Los Lobos And Various Artists, La Bamba Soundtrack Album, 1987

Produzent/ Joe Sill, Taylor Hackford

Label/ Warner Bros. Records

An jenem Nachmittag in August 1958 hing die Luft zentnerschwer über L. A. In der kleinen, stickigen Bar vermischte sich der Geruch von abgestandenem Rauch mit dem von Schweiss und Bier. Maria schob flink den Schrubber über den schmutzigen Holzboden. Ihr Neffe David guckte ihr bei der Arbeit zu. Er war eben vier Jahre alt geworden. Maria summte ein Lied, ihr Parfüm duftete schwer und süss. Vielleicht wurde Maria von dem Jungen abgelenkt; mit dem Bestenstiel stiess sie das gerahmte Foto von der Wand. Das Glas zersprang. „Ay, que susto!“, welch ein Schrecken! David griff nach dem Glas. Blut tropfte von seinen kleinen Fingern auf das Porträt des jungen Ritchie Valens, der als Richard Steven Valenzuela im mexikanischen Stadtteil von Los Angeles aufgewachsen war.

Das kleine Missgeschick in der mexikanischen Bar war die erste Begegnung des späteren Los-Lobos-Sängers David Hidalgo mit dem Teenager-Idol Ritchie Valens. Valens starb 1959 bei einem Flugzeugunglück zusammen mit Buddy Holly. Er hinterliess unter anderem eine meisterhafte Version von „La Bamba“, einem traditionellen mexikanischen Lied.

Die Jahre vergingen. David Hidalgo gründete mit Schulfreunden Los Lobos. Sie trugen schwarze Anzüge und dunkle Sonnenbrillen und entwickelten ihren eigenen Stil: ein schweisstreibende Mischung aus mexikanischem Folk und Rock. Verkannt von den grossen Massen, wurden Los Lobos zu den Vorbereitern von Musikern wie Ricky Martin und Jennifer Lopez, die später mit den hispanischen Wurzeln das grosse Geschäft machten. Latino wurde chic und beinahe allgegenwärtig, von den Pop-Greisen Buena Vista Social Club bis zu Aventura, der Boyband mit den lateinischen Wurzeln, die es vielleicht nie gegeben hätte, wäre es nicht damals, an jenem heissen Augusttag, zur schicksalhaften Begegnung in der kleinen mexikanischen Bar gekommen. Denn Los Lobos gelang nur einmal ein wirklicher Hit „La Bamba“. Im gleichnamigen Film wurde David Hidalgo 1987 zur Stimme von Ritchie Valens.

Los Lobos, The Neighborhood, 1990

Produzent/ Larry Hirsch, Los Lobos

Label/ Slash Records

Selbst nach dreissig Jahren klingt „The Neighborhood“ noch frisch. Zusammen mit „How Will The Wolf Survive?“ (1985) und „By The Light Of The Moon“ (1987) bildet es das Triple der Highlights der Los Lobos-Frühphase.

1973 gegründet, blickt die Band auf eine beachtliche Karriere zurück und ist auch heute noch aktiv. Neben der Stammformation machen auf diesem Album einige musikalische Nachbarn mit. Da wären unter anderem: John Hiatt, die Drummer Jerry Marotta sowie Jim Keltner, Tastenmann Danny Timms, Levon Helm oder Mitchell Froom. Nicht zuletzt schrieb der Gitarrist und Sänger Cesar Rosas mit Willie Dixon den Song „I Can’t Understand“. Sehr schöne Gitarren, zusammen mit einem tollen Saxophon-Sound, bei dem das Bariton-Instrument dominiert. Der Rhythmuswechsel verpasst dem Stück noch einen weiteren Groove. Richtig aufgedreht wird in „I Walk Alone“; Marotta am Schlagzeug und zur Verstärkung spielt Alex Acuna Handtrommeln. Ruhiger geht es dann mit „Angel Dance“ weiter; eine luftige Nummer, die man sich immer wieder gerne anhört.

Bei „Down On The Riverbed“ singt John Hiatt; allein diese vier Minuten sind ein starker Einstieg für das Album. Bei dem Country-Song „Emily“ spielt Levon Helm Mandoline. Besonders interessant ist hier der durch die elektrische Gitarre gesetzte Kontrapunkt. Das im Duett mit Helm gesungene „Little John Of God“ ist mit akustischer Gitarre und Akkordeon sparsam instrumentiert und wirkt gerade deswegen intensiv. „Jenny’s Got A Pony“ ist Party-Atmosphäre nach Art des Los Lobos-Hauses. Hier singt ein 23-köpfiger Chor mit. Man hat alle möglichen Familienmitglieder der Hidalgos, Bryans, Parras oder Rosas‘ und wie sie alle heissen, eingeladen, die Stimmung zu verstärken.

Selbstredend steht „The Neighborhood“ auch für den Tex-Mex und es ist erfreulich, welche Genre-Breite Los Lobos auf ihrem damals fünften Album zu bieten hatten. Ich kann es nur wiederholen: „The Neighborhood“ ist ein zeitlos schöne Platte.

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Los Lobos, By The Light Of The Moon, 1987

Produzent/ T Bone Burnett, Los Lobos

Label/ Slash

Hierzulande sind Los Lobos nur einmal ins Rampenlicht getreten und werden von den meisten wohl als die typischen „One Hit Wonder“ wahrgenommen; mit „La Bamba“, ein Remake des grossen Hits von Ritchie Valens, haben sie sich allerdings für eine Generation einen festen Platz im Gehörgang gesichert. Jenseits des grossen Teiches ist die Fangemeinde der kalifornischen Latino-Formation weitaus grösser, was angesichts der musikalischen Substanz der Band auch nicht weiter verwundert. Mit einer Vielzahl von Instrumenten bringen Los Lobos einen stilistisch ziemlich einmaligen Mix aus Rock, Country und Latin auf die Bühne, der bei entsprechender Radiopräsenz auch bei uns einschlagen würde.

„By The Light Of The Moon“ zählt bis heute zu den besten Alben der Band. David Hidalgo und Cesar Rosa zeigen hier ihre Gitarrenkünste auf rauchigen R&B-Nummern wie „Is That All There Is?“ und „All I Wanted to Do Was Dance“ ebenso wie auf der musikalischen Momentaufnahme „One Time, One Night“ und „River of Fools“. Die Bandmitglieder wechseln dabei durch die Instrumente und spielen jedes, als sei es ihr angeborenes Recht: Elektrische und akustische Gitarren, Marimbas, Orgeln, Saxophone, Mundharmonika und Schlagzeug erzeugen unvergessliche Klanglandschaften. Dabei nutzen sie die Gelegenheit, in ihren Songs über den Glauben, die Sterblichkeit und die Liebe zu meditieren. Die elf Titel von „By The Light Of The Moon“ entfalten jede Menge gute Stimmung und sorgen zwischendurch auch für eine Überraschung, denn mitten in den allesamt selbst komponierten Songs bringen Los Lobos mit „Prenda del Alma“ ein mexikanisches Volkslied zu Gehör, das sich trotz seiner Andersartigkeit hervorragend ins Gesamtkonzept einfügt.