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Wes Montgomery, So Much Guitar, 1961

Produzent/ Orrin Keepnews

Label/ Riverside-Records

John Lesley „Wes“ Montgomery war ein Autodidakt, der wie viele grosse Jazzmusiker gegen alle gängigen Regeln sein Instrument gleichsam neu erfand. Heute wird der Mann mit seiner Gibson L-5 zu den grössten nach Django Reinhardt und Charlie Christian gezählt. Wie sie erfand er einen persönlichen Stil, an den ihn nicht nur die Eingeweihten sofort erkennen.

Die Art und Weise wie Wes Montgomery beispielsweise den legendären „Twisted Blues“ auf seiner Gitarre spielt, zeigt diesen Stil sehr gut. Nichts, gar nichts an diesem Mann wirkt verkrampft. Sein Wesen versprüht Musik, die Finger gehorchen auf eigenwilligste Weise der untastbaren Autorität seines vor Schöpferwillen strotzenden Geistes. Wer diese Beschreibung als aufgeblasene Wortspielerei empfindet, muss ich höflich zurechtweisen. Wen hier von Montgomerys „eigenwilligen“ Fingern die Rede ist, so hat das gute Gründe: Wie er mit seiner rechten Hand spielt, nur mit diesem verrückt auf und ab flatternden Daumen, das trifft jeden ernsthaften Jazzgitarren-Professor wie ein gemeiner Faustschlag. So spielt man nicht!

In der Tat, so spielt man nicht – so spielte Wes Mongomery! Weil er sich das Gitarrenspiel selbst beibrachte. Obwohl ihn seine Reise sehr weit vom traditionellen Blues forttrug, blieb seine unkonventionelle Technik stets mit diesem archaischen Element verbunden. Doch das betrifft nur die rechte Hand. Auch John Lee Hookers Daumen flatterte ähnlich verrückt, wurde aber immerhin noch ergänzt durch gelegentliche Zeigefinger-Anschläge. Ansonsten ist John Lees Musik ein wildgewachsener kleiner Löwenzahn im Vergleich zu Montgomerys kunstvoll gehegter Bonsoi-Pracht. Der Urmensch namens Hooker verkörpert den natürlichen Rohstoff Blues, während Wes Mongomery der lebendige Beweis dafür ist, wie aus diesem Rohstoff ein ungemein kunstvoll geschmiedetes, brillant glitzerndes Gebilde werden konnte.

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Wes Montgomery, The Incredible Jazz Guitar of Wes Montgomery, 1960

Produzent/ Orrin Keepnews

Label/ Riverside Records

Mit dem ersten Album für Riverside („The Wes Montgomery Trio“) hatte Wes Montgomery erstmals bei einem grösseren Publikum für Aufmerksamkeit gesorgt. Doch den eigentlichen Durchbruch als neue, innovative Stimme im Jazz erzielte er erst mit dieser Aufnahme. „The Incredible Jazz Guitar Of …“ ist ein Meilenstein, sowohl für Wes als auch für sein Instrument.

Anders als auf dem Vorgängeralbum spielt Wes hier nicht mit Musikern aus Indianapolis, sondern mit einigen Top-Musiker New Yorks. Pianist Tommy Flanagan und die Heath-Brüder in der Rhythmusgruppe gehören zum Besten, was die Jazz-Metropole zu bieten hat.

Mit „Four On Six“ und dem „West Coast Blues“ enthält das Album zwei Eigenkompositionen, die zum Kernrepertoire von Wes Montgomery gehören. Besonders „West Coast Blues“ ist ein Hit seiner Zeit und wird von vielen anderen Jazzern wie Sonny Rollins oder Cannonball Adderley interpretiert. Aus heutiger Sicht wesentlich moderner wirkt „Four On Six“, zweifellos ein Standard für jeden Jazzgitarristen.

Ein weiteres Meisterstück der Jazzgitarre ist auch „Gone With The Wind“. Der Kritiker John Duarte formuliert es so: „Six and a quarter miraculous minutes of non-stop guitar. The flow of invention never stops, the taste ist impeccable and, when all is done, the technical command takes your breath away.“

Letztendlich bewegen sich alle Stücke dieses Album auf einem „unbeschreiblichen“ gitarristischen Niveau. Ohne Zweifel gehört „The Incredible Jazz Guitar Of …“ zu den drei besten Wes-Montgomery-Alben und zu den wichtigsten und einflussreichsten Gitarren-Aufnahmen im Jazz.