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Calvin Russell, This Is My Life, 1998

Produzent/ Calvin Russell, Jim Dickinson, Joe Gracey

Label/ SPV Recordings

Dies ist eine Kompilation. Den Freunden des Texaners mag gedient sein, wenn ich hier den Aufkleber zitiere, der damals auf der CD war: „Best Of, incl. 3 new tracks“. Dabei sind die neuen Stücke Interpretationen von Dylans „Forever Young“ und Bobby Womacks „It All Over Now“ sowie die Eigenkomposition „This Is My Life“. Den Neuinteressierten sei diese Zusammenstellung wärmstens empfohlen, enthält sie doch mit „Crossroads“, „One Meat Ball“, „Soldier“, „Let The Music Play“ und vorallem „A Crack In Time“ die Höhepunkte von Calvin Russels Werk. Auch „Sam Brown“, „Common One“ und „Where The Blues Get Born“ sind in meinen Ohren typische Calvin Russell-Songs. Daneben gibt es eine sehr intensive Cover-Version von Townes Van Zandts „The Hole“. Zudem ist das Album produktionstechnisch durch das Mitwirken von Jim Dickinson auf höhem Niveau.

Calvin nannte diese gesammelten 16 Lieder „Geschichten, Erinnerungen und Gefühle aus einem Leben, das manchmal in der Ecke stand wie ein geladenes Gewehr und manchmal die Strasse runter lief wie eines armen Teufels Auto mit schlechten Bremsen. Einige der Gefühle vergingen so rasch wie ein Klopfen an der Tür, andere wurden zum bleibenden Knarren in den Angeln meines Schicksals“. „This Is My Life“ ist eine sehr gute Zwischenbilanz aus dem mühevollem Gefecht eines tapferen Soldaten, der leider am 3. April 2011 im Alter von 63 Jahren verstorben ist.

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Calvin Russell, Sounds From The Fourth World, 1995

Produzent/ Joe Gracey

Label/ MCA Records

Auf dem Cover sieht er aus wie ein Kriegsveteran des letzten Jahrhunderts, doch der gegerbte und trostlose Ausdruck passt zu den Geschichten die er erzählt. Geschichten von Leuten, die am schönen bunten Leben nicht teilhaben, ums nackte Überleben kämpfen müssen und in einer Welt leben, „aus der man zwar heraus, aber in die man nicht hineinsehen kann“. Aus dieser Welt berichtet Calvin Russell. Man trifft Leute, denen die Frauen zulaufen und wieder weglaufen, andere, die vom Kellner ausgelacht werden, weil sie nur einen Dollar besitzen, wieder andere, die verzweifelt ihr letztes Geld zum Wahrsager tragen, bloss um als Wahrsagung zu hören: „Maybe someday things will get better.“

Musikalisch wechseln sich auf dem Album kräftige, groovende Folkrock- und Countryrocksongs in ausgewogener Mischung mit rein akustischen Songs ab. Die Produzenten bauen auf Bewährtes: Akustikgitarre, E-Gitarre, die Gebrüder Waddel als Rhythmusgruppe, Saxophon, Kimmie Rhodes als Backgroundsängerin. Rhodes, die selbst eine begnadete Songschreiberin ist, kann man nicht genug hervorheben: Gerade durch ihren fast in jedem Song präsenten Gesang kommt hier immer die richtige Stimmung auf. Natürlich singt sie nie Duett mit Russell, sondern Background. Hauptinstrument ist die herrlich verlebte, volle, tiefe und kräftige Stimme Russells, der man ohne zu zögern alles glaubt, was sie singt.

„Sounds From The Fourth World“ eröffnet mit zwei gediegenen Rocksongs, danach kommt der Oberkracher „One Meat Ball“, von dem es am Ende noch eine Akustikversion gibt. Die rockige Version darf zweifellos nicht fehlen, aber auf der akustischen, in der das Lied zum Folksong wird, hört man das Saxophon wunderschöne Verzierungen und Soli spielen. „Crossroads“ ist das bekannteste Lied von Calvin Russell, ironischerweise stammt die Komposition nicht von ihm selber. Es ist vor allem diese Aufnahme, die mich immer wieder wegen ihrer Zeitlosigkeit vom Hocker haut. Russell hat so manchen guten Song im Repertoire, aber dieser ist einer der besten, wohlgemerkt in seiner Interpretation. Allein die genannten Tracks machen das Album wertvoll. Hinzu kommt dann noch das herrliche Liebeslied mit dem simplen Titel „Baby, I Love You“, das die wunderbaren und weisen Worte enthält: „I don’t want to cage you, I want to see you fly.“