John Lennon, Double Fantasy, 1980

Produzent/ John Lennon, Jack Douglas

Label Geffen Records

In einem gewissen Alter (17 – 19) habe ich mich sehr für John Lennon interessiert. Er war ein Künstler, der seinen Weg ging, und ein Stück dieses Weges waren die Beatles. Aber dann ging er weiter. Seine musikalischen Verrücktheiten, seine Experimentierfreude imponierten mir wie seine Biographie. Als Musiker war er ganz Musiker, als Liebender war er ganz Liebender, als Vater war er ganz Vater. Die Floskel „Er wurde mitten aus dem Leben gerissen“ trifft in seinem Fall den Nagel auf den Kopf.

„Double Fantasy“ ist die letzte, von John Lennon, veröffentlichte Platte. Es gibt auf diesem Album gute Kompositionen und schlechte Arrangements, gelungene Texte und weniger gelungene Texte. Es gibt Zitate, Schnodderigkeiten, sowie die merkwürdigen Gesangskünste seiner Frau Yoko Ono. Ich habe es immer als unangebracht gehalten, wenn „Double Fantasy“ zum Vermächtnis stilisiert wurde. Es ist ein Album, das zeigt, wie gut es John Lennon ging, wie klug er es angestellt hat, nicht in eine mörderische Maschine hineinzugeraten, dass er nicht einen dieser Rock’n’Roll Tode gestorben ist.

Bob Dylan, Desire, 1976

Produzent/ Don DeVito

Label/ Columbia Records

Keiner von uns weiss, wie lange diese Pandemie noch dauern wird. Wie sehr sie Beziehungen belasten und Arbeitsplätze vernichten wird. Und überhaupt: Was für andere Sorgen dahinter lasten, die das Virus verdrängt hat. Die unumkehrbare Umweltverschmutzung zum Beispiel. Der unaufhaltsame Klimawandel. Überbevölkerung, Unterernährung, Wasserknappheit. Man darf gar nicht an alles denken, was uns noch droht. Umso wichtiger ist, neben Liebe und Arbeit, eine Auseinandersetzung mit der Kultur. Kultur ist ein Ausdruck davon, wer wir sind und wie wir sein können. Ein Roman über das Leben in einer verseuchten Stadt. Ein Film als Erinnerung an ein Stück Geschichte. Ein Song über ein Unrecht, aus dem heraus Recht gesprochen wird.

Im Opener „Hurricane“ auf dem Album „Desire“ erzählt uns Bob Dylan die Geschichte des afroamerikanischen Boxers Rubin Carter, der von einer weissen Jury mit fadenscheiniger Begründung wegen Mordes verurteilt wurde. Und attackiert das immer noch latent rassistische Amerika. Wahre Kurzgeschichten sind auch „Isis“, Joey“ und „Black Diamond Bay“; alle mit hervorragenden Lyrics, stimmig und rund bis zum Ende erzählt. Die musikalische Begleitung auf der Violine von Scarlet Rivera verleiht den Liedern mit ihrer Mischung aus Bluesfeeling und Zigeunerfiddel eine prägende Note. Des Weiteren ist auch Emmylou Harris als Begleitsängerin auf dem Album vertreten.

Sieben der neun Lieder auf „Desire“ schrieb Dylan zusammen mit dem Psychologen und Theaterdirektor Jacques Levy. Seine Mitarbeit gibt den Liedern eine theatralisch-dramatische Note. Und auch die Botschaft der Texte ist anders, direkter. Während die Texte bei „Blood On The Tracks“ (1975) nach innen gerichtet und persönlich wirken, werden auf „Desire“ die Einzelschicksale oft mit politischen und gesellschaftlichen Ebenen verknüpft. Und genau das macht das Album so stark. Ich denke, man muss „Desire“ mehrmals durchgehört haben, um die Platte zu verstehen.

Patti Smith, Gloria, 1976

Text/Musik/ Van Morrison

Produzent/ John Cale

Label/ Arista

„Everything is a copy of a copy of a copy“ sagt der schlaflos wandelnde Erzähler in David Finchers Film „Fight Club“ (1999). Eigentlich beschreibt er damit nur die halluzinierenden Effekte seiner Schlaflosigkeit, zugleich äussert er damit aber eine viel radikalere Auffassung der Wirklichkeit: Es gibt keine ursprünglichen Originale, nur Repräsentationen. Das Unbehagen, das uns bei dieser Vorstellung beschleicht, lässt unsere Sehnsucht nach Originaliät, nach Ursprünglichkeit umso deutlicher hervortreten. Diese Sehnsucht wurde auch zum ästhetischen Prinzip einer Lyrikerin, die sich 1976 mit ihrem Debütalbum aus der New Yorker Underground-Szene zur Rockikone aufschwang.

Patti Smiths Coverversion von „Gloria“ hat eine Bedeutung, die das Lied deutlich aus dem Zusammenhang von „Horses“ hervorhebt. Van Morrison setzt sich in seinem Original als selbstgefälliger Rockermacho mit krächzendem Gebell in Szene, der damit angibt, wie sein Booty-Call-Chick Nacht für Nacht bei ihm aufkreuzt, um ihm sexuell gefällig zu sein. Patti Smith arrangiert den Song mit Verseinschüben neu. Durch sie wird „Gloria“ zum halb lesbischen Liebesgedicht und dann hat es wieder dieses Rohe, Brutale des Originals von Van Morrison. Das Lied beginnt mit dem legendären Satz „Jesus died for somebody’s sins but not mine“. Bereits mit diesem ersten Satz hat sie klargemacht, dass da jemand ist, den man ernst nehmen musste.

XTC, Black Sea, 1980

Produzent/ Steve Lillywhite

Label/ Virgin

Ja, XTC waren eine gute Pop-Band. Die einzige Gruppe, die wirklich die Balance zwischen den Residents und Monkees zu halten wusste, bei der jeder Einfall so logisch wie überraschend kommt. Die Songs auf „Black Sea“ enttäuschen, wie schon bei „Drums And Wires“ (1979), kein bisschen, nur die Produktion ist reifer geworden: Der Einsatz von Terry Chambers charakteristischem Schlagzeug, die Dubs, Echos und Halleffekte. Andy Partridges Vokalartistik. XTC waren durch diese Platte auch ein bisschen populärer geworden, nicht zuletzt durch die beatlesquen Harmonien etwa auf „General And Majors“ oder „No Language In Our Lungs“. Beatles- und Kinksähnlich auch immer die Mischung aus Rauhheit und Emotionalität.

In „Respectable Street“ zum Beispiel. Nach dem gesprochenen in einer gebrochenen Stimme vorgetragenen Intro (Albumversion), laubsägelt eine verzerrte Gitarre ein Powerriff, in das Schlagzeug und Bass fallen. Partridge schiebt gleich den Refrain nach: „Heard the neighbour slam his car door. Don’t he realise this is a respectable street. What d’you think he bought that car for‘. Cos he realise this is a respectable street“.  Im Prolog, der gegen Ende des Songs wiederholt wird, kommentiert der Sänger die Nachbarn, im Refrain zitiert er sie. In den Strophen führt er ihre Klagen aus und mischt sich kommentierend ein.

„Black Sea“ ist eine Platte, die mich damals beim ersten Anhören restlos überzeugt hat, die ich aber auch heute noch gerne höre. Wer allerdings bei einem Song wie dem quirligen “Living Through Another Cuba“ oder „Optimism’s Flames“ nicht begeistert ist, wird sich nie mit XTC anfreunden.

Ry Cooder, Get Rhythm, 1987

Produzent/ Ry Cooder

Label/ Warner Bros.

Dieses Album wollte ich schon lange mal vorstellen: eine der ersten Nicht-Soundtrack-Platten von Ry Cooder. Hier die Liste derer, die mitgemacht haben: Buell Neidlinger, einst Bassist von Cecil Taylor, dann Dirigent, dann wieder bei Van Dyke Parks aufgetaucht. Der wiederum spielt alle Keyboards. Larry Blackmon von Cameo ist bei einem scharf gewürzten „All Shock Up“ zu hören. Harry Dean Stanton kommt zu Wort, wenn es virtuos traurig wird. Vier schwarze Backgroundsänger sind auch dabei. Und Flaco Jimenez.

Ry Cooder hat mit dieser Platte reizend sauber ein zwangsneurotisches Bild von Amerika zusammenkonstruiert: Alles kann nur noch exakter, noch reizender, noch lustiger werden. Eigentlich verwunderlich, dass darin Leute wie Jim Dickinson Songs geschrieben haben. „Woman Will Rule The World“ ist eine eigenartige Mischung aus mexikanisch und Calypso; eines der seltenen Liedern, für die nur ein Adjektiv taugt: fein. Ry Cooder ist mit „Get Rhythm“ so gut wie in den Zeiten von „Chicken Skin Music“(1976). Das war jene schöne friedvolle Zeit, als man, ohne als Zuhälter angesehen zu werden, Hawaii-Hemden tragen konnte.

The Police, Every Breath You Take, 1983

Text/Musik/ Sting

Produzent/ The Police

Label/ A & M Records

Ungefähr die beste Police-Single aller Zeiten, was nichts heisst. Wahr ist: die erste Phase dieses Songs, die zurückhaltende, ist wirklich zauberhaft. Danach solle man zurückdrehen, wenn dieses blöde Rock-Emotionsgedonner losgeht. Natürlich singt hier kein Liebender, sondern ein Stalker. Dass dieser Song von Paaren als Ausdruck von Liebe missverstanden wird, gibt ihrer Art der Beziehung etwas Bedrohliches. Wenigstens ist sich der Autor von „Every Breath You Take“ dies bewusst, wenn er sein Lied auf der Bühne als „nasty little song“ ankündet. Sting befand sich damals in einer Beziehungskrise, sprach gar von Nervenzusammenbruch. Seine Frau hatte ihn verlassen, weil er sich in ihre beste Freundin verliebt hatte. Eines Nachts wachte er auf, setzte sich ans Klavier und schrieb den Song in einer halben Stunde.

Er trägt ihn mit seiner klagenden Kopfstimme vor, während der Gitarrist seine Arpeggien durchspielt und der Schlagzeuger einen einfachen Beat klopft. Das Trio brach nach der anschliessenden Tour auseinander. Die drei konnten einander nicht mehr ausstehen. Auf seinem ersten Soloalbum von 1985 schrieb Sting eine Antwort auf seinen Song, man könnte auch sagen: Eine Anleitung, wie er die korrekte Liebe verstanden haben wollte. „If You Love Somebody, Set Them Free“ hiess das Stück, wen du liebst, den lasse frei. Der Song ist todlangweilig.

Snakefinger, Snakefinger’s History Of The Blues Live In Europe, 1984

Produzent/ Snakefinger

Label/ Rough Trade

Eine Lehrstunde in Sachen Blues gefällig? Ganz klar, Snakefinger’s „History Of The Blues“. Die Konzerte liegen nun schon ewig zurück, doch die Huldigung von Philip Lithman alias Snakefinger an den klassischen Blues hat sich bei mir tief eingebrannt. Es ist schon grossartig wie Snakefinger zuerst ein kurzes akustisches Aufwärm-Set spielt und dann mit einer elektrischen Live-Band das Publikum mit klassisch swingenden Blues-Standards in eine frenetische Party- und Tanzlaune versetzt.

Das ist nicht zuletzt auch der Verdienst seiner grandiosen Band: Der grosse Ex-Beefheart- und spätere Pere-Ubu-Mann Eric Drew Feldman am Bass, der mafiös wirkende Miguel Bertel an der Rhythmusgitarre und am Saxophon der legendäre Ex-Stooge Steve Mackay. Die Geschichte des Blues von solchen Leuten vorgespielt und erklärt – das ist ein grosser Spass, und für solche, die sich im Blues nicht auskennen, ein inspirierender Ohrenöffner. „Snakefinger’s History Of The Blues“ ist eine Platte, die ich hier gerne auflege – auch wenn mir natürlich bewusst ist, dass der grossartige, bereits 1987 verstorbene Snakefinger heute den wenigsten noch ein Begriff ist.

Miles Davis, A Tribute To Jack Johnson, 1971

Produzent/ Teo Macero

Label/ Columbia

Das Album ist der Soundtrack zu einem Dokumentarfilm über den ersten schwarzen Box-Weltmeister Jack Johnson, der zwischen 1908 und 1915 die Weltmeisterkrone im Schwergewicht trug und der für Rassenunruhen sorgte. Einen Schwarzen als stärksten Mann der Welt akzeptieren zu müssen, war wohl für die damals herrschende weisse Klasse in den USA ein wenig zu viel. Jack Johnson war das Freiheitssymbol für die unterdrückten Schwarzen. Als Johnson 1912 seinen Titel gegen die „weisse Hoffnung“ Jim Flynn verteidigen sollte, schickte ihm der Ku-Klux-Klan vor dem Kampf einen Brief: „Entweder Du fällst im Kampf um, oder wir hängen Dich auf!“

Die Platte hat ein über beide Seiten laufendes Stück. Drummer Billy Cobham, Bassist Mike Henderson und Gitarrist John McLaughlin sorgen für einen frei fliessenden, doch ständig gleich bleibenden Rhythmus, über den Miles Davis seine bereits in den 50er Jahren praktizierten Trompeten-Improvisationen legt. Neben Miles spielen auch Herbie Hancock (Orgel), Steve Grossman (Sopransax) und John McLaughlin (Gitarre) lange, ausführliche Soli: Musik, die zunächst sehr offen und frei erscheint, sich aber beim näheren Hinhören doch als straff organisiert erweist.

The Woodentops, Giant, 1986

Produzent/ Bob Sargeant

Label/ Rough Trade

„Giant“ ist das Debütalbum der Woodentops. Auf der Platte gibt es sehr viele Elemente. Wird eine Melodie auf einer E-Gitarre eingeführt, muss man darauf gefasst sein, dass ein Xylophon sie fortsetzt, eine Voxorgel sie moduliert, bevor sie in Trompeten-Fresken ausufert, nicht ohne vorher noch von einer sensiblen Akustik-Gitarre variiert worden zu sein. Die Songs sind gar nicht mal eigenartig oder chaotisch, alles hat irgendwie den Geschmack des klassischen. Manchmal denkt man: Weniger wäre mehr. Aber die Woodentops wären nicht die Woodentops wenn sie nicht Tricks wüssten um das Auseinanderfieseln in viel zu viele, viel zu gleichzeitig realisierte Ideen aufzuhalten.

Die Eigenkompositionen haben z.B. immer so schön vertraute Titel wie „Travelling Man“, „Shout“, „Last Time“, „Love Train“ oder „Get It On“. Ein Gigant ist etwas Grosses mit wenigen Eigenschaften, das Album hier ist eher so eine Art Patchwork aus Dingen, wie Stoffetzen im Handarbeitsunterricht. Zum Glück hat es viel Samt dabei. Vielleicht hätte ich die Platte nicht ausgewählt, wäre ich nicht auf dieses phantastische Video zu „Love Train“ gestossen. Bester Jitterbug-Paartanz des Jahres!

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Hot Tuna, Steady As She Goes, 2011

Produzent/ Larry Campbell

Label/ Red House

Erstaunlich, wie langlebig manche Bands auch ohne Ewigkeitsruhm à la Rolling Stones sind. Hot Tuna hat es an Bekanntheit niemals mit dem „Mutterschiff“ Jefferson Airplane aufnehmen können. Doch noch heute ist die Gruppe (nach kurzzeitiger Unterbrechung in den 80er Jahren) auf Tour. Und mit Jorma Kaukonen und Jack Casady sind zwei der Gründungsmitglieder noch immer an Bord. Damit ist sie die am längsten existierende Band der kalifornischen Hippie-Szene… Seltsam eigentlich, dass es zwanzig Jahre dauern musste, bis sie mal wieder ein Album aufgenommen haben.

Wenn Musiker als „authentisch“ oder ur-amerikanisch geltende Rockmusik einspielen wollten, dann war das Studio des 2012 verstorbenen Schlagzeugers und Bandleader Levon Helm in Woodstock ein gern aufgesuchter Ort. Denn irgendwie gilt seit den Tagen der „Basement Tapes“ (oder fälschlicherweise seit dem Woodstock-Festival) Woodstock als ein fast mythischer Ort. Hot Tuna jedenfalls ist dieser Ausflug gut bekommen.

„Steady As She Goes“ mag nicht das spektakulärste Bluesrockalbum sein. Doch die zwölf Songs (ob von den Bandmitgliedern geschrieben oder Neuinterpretationen etwa von Rev. Gary Davis) sind in ihrer ruhigen Art auf jeden Fall mehr als hörenswert. Die Lieder treten nicht im Wettstreit um den schnellsten und härtesten Bluesrock an, sondern sind mit Mandolinen und anderen akustischen Instrumenten eher im Grenzland zwischen Folk, Blues und Country angesiedelt. Und damit kann man sich einen ruhigen Abend sehr angenehm vertreiben.