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Kevin Coyne, Marjory Razorblade, 1973

Produzent/ Steve Verona

Label/ Virgin

Er war der grosse kleine Mann von der Strasse. Ehemaliger Streetworker und Sozialarbeiter. Und ein grossartiger Songschreiber, der über all die grotesken täglichen Banalitäten, den immer wuchernden bedrohlichen Alltagsirrsinn und die Sorgen und Nöte der kleinen Leute gesungen hat. Er sang von seinem Weltschmerz, von psychiatrischen Kliniken, Ferien in Spanien, von Soldaten-Wehmut und dem Nuttenmilieu. Und all das verpackte er in kleine Songs. Am allerbesten machte er das auf dem 1973 erschienenen Doppelalbum „Marjory Razorblade“.

Zuvor hatte Kevin Coyne mit der Band Siren zwei LP’s und als Solokünstler das wenig beachtete Album „Case History“ veröffentlicht, welches wie die beiden Siren-Alben auf John Peel’s Dandelion Label erschienen waren. John Peel war schon damals einer der angesagtesten Radio DJ’s und der eigentliche Entdecker von Kevin Coyne. Dieser unterschrieb in der Folge beim eben aus der Taufe gehobenen Virgin Label von Richard Branson. „Marjory Razorblade“ war Coyne’s grossartiger Einstand bei der neuen Firma.

Auf dem Album nölt er sich durch allerlei spassige Alltagsgeschichten, bisweilen ziemlich schräg („Mummy“, „Good Boy“), rockt aber auch herzhaft („Eastbourne Ladies“) und baut immer wieder schwelgerisch schöne Songs ein wie „Marlene“ oder „Talking To No One“. Kevin Coyne besitzt viel Sinn für Humor, aber auch enorm viel Feingefühl und Sensorik für all die kleinen und grossen Alltäglichkeiten, die einem ständig durchs Leben begleiten. Er veröffentlichte noch eine ganze Reihe genialer Platten auf Virgin, unter anderem auch das schön schräge Album „Babble“ mit Dagmar Krause, bevor er im Dezember 2004 im Alter von 60 Jahren starb.