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Joni Mitchell, Mingus, 1979

Produzent/ Joni Mitchell

Label/ Asylum Records

Charlie Mingus war schwarz. Joni Mitchell ist weiss. Charlie Mingus war der Bassist des Jazz. Joni Mitchell war Akteurin des (weissen) American Folk. Sie war mit David Crosby verheiratet. Nach einer ganzen Reihe von Folk-Alben ( extrem ,,Ladies of the Canyon“, aber auch ,,Court and Spark“) wollte Mitchell ein Album mit Songs von Mingus aufnehmen. Ein paar hat sie gepackt. Dann ist Mingus gestorben. Die Songs, die drauf sind, hat Charlie Mingus aber vorher authorisiert! Das bedeutet: der Mann war einverstanden damit, was diese weisse Kanadierin aus seiner Musik gemacht hat. Als Musiker hatte sie die damalige Besetzung von Weather Report mit Jaco Pastorius und dazu noch Herbie Hancock.

Auf der Platte gibt es viele gediegene Instrumentalpassagen in überwiegend mittleren und langsamen Tempi, die den Kompositionen und Musikern viel Raum lassen. Unterbrochen von einige Gesprächsfetzen von Mingus kommen die manchmal sehr eingängigen („God Must Be A Boogie Man“) Songs von Mitchell durch die souveräne Arbeit der beteiligten Musiker gut zur Geltung.

Im „Dry Cleaner From Desmoines“, einem weiteren Mingus-Song, rast Jaco Pastorius in einem Tempo durch die Synkopen und Läufe, dass einem vom Zuhören angenehm schwindlig wird. Und „Good Bye Pork Pie Hat“ ist neben der ebenfalls wundervollen Interpretation von Jeff Beck reif für jede Hitparade.

Eine schöne Platte, aber mit der Musik von Mingus hat sie im Grunde genommen nichts gemein. Es ist eher Joni Mitchells pathologisch, sensible und ultraintellektuelle Interpretation von Jazz.

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Joni Mitchell, Court And Spark, 1974

Produzent/ Joni Mitchell

Label/ Asylum

„Ladies Of The Canyon“ (1970) brachte das Umweltbewusstsein von „Big Yellow Taxi“ und „Woodstock“, der oft gepowerten Hymne über das Festival (an dem sie nicht teilnahm), dann folgte die offene Beichte von „Blue“. Mehr noch als David Crosby oder James Taylor war die in Kalifornien ansässige Kanadierin Joni Mitchell die Inkarnation des Singer/Songwriters der Siebziger – Inspiration für akustische Gitarren und gebrochene Herzen. Deshalb war Anfang 1974 die Single „Raised On Robbery“ so überraschend: es war ein Boogie, bei dem Robbie Robertsons elektrische Gitarre den Ton angab – und nicht Mitchells Dulcimer.

Der Rest von „Court And Spark“ ist kein so radikaler Bruch, dennoch ist die grösste Gemeinsamkeit mit „Ladies Of The Canyon“, dass beide ein Gemälde von Joni Mitchell auf dem Cover zeigen. Die Lieder sind nicht so intensiv wie auf „Blue“; „Free Man In Paris“ ist ein verschmitzter Tribut auf den Labelboss David Geffen, der „im Hintergrund die Maschinerie zur Starfabrikation in Bewegung hält“. Doch die grösste Überraschung ist der lockere, sonnige Sound, vom verklärten Titelsong bis zur augenzwinkernden Albernheit auf „Twisted“. Wie Steely Dan, mit denen sie auf Liedern wie „Car On A Hill“ den jazzigen Radiostil teilt, konnte auch „Court And Spark“ nur aus Kalifornien kommen.

Mit „The Hissing Of Summer Lawns (1975) verflog jeder kommerzielle Anspruch. Mitchell besann sich auf ihre akustische Wurzeln. Das fürchterliche „Travelog“ (2002) ist eine schwelgerische Doppel-CD, auf der sie ihr Repertoire mit Orchesterbegleitung präsentiert – ein trauriger Abschied.

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Joni Mitchell, A Case of You, 1971

Text/Musik/ Joni Mitchell

Produzent/ Unbekannt

Label/ Reprise

Obgleich ihr viertes Album reiner Ausdruck von Befindlichkeiten war – „ich war völlig wehrlos, als ich es aufnahm“, sagte sie 1997 -, schreckte Joni Mitchell davor zurück, die konkrete Inspirationsquelle zu nennen. Verdächtige gäbe es genug; Mitchell Liste der Männer, mit denen sie in den Jahren vor dem Album verbandelt war, umfasst unter anderem alle drei von Crosby, Stills & Nash. Während der Aufnahmen hatte sie eine Affäre mit James Taylor, der damals Opfer einer lähmenden Heroinsucht war. Vielleicht war es diese Abhängigkeit, auf die Mitchell in „A Case of You“ anspielt – sie hat Angst vorm Teufel, fühlt sich aber von jenen angezogen, die furchtlos sind.

Wer sich jedoch mit den tatsächlichen Angstgefühlen aufhält, aus denen „Blue“ entstand, riskiert das Können zu übersehen, mit dem diese in Musik übersetzt wurden. Mitchells drei Vorgängeralben waren lässig und charmant; „Blue“ hingegen war emotional rauher und musikalischer vielfältiger.

„A Case of You“, ein typischer Joni-Mitchell-Song, von ihr selbst geschrieben und auf der Dulcimer begleitet: die perfekte Vereinigung von unverschleierter Intimität und kunstvoller Poesie.