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Otis Rush, The Classic Cobra Recordings 1956 – 1958

Produzent/ Cobra Records

Label/ Flyright Records

Otis Rush mit seiner feurigen, aber dennoch spärlichen Gitarre und seinem emotionsgeladenen Gesang war über Jahrzehnte eine stete Grösse im Blues. Im Studio des Kleinlabels Cobra Records, dessen Chef eigentlich einen Fernsehreparaturladen nebst Plattenabteilung betrieb, rockte er von 1956 bis 1958 Klassiker um Klassiker in die Mikrofone: „I Can’t Quit You, Baby“, „Groaning The Blues“, „Double Trouble“.  Jeder ernsthafte E-Gitarrist der vergangenen Jahrzehnte hat in der Folge Songs von Otis Rush gecovert, Jimi Hendrix, Eric Clapton, Jeff Beck, Jimmy Page, Duane Allman – die Liste ist endlos. Dass Rush bei einem etwas grösseren Publikum viel unbekannter blieb als B. B. King oder Buddy Guy, hat mit vielem zu tun, mit Pech, Krankheit und den Brutalitäten eines gnadenlosen Musikmarktes.

Als Cobra Records 1959 bankrott gingen, war Otis Rush auch seinen Vertrag los. 1960 nahm Chess Records Rush unter Vertrag, aber in den zwei Jahren, die er dort spielte, wurde nur eine Single veröffentlicht, sein klagendes „So Many Roads, So Many Trains“. Dasselbe geschah danach bei Duke Records, wo er von 1962 bis 1965 unter Vertrag stand. Sein Output: die einzelne Single „Homework“.

Der Linkshänder Rush lebte deshalb vorallem von und für seine Live-Auftritte. Er war stets ein fesselnder Performer, dessen Stimme mir persönlich nicht so sehr zusagte, aber sein emotionaler Gesang ging dennoch direkt unter die Haut. Wie auch sein Gitarrenspiel, das von grosser Transparenz geprägt war. Seine Soli sind in typischer West-Side-Manier emotionsgeladene Tonfolgen, die weniger durch Geschwindigkeit beeindrucken als durch Intensität und Präzision. Er war stilprägend für die West Side Szene des Chicagoer Blues, wo junge Männer wie Buddy Guy, Luther Allison, Junior Wells, Earl Hooker oder Magic Sam ihren Sound auslebten, und sich von den eher altbackenen South Side Bluesmen wie Muddy Waters oder Howlin’ Wolf abhoben.

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Otis Rush, Right Place, Wrong Time, 1976

Produzent/ Nick Gravenites, Otis Rush

Label/ Bullfrog Records

1971 nahm Otis Rush in den Capitol-Studios die Titel von „Right Place, Wrong Time“ auf. Es ist bis heute eines der frischesten und packendsten Alben in seiner Blues-Diskografie. Capitol, berüchtigt wegen gelegentlicher Fehlurteile enormen Ausmasses, muss wohl der Meinung gewesen sein, das sei alles nicht der Rede wert und steckte es kurzerhand ins Archiv. 1976 hatte Rush soviel angespart, das er die Mastertapes freikaufen und anderswo veröffentlichen konnte. Für den grossen Erfolg am Mainstream-Markt war es da allerdings schon zu spät.

Otis Rush war in seinen besten Zeiten einer der einflussreichsten Gitarristen des „West-Side-Chicago-Blues“, und gemessen daran ist sein Bekanntheitsgrad beschämend niedrig. Rush hatte ausser den üblichen rassenbedingten Schikanen in seiner Jugend auch handfeste familiäre Misshandlungen durchzustehen und zu bewältigen. Seinen Songs fehlt aber die Larmoyanz, die man dem Blues schon mal ankreiden möchte; er war immer ein eher zorniger Mann, der auch über einige renommierte Kollegen eine eher dezidierte Meinung hatte, über das Geschäftsgebaren der Plattenlabels sowieso.

„Right Place, Wrong Time“ gehört in die Reihe der schönsten Aufnahmen des elektrischen Chicago-Blues um 1970. Vielleicht fehlt die ganz grosse Virtuosität eines Buddy Guy, trotzdem ist das Gitarrenspiel ein Erlebnis, es hat durch Rush’s typische „bended strings“ eine unverkennbare und sehr individuelle Note.