Green on Red, Here Come The Snakes, 1989

Produzent/ Jim Dickinson

Label/ China Records

Green On Red sind eine von diesen Independent-US-Bands der 80er Jahre, die mir, trotz diversen Ups and Downs, immer gut gefallen haben. Ich hatte die Band 1984 mal live gesehen. Das Konzert blieb für mich ein grösseres Erlebnis, das man nun wirklich nicht alle Tage hat. Dan Stuart ist ein Sänger mit einer Mission. Auch wenn seine Ansichten sehr traditionell sind, redet er offen und furchtlos über Obsessionen, die anderen peinlich sein könnten: Sozialfälle, Drogen etc. Bei Stuart ist alles souverän und er steht dabei fest in seiner dickbäuchig krähenden Richtigkeit. Das macht er übrigens auch noch dreissig Jahre später so.

Der absolute beste Song auf dem Album „Here Comes The Snakes“ ist für mich „Change“: „Over the mountain“, du siehst den Berg, er baut sich vor dir auf, verdeckt die Sonne, aber du kommst bis zum Gipfel und „home on the range“, er hängt dich an irgendeinen blöden Hängegleiter oder so etwas, und home liegt dir zu Füssen, und er holt nochmals Luft, und es wird richtig laut in diesem eigentlich nicht sehr lauten Song: „Some things never change“. Ja. Daran muss man auch mal denken. Manche Dinge tun das tatsächlich nicht, jedenfalls nicht in einem Tempo, dass die Veränderungen wahrzunehmen erlaubt.

Dr. Feelgood, Stupidity, 1976

Produzent/ Dr. Feelgood

Label/ United Artists

Das die Feelgoods eine gute Live-Gruppe waren, wurde ja schon oft beschrieben, und das ist auf „Stupidity“ zu hören, soweit so etwas auf einem Album möglich ist. Keine Overdubs, keine Tricks und keine Mätzchen, purer Punk-R&B, direkt, knallhart und roh. Auf so eine Gruppe hatte ich eigentlich schon seit 1966 gewartet, als wir den Begriff „Punk“ noch nicht kannten und Achtung vor den Gruppen hatten, die nicht versuchten den schwarzen Mann zu spielen, die sich selbst in der Musik ihrer amerikanischen Vorbilder wiederfanden und sich nicht einfach reproduzierten, sondern so wiedergaben, wie sie sie in sich selbst verarbeitet, umgearbeitet hatten. Man kann die Feelgoods Versionen gar nicht mit den Originalen vergleichen, man sollte auch gar nicht erst versuchen, es zu tun, denn die Typen wollen aus Southend nicht die Südstaaten der USA machen.

Lee Brilleux war auf seine Art ein brillanter Harmonikaspieler, der sich einen Dreck um Sonny Boy oder Little Walter scherte, denn die Klänge, die er hervorbrachte, passen perfekt zum Sound der Gruppe, und das allein zählt. Bei Dr. Feelgood halte ich auch die Eigenkompositionen von Wilko Johnson für hervorragend, denn sie stehen den Cover-Versionen in nichts nach. Aber was soll das Ganze: Ich könnte mich heute noch ärgern, dass ich im Juni 1979 in London keine Zeit hatte, mir Dr. Feelgood im Empire Ballroom anzusehen. Solche Dinge kann man nur versäumen, nicht nachholen.

J. J. Cale, Stay Around, 2019

Produzent/ J. J. Cale

Label/ Because Music

Er hatte nie den grossen Ruhm im Visier. Er sah sich eher als jemanden, der im Hintergrund arbeitet. Sein ökonomisches Gitarrenspiel prägte einen Stil. Er wurde am 5. Dezember 1938 als John Weldon Cale in Tulsa, Oklahoma, geboren. Er verstand sich immer als „Okie“, als einer von Oklahoma, wenngleich er auch in Kalifornien Fuss fasste. Er war ein Mann der Beständigkeit: „Ain’t no change in the weather, ain’t no change in me“, heisst es in seinem Lied „Call Me the Breeze“. Und Brise nenne man ihn, weil er sich einfach die Strasse heruntertreiben lasse: „I keep blowing down the Road“. J. J. Cale starb am 26. Juli 2013 im Alter von 74 Jahren, fünf Monate vor seinem 75. Geburtstag.

Er hat unzählige Songperlen produziert; kleine Meisterwerke, zeitlose, impressionistische Kurzgeschichten. 2019 ist überraschend ein schönes Album mit 15 neuen Songs dazugekommen – ausgewählt von seiner Witwe und Gitarristin Christine Lakeland sowie von seinen langjährigen Wegbegleitern Mike Kappus und Jim Karstein. Alle Songs auf „Stay Around“ sind von Cale aufgenommen und gemischt. Zum Beispiel das fantastisch groovende „Chasing You“ und der zarte Titelsong. Auch der Rest ist eine gute Cale-Mischung – mit allem, was ihn auszeichnete. Traumhaft treffsichere Gitarrentöne, federleichte Grooves, mal zurückhaltend, mal vorwärtstreibend. Weitere Highlights sind „Tell You Bout’ Her“, „Tell Daddy“, „Girl Of Mine“, „If We Try“ und natürlich das von seiner Frau Christine geschriebene Stück „My Baby Blues“, welches die beiden vor mehr als 40 Jahren gemeinsam aufnahmen.

Bob Dylan, Infidels, 1983

Produzent/ Bob Dylan, Mark Knopfler

Label/ Columbia

1983 präsentiert sich Dylan rockig und metallisch wie kaum erwartet. Für den Gitarrensound, der ganz erträglich herausgekommen ist, d.h. sich dezent im Hintergrund hält, sorgen Mick Taylor und Mark Knopfler. Ganz gut gefällt auch das Rhythmusduo Robbie Shakespeare und Sly Dunbar, die ehemals schon für Joe Cocker („Sheffield Steel“) arbeiteten. Die Songs, manchmal balladenhaft, mal reggaeangehaucht oder rockig, sind auf der ganzen Linie hart.

Ich habe mich damals darüber geärgert, wie das Album in der Schweizer Radiosendung „Sounds“ vorgestellt wurde. Da wurde von zwei sogenannten „Dylanologen“ gerupft und gezupft und gefummelt, dass es keine Lust mehr war: „Was meint er wohl damit? Und voilà, da hat er zum ersten Mal starke innere Konflikte (Schizophrenie?) im Lied „I And I“ – und dann ist er Zionist („Neighborhood Bully“), und dann hat er eine Wandlung durchgemacht, die radikaler nicht sein könnte; denn dort hiess es: „Mein Herz sei still“, und jetzt heisst es: „Andere sprechen mit meinem Mund, ich höre bloss auf mein Herz“ … blablabla.

Für gewisse Leute ist es vielleicht schwer verständlich, dass es in guten Texten um komplexes und weitläufiges Denken geht, das sich nicht zerkrümeln und nach der jeweiligen Laune interpretieren lässt, dass Texte Mitteilungen einer Seele sind und keine ideologisches Rätselraten für intellektuelle Fangemeinden. Vielleicht kommt der Flash halt erst nach einer durchfrorenen Nacht, oder… fragt mich nicht.

Tatsache ist, dass „Infidels“ bildhaft ist wie ein Traum. Es hat auf diesem Album Platz für Poesie, Texte voller Metaphern und Luftschlösser, mehrschichtige und hintergründige Zeilen, bedeutungsschwanger, ohne Eingeständnisse zu geben. Drive und Mental Energy. Hier ein Ausschnitt aus „Man Of Peace“: „Er kann faszinierend sein, er langweilig sein kann, er kann die Niagara Fälle hinunterreiten, in der Schale deines Schädels, ich riech, es ist etwas am Kochen, es gibt ein Fest, manchmal kommt der Satan, als der Mann des Friedens. Er ist ein grosser Humanist, er ist ein Menschenfreund, er weiss, wo er dich berühren muss, und wie du geküsst werden werden willst, er legt beide Arme um dich, du fühlst den zarten Hauch des Tieres“.

Led Zeppelin, 1969

Produzent/ Jimmy Page

Label/ Atlantic Records

Ende der 60er Jahre erschienen ein paar Langspielplatten, die offensichtlich einen Wendepunkt in der Rock-Musik darstellen, wobei erst die Zeit gezeigt hat, unter welcher Perspektive sie zu betrachten sind  (Dylans „Bringing It All Back Home“; das Debüt von Black Sabbath; „Are You Experienced“ und „Sgt. Pepper’s“). Auch das erste Led Zeppelin-Album ist aus diesem Holz geschnitzt.

Bevor Jimmy Page 1966 bei den Yardbirds einstieg, war er als Session-Musiker sehr gefragt. Hier wird klar warum. Nur wenige Rock-Gitarristen haben jemals die technische Sicherheit und das starke Gefühl erlangt, das Page überall auf diesen neun Stücken zur Schau stellt. Genau 48 Sekunden nach dem Beginn von „Good Times Bad Times“ macht Page Sachen auf der elektrischen Gitarre, für die man keinen anderen Ausdruck als „elektrisierend“ finden kann. Und von dieser Stelle an wirds immer besser.

Lead-Sänger Robert Plant ist wohl der beste Beweis für die Man-muss-nicht-unbedingt-schwarz-sein-um-Blues-singen-zu-können-Theorie. Früher spielte er in einer Gruppe, die aus Birmingham stammt, The Band of Joy, aus der auch der Drummer John Bonham herkommt. Es ist schön, wenn man einem Schlagzeuger zuhören kann, dessen Arbeit mit der Bass-Trommel und den Cymbals zwar intelligent, aber nie einstudiert klingt.

John Paul Jones spielt Bass und Orgel bei Led Zeppelin. Es genügt wohl, wenn man sagt, dass er auf beiden Instrumenten ein erfahrener und umsichtiger Musiker ist. Bei diesem Album fühlt man sich wohl. Man fühlt sich wohl, wenn man eine Band hört, die so viel zu sagen hat und die es auch so sagt, wie sie es fühlt, um in Musik zu transformieren, was in ihren Köpfen steckt.

Screamin’ Jay Hawkins, Frenzy, 1982

Produzent/ Tim Young

Label/ Edsel Records

Screamin’ Jay Hawkins (1929 – 2000 ) aus Cleveland, Ohio darf wohl zu Recht als „First Freak of the Order of Rhythm’n Rock’n Roll“ bezeichnet werden. Hawkins ist (neben Captain Beefheart) der ausgeflippteste Bluessänger, den ich kenne. Er ist eine der Vaterfiguren des Swamp Sound, jener unheilverkündenden Abart des Rhythm & Blues, aus den Südstaaten der USA. Wie stilbildend dieser exzentrische Mann war und wie aktuell er sich auf diesen alten Aufnahmen noch anhört, dafür ist das Album „Frenzy“ der beste Beweis. Diese Musik war die Inspiration für Gruppen wie Creedence Clearwater Revival, Cramps, Gun Club etc. Von dem alten Killer-Song „I Put A Spell on You“ hat sicher jeder schon irgendeine der zahlreichen Coverversionen gehört, doch keine dieser Versionen kommt der Magie und Intensität des 1956 aufgenommenen Originals nahe.

Der Voodoo-Fluch schwebt über dieser Musik. Die meisten anderen Songs des Albums präsentieren Hawkins als konventionellen R&B-Sänger, doch immer wieder bricht es aus ihm heraus, diese verrückte Eigenart sich auszudrücken und zu präsentieren. Hawkins war jahrelang berüchtigt für seine verrückten Einfälle und sein sehr individuell gestyltes Auftreten: So gehörten beispielsweise alte Uniformjacken, Turban, ein zigarettenrauchender Totenschädel namens Henry sowie Affen, Papageien usw. zu seiner festen Garderobe! Kein alltäglicher Mann – keine alltägliche Platte! Play it loud and have fun!

Neil Young, Rockin’ in the Free World, 1989

Text/Musik/ Neil Young

Produzent/ Neil Young, Niko Bolas

Label/ Reprise

Jede Zeitgeist-Postille schrieb es damals auf Papier: Beste Platte ever, was natürlich in dem branchenüblichen Geschwätz nicht zur Debatte stand, aber als Summe der letzten Neil-Young-Dekaden davor schon, war dieses stammelnde Pathos und die wahnwitzigen Irrwege von Neil Young, die mich immer etwas peinlich berührt haben, auch wenn ich von der Allgewalt dieses Grosswerks freimütig in den Staub gezwungen worden bin.

Mit dem furiosen „Rockin’ in the Free World“ hat er natürlich mein Altrebellenherz berührt. Die Aufforderung zum Rocken und die Bezeichnung derjenigen Welt als frei, die sich in ihrer Propaganda so nennt und daher Freiheit als letzten einklagbaren Anspruch ihrer Untertanen wohl oder übel anbieten muss, ist doch nur logisch. Und das hängt logischerweise wiederum eng mit dem perspektivenlosen Elend und dem Nichtgewähren des wichtigsten Menschenrecht, nämlich cool zu sein, zusammen.

Der oft gegen Protest-Sänger erhobene Vorwurf, sie würden sich mit dem Elend anderer Leute schmücken, trifft hier nicht zu. Neil Young versucht sich nicht in die Pose des Aufklärers zu begeben. Die Fakten sind ja hinlänglich bekannt und Young tut auch nicht, als wäre es anders, sondern gibt sich nur als „Verstärker“ zu erkennen. Es wäre also falsch, von irgendetwas anderem zu sprechen, als wovon dieses Lied spricht: „ Keep on rockin’ in the free world“ – Für mich eine raue Erinnerung an die Neunziger, und dass man für alles seinen Preis bezahlen muss. Rocken in einer freien Welt nicht ausgenommen.

Charles Mingus, Mingus at Antibes, 1976

Produzent/ Nesuhi Ertegün

Label/ Atlantic

Mingus beim internationalen Jazz- Festival an der Französisch Riviera in Antibes im Jahre 1960. In seiner Band: Ted Curson, Eric Dolphy, Booker Ervin, Dannie Richmond und Bud Powell als „special guest“.

Eine Live-Aufnahme aus der Zeit als Jazz eine seiner kreativsten Phasen erlebte: Ornette Colemans Free Jazz, Coltranes Ole, Cecil Taylors Traumquartett mit Buell Neidlinger und Archie Shepp. Und Charlie Mingus war einer der Leute, die diese Explosion neuer Musik vorbereitet und gefördert hatten. Die Jahre 1960 – 1964 waren auch die Höhepunkte seiner Karriere. Und es ist bezeichnend, für die gesamte Jazz-Geschichte, dass von 1964 – 1970, vier der grössten Musiker starben: Albert Ayler, John Coltrane, Eric Dolphy und Bud Powell. Zwei davon sind auf diesem Album zu hören.

Diese Toten wurden nie ersetzt und die wenigen Höhepunkte, die Rock-Jazz in den 70er Jahren unbestritten hatte, können auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das was sich später Jazz nennt, vollends zum gepflegten, energielosen Zeitvertrieb verkommen ist. Wie toll, energisch, wuchtig, wild und spannend Jazz einmal war, zeigen Alben wie dieses. „Mingus at Antibes“ ist grosse Klasse. Die Musik kann dich voll erwischen und mitnehmen.

Johnny Winter, 3rd Degree, 1986

Produzent/ Johnny Winter, Dick Shurman

Label/ Alligator Records

„I really like this record. It’s got a lot of different kinds of blues on it, more variety“, schrieb Johnny Winter über dieses Album in den Linernotes, und so rührend, solide und einfach ist auch das was auf „3rd Degree“ drauf ist: Es ist ein ruhiges, tausendfach abgehangenes sattes Werk von Johnny Winters Slidegitarre (und wie er vermerkt, hat er selbst damit erst einmal einen Monat üben müssen), begleitet von ebenfalls soliden tausendfach abgehangenen Musikern vom Feinsten (wechselweise am Piano: Ken Saydek und Dr. John, Bass: Johnny B. Gayden oder Tommy Shannon, Drums: Casey Jones oder Uncle „Red“ Turner), Leute also, die wie Johnny W. sagt, ALLES spielen können, was den Blues angeht und ausserdem alte Kumpels sind.

„3rd Degree“ ist nicht besonders spektakulär; das Album dreht sich nur angenehm von „Mojo Boogie“ zu „Tin Pan Alley“ von „I’m Good“ über „Shake Your Money Maker“ zu „Broke And Lonesome“ und ist so gemütlich und aufregend wie ein paar Wollsocken im Winter. Einmal angezogen, kommt man nicht wieder raus.

Laura Nyro, More Than A New Discovery, 1967

Produzent/ Milton Okun

Label/ Verve Folkways

Laura Nyro gehört neben Joni Mitchell und Carole King zu den etablierteren Song-Ladies Ende der 60er Jahre. Aber anders als ihre beiden Kolleginnen ist ihr selbst der Durchbruch als Sängerin und Songwriterin nicht so recht geglückt. Es ist erstaunlich, wie gut die Nummern von ihrem allerersten Album nach all den Jahren immer noch klingen (und swingen). Dabei sind alle Songs auf „More Than A New Discovery“ gleichmässig arrangiert: ein paar Bläser, ab und zu eine jammernde Harmonika und natürlich Lauras Piano. Laura Nyro verbindet Einflüsse von den Girl-Groups der frühen 60er mit denen der schwarzen Bluessängerinnen (Ma Rainey oder Bessie Smith) und Elemente der Unterhaltungsmusik zu einer Einheit.

Trotzdem war das Album (1973 unter dem Titel „First Songs“ wiederveröffentlicht) kein grösserer komerzieller Erfolg. 1967 war die Zeit für Laura Nyro noch nicht reif – und 1973 gab es schon zuviele Sängerinnen, die am Piano sitzen und ihren Weltschmerz kundtun. Der objektive Beobachter (soweit es den gibt) wird allerdings feststellen, dass Laura Nyro auf dem Gebiet der weiblichen Singer/Songwriter absolute Pionierdienste geleistet hat. Nicht umsonst wurde die Musikerin 2010 posthum in die Songwriters Hall Of Fame aufgenommen.