John Hiatt, Slow Turning, 1988

Produzent/ Glyn Jones

Label/ A&M

Mit „Slow Turning“ hat John Hiatt sein vielleicht geschlossenstes Album abgeliefert. Angefangen vom Rocker „Drive South“ über die schönen Balladen „Trudy and Dave“, „Icy Blue Heart“, „Sometime Other Than Now“ und die Rocksongs „Ride Along“, „Slow Turning“ und „Paper Thin“ bis zum bluesigen Finale „Feels like Rain“ – alles wie aus einem Guss.

Die instrumentalische Komponente ist einfach spitze. Dies liegt nicht zuletzt an der Zusammenarbeit mit den Goners und ihrer Leitfigur Sonny Landreth, der mit seiner Gitarrenarbeit insbesondere den immer wieder eingestreuten Slides – den Liedern eine erfreuliche Dynamik verleiht. Einfach super Blues und Rock’n Roll mit etwas Country, anspruchsvolle Musik zum Geniessen. Das beste Lied für mich ist der Titelsong „Slow Turning“.

 

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John Hiatt, Crossing Muddy Waters, 2000

Produzent/ John Hiatt

Label/ Vanguard

Aufgenommen in nur vier Tagen mit ausschliesslich akustischer Instrumentierung besticht das Album vorallem durch Intimität und Spielfreude. Das Zusammenspiel von akustischen Gitarren und Mandolinen hatte schon immer die Qualität einer spontanen Jam-Session. Auf ein Schlagzeug wurde bewusst verzicht, stattdessen mit dem Fuss gestampft, dass John Lee Hooker seine Freude daran gehabt hätte.

Hiatt und seine beiden Mitmusiker Davey Faragher und David Immerglück gelingt es sehr gut, den Songs unterschiedliche Färbungen zu geben; die Atmosphäre wechselt ständig zwischen der Hitze eines „Juke Joint“ und einem entspannten Abend auf der Veranda. Folk-, Rock-, Country- und Delta-Blues-Klänge verschmelzen hier miteinander und geben den Blick frei auf eine Welt, die von aussen seltsam antiquiert, fast altmodisch wirkt: auf eine Zeit, in der Musik noch mit der Hand gemacht wurde und Herz und Seele hatte: klingende Mandolinenläufe, ab und zu eine wehmütige Slidegitarre „in a rush of wind and a river song“ – es fehlt eigentlich nur noch das knisternde Herdfeuer im Hintergrund und die familiäre Idylle wäre fast perfekt…

John Hiatt wäre jedoch nicht John Hiatt, wenn er dieser nostalgisch-verträumten Perspektive nicht unmittelbar seine realistischen ganz und gar in der Gegenwart verwurzelten Texte entgegensetzen würde. Oft von beissender Ironie und ätzendem Sarkasmus durchzogen, entblösst seine respektlose und ehrliche Analyse schonungslose das Tragisch-Komische alltäglicher Situationen selbst dort, wo den Charakteren augenscheinlich nichts als der vielzitierte Scherbenhaufen bleibt. Dadurch erweitert sich das Gesamtbild der Platte: Im Zusammenwirken von Text und Musik werden Hiatts Charaktere vor einem traditonell anmutenden Hintergrund lebendig, bekommen seine Geschichten aus der Gegenwart eine zeitlose Tönung.Aber trotz der musikalischen „Neuerungen“ zeigt sich bereits im Eröffnungsstück das Gesicht des „alten“ John Hiatt: eingerahmt von arbeitenden Maschinen, Güterzügen und Dieselmotoren, selbstbewusst und zufrieden grinsend, „sitting in a Cadillac, smokin‘ on a big cigar“. Genauso haben wir ihn in Erinnerung, den Mann, der einst auf der Toilette die Sonnenbrille aufbehielt. Auch wenn seine Frau wieder mal spurlos verschwunden ist, wie der letzte Gehaltsscheck, der letzte Schluck Gin oder eine Nixon-Akte ( „Gone“) – sein Humor ist der gleiche geblieben. Trotzdem sind seine Texte nie einseitig oder gar oberflächlich, bleiben seine scharfen Analysen zwischenmenschlicher Beziehunghen immer vielschichtig. Überhaupt nimmt die Liebe und die Probleme, die sie mit sich mit bringt, enorm viel Platz auf dieser Scheibe ein. Damit kommt in Hiatts Songs vorallem ihre Vergänglichkeit und Zerbrechlichkeit zum Ausdruck, nirgends besser als in dem bildgewaltigen Titelstück. Die schlammigen, undurchsichtigen Gewässer des Mississippi, die es zu überqueren gilt, symbolisieren die Unsicherheit alltäglicher Entscheidungen und die Ungewissheit der daraus folgenden Konsequenzen.

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John Hiatt, Perfectly Good Guitar, 1993

Produzent/ Matt Wallace

Label/ A & M Records

Es ist nicht einfach unter den vielen hervorragenden Alben von John Hiatt das Beste herauszufinden. Aber „Perfectly Good Guitar“ gehört mit Sicherheit neben „Bring The Family“ und „Stolen Moments“ dazu. Stilistisch geschlossen, vereint die Platte eine schnörkellose kompositorische Handschrift mit einer instrumentalen Kraft, die den Vergleich mit Neil Young & Crazy Horse in deren „Ragged Glory“/“Weld“- Phase nicht zu scheuen braucht.

Vorantreibende elektrische Gitarren geben die Marschrichtung in fast allen Songs an, und wie Young beweist auch Hiatt ein untrügliches Gespür für einfache, doch zugleich attraktive Instrumentalphrasen und eine zwingend eingängige Melodieführung. Das ist der Stoff, aus dem guter Rock ’n‘ Roll gemacht wird – aufs trefflichste belegt im Titelsong, einer ironischen Abrechnung mit den Gitarrenzertrümmerern des Genres, sowie der 3-Akkorde-Nummer „Permanent Hurt“. In dieselbe Kategorie fallen auch „Angel“, „Something Wild“ und „Cross My Fingers“.

Langsamere Tempi, aber keinen Deut weniger Intensität gibt es in „Blue Telescope“, in dem Creedence Clearwater Revival-artigen Swamp-Blues „Old Habits“ und der grandiosen Ballade „I’ll Never Get Over You“. Hiatt weiss für jedes Sujet die richtige Form; er bleibt auf dem (Gras)-Teppich des US-Bluesrock, während wir abheben, davonfliegen im Fluss der Geschichten und Gitarrenströme, die aus ferner Vergangenheit aufquellen und doch weit in die Zukunft weisen.

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John Hiatt, Bring the Family, 1987

Produzent/ John Chelow

Label/ A&M

Wenn man dieses Album hört, weiss man, warum John Hiatts Songs so oft nachgespielt und von anderen Interpreten bekannt gemacht werden. Unklar bleibt, warum Hiatts eigene Interpretationen relativ unbekannt bleiben – Hiatt ist ein begnadeter Songwriter, der partout in keine Schublade passen will, und der regelmässig mit jedem neuen Album die (hierzulande ohnehin recht kleine) Fangemeinde ratlos macht, weil er sich eben auf keinen Stil festnageln lässt. Konstant von Album zu Album bleiben jedoch Vielseitigkeit und Virtuosität — und eine Blues-taugliche unprätentiöse Stimme.

„Bring the Family“ ist geprägt von Bluesballaden und schnörkellosem Rock und Folk, gelegentlich auch ungehobeltem Country ohne Western-Seligkeit. Die Melodien stehen klar im Vordergrund, die Instrumentierung ist eher zurückhaltend. Aber auch Zurückhaltung will gekonnt sein, und hier ist sie es.

Ein Highlight bleibt auch nach vielen Durchläufen „Have a Little Faith“. Hiatts Gesang ist zwar kein Naturereignis wie der von Joe Cocker, aber durch die zurückhaltende Pianobegleitung entsteht hier eine ganz eigene Atmosphäre, die unter die Haut geht. „Memphis in the Meantime“ erinnert an die besten Zeiten von J.J. Cale; „Alone in the Dark“, ist ein gediegener tiefschwarzer Blues. Oder „Lipstick Sunset“, eine melancholische, wunderbar spröde Ballade, oder auch „Your Dad Did“, eine eingängige Rock-Nummer mit viel Drive. Und zum Schluss das wunderschöne „Learning How to Love You“, dem man bei jedem Ton anhört, wie den vier Vollblut-Musikern Hiatt, Cooder, Keltner, Lowe das Zusammenspiel Spass gemacht hat.

„Bring the Family“ ist ein vielseitiges Album ohne Schwachstellen, das schnörkellos rüberkommt und doch bei aller Zurückhaltung mit musikalischen Finessen nicht geizt. Dafür sorgen nicht zuletzt Hiatts illustre Begleitmusiker: Ry Cooder, Jim Keltner, Nick Lowe.