Bob Dylan, Love And Theft, 2001

Produzent/ Bob Dylan (unter dem Pseudonym Jack Frost)

Label/ Columbia

Als am 11. September 2001 morgens die Plattenläden in New York aufmachten und darin Dylans neues Album zum Kauf parat lag, war es im Süden Manhattans bereits passiert: Zwei amerikanische Passagiermaschinen hatten die Twin Towers durchbohrt. In den Wochen darauf erklomm „Love And Theft“, Bob Dylans 31. Album und sein letztes Meisterwerk, die Billboard Top 5.

Man kann das so lesen, dass die Amerikaner sich nach einem solchen Angriff ihrer eigenen Tradition versichern wollten. Das tun Dylan und seine agilen Begleiter auf „Love And Theft“ dermassen gründlich, dass das Album sich als einzige Abfolge von Zitaten, Verweisen, Anspielungen und Montagen erweist. Worauf Dylan, der Dieb der Traditionen, ja selber im Plattentitel verweist. Und wie so oft in seiner Karriere hat der Rückgriff auf die alten musikalischen Stile Amerikas zu einer Musik inspiriert, darunter Blues, Rockabilly, Country, Swing und Balladen nach der Manier von Tin Pan Alley. Diese Musik bleibt alterslos, weil sie nie jung war.

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Bob Dylan, Slow Train Coming, 1979

Produzent/ Barry Beckett, Jerry Wexler

Label/ Columbia Records

Dylans Zeit von 1979 – 1981, die sogenannte „christliche Phase“, gilt für viele seiner Fans als dunkle Epoche. Bob schien damals mitten auf der Crossroad zu stehen. Er sprach öffentlich über seine Beziehung zu Jesus, verkündete in Songs wie „Gotta Serve Somebody“, dass man sich zwischen Gott und dem Teufel zu entscheiden hätte. So was symbolisch zu deuten, das schien zu viel verlangt für seine Anhänger; für sie klang es wie ein Hohn, und sie beschimpften ihn als „Fundamentalisten“. Ihr Gott war Dylan, und jetzt verkündete dieser höchstpersönlich, dass er demütig zu einem noch höheren Gott aufschaue? Und dann war es ausgerechnet dieser Mark Knopfler, der Dylan beistand auf seinem Gospel-Album „Slow Train Coming“. Knopfler war damals für eingefleischte Dylan-Fans wie ein rotes Tuch. Was in aller Welt konnte ein Dylan ausgerechnet an diesem „Weichspüler Knopfler“ gut finden?

Aber im Grunde genommen standen sich beide Künstler von Anfang an nahe. Beide sind leidenschaftliche Geschichtenerzähler. Dylan brachte Knopfler damals auf auf seinen Weg als Sänger – man höre sich nur mal die ersten Dire Straits-Alben an. Und Dylan konnte nicht anders als Knopflers Gitarren-Kunst zu bewundern – weil er selbst nie schaffte die Saiten zu sprechen zu bringen. Natürlich gibt es da ein paar Gegensätze; während Knopfler inzwischen völlig entspannt und „bescheiden“ Folk spielt, hämmert Dylan immer noch kratzbürstig los und dekonstruiert seine Songs. Aber im Grunde ihres Wesens sind sie sich ähnlich, sie spielen im Alter bloss verschiedene Facetten aus. So ein Kontrast kann doch nur spannend sein! Oder würden Sie beispielsweise behaupten, dass zwei gute alte Freunde sich nicht mehr vertragen dürfen, nur weil der eine Rentner vielleicht unrasiert in Jeans daher kommt – und der andere seinen nostalgischen Hang zu gepflegten Klamotten nicht aufzugeben bereit ist?

Bob Dylan, Together Through Life, 2009

Produzent/ Jack Frost

Label/ Columbia

Es gibt da diesen Satz von Dylan: „When asked to give your real name, never give it.“ Dylan war da ziemlich konsequent. Und genau wenn man meint, der mürrische alte Mann habe die Zeitgenossenschaft endgültig aufgekündet, ist Dylan plötzlich wieder mal ein anderer. Ein aufgeräumter Zeitgenosse. Bei seinem 46. Album „Together Trough Life“ hat er die Texte zusammen mit dem Grateful-Dead-Songschreiber Robert Hunter geschrieben. Im Vergleich zum Vorgängeralbum „Modern Times“ liegt der Fokus eher auf der Selbstreflexion, auf zurückhaltender Betrachtung als dezenter Kommentierung.

Auch musikalisch tut sich allerhand. Da ist das Akkordeon von David Hidalgo (Los Lobos) zum Beispiel, das stoisch und unbeirrbar immer wieder auftaucht, Tex-Mex-Gitarren, Gypsy-Blues, Musik wie kurz nach dem Urknall des Rock’n’Roll. Dylan schwitzt in der Sonne Mexikos, schlägt nach Fliegen und trinkt Tequila. Man kann es entspannt, sommerlich, leicht nennen. Erst recht, wenn man im Roadtrip von „If You Ever Go To Houston“ durch die Vereinigten Staaten reist. Allein diese Geschichte erzählt das Coverfoto von Bruce Davidson, der für die Magnum-Serie „Brooklyn Gang“ vor 60 Jahren jenes küssende Pärchen auf dem Autorücksitz festhielt. Träumerisch, verklärt. Gibt es etwas schöneres als Fernweh?

Die grosse Gitarre im Ende von „Beyond Here Lies Nothin'“ weiss ebenfalls davon zu berichten. Sie zerreisst die flirrende Luft, beisst sich durch den walzenden Blues und widersetzt sich Dylans Idee: „Nothin‘ done / And nothin‘ said.“ Es ist zum Heulen schön. Genauso wie das zärtliche „Life Is Hard“. Man schmeckt die trockene Luft, man steht im eigenen Schweiss, lüftet seinen Hut, dreht die nächste Kippe. Und hört dem alten Mann zu wie er in „I Feel A Change Comin‘ On“ singt, dass Träume nie etwas bewirkt hätten. Der grosse Tag sei fast vorüber. Nur die Reichen mehren ihr Vermögen. Er höre lieber Billy Joe Shaver und lese James Joyce.  Am Schluss grüsst er noch mit „It’s All Good“. Natürlich ist nichts gut, ausser Musik und Laune. „Big politicians telling lies“, sagt Dylan. Er auch. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass seine Songs tatsächlich trösten.

Bob Dylan, It’s Alright Ma, (I’m Only Bleeding), 1965

Text/Musik/ Bob Dylan

Produzent/ Tom Wilson

Label/ CBS

Der Song „It’s Alright, Ma (I’m Only Bleeding)“ stammt aus den Jahren 1964/1965. Dylan hatte ihn im Sommer 1964 geschrieben und zum ersten Mal auf dem sogenannten Halloween-Konzert in der New Yorker Philharmonic Hall vorgetragen. Im Frühjahr 1965 folgte dann die Studioeinspielung für die Platte „Bringing It All Back Home“.

„It’s Alright, Ma (I’m Only Bleeding)“ ist düster, apokalytisch, ernst, paranoid, es geht um Entfremdung und um den ganzen Wahnsinn um uns herum, um Freiheit und Repression, damals wie heute. Aber die Leute an diesem Halloween-Konzert 1964 in der New Yorker Philharmonic Hall wissen nicht, wie ihnen geschieht. Wie denn auch. Sie kennen den Song noch nicht. Sie hören ihn und die Zeile „Even the president of the United States sometimes must have to stand naked“ zum ersten Mal, ahnen vielleicht dass dieser Song eines Tages ein Klassiker wird.

Vor ihnen, auf der Bühne der ausverkauften New Yorker Philharmonic Hall, steht ein 23-jähriger Sänger, der als neuer Heilsbringer gefeiert wird, als König des Folk, einer, der die im kalten Krieg befindliche Welt mit seinen „Protest“-Songs retten soll. Ein grosses Missverständnis. Denn so eindringlich „It’s Allright Ma“ eine unaufhaltsame Triade gegen jede Erscheinungsform des modernen Lebens ist, so wenig gibt es in dem Song einen Hinweis darauf, wo diese „andere Realität“ ist – Dylan sagt nur, dass sie sicher nicht in der ihn umgebenden Gesellschaft zu finden ist. Seine Vision ist also rein negativ: er weiss zwar was falsch ist, aber er kann nicht sagen was gut; er durchschaut Karikaturen, aber er hat keinen Begriff jener Ideale, die in diesen Karikaturen verzerrt erscheinen. Der Song steigt nicht in den Äther empor, sondern sinkt in den Morast, den er beschreiben sollte.

Bob Dylan, I Want You, 1966

Text/Musik/ Bob Dylan

Produzent/ Bob Johnston

Label/ Columbia

Weil Dylan auf Fotografien gerne den Griesgram mimt, könnte man meinen, er sei weder zum Komiker noch zum Romantiker geeignet. Beides ist falsch. In Dylans Werk versteckt sich herrlich absurder Klamauk – im fiesen „Ballad Of A Thin Man“ etwa. Und auch die Rolle des Liebestollen spielt er oft in seinen Liedern – wie etwa in „Sad Eyes Lady Of The Lowlands“ oder dem zart-verlangenden „I Want You“. Der Song ist emotional, hoffnungsvoll und wunderschön. Vielleicht gerade dadurch, dass die Lyrics so direkt sind und nicht wie sonst poetisch verschlüsselt. „I Want You“ gehört zur meines Erachtens schönsten Liebeserklärung des Meisters. Weltklasse!

Eigentlich wollte ich zu diesem Lied ein Video aus dem italienischen Film „Cinema Paradiso“ (1988) von Giusseppe Tornatore einbetten. Der Film erzählt die Kindheit des Filmregisseurs Salvatore di Vita in dem fiktiven sizilianischen Fischerdorf Giancaldo. Als Junge durfte er im Kino des Ortes arbeiten. Bei dieser Tätigkeit hat er nicht nur das Handwerk des Filmvorführers gelernt, sondern sich auch in die Filme selbst verliebt. Als er nach 30 Jahren wieder nach Giancaldo zurückkehrt, findet er in dem leerstehenden Kino, das abgerissen werden soll, eine Filmrolle mit aneinandergereihten Kuss-Szenen, die er auf Geheiss des Dorfpfarrers über die Jahre aus den Filmen schneiden musste. Leider ist dieses Video auf YouTube mit einer Altersbeschränkung versehen: https://www.youtube.com/watch?v=xzA1KDxKXZw

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Bob Dylan, Subterranean Homesick Blues, 1965

Text/Musik/ Bob Dylan

Produzent/ Tom Wilson

Label/Columbia

Mit „It Ain’t Me Babe“ verabschiedete sich Bob Dylan 1964 von der Folkmusik. Das streitbare Album „Bringing It All Back Home“ ( in Europa unter dem Titel „Subterranean Home Sick Blues“ erschienen) stellte den Rock’n’Roll derart auf den Kopf, wie es erst 1975 den Sex Pistols wieder gelingen sollte. „Outlaw Blues“ und „On the Road Again“ gaben das Tempo vor, aber den elektrisierendste Moment des Albums war der Song „Subterranean Homesick Blues“ – eine verrückte Neufassung von Chuck Berry’s „Too Much Monkey Business“.

Dylan zeigte wenig Zurückhaltung, wenn es darum ging, sich bei seinem Idol Woody Guthrie zu bedienen, und verabeitete Textzeilen aus „Taking It Easy“ von Guthrie/Pete Seeger „Mom was in the ther pantry looking for some yeast“). Wie alle Dylan-Texte wurde auch dieser nach Bedeutung durchforstet. Schlüsselsätze vermischen sich mit Jargon, etwa das oft zitierte „You don’t need a weatherman/To know which way the wind blows“

Das Endergebnis war vielleicht nicht tiefgründiger als Chuck Berrys Originaltext, aber dank Dylans Talent und dem Kult-Videoclip mit den Texttafeln wurde es sein erster grosser Hit – und gab dem Rock’n’Roll Zunder.

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Bob Dylan, Visions Of Johanna, 1966

Text/Musik/ Bob Dylan

Produzent/ Bob Johnston

Label/ Columbia

Manche Texte versteht man besser, wenn man nicht genau hinschaut. Mir jedenfalls kommt „Visions Of Johanna“ vor wie ein psychedelischer Trip. Der Schauplatz wechselt ständig, man weiss nie, was der Text eigentlich sagen möchte. Zuerst sind wir in einem Raum mit hustenden Heizungsrohren, dann in einem Museum, dann vielleicht in einem Bild. Der verlorene Junge murmelt gegen eine Wand, anstatt mit dem Erzähler zu sprechen. Countrymusik dudelt vor sich hin, die Madonna zeigt sich nicht. Alles ist sinnlos, unzusammenhängend. Wie in einem explodierenden Bewusstsein, das die Wirklichkeit nicht mehr fassen, nicht mehr ordnen kann.

Was am Ende bleibt sind die Visionen von der mysteriösen Johanna. Dylan stellt sie der anderen Frauenfigur gegenüber: „Louise, she’s all right, she’s just near/ She’s delicate and seems like the mirror/ But she just makes it all too concise and too clear/ That Johanna’s not here.“ Louise scheint also sexuell verfügbar, sie ist körperlich anwesend, Johanna hingegen ist abwesend, sie ist die einzige, die ausserhalb der beschriebenen desillusionierenden Realität steht. Sie dient dem Erzähler als Ideal, womöglich als Inbegriff erfüllter Liebe und Sinnhaftigkeit, auf jeden Fall steht sie für ein vermeintliches Entkommen aus der als grausam empfundenen Wirklichkeit. Zugleich verfolgen, ja quälen den Erzähler seine Visionen, weil sie eben bis zum Ende das bleiben, was sie sind: Visionen.

Die Originalaufnahme von „Visions Of Johanna“ ist auf dem legendären 1966er Album „Blonde On Blonde“ zu finden. Die Live-Aufnahme von „Visions Of Johanna“ aus dem Album „The Cutting Edge 1965-1966: The Bootleg Series Vol. 12“ bekam zu recht ein eigenes Musikvideo. Es ist eines dieser Videos, die eine ungemeine Faszination ausüben. Dieses schöne und bildgewaltige Werk in Kombination mit Dylans surrealistischer Songpoesie ist eine tolle Arbeit. Wir sind gefangen in der Endlosschleife.

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Bob Dylan, World Gone Wrong, 1993

Produzent/ Bob Dylan

Label/ Columbia

Man schrieb das fünfte Jahr der Never Ending Tour, als Dylan im Juli 1993 auf dem Berner Hausberg Gurten spielte. Im Set waren mit „Hard Times“ und „Little Moses“ auch zwei Variationen über alte Folk-Traditionals. Und tatsächlich waren und ist es diese Rückbesinnung auf die Lieder der Vorkriegsszeit, die Dylans glorioses Spätwerk erst möglich machen. Den beiden akustischen Soloalben, die er damals veröffentlichte, kommt also eine Schlüsselrolle zu, will man die späteren Platten wie „Time Out Of Mind“ und „Love And Theft“ lesen und verstehen. Sie waren Eintrittstickets ins Alterswerk. So gesehen war „Good As I Been To You“ (1992) ein wichtiges Album. „World Gone Wrong“ (1993) ist nicht nur das, sondern auch meisterhaft.

In den zehn Liedern ist Dylan ganz bei sich, vielleicht zum ersten Mal seit „Blind Willie McTell“, einem Song, den er 1983 aufgenommen, aber erst 1991 veröffentlicht hatte. Dies sind seine Back Pages, ja; aber so glutvoll, wie er sie hier singt, macht er sie ganz und gar zu seiner Gegenwart. „World Gone Wrong“, „Delia“ und „Lone Pilgrim“ gehören zweifellos zu den schönsten Aufnahmen auf diesem Album. Mit ihnen spielte er sich 1993 frei. Nicht nur in den langen Jams, die er in jenem Sommer auf dem Gurten ebenfalls aufführte.

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Bob Dylan, Rainy Day Woman No. 12 & 35, 1966

Text/ Musik/ Bob Dylan

Produzent/ Bob Johnston

Label/ Columbia Records

Ich glaube nicht, dass es einen bestimmten Typus von Frauen in Dylans Songs gibt, nicht einmal so etwas wie eine prinzipielle Typologie. Es gibt eben jede Menge Frauen in seinen Songs, aber sie sind verschieden; oder sie sind das, was der Sänger im Song gerade braucht. Es gibt die, die bleiben sollen, die, die weggehen sollen, die, die zufällig da sind und die, die begehrt werden, weil es sie gibt, das heisst: weil sie vorkommen, wenn Dylan gerade einen Text schreibt.

Der Song „Rainy Day Woman No. 12 & 35“ führt das alles kompromiert vor und parodiert es gleichzeitig. Ein Reigen der „Frauen, die einem alles vermiesen“. Man hört eine Karnevalsmusik: Pauke und Clownsposaune vornweg. Generalanklage gegen „die grosse Steinigerin Frau“. Narrenschellen und Honky-Tonk-Klavier vor einem Background juchzender Kneipengeräusche. Aah-bah-da-da: “ Sie meckern, wenn du jung bist, Sie meckern, wenn du schön bist, es passt nicht, wenn du allein bist, auch nicht, wenn du zu zweit bist, es ist falsch, wenn du dich setzt, und es ist falsch, wenn du aufstehst, sie hauen dich in die Pfanne, wenn du pleite bist, und wenn du ein paar Dollar machst. Sie steinigen dich beim Frühstück, sie steinigen dich, wenn du wegläufst und wenn du wieder da bist. Und ebenso, wenn du Auto fährst, wenn du deine Gitarre spielst, und wenn sie dich verlassen (und dann doch wiederkommen). Sie steinigen dich und sagen, das war’s jetzt, dann fangen sie wieder von vorn an, und loben dich, wie toll du alles aushälst. Sie steinigen dich noch, wenn sie dich in die Grube runterlassen.“

Entscheidend aber ist die Musik: ein ausgelassener Festzug, eine American Parade of „Rainy Day Woman“. Die biblische Strafe des Steiniges wird dabei verkehrt ins Gegenteil durch den Refrain:“Everybody must get stoned…“ ob durch Alltagsqualen oder durch einen Joint, muss der Hörer selbst entscheiden. So sind die Frauen des Songs weder die Frau im allgemeinen noch Dylans Frauen biografisch, sie sind eine der Versionen des Karnevals der Erscheinungen, der auch sonst besungen wird.

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Bob Dylan, Under The Red Sky, 1990

Produzent/ Don Was, David Was

Label/ Columbia

„Under The Red Sky“ gilt unter Dylanologen als eines der anerkannt schlechtesten Alben. Es liegt aufreizend infantil zwischen zwei edlen, von Daniel Lanois produzierten, Meisterwerken. Es gilt als dermassen verpatzt, dass die vielen negativen Kritiken auch dem Grossmeister für mehrere Jahre die Sprache verschlugen. Nicht aber das Singen. Er ging öfters auf Tour, verschrieb sich eine Back-to-the-Roots-Folk-Therapie in Form von zwei Alben – „Good As I Been To You“ (1991) und „World Gone Wrong“ (1992) –  mit ausschliesslich Coverversionen. Es dauerte sieben Jahre, bis Dylan mit neuen Songs und dem Album „Time Out of Mind (1997) erschien.

Aber was ist den so schlimm an „Under The Red Sky“? Den meisten Kritikern ging bereits beim ersten Song der Hut hoch: „Wiggle, wiggle – like a gypsy queen, wiggle, wiggle all dressed in green, wiggle, wiggle til the moon is blue, wiggle til the moon sees you.“ Banal? Nein, entzückend! Es ist die pure Übersetzung von Vergnügtheit und Lebenslust. Es braucht einiges an Verbiesterung und Erbsenzählerei, um dieses heitere, kindlich-spontane Album mit der der Vergleichskeule zu erschlagen. Wie kann – so der übliche Vorwurf –  ein Sänger, der „Desolation Row“ geschrieben, ein so platschfröhliches Rockabilly-Album herausgeben? Vielleicht weil er einfach Lust dazu hatte.

Eine Kleinstadt am Jurasüdfuss, es war im Sommer 1969 und ich war zum ersten Mal richtig verliebt. Und da war diese Langspielplatte „Nashville Skyline“. Das reinste Glück. Ich war gerade sechzehn und das Lied „Girl From The North Country“ wurde eine gleissende Verheissung von Liebe, Lebensfreude und Melancholie. Dreiundzwanzig Jahre später erscheint „Under The Red Sky“, der Titelsong beginnt mit: „There was a little boy and there was a little girl/ And they lived in an alley under the red sky.“ Und weiter: „There was an old man and he lived in the moon/ One summer’s day he came passing by“. Der Menschen Engel sei, sagt Schiller, die Zeit. Die Zeit ist auch das häufigste Substantiv bei Dylan. Man erlaube mir also, „Under The Red Sky“ gleichzeitig als Wiedererinnerung an eine Jugendliebe und als Echo eines früheren Liedes mitzuhören.