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John Mellencamp, No Better Than This, 2010

Produzent/ T Bone Burnett

Label/ Rounder Records

Wenn jemand so produzieren kann, dass sich auch jüngere Sänger anhören wie lebensweise Greise, dann T Bone Burnett. John Mellencamp wurde mit 30 Grossvater, und als er 42 war, erlitt er seinen ersten Herzinfarkt. Sein Leben lang hat Mellencamp darum gebettelt und gesungen, wie Bob Dylan und Bruce Springsteen anerkannt zu werden, als erfahrene, dunkle Stimme aus den Urgründen Amerikas. Als er 58 Jahre alt war, hat T Bone Burnett, der Produzent, seinen Wunsch erfüllt.

Bei dem Album „No Better Than This“ wurde auf sämtlichen „neumodischen Schnickschnack“ aus einem halben Jahrhundert Aufnahmetechnik verzichtet. Mellencamp wandelt hier auf den Spuren von Howlin‘ Wolf, dem jungen Elvis Presley und Robert Johnson. Die Aufnahmen mit der excellent besetzten Begleitcombo u.a. mit Mac Ribot (Gitarre/ Banjo), David Roe (Bass), Jay Bellerose (Drums/ Percussion) und Miriam Sturm (Violine) entstanden an mehreren Aufnahmeorten mit Originaltechnik. So spielten sie beispielsweise in den legendären Sun-Studios in Memphis, oder im Zimmer 404 des Gunter Hotel in San Antonio, wo Robert Johnson im November 1936 u.a. sein legendäres „Dust My Broom“ aufnahm.

Mellencamp’s einzigartiges Experiment möchte ich als geglückt bezeichnen. Die Stücke bewegen sich zwischen Folk, Blues, Pre-Rock’n’Roll und Country. Sicher mag der Sound manchen erstmal irritieren, wer sich allerdings auf die Scheibe einlässt, wird wunderschöne Songperlen entdecken, vorgetragen mit viel Soul in der rauen Stimme. Wie eine Botschaft aus längst vergangener Zeit. Der schönste Song auf dem Album ist für mich persönlich „Save Some Time To Dream“: „Try to keep your mind open/ And accept your mistakes/ Save some time for living/ And always question your faith/ Could it be that this is all there is?/ Could it be that there is nothing more at all?/ Save some time to dream/ Cause your dream might save us all“.

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John Mellencamp, The Lonesome Jubilee, 1987

Produzent/ John Mellencamp, Don Gehman

Label/ Mercury

John Mellencamp wurde 1951 in Seymour, Indiana geboren. Er hatte eine schwierige Kindheit und Jugend. Mit 17 Jahren wurde er zum ersten Mal Vater. Mit  24 Jahren ging er nach New York, um Musiker zu werden. 1976 erschien sein erstes Album „Chestnut Street Incident“, das etwa zur Hälfte aus Coversongs bestand. Weil das Album floppte, veröffentlichte MCA ein zweites, bereits fertig eingespieltes Album nicht.

Mit neuer Plattenfirma erschien 1979 das Album „John Cougar“, das ihm einen ersten, kleineren Erfolg brachte. 1982 gelang ihm dann mit dem Album „American Fool“ der Durchbruch. Die Singles „Jack & Diane“ und „Hurts So Good“ machten ihn in den USA über Nacht zum Star. 1983 veröffentlichte er unter dem Namen John Cougar Mellencamp „Uh-Huh“ ein weiteres Rockalbum. Ab 1985 begann sich John Mellencamp schrittweise zum Folkmusiker zu entwickeln, der die Probleme der amerikanischen Land- und Kleinstadtbevölkerung thematisiert. Zusammen mit Willie Nelson organisierte er Farm Aid, eine seither jährlich stattfindende Benefizveranstaltung für die amerikanischen Farmer.

1987 präsentierte er mit „The Lonesome Jubilee“dann ein Album auf dem er endgültig seinen eigenen Stil gefunden hatte. Die zehn Songs über Underdogs, zerbrochene Träume und wehmütige Erinnerungen gewandete er hier in ein Klangbild, das durch die Instrumentierung (Akkordeon, Fidel, Mundharmonika, Banjo und viel Akkustikgitarren) zwar sehr folk und country-mässig daherkommt, das aber dennoch sehr rockt und streckenweise auch funkige Rhythmen integriert. Letzteres passt dann auch zu dem trotzigen und wütenden Unterton von Songs wie „Paper In Fire“ oder „Down And Out In Paradise“.

„The Lonesome Jubilee“ hört sich auch heute noch zeitlos und sogar aktuell an. Der furiose Opener „Paper In Fire“ bescherte Mellencamp einen grossen Hit, aber auch das  melancholische „Cherry Bomb“, „Check It Out“, “ The Real Life und „Hard Times For An Honest Man“ sind Lieder die es verdient hätten gross rauszukommen.

So hemdsärmelig und ehrlich, ohne je gross pathetisch oder anbiedernd zu wirken, klingen diese Stücke und machen „The Lonesome Jubilee“ zusammen mit seinem zeitlosen Sound nicht nur zu einem sympathischen, sondern auch zum besten Album von John Mellencamps Diskographie. Hört man immer wieder gern, vor allem weil man Füller hier vergeblich sucht.