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John Hiatt, Perfectly Good Guitar, 1993

Produzent/ Matt Wallace

Label/ A & M Records

Es ist nicht einfach unter den vielen hervorragenden Alben von John Hiatt das Beste herauszufinden. Aber „Perfectly Good Guitar“ gehört mit Sicherheit neben „Bring The Family“ und „Stolen Moments“ dazu. Stilistisch geschlossen, vereint die Platte eine schnörkellose kompositorische Handschrift mit einer instrumentalen Kraft, die den Vergleich mit Neil Young & Crazy Horse in deren „Ragged Glory“/“Weld“- Phase nicht zu scheuen braucht.

Vorantreibende elektrische Gitarren geben die Marschrichtung in fast allen Songs an, und wie Young beweist auch Hiatt ein untrügliches Gespür für einfache, doch zugleich attraktive Instrumentalphrasen und eine zwingend eingängige Melodieführung. Das ist der Stoff, aus dem guter Rock ’n‘ Roll gemacht wird – aufs trefflichste belegt im Titelsong, einer ironischen Abrechnung mit den Gitarrenzertrümmerern des Genres, sowie der 3-Akkorde-Nummer „Permanent Hurt“. In dieselbe Kategorie fallen auch „Angel“, „Something Wild“ und „Cross My Fingers“.

Langsamere Tempi, aber keinen Deut weniger Intensität gibt es in „Blue Telescope“, in dem Creedence Clearwater Revival-artigen Swamp-Blues „Old Habits“ und der grandiosen Ballade „I’ll Never Get Over You“. Hiatt weiss für jedes Sujet die richtige Form; er bleibt auf dem (Gras)-Teppich des US-Bluesrock, während wir abheben, davonfliegen im Fluss der Geschichten und Gitarrenströme, die aus ferner Vergangenheit aufquellen und doch weit in die Zukunft weisen.

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John Hiatt, Dirty Jeans and Mudslide Hymns, 2011

Produzent/ Kevin Shirley

Label/ New West

„Dirty Jeans and Mudslide Hymns“ ist John Hiatts zwanzigstes Studioalbum. Neue Erkenntnisse wird man darauf kaum gewinnen, was nicht erstaunt. Hiatt hat sein musikalisches Vokabular mit „Bring the Family“ abgesteckt – ein Terrain irgendwo zwischen Country, Soul und Rock. Was das Album von 1987 und das Folgewerk „Slow Turning“ speziell gemacht hatte, waren Hiatts Beobachtungsgabe und seine Fähigkeit, Themen wie Alter und Alkoholismus in kompakten Rocksongs anzusprechen. Daran hat sich in der Zwischenzeit wenig geändert: Jedes der folgenden Alben war ein weiteres Kapitel seines Lebensberichts. Die Qualität blieb gleich, dafür wechselte die Verpackung: Einmal erlebte man ihn akustisch begleitet, einmal in einer Band mit drei Grunge-Gitarren, einmal im klassischen Rock-Quartett. Der Sänger suchte stets nach einem neuen Sound-Kleid.

Das Album „Dirty Jeans and Mudslide Hymns“ von 2011 ist eines seiner besten. Der Mann, der es aufgleiste, ist der Produzent Kevin Shirley. Es kursiert die Geschichte, dass Shirley sich um die Mitarbeit bei Hiatt mit der Begründung beworben habe, er wisse eben, was der Sänger suche und brauche. Recht hat er. Es gelingt ihm, Hiatts Lieder und seine quengelige, nasale Stimme in eine geschmackvolle Umgebung zu stellen, ohne der Musik die Dynamik zu nehmen. Die Arrangements sind aufmerksam, dienen den Texten und dem Sänger, elektrische Gitarren schwer wie Gewitterwolken treffen auf watteweiche akustische Gitarren, Mandolinen und Akkordeon fügen Farbtupfer bei. Ist es ein Album von Kevin Shirley? Mitnichten: Hiatt schreibt immer noch packende Songs, wirkt gut bei Stimme, vor allem aber auch glücklich. Nebst dem obligaten Song über das Auto („Detroit Made“) und bewegenden Songs über das Hochwasser („Down Around my Place“) finden sich hier gleich zwei Lieder, die der Frau gewidmet sind, mit der er in dritter Ehe seit einem Vierteljahrhundert verheiratet ist. Diesen Songs mag die Dringlichkeit derjenigen von Ende der achtziger Jahre abgehen, das Album bleibt insgesamt aber ein rundum gelungenes.

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John Hiatt, Bring the Family, 1987

Produzent/ John Chelow

Label/ A&M

Wenn man dieses Album hört, weiss man, warum John Hiatts Songs so oft nachgespielt und von anderen Interpreten bekannt gemacht werden. Unklar bleibt, warum Hiatts eigene Interpretationen relativ unbekannt bleiben – Hiatt ist ein begnadeter Songwriter, der partout in keine Schublade passen will, und der regelmässig mit jedem neuen Album die (hierzulande ohnehin recht kleine) Fangemeinde ratlos macht, weil er sich eben auf keinen Stil festnageln lässt. Konstant von Album zu Album bleiben jedoch Vielseitigkeit und Virtuosität — und eine Blues-taugliche unprätentiöse Stimme.

„Bring the Family“ ist geprägt von Bluesballaden und schnörkellosem Rock und Folk, gelegentlich auch ungehobeltem Country ohne Western-Seligkeit. Die Melodien stehen klar im Vordergrund, die Instrumentierung ist eher zurückhaltend. Aber auch Zurückhaltung will gekonnt sein, und hier ist sie es.

Ein Highlight bleibt auch nach vielen Durchläufen „Have a Little Faith“. Hiatts Gesang ist zwar kein Naturereignis wie der von Joe Cocker, aber durch die zurückhaltende Pianobegleitung entsteht hier eine ganz eigene Atmosphäre, die unter die Haut geht. „Memphis in the Meantime“ erinnert an die besten Zeiten von J.J. Cale; „Alone in the Dark“, ist ein gediegener tiefschwarzer Blues. Oder „Lipstick Sunset“, eine melancholische, wunderbar spröde Ballade, oder auch „Your Dad Did“, eine eingängige Rock-Nummer mit viel Drive. Und zum Schluss das wunderschöne „Learning How to Love You“, dem man bei jedem Ton anhört, wie den vier Vollblut-Musikern Hiatt, Cooder, Keltner, Lowe das Zusammenspiel Spass gemacht hat.

„Bring the Family“ ist ein vielseitiges Album ohne Schwachstellen, das schnörkellos rüberkommt und doch bei aller Zurückhaltung mit musikalischen Finessen nicht geizt. Dafür sorgen nicht zuletzt Hiatts illustre Begleitmusiker: Ry Cooder, Jim Keltner, Nick Lowe.