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Brian Eno 1974 in Luzern an einer Ausstellung über Travestie. Eno hatte eben Roxy Music verlassen und sein erstes Solo Album „Here Come The Warm Jets“ veröffentlicht.

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Brian Eno, Here Come The Warm Jets, 1973

Produzent/ Brian Eno

Label/ Editions EG

Dass Brian Eno mal bei Roxy Music war, ist auf seinem Debütalbum klar erkennbar und damit auch welchen Einfluss er auf den Roxy-Sound hatte. Spätere Forschungen in Richtung Ambient sucht man vergeblich, denn erstmal erforscht Eno noch die Möglichkeiten des Pop und erweitert dessen Grenzen damit ganz erheblich. Pop ist das alles noch irgendwie, es klingt bekannt aber seltsam anders. Da gibt es mal harsche Brüche wo man nicht damit rechnet („Dead Finks Don’t Talk“). Da wird die Bridge eines Songs mal auf drei Minuten ausgedehnt mit einem unglaublichen Solo von Robert Fripp („Baby’s on Fire“). An allen Ecken und Enden treffen bekannte Strukturen auf neue. Die Synthies klingen anders, an dem Klang fast jeden Instruments hat er seine „Treatments“ gemacht. Mal mittendrin, mal über allem Enos wirklich wiedererkennbare Stimme. Dass diese Platte so 1973 erschienen ist, mag man gar nicht glauben. Der Zahn der Zeit konnte hier nicht viel anrichten. Nicht nur musikalisch auch wegen der teilweise sehr kryptischen Texte eine Platte mit Langzeitwirkung.

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Brian Eno And David Byrne, My Life In The Bush Of Ghosts, 1981

Produzent/ Brian Eno, David Byrne

Label/ Sire

Inspiriert wurde „My Life In The Bush Of Ghosts“ von Holger Czukays „Movies“ (1979). Nur wenige kennen diese Sounds – Ähnlichkeiten gibt es mit Peter Gabriel drittem Album oder bei den Talking Heads. Tatsächlich war das Album als Vorläufer von „Remain In Light“ geplant, doch rechtliche Probleme führten dazu, dass man abbrach und neu begann.

Rhythmen aus aller Welt, Funk und Elektronik wurden gekrönt mit gesampelten Sängern, Radioschnipseln und Predigern – berüchtigt ist der Exorzist in „The Jezebel Spirit“. „America Is Waiting“ und „Regimen“ sind Stücke, die „normalem“ Rock am nächsten kommen. Der Rest ist finster („Mea Culpa“), gespenstisch („Moonlight In Glory“), verwandt mit „Seen And Not Seen“ auf „Remain In Light“ oder einfach wunderschön.

Das Stück „Qu’ran“ wurde später auf einigen Editionen durch die B-Seite der „Jezebel“-Single („Very , Very Hungry“) ersetzt, um islamische Einwände zu vermeiden. Aber „Bush Of Ghosts“ ist gleichzeitig Zeugnis von Byrnes und Enos Voraussicht (Hip-Hop-Sampling und westliche Öffnung für World Music waren noch Jahre entfernt) und davon, wie ausserordentlich Musik sein kann, wenn sie gegen alle Regeln verstösst.

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Brian Eno & John Cale, Wrong Way Up, 1990

Produzenten/ Brian Eno, John Cale

Label/ Opal/ Warner Bros.

Nachdem John Cale 1989 sein morbides Orchesterwerk „Songs For The Dying“ veröffentlicht hatte, verfasste er mit seinem früheren Velvet-Underground-Partner Lou Reed „Songs For Drella“ (1990), einen musikalischen Nachruf auf Andy Warhol. Nach der Trauerarbeit ging er mit Brian Eno ins Studio. Das Ergebnis war „Wrong Way Up“. Ein Popalbum, auf dem sich die beiden paritätisch das Mikrofon teilen: Jeder singt fünf Stücke. Wobei Eno, der mit „Lay My Love“ und „One Word“ eröffnet, die fröhlicheren beisteuert: Flirrende Gitarren begleiten leichtfüssige Rhythmen, die von Samples perforiert werden und so einen originären Groove erzeugen, über dem Enos heller Gesang ertönt.

Ein Blick ins Booklet veranschaulicht die Arbeitsweise: Hier wurde liebevoll und atmosphärisch konstruiert. Begriffe wie „Rhythm Bed“, „Dark Guitar“ oder „Pulse Organ“ tauchen darin auf und verdeutlichen den Versuch, eine technoid-organische Mitte zu finden, eine neue Klangästhetik zu entwickeln. Eine Parallelität zu „My Life In The Bush Of Ghosts“ aus 1981, als Eno mit David Byrne von den Talking Heads einen urbanen Funk mit Vokal-Samples von Radiopredigern, Exorzisten oder einer libanesischen Bergsängerin anreicherte.

John Cale steuert auf „Wrong Way Up“ als Einstand das zurückhaltende „In The Backroom“ bei und zieht erst bei „Footsteps“ erstmals das Tempo an. Mit dem euphorischen „Been There Done That“ erreicht er schliesslich lichte Höhen und legt mit „Crime In The Desert“ sogar einen lebensfrohen Boogie nach. Eno gelingt mit „Spinning Away“, einer ätherisch-sehnsuchtsvollen Clubnummer, sogar ein kleiner Hit. Neben der hörbar befruchtenden Kooperation der beiden, die sich auf Cales 1974er-Album „Fear“ erstmals manifestierte, überzeugt hier neben den Einzelleistungen die einfühlsame Chronologie, die im Gesamtbild ein Meisterwerk ergibt.