Bildschirmfoto 2019-04-05 um 08.27.23.png

Nina Simone, Mississippi Goddam, 1964

Text/Musik/ Nina Simone

Produzent/ Hal Mooney

Label/ Philips Records

Als Nina Simone am 15. September 1963 im Radio hört, dass vier schwarze Mädchen in der 16th Street Baptist Church in Birmingham, Alabama von einer Bombe getötet wurden, will sie sich ein Gewehr holen und jemand erschiessen. Ihr Mann hindert sie daran, und sie schreibt sich „Mississippi Goddam“ von der schwarzen Seele. Sieben Jahre begleitet sie die Bürgerrechtsbewegung mit ihrer Musik, sieht zum ersten Mal einen Sinn in ihrer Musik, den sich akzeptieren kann.

Wer „Mississippi Goddam“ hört, wird es zuerst für seine alberne Melodie und seinen hüpfenden Rhythmus hassen, beim zweiten Hören nicht mehr aus den Ohren bekommen und auf den Text achten: „Alabama makes me so upset, Tennessee made me lose my rest…“ Bei den ersten Konzertaufnahmen, 1964, unterbricht sie nach der ersten Strophe und kommentiert trocken: „This is a show tune but the show hasn’t been written for it – yet.“ Eine klassische Formulierung, die in den USA, sieht man von einzelnen Ghettoaufständen ab, nie in Erfüllung ging. „This whole country is full of lies/ You all gonna die and die like flies.“ Und sie beharrt darauf, selbst 2001: „Für die Mehrheit der Schwarzen ist die Lage hoffnungslos. Die Reichen sind zu reich und die Armen zu arm.“

„Die like flies, just like the song said.“ Kein angenehmes Thema für die achtziger und neunziger Jahre, für ein Publikum, das Nina Simone erst mit dem Werbejingle zu „Channel“ zur Kenntnis nahm, mit dem entspannt swingenden „My Baby Just Cares For Me“, ein Lied, das sie schon 1957 für die Plattenfirma Bethlehem einspielte.

nina-simone-aint-got-no-i-got-life-rca-victor.jpg

Nina Simone, Ain’t Got No; I Got Life, 1968

Text/Musik/ G. MacDermont, J. Rado, G. Ragni

Produzent/ Joe René

Label/RCA

Im Jahr 1968 öffnete das Rockmusical „Hair“ seine Pforten am Broadway und im Londoner West End – ein Schlüsselmoment der Hippiebewegung und Gegenkultur der 60er Jahre, mit der Botschaft Frieden und Liebe, Freiheit und Drogen. Es war das Jahr, in dem Martin Luther King Jr. ermordet wurde, im April. Drei Tage später traf Nina Simone im Westbury Music Fair in New York auf und widmete ihr Konzert seinem Gedenken. Eine Aufnahme der Show war das Ausgangsmaterial für ihr Album „Nuff Said!“ Simone erzählte 1991:“Ich wollte unbedingt von den Anführern der Bürgerrechtsbewegung angenommen werden, und als das der Fall war, sang ich ihnen zehn Jahre lang Protestlieder.“

Ebenfalls auf dem Album waren drei Studiotracks, die einen Monat später aufgenommen wurden, darunter ein Medley zweier Songs aus „Hair“, Ain’t Got No“ und „I got Life“. Im Musical wurden diese rockige Protesthymne und ihre lebensfrohe Erwiderung vom „Tribe“ gesungen, Hippies auf der Suche nach einer drogeninduzierten Utopie. Dass so ein Musicalsong auf so ein ernstzunehmendes Album wie „Nuff Said!“ kommt, erscheint zunächst überraschend, aber in Simones Händen nimmt der Ruf nach Freiheit den härteren Ton der Bürgerechtsbewegung an, bewahrt aber gleichzeitig auch die optimistische Stimmung des Originals.

Mit „Ain’t Got No; I Got Life“ wagte Nina Simone den Schritt weg vom Jazz, Gospel und Blues, hin zum Pop. Als der Song als Single herauskam, wurde er ein grosser Hit und erreichte ein viel breiteres, jüngeres Publikum als sie gewohnt war, vorallem in Europa.