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Johnny Cash, Solitary Man, 2000

Produzent/ Rick Rubin

Label/ American Recordings

Johnny Cash hat ein Alterswerk hinterlassen, das nun wirklich seinesgleichen sucht. Meisterwerke allesamt! Deren vier Alben sind unter der Regie von Rick Rubin entstanden. „American III: Solitary Man“ umfasst vier Eigenkompositionen und zehn Coverversionen, die von Johnny Cash auf seine unnachahmliche Weise interpretiert, zu seinen eigenen werden. Herausragend sind das Titelstück „Solitary Man“ (Neil Diamond), „One“ (U2), „I See A Darkness“ ( im Duett gesungen mit Komponist Will Oldham), „The Mercy Seat“ (Nick Cave & Mick Harvey). Nicht minder exquisit sind die Eigenkompositionen von Johnny Cash, allen voran das ausgezeichnete „I’m Leavin Now“.

Der Man in Black hat  mit „Solitary Man“ ein altersweises Monument geschaffen, wie ein langer Abschied, leicht in all seiner Schwermut. Im Booklet schreibt Cash: „This album has been a long time coming, and I feel another in there somewhere“. Er tat es wirklich nochmals: 2002 erschien „American IV: The Man Comes Around“, in Aufbau und Ausführung ähnlich wie „Solitary Man“ und genau so exzellent anzuhören.

2003, nur wenige Monate nach dem Tod seiner Ehefrau June Carter Cash, verstarb auch Johnny Cash im Alter von 71 Jahren an den Folgen seiner Krankheiten. Anschliessend erwähnt seien noch die letzten Zeilen des „Solitary Man“ Booklets von Johnny Cash: „Life and love go on. Let the music play“.

 

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Johnny Cash feat. U2, The Wanderer, 1993

Text/Musik/ Bono, U2

Produzent/ Brian Eno

Label/ Island

In den Achtzigern war Johnny Cash zwar immer noch die Nummer 1 im Country Show Biz, doch er begann die Beziehung zu einem Genre zu verlieren, in dem es in seinen Augen nicht mehr um klare Statements ging, sondern ausschliesslich darum, sich bestmöglichst dem jeweiligen Zeitgeist anzupassen. Cash, der lebendige Monolith, wurde zur Kolossalstatue degradiert. Daran änderte sich auch nichts, als er Mitte des Jahrzehnts das Million Dollar Quartet reaktivierte (mit Roy Orbison anstelle von Elvis Presley). Auch sein 1986 veröffentlichter Roman „Man In White“, der sich mit Leben des Apostels Paulus auseinandersetzte, wurde eher ein Lacherfolg. Nach fast dreissig Jahren fruchtbringender Zusammenarbeit wurde Cash 1986 von Columbia gefeuert. In den folgenden Jahren auf Mercury drohte er in der Bedeutungslosigkeit zu versinken.

1992 dienten die Auftritte des mittlerweile Sechzigjährigen fast ausschliesslich noch karitativen Zwecken. Als Cash jedoch ein Jahr später auf dem U2-Album „Zooropa“ in dem Song „The Wanderer“ auftauchte, war der alte Barde plötzlich wieder in aller Munde. U2 wollten damals einfach mit einem ihrer Vorbilder zusammenarbeiten. Das Cash-Ergebnis unterlegten sie mit elektronischen Klängen, ohne dass es dem Country-Star hätte weh tun müssen. Diesmal wurde Cash von einer Generation entdeckt, die bis dahin mit Country Music höchst wenig am Hut hatte. Die Zeichen standen gut für den Widerspenstigen, der auch im Alter nicht einsehen mochte, warum er sich zähmen lassen sollte. Eine ganz neue alternative Country-Szene war entstanden, deren Flaggschiffe Freakwater oder Lambchop hiessen. Plötzlich war das Interesse an dem Alten mit der tiefen Stimme wieder da.

 

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Johnny Cash, American Recordings, 1994

Produzent/ Rick Rubin

Label/ Warner Bros.

Johnny Cashs Karriere war Ende der achtziger Jahren so gut wie beendet. Er hatte genügend Platten gemacht, genügend Songs geschrieben, ein genügend aufregendes (und aufreibendes) Leben gelebt und schien genügend zufrieden, seinen Lebensabend als Legende zu beenden. Und dann geschah das Unglaubliche: Der HipHop-, Rock- und Metal-Produzent Rick Rubin holte ihn, nachdem er Cash und Carter 1992 im Madison Square Garden live gesehen hatte und einfach nicht aus dem Kopf bekommen konnte, zu Aufnahmen.

Es müsse eigentlich „reduced“ nicht „produced“ heissen, wenn er arbeite: Er habe immer die Musik auf ihren Kern zurückführen wollen. Cash sollte einfach nur er selbst seine Songs, „trigger-Songs“ singen (am Ende wurden es mehr als hundert). Rubin verschaffte Cash ein Comback, mit dem in dieser Form wohl niemand mehr gerechnet hätte. Plötzlich war der alte Mann für die junge, unabhängige Country-Szene, das, was Neil Young für die Grunge-Kids war: der Übervater.

Auf dem bezeichnenderweise „American Recordings“ betitelten Album (auf dem Cover sieht man zwei Hunde, die Cash „Sünde“ und „Vergangenheit“ getauft hatte) begleitete sich Cash selbst auf der Gitarre (die Aufnahmen fanden in Rubins Wohnung und in Cashs Blockhütte statt). Einmal mehr hinterliess er den Eindruck von draussen zu kommen und vom Leben zu singen, wie es wirklich ist (neben eigenen Songs interpretierte er Lieder von Nick Lowe, Glen Danzig, Tom Waits, Loudon Wainwright III und Leonard Cohen). Er verband die Neunziger mit altehrwürdigem Folk, Blues und Country. In dem ruppigen Song „Delia’s Gone“ geht es um einen Mord: ein Mann fesselt seine Frau an einen Stuhl und schiesst ihr in die Seite, um sie leiden zu sehen, und tötet sie mit einem zweiten Schuss. In dem Video sieht man Superstar-Model Kate Moss. Cash in schwarzem, langem Mantel auf einem Friedhof mit schwarzer Gitarre und im Wind wehendem Haar, Moss im Sommerkleid, ein Kreuz mit „Delia“ im Hintergrund. Gitterstäbe.