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Big Mama Thornton, Hound Dog, 1953

Text/Musik/ Jerry Leiber, Mike Stoller

Produzent/ Johnny Otis

Label/ Peacock

Big Mama Thornton starb 1984 im Alter von 57 Jahren an Herz- und Leberversagen. Die Ursache dafür wahrscheinlich jahrelanger Alkoholmissbrauch, der die einst 350 Pfund schwere „Big Mama“ Thornton auf 95 Pfund hatte abmagern lassen. Ein unrühmliches Ende für eine so einflussreiche Rock’n’Roll-Pionierin. Thornton hatte seit den 40er Jahren in verschiedenen Rhythm&Blues-Bands gesungen, Mundharmonika und Schlagzeug gespielt. Sie war mit Muddy Waters, B.B. King und Eddie „Cleanhead“ Vinson aufgetreten und hatte „Ball and Chain“ komponiert, das in den 60er Jahren von Janis Joplin neu eingespielt wurde. Ausserdem hatte sie eine der erfolgreichsten Platten in der Geschichte des Rock’n’Roll aufgenommen: „Hound Dog“.

„Hound Dog“ war Big Mamas einziger grosser Hit, einzig für sie von dem Songschreiber-/Produzenten-Team Jerry Leiber und Mike Stoller geschrieben. Der Song erreichte Platz 1 der Rhythm&Blues-Charts. Obwohl die R&B-Charts angeblich den Musikgeschmack des schwarzen Publikums widerspiegelten, zog der R&B zunehmend auch das weisse Publikum an. Zweifellos wurde „Hound Dog“ bei den weissen R&B-Fans nicht zuletzt deshalb so populär, weil der Titel sieben Wochen an der Spitze der R&B-Charts stand. Doch Thorntons Erfolg mit „Hound Dog“ sollte 1956 von Elvis Presleys Cover-Version in den Schatten gestellt werden.

Es war ein vertrautes Schema, dass die Karriere von vielen schwarzen Künstler zerstörte. Nachdem sich die weissen Musiker immer weiter von den schwarzen Wurzeln des R&B entfernt hatten und ihn schliesslich Rock’n’Roll tauften, trug die Arbeit der Urheber dieses Sounds bald kaum noch Früchte. Big Mama war eine derjenigen, die in dieser Übergangsphase untergingen. Als ihr Ruhm verblasst war, warf ihre Plattenfirma sie 1957 hinaus. Obwohl sie für den Rest ihres Lebens tourte und Platten aufnahm, wiederholte sich nie mehr der Erfolg von „Hound Dog“. Noch dazu zahlte sich ihr grösster Hit nicht einmal finanziell aus – Thornton sagte später, sie habe nur einen einzigen Scheck über 500 Dollar erhalten, obwohl von „Hound Dog“ insgesamt mehr als zwei Millionen Platten verkauft wurden.

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Big Mama Thornton, Ball N’ Chain, 1968

Label/ Arhoolie Records

Willie Mae „Big Mama“ Thornton (1926 bis 1984) war die wohl bedeutendste Bluessängerin, die nie den Titel „Queen of the Blues“ trug, weil sie so gar nichts weiblich-majestätisches an sich hatte. Aber auf der Bühne und im Studio hat „Big Mama“ Thornton die Blueswelt entscheidend geprägt – weit über ihre berühmten Titel „Hound Dog“ und „Ball And Chain“ hinaus.

„Big Mama Thornton“ war die Vokalistin, die auf Augenhöhe mit den wichtigsten Bluesmen der 1950er bis 1970er Jahren konkurrieren konnte, und die daher in einem Atemzug mit „T-Bone“ Walker, Willie Dixon, B.B. King oder Muddy Waters zu nennen ist, wenn es um die Ausformung der Kunstform nach dem Zweiten Weltkrieg geht. „Big Mama“ Thornton hat der Welt gezeigt, dass Bluesmen auch Frauen sein können. Im nationalen Circuit der Bluesfestivals war ihr Auftritt der Höhepunkt, und nach ihr aufzutreten wäre auch für Muddy Waters eine undankbare Aufgabe gewesen. Aufgewachsen in einfachsten Verhältnissen in Alabama und mit rudimentären Schrift- und Lesekenntnissen ausgestattet konnte sich „Big Mama“ eigentlich nur auf sich selbst verlassen, was möglicherweise mit dafür verantwortlich war, dass sie stets als Solokünstlerin, nie als Bandleader in Erscheinung trat. Längerfristige Zusammenarbeit wie mit George „Harmonica“ Smith oder Edward Wilson „Bee“ Houston waren immer nur vorübergehende Arrangements. Thornton war eine starke Frau, aber sie war keine Führungspersönlichkeit, um es mal in diesem Jargon auszudrücken.

Musikalisch, das heisst gesanglich über jeden Zweifel erhaben, stand Thornton auch als Schlagzeugerin und vor allem Mundharmonika-Spielerin „ihren Mann“. Was sie hinderte, war ihr Pech im Umgang mit anderen. Johnny Ace, der Thornton gross herausbrachte, wurde ein Opfer seiner eigenen Dummheit und starb vor seiner Zeit, in der Wahl ihres Managements erwiesen sich Thorntons Instinkte als nachteilig. Dass sie beim Moment des unglücklichen Todes von Ace in dessen unmittelbarer Nähe war, ist ein weiterer Bestandteil ihres lebenslangen „Blues“. Gegen Ende ihres Lebens und ihrer Karriere zeigten sich die Probleme als übermächtig, ein Übermass an Alkohol und eine Krebserkrankung brachten Auszehrung und vorzeitigen Tod 1984 im Alter von noch nicht einmal 58 Jahren.