IN MEMORY EVERYTHING SEEMS TO HAPPEN TO MUSIC – Tennessee Williams
Schlagwort: The Beatles
The Beatles, Rain, 1966
Text/ Musik/ Lennon/McCartney
Produzent/ George Martin
Label/ Parlophone
Während die Beatles diese B-Seite der „Paperback Writer“ Single aufnahmen, stiessen sie erstmals auf die technische Möglichkeit, Aufnahmen rückwärts abzuspielen. Das klang wie aus einer anderen Welt. John Lennon war so begeistert von dem neuen Sound, dass er die ganze Nummer rückwärts aufnehmen wollte. Schliesslich beugte er sich aber doch George Martin und gab sich zufrieden, dass nur die letzten 25 Sekunden seines Gesanges entsprechend entfremdet eingesetzt wurden.
Thema dieses Songs war, wie auch bei vielen anderen psychedelischen Werken, die Natur. Die Sonne, die Wolken, der Himmel, Blumen und Bäume wurden plötzlich in ganz anderem Licht gesehen, erfahren und besungen. Durch Acid bekam das Gewöhnliche plötzlich eine besondere Faszination und es dauerte nicht lang, bis The Move das Gras wachsen hörten („I can hear the grass grow“). Die Grünen tauchten erst ein Jahrzehnt später auf.
The Beatles, She Said She Said, 1966
Text/Musik/ Lennon/ McCartney
Produzent/ George Martin
Label/ Parlophone
„Who put all those things in your head?“ Diese Dinge besorgte wohl Dr. Robert. John stellt hier das letzte von mir ausgewählte Stück vom „Revolver“ Album vor, voller verdrehten Rhythmen und auf- und niederstrebenden Melodien. Dieses Lied wurde durch die Begegnung der Beatles mit einige Mitgliedern der Byrds und dem Schauspieler Peter Fonda inspiriert. Im August 1965, bevor die Beatles Elvis in Graceland besuchten, nahmen sie einen gemeinsamen Trip mit dem Angeber Fonda, der ihnen weismachen wollte: „I know what it’s like to be dead.“ John glaubte ihm offenbar jedes Wort.
Der ursprüngliche Titel des Liedes war „He Said He Said“ und jeder, der sich schon einmal als Hobbypsychiater mit dem anregend regressiven Bild der Liedzeile „You’re making me feel like I’ve never been born“ beschäftigt hat, wird neuen Stoff zum Sinnieren erhalten, ursprünglich sang John nämlich: „You’re making me feel like my trousers are torn.“
The Beatles, Doctor Robert, 1966
Text/Musik/ Lennon/ McCartney
Produzent/ George Martin
Label/ Parlophone
Es handelt sich hier um eine „saubere“ Aufnahme. Der Text jedoch lässt keine Zweifel an der wahren Natur des Rezepts, das der gute Doktor verschreibt. Vorbild war ein gewisser Dr. Charles Robert, ein Acid-Doktor aus New York. Der Sänger lädt auf „Doctor Robert“ sowohl dazu ein, mit ihm einige illegale pharmazeutische Produkte zu teilen, wie auch eine Warnung, dass es sich bei diesem Charlie um einen Mann handele, dem man Glauben schenken müsse, der jedem Bedürftigen helfe.
Es dauerte nur wenige Jahre, bis John Lennon zu jenen gehörte, die für sich Drogen brauchten. Der „Doctor“ erinnert auch an Lennons und Harrisons ersten Acid-Trip. Ein befreundeter Zahnarzt hatte ihre Getränke mit LSD gespiked, ihnen ohne ihr Wissen LSD untergejubelt. Die Lennons fürchteten eine geplante Sexorgie und flüchteten mit George Harrison. Ihre Heimfahrt wurde zur spektakulärsten und entdeckungsfreundlichsten Reise in ihrem bisherigen Leben, zumal sie an der Haustür nicht aufhörte, sondern noch viel weiter führte.
The Beatles, I’m Only Sleeping, 1966
Text/Musik/ Lennon/McCartney
Produzent/ George Martin
Label Parlophone
Mit diesem Lied ändert John seine auf „Tomorrow Never Knows“ eingeschlagene Richtung um 180 Grad: statt „downstream“ floatete er nun „upstream“. Der Schlaf und vor allem die Träume spielen unter dem Einfluss von LSD eine völlig neue Rolle. Dieses dem Titel angemessen einschläfernde Stück dokumentiert jene faszinierende Grauzone zwischen Schlaf und Wachbewusstsein hervorragend. Mitten in diesem luziden Song gähnt Lennon schamlos und bittet: „Please don’t spoil my day, I’m miles away.“
The Beatles, Love You To, 1966
Text/Musik/ George Harrison
Produzent/ George Martin
Label/ Parlophone
Ich möchte die Psychedelic Music Compilation der Beatles weiterführen mit George Harrisons akustischem Sitargeschnörkel, das in der Folge zu einem Markenzeichen der psychedelischen Musik der Mittsechziger wurde. Acid verfeinerte nicht nur die Hörfähigkeiten, sondern auch das Bewusstsein. Durch die trippigen, exotischen Ideen von „Love You To“ bekam Indien für die HörerInnen dieses Liedes einen ganz neuen Stellenwert.
Es handelt sich hier um einen der ersten westlichen Popsongs, der für indische Instrumente geschrieben wurde. Um so erstaunlicher, dass George Harrison hier eigenhändig die Saiten bedient. Er hat zugegeben, dass die Sitarklänge auf „Norwegian Wood“ noch eher zufällig waren, sie bei „Love To You“ jedoch erstmals bewusst eingesetzt wurden. Mit einem Text, der sich inhaltlich definitiv von üblicher Popromantik abgenabelt hat und einem gesunden Schuss proto-hippiehafter Instruktionen wie „to make love all day long“ – begann die psychedelische Zeit der Beatles in atemberaubendem Stil.
The Beatles, Tomorrow Never Knows, 1966
Text/Musik/ Lennon/ McCartney
Produzent/ George Martin
Label/ Parlophone
Auf Besen reitende Hexen, die durch das sternenverpixelte Weltall rasen: Solch ein Bild suggerierten die Geräusche, die den Beatles-Song „Tomorrow Never Knows“ begleiteten, eine mantraartige Litanei in ostinatem C-Dur, von John Lennon mit verstellter Stimme gesungen und getragen vom ruckelnden Schlagzeug. Die Effekte hatten die Band und ihr Produzent George Martin mithilfe rückwärts gespielter oder beschleunigter Endlosbandschlaufen kreiert.
Das bahnbrechende Stück erschien im Sommer 1966 am Schluss des Albums „Revolver“ – und läutete ein Psychedelikfieber in der Popmusik ein, das seinen Höhepunkt 1967 erlebte. Wer Rang und Namen hatte in der Szene – und erst recht, wer es nicht hatte – begann nun, Klänge zu verfremden, Songs zu zersetzen, Engelschöre anzustimmen, barock zu trompeten und zu behaupten, man höre das Gras wachsen.
The Beatles, Love Me Do, 1962
Text/Musik/ Lennon/ McCartney
Produzent/ George Martin
Label/ Parlophone
„Please Please Me“ ist kein uneingeschränkt zu empfehlendes Album, aber es hat überall dort seine Stärken, wo die Beatles selbst die Songs schreiben oder selbst Hand anlegen dürfen. Der eigentliche Hammer des Albums ist für mich das erste Stück auf der B-Seite „Love Me Do“. Ein rasanter Zweiminüter, der sofort ins Ohr und in die Beine geht. „Love love me do/ You know I love you/ I’ll always be true/ So please love me do“ und dann kommt bedeutungsschwanger hinterher: „Someone to love/ Somebody new/ someone to love/ Someone like you“.
Der Text ist hier, unter Auslassung all der vielen wiederholten Verse, in seinem Kern schon komplett wiedergegeben. Ausser dem Ausdruck des Verliebtseins und der Sehnsucht danach, ebenfalls geliebt zu werden, hat dieses Lied nichts zu sagen. „Our greatest philosophical song“, kommentierte seinerzeit selbstironisch Paul McCartney. Weshalb eine grosse Deutungsoffensive hier genauso verfehlt wäre, wie in einem Soul-Song auf „Free“.
Ringo Starr, Photograph: The Very Best of Ringo Starr, 2007
Produzent/ Richard, Perry, Ringo Starr, Don Was, George Harrison u.a.
Label/ Apple
Der heute 82jährige Ringo wurde bei den Beatles als tragikomische Ergänzung zu den intellektuellen und musikalischen Heroen John, Paul und George vermarktet und musste beweisen, dass sein lakonischer Lebens- und Schlagzeugstil kongenial zu Gurus, Love-Ins und immergrünen Pop-Hymnen passte, von denen er zu Beatles-Zeiten gerade mal zwei oder drei mit seinem Gesang verschönern durfte.
Nach den Beatles gingen seine Solo-Alben am besten, nicht zuletzt, weil er es als einziger schaffte, John, Paul und George auf einer Platte zusammenzubringen. Doch Dämon Alkohol, ein treuer Begleiter von Mr. Starkey seit den Liverpooler Tagen, verhinderte ein Happy End. Ringo selbst konnte sich Ende der 80er Jahre nicht mehr erinnern, wo er welche Songs aufgenommen hatte, durch welche Fernsehsendungen er gewankt und ob er zuletzt sieben oder zwölf Flaschen Wein pro Tag in sich hineinkippte. Auch die Plattenfirmen liessen Ringo Starr fallen; neun Jahre dauert es bis sein nächstes Album „Time Takes Time“ erschien. Und seither, trocken wie seine Witze, nutzt Ringo Starr seinen Legenden-Bonus und seine fachliche Reputation unter Kollegen, veröffentlicht alle paar Jahre ein Album und geht mit seiner All-Starr Band auf Tour.
Auf dieser Compilation sind alle Hits von Ringo vertreten, plus ein paar weniger bekannte Songs. Das Album ist eine gelungene Repräsentation dessen, was an 70er Jahre-Rock so liebenswert war; so zeigen Liedchen wie „I’m The Greatest“ und „No-No-Song“ die Starrsche Liebe zur Einfachheit ganz wunderbar. „Only You“ hingegen finde ich in seiner Version ziemlich schlapp und das „You’re Sixteen“ Cover hätte er sich sparen können. Dass der Nicht-Sänger Ringo aber doch singen kann, zeigen „Photograph“, „It Don’t Come Easy“, „Snookeroo“, „Goodnight Vienna“ und „Wrack My Brain“. Auf jeden Fall sorgt das Album bei mir im jetzigen Moment noch immer für sehr schöne Wiederhörensfreude.
The Beatles, Here Comes The Sun, 1969
Text/Musik/ George Harrison
Produzent/ George Martin
Label/ Apple Records
1969 knarzt es schon ordentlich im Beatles-Gebälk. Es gibt immer wieder Streit, und die Musik wird immer häufiger zur Nebensache. George Harrison erinnert sich später: „‚Here Comes The Sun“ entstand zu einer Zeit, als sich das Beatles-Label Apple wie eine Businessschule anfühlte, vor der es kein Entrinnen gab“. Und auch privat läuft nicht immer alles glatt. George Harrison müssen die Mandeln entfernt werden, dann wird er wegen des Besitzes von Marihuana verhaftet. Kurzerhand nimmt er sich eine Auszeit und fährt zu seinem Freund und Musikerkollegen Eric Clapton raus aufs Land. Die beiden setzen sich in den Garten. „Es war ein sonniger Tag und zum ersten Mal seit Wochen hatte ich wieder die Ruhe, eine Gitarre in die Hand zu nehmen. Und das erste, was mir einfiel, war dieses Lied. Ich habe es dann später im Urlaub auf Sardinien fertig komponiert“, erinnert sich George Harrison.
Das trotz Moog-Synthesizer akustisch anmutende Stück wirkt nicht nur wie der erste ersehnte warme Sonnenstrahl nach anhaltender Kälte, sondern vor allem auch wie ein Versprechen für eine bessere Zukunft. Und das vielleicht Schönste am Lied – zu finden auf „Abbey Road“ – ist jedoch, dass es dem 2001 verstorbenen Harrison mit diesem gelungen ist, das Frühlingsgefühl perfekt einzufangen: Und wer wie ich glücklicher Besitzer einer kurbelbetriebenen Mini-Drehorgel ist, die „Here Comes the Sun“ spielt, hat längst erkannt: Ein paar Drehungen genügen, und sogleich bessert sich die Laune – im Wissen, dass der Lenz naht.
Ringo Starr plays with a soccer ball while filming Magical Mystery Tour, 1967