714e7d73459a67d0c76e19d743995feb.jpg

Patti Smith, Rock N Roll Nigger, 1978

Text/Musik/ Patti Smith, Lenny Kaye

Produzent/ Jimmy Iovine

Label/ Arista

„Babelogue“ ist ein Sprechtext aus „Babel“, Patti Smiths Lyrik- und Prosaband. Sie hat ihn 1977, während einer verletzungsbedingten Zwangspause, niedergeschrieben. „Babelogue“ ist auf ihrer dritten LP „Easter“ zu hören. Es ist ein Studioalbum, nur dieses Stück stammt aus einem (nicht genannten Konzert). Man hört das Publikum im Hintergrund durcheinanderrufen, während die Sängerin mit dem Rezitieren anfängt, stabreimerisch, atemlos. Sie spricht schneller, sucht nach Worten, um dann die Sätze unter Druck hervorzustossen. Drohender Sprachverlust wird deklamierend, dann rythmisch unterlaufen, worauf sich das Publikum klatschend eintaktet, den regressiven Umschlag von Schrift und Sprache zu Sound vorantreibend.

Nach der Zeile „in heart i am an american artist and i have no guilt“ wird eine Art Plastik-Rock’n’Roll eingeblendet, eine Parodie auf die Stooges zum Beispiel. Man hört den Bass, die Gitarre, das Schlagzeug, eingepasst in den Sprachduktus der Rezitation, die sich währenddessen abhanden kommt. Dafür stimmt Patti Smith jetzt im Studio, mit schorfiger Stimme das Stück „Rock’n’Roll Nigger“ an, ihre Hymne auf das Ausserseitertum.

„Nigger nigger nigger nigger nigger nigger nigger nigger/ Outside the society they’re waiting for me/ Outside the society that’s where I wanna be.“ So singt sie in der dritten Strophe zum Heulen der Leadgitarre. Patti Smith klingt dabei halb spöttisch, halb ergriffen, gefangen in der Rezeption ihrer Vorbilder, denen sie Ekstase verdankt. Smith: „The rock’n’roll nigger is a popular musical version of the Romantic primitive, arising not from contact with Africa artifacts but from white myths engendered on the Southern blacks of the Mississippi Delta“. Jackson Pollock, Rimbaud, Jimi Hendrix haben sich mit Farbe, Wort und Klang an die Ränder von Form und Gesellschaft begeben, die die Sängerin ansteuert.

rs-135462-24d458c6302cec78bd085c174da8ee3f9cce6957.jpg

Patti Smith, Dancing Barefoot, 1979

Text/Musik/ Patti Smith, Ivan Kral

Produzent/ Todd Rundgren

Label/ Arista Records

Sie lernen sich im März 1976 an einem Hot-Dog-Stand in Detroit kennen. Gitarrist Lenny Kayne stellt die beiden einander vor. Dass sie beide Smith mit Nachnamen heissen, entlockt ihen ein zurückhaltendes Lächeln. Doch Patti ist noch auf eine ganz andere Weise von Fred, dem ehemaligen Gitarristen der Detroit Rocker MC5, eingenommen. Freds neue Gruppe, die Sonic Rendezvous Band, soll das Konzert von Pattis Band an diesem Abend als Vorgruppe eröffnen.

Was am Hot-Dog-Stand beginnt, setzt sich später auf der Bühne fort – Patti ist hingerissen von dem Gitarristen, und ihre Gefühle werden von Fred durchaus erwidert. Die Beiden verlieben sich ineinander. Dass sie jeweils noch in anderen Beziehungen gebunden sind, macht die Sache allerdings nicht besonders leicht.

Es vergehen noch zwei Jahre seit ihrer ersten Begegnung am Hot-Dog-Stand, ehe Patti und Fred „Sonic“ Smith auch offiziell ein Paar sind. Doch ihre Liebe hat in diesen zwei Jahren keineswegs gelitten. Was Fred ihr bedeutet, erzählt Patti Smith ein weiteres Jahr später, 1979, in dem ihm gewidmeten Liebeslied „Frederick“ auf dem Album „Wave“. Auch der der zweite Song auf der Platte „Dancing Barefoot“ beschreibt poetisch ihre Gefühle und die Geheimnisse der gegenseitigen menschlichen Anziehung („Here I go and I don’t know why, I spin so ceaselessly, ‚til I lose my sense of gravity…“)

Nach ihrer Heirat 1980 mit Fred Smith legte Patti Smith ihrer Musik-Karriere zunächst auf Eis. Sie zogen aufs Land in die Nähe von Detroit, Patti wurde Hausfrau und Mutter zweier Kinder. Doch der Rückzug aus dem Musikgeschäft hielt nicht lange an.

„Ich habe als Mutter und Hausfrau sehr hart arbeiten müssen. Ich habe Fussböden geschrubbt, die Toiletten geschrubbt und abgewaschen – jeden Tag. Das war in Ordnung. Aber als uns das Geld ausging, wurde das Leben kompliziert. Als versuchte ich mit meinem Mann Fred eine Art Comeback, um unsere Haushaltkasse zu füllen.“

Das Comeback hiess „Dream Of Life“ und wurde 1988 veröffentlicht. Ein späteres Comeback wurde vom plötzlichen Tod ihres Mannes überschattet. Fred „Sonic“ Smith starb im November 1994 an einem Herzinfarkt.

patti-smith-horses-1.jpg

Patti Smith, Horses, 1975

Produzent/ John Cale

Label/ Arista

Man hört deutlich, dass Patti Smith Dichterin ist. Auf ihrem Debütalbum legt sie gesteigerten Wert darauf, dass jedes Wort klar zu verstehen ist. Auch singt sie kaum, sondern lässt zu gesprochenem Wort begleiten und definiert damit ihr Markenzeichen. Die Art, wie ihre Sprechstimme in Gesang umschlägt und umgekehrt, erinnert stark an Jim Morrison, von dem sie sich einiges abgeschaut hat. Und wenn sie dann doch singt, dann verzerrt sie ihre Stimme ohne technische Hilfsmittel beinahe zur Karikatur.

„Horses“ ist eine erstaunlich nüchtern und unpathetisch produzierte Platte einer Band, die in der lokalen Szene der New Yorker Lower Eastside schon einschlägige Erfolge gefeiert hat. Trotzdem ist diese Produktion ein weites Experimentierfeld für die Sängerin und die beteiligten Musiker. Patti Smith macht keinen Hehl aus ihren Unsicherheiten, doch diese Schwäche transformiert sie in Stärke, zum Beispiel, wenn sie sich in „Break It Up“ während des Singens gegen den Hals schlägt, um ihrem Timbre grössere Expressivität zu geben. Mit Songs wie „Gloria“ von Them oder Fat’s Dominos „Land Of A Thousand Dances“, das in „Land“ integriert ist, bekennt sie sich offen zu ihrer musikalischen Herkunft. Andere Stücke sind frei improvisiert. Ihre Texte beziehen sich stark auf eigene Erlebnisse oder Begebenheiten aus ihrem persönlichen Umfeld.

„Horses“ ist eine überaus gelungene Mischung aus der hingeworfenen Banalität des Alltags und künstlerischen Ansprüchen. 2005 erschien eine Neuauflage der Platte unter dem Titel „Horses/Horses“. Dafür wurde in London eine zweite CD mit denselben Songs live aufgenommen, auf der Tom Verlaine Gitarre spielt. Aber statt der Punkcoolness ihrer Anfangstage bekommt man nun einen historisch korsettierten Auftritt einer Rockikone, ein Palimpset zum Classic Rock, der sich anfühlt, als würde Frau Smith die Strandliegen der Erinnerung mit einem Handtuch reservieren.

patti-smith-hey-joe-version-sire.jpg

Patti Smith, Piss Factory, 1974

Text/Musik/ Patti Smith, Richard Sohl

Produzent/ Lenny Kaye

Label/ MER

Patti Smith trieb sich eine Weile an den Randbezirken der Musikszene herum, bevor sie schliesslich im Studio landete. Deswegen war sie, als die Zeit für ihre erste Single gekommen war, sozusagen geladen, entsichert und bereit loszulegen. Smith eine starke Persönlichkeit und energiegeladene Performerin, sah sich ebenso als Dichterin und Schriftstellerin wie als Sängerin, dennoch überrascht die kathartische Macht von „Piss Factory“.

Über Richard Sohls verrücktes, jazziges Klavier intoniert Smith im wilden Rhythmus eine Beat-geprägte Erinnerung an die schreckliche Zeit, als sie 1964 als 16jährige in einer Spielzeugfabrik in New Jersey arbeitete („Because you see it’s the monotony that’s got to me/ Every afternoon like the last one/ Every afternoon like a rerun.“), bis sie am Ende ein kühnes Versprechen abgibt: „I’m gonna be somebody, I’m gonna get on that train, go to New York City/ And I’m gonna be so big, I’m gonna be a big star and I will never return.“ Und sie hielt Wort.

Die A-Seite war das ebenso unorthodoxe Cover „Hey Joe“ ( über Patty Hearst); bezahlt hatte die Single der Photograph Robert Mapplethorpe, Smiths Ex-Liebhaber, dessen Porträts von ihr später das Cover der Patti Smith Group zierten. Den Anreiz zu Plattenaufnahmen gaben die Auftritte von Tom Verlaine und Television. Die beiden Bands trafen sich oft im legendären Club CBGB in der Bowery – und Amerikas Rimbaud-trifft-auf-Rolling-Stones-Version des Punk war geboren.