The Beatles, Here Comes The Sun, 1969

Text/Musik/ George Harrison

Produzent/ George Martin

Label/ Apple Records

1969 knarzt es schon ordentlich im Beatles-Gebälk. Es gibt immer wieder Streit, und die Musik wird immer häufiger zur Nebensache. George Harrison erinnert sich später: „‚Here Comes The Sun“ entstand zu einer Zeit, als sich das Beatles-Label Apple wie eine Businessschule anfühlte, vor der es kein Entrinnen gab“. Und auch privat läuft nicht immer alles glatt. George Harrison müssen die Mandeln entfernt werden, dann wird er wegen des Besitzes von Marihuana verhaftet. Kurzerhand nimmt er sich eine Auszeit und fährt zu seinem Freund und Musikerkollegen Eric Clapton raus aufs Land. Die beiden setzen sich in den Garten. „Es war ein sonniger Tag und zum ersten Mal seit Wochen hatte ich wieder die Ruhe, eine Gitarre in die Hand zu nehmen. Und das erste, was mir einfiel, war dieses Lied. Ich habe es dann später im Urlaub auf Sardinien fertig komponiert“, erinnert sich George Harrison.

Das trotz Moog-Synthesizer akustisch anmutende Stück wirkt nicht nur wie der erste ersehnte warme Sonnenstrahl nach anhaltender Kälte, sondern vor allem auch wie ein Versprechen für eine bessere Zukunft. Und das vielleicht Schönste am Lied – zu finden auf „Abbey Road“ – ist jedoch, dass es dem 2001 verstorbenen Harrison mit diesem gelungen ist, das Frühlingsgefühl perfekt einzufangen: Und wer wie ich glücklicher Besitzer einer kurbelbetriebenen Mini-Drehorgel ist, die „Here Comes the Sun“ spielt, hat längst erkannt: Ein paar Drehungen genügen, und sogleich bessert sich die Laune – im Wissen, dass der Lenz naht.

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The Beatles, Magical Mystery Tour, 1967

Produzent/ George Martin

Label/ Capitol Records

Ursprünglich erschien in Grossbritannien nur eine Doppel-EP zum gleichnamigen Film. Für die zunächst nur in den USA erhältliche LP-Version wurden klugerweise die zeitnah enstandenen Singles eingebunden, und so kam man in den Genuss, die grandiose Doppel-A-Seite-Single „Strawberry Fields Forever/ Penny Lane“ auf einer richtigen LP hören zu können, die auch in ihrer Gesamtheit prächtig funktioniert. Daran ändern selbst die drei nicht so herausragenden Songs „Flying“, „Blue Jay Way“ und „Baby You’re A Rich Mann“ nichts, denn der Rest besteht durchwegs aus Weltklasse-Nummern.

Unschuldige Gemüter mussten sich bei „I Am The Walrus“ womöglich erst vollkiffen, bevor sie erkannten, dass es sich um einen der grössten Taten der Beatles handelt, bei der sich die Produktionskunst von George Martin ähnlich entfaltete wie bei „A Day In The Life“. Facettenreich und auf verschiedenen Ebenen agierend, ist es ein Song, den man schon einmal einen ganzen Tag lang hören kann.

Die beiden Stücke „Strawberry Fields Forever“ und „Penny Lane“ offerieren sofort ihre Striker-Qualitäten, ohne dass sie es an Doppelbödigkeit vermissen lassen. Das ist auch ein Grund, weshalb Beatles-Lieder, so simpel und eingängig sie oft auch beim ersten Hören erscheinen, Klassikerstatus erlangt haben: Nachhaltigkeit in Reinkultur. „All You Need Is Love“ ist dafür jedenfalls ein gutes Beispiel. Als purer Singalong-Track, wie ihn manche abtun, hätte der Song nicht über ein halbes Jahrhundert funktioniert. „The Fool On The Hill“ hingegen klingt anfangs leicht spinnert, setzt sich aber in den Gehörgängen fest.

„Magical Mystery Tour“ ist zwar kein Album im klassischen Sinn wie etwa „Sgt. Peppers“, aber es überzeugt dank seiner überragenden Qualität bei jedem Wiederhören: The Beatles at their absolutely best!

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The Beatles, With The Beatles, 1963

Produzent/ George Martin

Label/ Parlophone

„With The Beatles“ war das erste Album einer britischen Band, das mehr als eine Million Mal verkauft wurde. Damit wurde die Position der Beatles an der Spitze der englischen Hitparade endgültig unangreifbar. Die Platte wurde an sechs Tagen zwischen Juli und Oktober 1963 aufgenommen und strahlt Heiterkeit und Selbstvertrauen aus. Zwar war es im Grunde noch eine Auswahl von im Studio eingespielten Live-Songs und hastig komponierten Originalen, doch EMI zeigte Vertrauen in die Vier, denn die LP enthielt keine einzige Single – was für jene Zeit absolut neu war.

Bei der Auswahl der Coverversionen spürt man den Einfluss von Motown. George Harrison und John Lennon liefern einen unvergesslichen Tribut mit „You Really Got A Hold On Me“ (The Miracles) und Lennons fetziger Stil bei Barrett Strongs „Money“ ist ein echter Reisser. Bei den Originalsongs setzen „Little Child“ und „It Won’t Be Long“ das frenetische Tempo der ersten LP fort. „All My Loving“ ist der erste Klassiker von Paul McCartney, er wird allerdings übertroffen vom besonnensten Lied der LP: „All I’ve Got To Do“ gehört zu den intimsten Augenblicken der Beatles – Lennon in Hochform.

Das Coverphoto wurde von Robert Freeman im August 1963 im Bournemouth Palace Court Hotel aufgenommen und zeigt die Beatles fast wie Ikonen – diese Aufnahme war nicht nur stilbildend für die Band, sondern für die 60er Jahre insgesamt.

„With The Beatles“ wurde von einem hingerissenen Publikum begeistert empfangen und ist immer noch hörenswert. Aus acht Tracks und dem Cover wurde das US-Debüt „Meet The Beatles“. Von dort war es nur noch ein Schritt bis zur Weltherrschaft.

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The Beatles, I Am The Walrus, 1967

Text/Musik/ Lennon/McCartney

Produzent/ George Martin

Label/ Parlophone

Wer ist das Walross? Diese Frage gebe ich ganz im Sinne der TV-Sendung „Was bin ich?“ weiter an den Guido. In unserem Fall heisst der John und hat im Jahr 1967 gemeinsam mit seinem Kollegen Paul ein Lied geschrieben, in dem er die ebenso kühne wie beeindruckende Behauptung aufstellt, er selbst sei ein Walross. Auskunft aus erster Hand also, aber immer noch mit zwei Wahlmöglichkeiten:

A: „Sitting on a cornflake, waiting for the van to come.“

B: „Sitting in an Englishgarden, waiting for the sun.“

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The Beatles, Piggies, 1968

Text/Musik/ George Harrison

Produzent/ George Martin

Label/ Apple Records

Es klingt wie ein Beatles-Lied von John Lennon. Frech und satirisch im Text, mit einer Melodie, die die goldig harmlosen Züge eines munteren kleinen Kinderliedchens aufweist. „Piggies“ ist auf dem „White Album“ der Beatles, und geschrieben hat es nicht John Lennon, sondern George Harrison, was einmal mehr zeigt, dass dieser dereinst immer etwas im Hintergrund stehende Beatle es auch kompositorisch und satirisch faustdick hinter den Ohren hatte.

In „Piggies“ geht es um grosse Schweine, um arme Schweine und um Schweine in Nadelstreifenanzügen. Die kleinen Schweine kriechen im Dreck herum und die grossen Schweine wühlen den Dreck auf. Im Unterschied zu den kleinen Schweinen gehen die grossen ihrem schmutzigen Geschäft stets mit weissen Westen, genauer gesagt, in sauberen Hemden nach.

Und weil richtig grosse Schweine im eigenen Stall meist auch bedingungslosen Rückhalt geniessen, müssen sie sich auch nicht gross um das sorgen, was draussen vor der Stalltür so vor sich geht. Aber wer ihnen in die Augen sieht, bemerkt, dass da etwas fehlt. Was sie vielleicht hie und da mal brauchen könnten, ist eine kräftige Tracht Prügel.

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The Beatles, Tomorrow Never Knows, 1966

Text/ Musik/ John Lennon, Paul Mc Cartney

Produzent/ George Martin

Label/ Parlophone

1963 waren die Beatles noch zufrieden damit, die Hand eines Mädchens zu halten. Bei „Tomorrow Never Knows“ wollten sie schon mit dem gesamten Universum ins Bett. Psychedelische Drogen, vorallem LSD, stellten in den späten 60er Jahren die Pop-Welt auf den Kopf und verschoben den Fokus von der Schulhofromanze auf spirituelle Erleuchtung.

„Tomorrow Never Knows“, das letzte Stück auf dem 1966 veröffentlichten Album „Revolver“, war einer der ersten Psychedelic-Rock-Titel und wirkt bis heute faszinierend modern. Kurz nachdem John Lennon angefangen hatte mit LSD zu experimentieren, las er „The Psychedelic Experience“ von LSD-Guru Timothy Leary. Die Anfangszeilen des Songs („Turn off your mind relax and float down stream“) stammen aus diesem Buch. Dieser Zusammenprall von Chemie und Philosophie brachte ein revolutionäres Stück Musik hervor. Über einem hypnotischen Schlagzeug- und Bassloop spuken seltsame Vogelschreie durch den Track, als kreisten Möwen über einer unirdischen Küste. Lennon skizziert in dieser ausserordentlichen Klangkulisse die Grundsätze seines neuen Glaubens.

Der Song enthält viele historisch interessante Details: So stammt das rückwärts abgespielte Gitarrensolo aus dem Revolver-Opener „Taxman“ und der Titel geht eine eine typische Bemerkung Ringo Starrs bei einem BBC-Interview zurück.

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The Beatles, Day Tripper, 1965

Text/Musik/ Lennon-McCartney

Produzent/ George Martin

Label/ Parlophone (UK), Capitol (US)

An diesen Beatles-Song erinnert sich John Lennon als „Drogensong“. Was sich aber eher auf die Umstände bezieht, unter denen das Lied entstand, und nicht etwa auf den Titel selbst.

1965 wohnt Lennon mit seiner Frau Cynthia und Sohn Julian in Weybridge mitten in der britischen Provinz. Voll auf das Familienleben will er sich konzentrieren. Doch während seine Bandkollegen das Popstarleben in London geniessen, sitzt er in seinem Haus, nimmt vor lauter Frust Drogen und isst viel zu viel.

Willkommene Abwechslung sind da die Besuche von Paul McCartney. Gemeinsam schreiben sie an neuen Songs. Gerade hat die letzte Beatles-Single „Help“ sich aus den Top 10 verabschiedet, und nun verlangt die Plattenfirma nach einem neuen Single-Hit. Also holt John aus seiner Schublade ein paar Zeilen, die er über seine heimischen Drogentrips geschrieben hat. Paul hingegen, mag es diffiziler, schlägt vor, die Botschaft mehr zu verstecken.

Sie entwickeln also einen mehrdeutigen Text, der von Frauen handelt, die immer ihre Nase nach dem Wind richten. Sogenannte Tagesausflügler – „Day Tripper“. Dazu komponiert John ein markantes Gitarrenriff und fertig ist der nächste Klassiker. Gemeinsam mit „We Can Work It Out“ im Dezember 1965 veröffentlicht, wird „Day Tripper“ zur neunten Nummer-1-Single für die Fab Four in Folge.