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Pere Ubu, Carnival Of Souls, 2014

Produzent/ David Thomas

Label/ Fire Records

Unvergesslich der Moment, als ich irgendwann im Frühling 1978 zum ersten Mal „Modern Dance“ auflegte. Der Punk-Drive war unverkennbar, der Sound von zerdepperten Flaschen passte da auch irgendwie hinein, aber der Gesang von David Thomas, der sich einen Deut um die Konventionen feiner Melodieführung oder gar Johnny-Rotten-mässiges Geschrei kümmerte, war schon ziemlich aussergewöhnlich. Dem allgemeinen Pop- oder Punkpublikum verlangten Pere Ubu ein bisschen zu allzuviel Gewöhnungsbereitschaft ab. Auch ihre Kompromissjahre in den 80er warfen mit immer noch bemerkenswerten Alben keine grösseren Hits ab. Und mit ihrem achtzehnten Album „Carnival Of Souls“ zeigt sich Pere Ubu nicht weniger abenteuerlustig, als in ihren früheren Tagen. Das ist schon eine gehörige Leistung: 36 Jahre konsequenter Mut zur Innovation.

Die Lieder von „Carnival Of Souls“ stammen von einem Projekt aus dem Jahr 2013, als die Band den gleichnamigen Film live in einem Londoner Kino begleitete. Die Songs wurden dann im Verlauf einer Tournee improvisiert. Zu den altbekannten, dissonant fiependen Analog-Synthies und David Thomas‘ grausig-schönem Gesang gesellen sich diesmal eine Reihe von Holzblasinstrumenten.

Der Karneval der Seelen beginnt mit dem unwiderstehlich düster rockenden „Golden Surf II“. In der Folge erlebt der Hörer ein Wechselbad der Emotionen – mal laut, mal leise bewegt sich das Album zwischen zwei Welten, die sich auf halbem Weg zwischen Hitchcock und „Eraserhead“ die Hand reichen. „Carnival Of Souls“ ist ohne Zweifel eines der facettenreichsten Pere-Ubu-Alben überhaupt. Nie käme man auf die Idee, die da und dort an Krimisounds erinnernden Klänge oder gar die altmodischen Synthies als Gimmick aufzufassen. Dazu ist die Intensität dieser einzigartigen Musik viel zu beängstigend düster und erhebend schön.

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Pere Ubu, Cloudland, 1989

Produzent/ Paul Hamann, Stephen Hague, Daniel Miller

Label/ Fontana

Natürlich ist „Cloudland“ die Ausverkaufs-Platte von Pere Ubu. Doch diese Band wusste damals bereits genau, was ihr Sound ist, welche grundsätzlichen, melodischen Möglichkeiten ihr offenstehen, welche Klänge verboten sind, so dass sie ohne Verluste ein Mainstream-Album machen konnten.

„Breathe“ basiert eindeutig auf „Every Breath You Take“ von Police. Eine solche Eingängigkeit wie auf diesem Album haben Pere-Ubu-Songs seit den „Modern Dance“-Singles nicht mehr gehabt. Konsequenterweise ist hier auch eine Ausgrabung aus jener Zeit ins Mega-Hit-Arrangement gesteckt worden: „Love, Love, Love“, ein Song der auch als 12inch Maxi als dancemässiger Club-Hit ausgekoppelt wurde. Dennoch fehlt in „Cloudland“ zwischen all dieser Mainstream-Harmonik nicht das vertraute Pere-Ubu-Element.

Auch David Thomas darf so singen wie immer und alle seine Lieblingsthemen und bis zum hundersten Mal „Sloop John B.“ einbringen. Mitten in einer Top-Ten Single, hört man dann das Gefiepe von Analog-Synthesizern, das eher in eine Horror-Stummfilm-Rekonstruktion-Soundsynchronisation aus den 70er Jahren passen würde. David Thomas erklärte später, sie hätten „Cloudland“ auf Anregung ihrer Plattenfirma gemacht. „Früher hat uns nie jemand gebeten eine solches Album zu machen. Aber jetzt, wo wir wissen, aus welchen Farben ein Pere-Ubu-Album prinzipiell bestehen kann, haben wir uns in diesen Farben auch einmal mit Landschaftsmalerei beschäftigt“.

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Pere Ubu, Street Waves, 1976

Text/Musik/ Pere Ubu

Produzent/ Pere Ubu

Label/ Hearthan

Irgendwann 1975 begann in Cleveland, Ohio, eine neue Zeitrechnung. Die Musik der eben gegründeten Band um den Sänger David Thomas hatte ihre Vorbilder weit hinter sich gelassen. Stooges? Velvet Underground? Hawkwind? Spurenelemente vielleicht. Pere Ubus Single „Street Waves“ war ein Drei-Minuten-Sturm, wie es noch keinen gegeben hatte. Der Beginn der New Wave.

Harte, präzise Gitarrenriffs, ein rollendes Schlagzeug, ein tief brummender Bass und das windige Zischen eines analogen Synthesizers bilden den Boden, von dem sich David Thomas’ einzigartige Stimme abhebt: Hoch-emotional, volltönend, warm und vibrierend, zwischen Aggression und Gewimmer chargierend, treibt sie den Song voran. Der dann plötzlich in der Mitte zusammensackt. Finger rutschen über Gitarrensaiten, das Windgeheule fegt ein paar schwebende Sekunden lang durch verlassene Strassen, bevor das erhabene Gelärme der Band erneut einsetzt, beängstigend und kraftvoll. „I see electricity jump and spark/ I see electricity uh real and stark“, singt Thomas, ruft es gegen den Sturm. „I ride a street wave right by her side/ And I can hear the city comin’ around/ The things I say hit the air and seem to fall apart.“

Es ist ein heisser Wind aus der Zukunft, der uns da ins Gesicht bläst, frisch und aufregend und neu wie vor mehr als 40 Jahren. Die Bilder einer verfallenen Industrielandschaft drängen sich auf, einer immer sowohl bedrohten wie bedrohlichen Urbanität. Es gab noch keine Laptops, wohl aber Maschinen und den Wunsch, sie zu beherrschen, statt von ihnen beherrscht zu werden. Die Welle, die Pere Ubu reiten, braut sich in den Strassenschluchten zusammen, sie ist eine Naturgewalt des Industriezeitalters, und lustvoll schaudernd springen die jungen Surfer auf. Elektrizität! Funken! Grossstadtnoise!

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Pere Ubu, Non-Alignment Pact, 1978

Text/Musik/ Pere Ubu

Produzenten/ Ken Hamann, Pere Ubu

Label/ Blank

Angeregt durch Alfred Jarrys surrealistisches Theaterstück „Ubu Roi“ gründeten der Musikjournalist David Thomas und sein Kollege Peter Laughner 1975 in Cleveland, Ohio, die Band Pere Ubu. In der vom Niedergang geprägten Stadt entwickelte die relativ isolierte Gruppe eine einzigartige Avantgarde-Mischung aus rauhen Synthesizern, hypnotischen Basslinien und apokalyptischen Geheul.

Nach ein paar Singles, die sie auf ihrem eigenen Label veröffentlichten, brachten Pere Ubu ihre erste LP, „The Modern Dance“, beim Mercury-Ableger Blank heraus. „Non-Alignment Pact“ („Neutralitäts-Pakt“), der Eröffnungstrack dieses kompromisslosen Albums aus Garagenpunk-Possen und Soundcollagen im Stil der „musique concréte“, beginnt mit 30 Sekunden schrillem Synthesizerkreischen und Feedback, bevor sich spannungsgeladener Rockabilly Bahn bricht, mit explosiven Strophen und Refrain zum Mitgrölen. Das Ganze ist von nihilistischen Störungen in Form von Instrumenten durchzogen, die sich zu noch mehr Krach und Heavy-Riffs steigern. „Wir haben populäre Musik gemacht und deswegen Singles veröffentlicht“, betonte David Thomas. „Ob das den Leuten gefiel oder nicht, war nicht unser Problem.“