Johanna“ und besonders „Like a Rolling Stone“, machten Dylan – unfreiwillig, aber endgültig – zum Sprecher einer Generation.

Andererseits zelebrierte er seinen Status als unnahbares Phantom: Dylan versteckte sich hinter seiner Sonnenbrille und hielt die nach Deutungen und Erläuterungen lechzenden Verehrer mit schnippischen Kommentaren auf Abstand. Seine Interviews aus jenen Jahren gelten als Klassiker der Auskunftsverweigerung. Auf die Journalisten-Frage, worum es im „Subterranean Homesick Blues“ eigentlich gehe, antwortete er damals knapp: „Um absolut nichts!“

So blieb nur Dylans Musik, aus der sich jeder seine Antworten herausdestillieren musste. Das machte es umso spannender, bei ihm einen Blick hinter die Studiokulissen zu werfen. Die Chance dazu boten lange nur illegale Tonträger mit Musik, die der Meister eigentlich nicht veröffentlicht sehen wollte – Bootlegs also. Diese unerwünschten Veröffentlichungen kontert Dylan seit Jahren mit einer Reihe „offizieller“ Bootlegs, der sogenannten „Bootleg-Series“, die Studio-Überbleibsel bietet. 2015 ist “Bob Dylan – The Cutting Edge 1965-1966 “ erschienen, die wohl wichtigsten Phase in Dylans Karriere.

Was damals im Studio hintenüber fiel, wurde nun frisch aufbereitet. Und so bietet sich die Chance, die Entwicklung einiger spektakulärer Dylan-Songs nachzuempfinden. Natürlich ist es ganz interessant beispielsweise „Mr. Tambourine Man“ mit lärmender Tamburinbegleitung oder „Just Like A Woman“ als latino-getönte Rocknummer zu hören. Aber insgesamt sind auf  „The Cutting Edge“ kaum neue Song-Entdeckungen zu machen. Für sich genommen weichen die Aufnahmen nur in Instrumentierung, Tempo und Timing vom Bekannten ab. Neben dem flüchtigen Aha-Effekt bleibt dann vorallem die Gewissheit, dass die auf den Alben gelandeten Versionen doch die besten waren. Für alte Dylan-Fans dürfte sich „The Cutting Edge“ aber durchaus bezahlt machen.