Ian Dury, Sex & Drugs & Rock & Roll, 1977

Text/Musik/ Ian Dury, Chaz Jankel

Produzent/ Nobody

Label/ Stiff Records

Sex, Drugs & Rock’n’Roll. In dieser heiligen Trias werden der Hedonismus und das wilde Leben, die man mit der Rockmusik verbindet, gerne zusammengefasst. Der englische Songwriter, Pub-Rocker und für die Entstehung des Punk sehr wichtige Ian Dury hat diesen Slogan in einem Song unvergänglich gemacht: „Sex and drugs and rock and roll/ Is all my brain and body need/ Sex and drugs and rock and roll/ Are very good indeed.“

Natürlich schwingt in dieser banalen Botschaft Ironie mit, aber es ging Ian Dury tatsächlich darum einen alternativen Lebensstil zu propagieren: Es gibt mehr als das langweilige, einschränkende Leben der Eltern. Und um all die Komplexe und Hemmungen zu überwinden und aus den autoritären gesellschaftlichen Strukturen auszubrechen, sind Drogen genau das richtige Mittel. Es ist sicher kein Zufall, dass der Name Rock’n’Roll bereits in den 50er Jahren in erster Linie ein Slangausdruck für Sex war.

Heute ist der Begriff „Rock’n’Roll“ längst im Rentenalter. Auch der Sex ist nach dem Aufkommen von Aids in den 80er Jahren nicht mehr ganz so frei, und Drogen helfen auf Dauer weder der Produktivität noch der Kreativität. Doch der Klassiker „Sex & Drugs & Rock’n’Roll“ von Ian Dury mit seiner unverwechselbaren Stimme im breiten Cockney-Akzent gesungen, hat nichts von seinem trockenem Charme verloren.

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Ian Dury And The Blockheads, Hit Me With Your Rhythm Stick, 1978

Text/Musik/ Ian Dury, Chaz Jankel

Produzent/ Laurie Latham

Label/ Stiff

Es hatte immer etwas Frivoles, wenn Ian Dury leicht hinkend, auf einem Stock gestützt, die Bühne betrat und diesen Song in seiner ganzen Zweideutigkeit intonierte: „Hit me with your rhythm stick, hit me, hit me.“ Wuchtig donnerte er dabei mit seinem Stock auf den Boden, gab voller sexueller Lebenslust den Blockheads, wie er seine Band genannt hat, den Takt vor: „Hit me, hit me“.

„In the deserts of Sudan/ And the gardens of Japan/ From Milan to Yucatan“: Geht es nach Ian Dury,  ist jeder Ort der Erde geeignet, um sich zu lieben. Einzige Voraussetzung: „Je t’adore, ich liebe dich.“ Vorgetragen mit dem ihm eigenen derben Cockney-Dialekt, bewegt er sich textlich in knapp vier Minuten um die Welt: „In the wilds of Borneo/ And the vineyards of Bordeaux/ Eskimo, Arapaho/ Move their body to and fro.“

Fröhlich im Ton und wüst im Rhythmus feiert Durys Song den Spass an der körperlichen Liebe als ein Fest der Sinnlichkeit – wofür Dury ganz persönliche Gründe hat: Er ist mit sieben Jahren schwer an Kinderlähmung erkrankt. Zwei Jahre verbrachte er im Krankenhaus. Später studierte er Kunst und unterrichtete am Canterbury Art College Malerei. An den Folgen der Krankheit litt der im März 2000 verstorbene Dury sein Leben lang – er blieb behindert. Klein von Wuchs, nicht mit Schönheit gesegnet oder gestraft und sich selbst, wenn auch oft kokettierend, als Krüppel sehend, artikulierte Ian Dury mit diesem Song seine tiefste Sehnsucht: dass auch ein körperlich nicht perfekter Mensch Anspruch auf ein sexuell erfülltes Leben hat. Die meisten Fans verstanden „Hit Me With your Rhythm Stick“ allerdings als Aufforderung zu einem libidinösen und hedonistischen Leben – und verhalfen Dury so zu einem Nummer-eins-Hit.

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Ian Dury & The Blockheads, Sweet Gene Vincent, 1977

Text/Musik/ Ian Dury, Chas Jankel

Produzenten/ P. Jenner, L. Latham, R. Walton

Label/ Stiff

Ian Dury beschreibt seine Einflüsse als „die Labels Stax und Motown, Max Miller und viel Fernsehen“, aber häufig diente ihm Gene Vincent als Inspiration. Es war nach Vincents Tod 1971, dass Dury seine erste Band gründete, Kilburn & The High Roads, und neben der Musik prägte ihn auch die elegante Bühnenerscheinung seines Idols ( vorallem dessen schwarze Lederhandschuhe). Dury, der selbst aufgrund von Kinderlähmung gehbehindert war, beteuerte, dass ihn zuerst Genes Stimme und Gesangsstil fasziniert hätten und er erst später dessen Beinschiene bemerkte.

Dury Hommage „Sweet Gene Vincent“ erschien auf seinem ersten Soloalbum „New Boots und Panties!!“ und war die einzige Single-Auskoppelung. Durys Text ist verspielt und lebendig, mit raffinierten Querverweisen auf Vincent-Songs wie „Blue Jean Bop“, „Who Slapped John?“ und „Be-Bop-A-Lula“. Co-Autor Chas Jankel erzählte, dass die Aufführung des ersten Textentwurfs – dank Durys ausgiebiger Recherche über Vincent – mehr als 15 Minuten lang gewesen wäre. Der Text ist vollgestopft mit Wortspielereien und Anspielungen auf Essex und Ostlondon, alles in breitem „Estuary English“, das kaum jemand verstand, die Amerikaner erst recht nicht, weswegen das Album samt „Sweet Gene Vincent“ ein sehr englischer Erfolg blieben.