Neil Young, My My, Hey Hey (Out Of The Blue), 1979

Text/Musik/ Neil Young

Produzent/ Neil Young

Label/ Reprise

Eine der schönsten Fähigkeiten Neil Youngs war es immer, im Pathetischen genau zu sein, wenn alle nur ein bestimmtes, Scheitern bestätigendes Pathos und Bewegung und grosse Emotionen wahrnahmen und hören wollten, etwas ganz genau zu sagen, dem sich auch die grosse Aufwallung der Gefühle in seiner Gefolgschaft zu unterwerfen hatte. Seine grosse Hymne aus dem Jahr 1979 puncht Neil Young auf dem Album „Rust Never Sleeps“ gleich beidseitig: „My My, Hey Hey (Out Of The Blue) akustisch, und „Hey Hey, My My (Into The Black)“ elektrisch.

Als Neil Young den Song schrieb, war Punk gerade passiert und der Songwriter fühlte sich alt. Youngs Sätze sind explosiv und müde zugleich: „They give you this/ But you pay for that“, und natürlich „It’s better to burn out than to fade away“, der vielzitierte Slogan, den John Lennon hasste und Kurt Cobain in seinen Abschiedsbrief kritzelte. Schwer zu sagen, ob Nachgeborene die Kraft und Autorität des Songs in dieser Intensität spüren.

Dennis Wilson, Pacific Ocean Blue, 1977

Produzent/ Dennis Wilson, Gregg Jakobson

Label/ Caribou Records


„Pacific Ocean Blue“ war das erste Soloalbum eines Beach Boys. Dennis Wilson greift die Komplexität der Teenager-Sinfonien von Brian Wilson auf, entfernt sich aber von deren sonnengetränktem, sinfonischem Sound – seine Songs sind melancholische Balladen zwischen Introversion und Pathos, und die Vokalharmonien unterstreichen den rauen und düsteren Charakter von Musik und Text. Man sitzt zwar am Strand und schaut über den weiten Ozean – der Sommer ist aber vorbei, ein herbstlicher Wind weht, die Strandbuden schliessen, die Surfer packen ihre Bretter ein, und man wird durchdrungen von einem tiefen Gefühl der Einsamkeit.

In „The River“ perlt ein Klavier leicht wie Gischt über eine starke Strömung aus Gospelstimmen, bis Rockgitarren in wuchtigen Wellen darüber hereinbrechen. In „Time“ und „Thoughts of You“ inszeniert sich Dennis Wilson als eine Mischung aus Kind und Lebemann, der sein Leben nicht ohne Reue betrachtet und den Tod vor sich sieht: „All things that live, one day must die“. Der Höhepunkt ist „Dreamer“, das von einem jazzigen Groove und einem an ein Didgeridoo gemahnenden Bass-Harmonika-Loop vorangetrieben wird.

Am Eindrücklichsten und Überraschendsten ist jedoch Dennis Wilsons Stimme. Im Gegensatz zu seinen Brüdern Brian und Carl hatte er nicht eine Engelsstimme. Auf „Pacific Ocean Blue“ klingt seine Stimme, von Alkohol und Drogen gezeichnet, roh, schmerzhaft und einsam. Der endlose Sommer ist vorbei, endgültig.

Led Zeppelin II, 1969

Produzent/ Jimmy Page

Label/ Atlantic Records

Als im Januar 1969 das erste Album der Rockband Led Zeppelin erscheint, ahnt noch niemand etwas vom zukünftigen grossen Erfolg dieser Band. Mit dem Erscheinen des zweiten Albums schafft sie dann den Durchbruch. Das Album, das sinnigerweise den Titel „Led Zeppelin II“ erhält, zählt bis heute zu den erfolgreichsten Alben der Band. Es hat den Stil des ersten Albums, basiert somit auf einer Mischung aus Folk -und Rockmusik. Zeitgleich ist es Vorreiter des späteren Heavy Metal. Andere Musiker lassen sich von seinem Sound inspirieren. Rockbands wie Deep Purple und Van Halen gehören zu den bekanntesten Led-Zeppelin-Anhängern.

Auf „Led Zeppelin II“ gibt es bekannte Stücke wie beispielsweise „Whole Lotta Love“ und „Heartbreaker“. Beide Stücke sind durch ihre einprägsamen Gitarrenriffs gekennzeichnet. „Whole Lotta Love“ ist zudem der einzige Titel des Albums, der je als eine Singleversion erscheint. Das Stück „What Is And What Should Never Be“ diente der Band dazu, ein paar neue Ideen auszuprobieren. Es wird durch eine aussergewöhnliche Bassmelodie gekennzeichnet.

Pete Townshend & Ronnie Lane, Rough Mix, 1977

Produzent/ Glyn Jones

Label/ Polydor

„Rough Mix“ ist ein sehr schönes, ruhiges, warmes Album mit vielen akustischen, volkstümlichen Tönen. Als Duo sind Townshend und Lane nur auf einem Song zu hören („Heart To Hang On To“), der noch am stärksten an Who-Aufnahmen erinnert. Aber auch schon das erste Stück „ My Baby Gives It Away“ wäre mit Daltrey’s Stimme leicht eine Who-Nummer geworden, ebenso wie „ Keep Me Turning“. Ausser beim Titelstück dominieren akustische Instrumente, Mandolinen, Banjos, Harmonika, Akkordeon, Dobro und ein ganzes Streichorchester bei Townshends „Street in The City“.

Townshends Songs sind die komplizierteren auf „Rough Mix“ und mir gefallen die verhältnismässig einfachen und überzeugend von ihm selbst gesungenen Versionen. Dennoch haben mich am meisten die Lieder von Ronnie Lane berührt. Eines davon heisst „April Fool“, hat eine wunderhübsche Melodie und wird von Ronnie in der dünnen knödeinden Stimme gesungen, die an Dylans „Nashville Skyline“ und „New Morning“ erinnert. Far out!

David Lowery, The Palace Guards, 2011

Label/ Blue Rose Records

Produzent/ David Lowery, John Morand, Alan Weatherhead

So richtig oben angekommen ist David Lowery weder mit der Band Camper van Beethoven, noch mit dem Anfang der Neunzigerjahre gegründeten Projekt Cracker. Als Lowery seinerzeit merkte, dass Camper van Beethoven nur ein auf Ironie und Kennerschaft getrimmtes Studentenpublikum erreichen konnte, entwarf er mit Johnny Hickman zusammen ein Konzept, wie zeitgemässe Rockmusik der Neunziger sich anhören sollte. Dieser Reissbrett-Rock entpuppte sich nach anfänglichen Erfolgen aber auch nicht tragfähig genug, um aus Lowery den Tom Petty seiner Generation zu machen.

Dann hat man von dem 1960 von einem amerikanischen Luftwaffe-Offizier und einer englischen Working-Class-Hausfrau geborenen selbstbezogenen, oft bekifften und betrunkenen Alternativ-Rockstar lange nichts mehr gehört – der Mann schien verschwunden zu sein. Doch Lowery hat das Pferd noch einmal aufgezäumt. 2011 erschien sein erstes Solo-Album: „The Palace Guards“ ist ein Wunderwerk der Nicht-Authentizität, eine von Tumbleweeds durchwehte, von Leuchtreklamen bestrahlte Wunschbiographie mit politisch gemeinten Texten wie sie in den USA als links durchgehen. Die Musik dieses Mannes ist tadellos ausgeführt und kommt aus ganzem Herzen. Yee-haw!

Wreckless Eric, England Screaming, 2025

Produzent/ Eric Goulden

Label/ Tapete Records

1985 war Wreckless Eric auf dem Tiefpunkt: Sein Alkoholkonsum und sein notorischer Misserfolg forderten ihren Tribut. Unter dem Namen Captains of Industry nahm er das Album „A Roomful of Monkeys“ auf, mit dem niemand glücklich war. Er bezeichnet es als „insipid, half-arsed affair“. Die Songs aber waren an und für sich gut, und deshalb hat Wreckless Eric das Album unter eigenem Namen und quasi im Alleingang neu eingespielt.

Neuaufnahmen alter Songs und Alben überzeugen in den seltensten Fällen – aber hier herrschen Freude und Begeisterung. Wreckless Eric hat die Qualitäten dieser Songs freigelegt, sie sind ruppig und rau, klangen kraftvoll und direkt, und er bringt die Melodien – ausnahmslos Ohrwürmer – zum Leuchten. Meistens besingt er mit seiner nasalen Stimme die kleinen wichtigen Freuden und Leiden normalsterblicher Menschen – 1985 sezierte er überdies mit Sarkasmus ein sich im Individualismus auflösendes Britannien, was seinen Songs heute eine unvermutete Aktualität gibt. In erster Linie aber gibt es auf England Screaming“ neun zeitlose Popsongs, die – typisch für Wreckless Eric – melancholisch und fröhlich zugleich klingen.

Neko Case, Blacklisted, 2002

Produzent/ Neko Case, Darryl Neudorf, Craig Schumacher

Label/ Anti-Records

Flirrende, geisterhaft leere Highways. Ein Truckstop am Rande von Nirgendwo. Ein einäugiger Hund. Die Zukunftsaussichten so düster verhangen wie der Himmel. „The hammer clicks in place – The world is gonna pay“ heisst es im Opener „Things That Scare Me“, dazu klappert unheilvoll das Banjo.

Die stimmgewaltige Neko Case schwelgt mit „Blacklisted“ zutiefst in dunklen Klängen und Atmosphären. Mit tatkräftiger Unterstützung wie Joey Burns & John Convertino (Calexico), Howie Gelb oder Mary Margret O’Hara, entstanden schimmernde Country-Noir-Soundscapes, die auch in den Albtraumwelten eines David Lynch ihren Platz hätten. Düster, spröde und mysteriös kommen die Songs daher. In deren Adern zudem das Vermächtnis alter Klassiker pulsiert. Selten lagen Schönheit und Unbehagen so nah beieinander.

„Deep Red Bells“ ist mit knapp vier Minuten schon der längste Song des Albums. Was dieser Aufnahme seine Magie verleiht, ist aber weniger undurchsichtige Exzentrik, sondern eine glasklare Stimme, wie sie das 21. Jahrhundert bis dato nicht kannte – mit seiner songdienlichen, musikalischen Untermalung jedenfalls das Highlight des Albums für mich.

Taj Mahal, 1968

Produzent/ Bob Irwin, David Rubinson

Label/ Columbia

Was der junge Taj Mahal auf seinem Debütalbum zusammen mit Ry Cooder und einer vielversprechende Band namens The Rising Sons vergeigt hat, das kann gern als authentischer Blues durchgehen: „Statesboro Blues“, „Dust My Broom“, „Everybody’s Got To Change Sometime“ zeigen einen zeitgemässen Umgang mit Original-Material; vielfach dominiert die Mundharmonika von Mahal, manchmal klingt das Ganze auch ein wenig nach John Mayall. Aber bei den Eigenkompositionen, besonders bei „E.Z. Rider“, kommt die Intensität, mit der Taj Mahal gesanglich die Songs vorträgt, deutlich zutage. Ruhige, teilweise, fast monotone Bass-Läufe und unspektakuläre Drum-Arbeit sorgen für ein solides Rückgrat.

Apropos „E.Z.Rider“: Wer glaubt, dass die Verkürzung der Sprache durch Verwendung lautmalerisch treffender Buchstaben und Zahlen (z.B. ‚4 U‘ für ‚for you‘) erst im Zeitalter von Internet und SMS entstanden ist, wird hier eines Besseren belehrt. „E.Z.“ sind nicht die Initialen eines „Mr. Rider“; vielmehr besingt Taj Mahal den „Easy Rider“, einen im Südstaaten-Slang im doppelten Sinne unmoralischen Mann. Herausragend ist der Schlusssong „The Celebrated Walkin‘ Blues“, eine auf einem Traditional basierende Komposition Taj Mahals. Mit einer Spielzeit von knapp neun Minuten deckt das Stück fast ein Viertel der gesamten Spielzeit der Scheibe ab. Ein wunderschöner langsamer Blues!

Dan Stuart with Twin Tones, Marlowe’s Revenge, 2016

Produzent/ Danny Amis

Label/ Fluff and Gravy Records

Mitte der 90er Jahre hatte er Green on Red den Laufpass gegeben für ein Duoprojekt mit Al Perry, aber dann schien er doch das Soloalbum für die ehrlichste Form der Veröffentlichung zu halten. „Marlowe’s Revenge“ ist Dan Stuarts Aufarbeitung seines Exils in Mexiko zu Beginn dieses Jahrzehnts. Besonders Mexico City spielt hier eine Rolle im selbstreinigenden Rückblick auf eine traumatische Zeit heftigster Exzesse und Versuche der Selbstzerstörung. Hätte man nicht vermutet, wenn Dan Stuart und Green on Red früher leutselig zur nächsten bierseligen Sause aufspielten; wer hat da schon den Texten gelauscht?

Auf „Marlowe’s Revenge“ kann man einen musikalisch gewandelten, aufgeräumten, besonnenen, fast melancholischen Stuart treffen, der so nebenbei auch gleich den trocken-coolen Arizona-Sound in seiner Lässigkeit als heuchlerisch entlarvt. Auf den Entschluss zu überleben reduziert, („ Last Blue Day“, „ So Un Hombre“ oder in „Name Hog“) steckte Dan hier die Nase weit über den Tellerrand der meist nonchalant-rumpelnden Americana-Klänge hinaus.

Creedence Clearwater Revival, Green River, 1969

Produzent/ John Fogerty

Label/ Fantasy

Die Debütplatte von Creedence Clearwater Revival aus dem Jahre 1968 stellte eine Band vor, die Blues und Rock’n’Roll vereinte und einen frischen Sound voller Soul kreierte. Auf „Bayou Country“ kam „Proud Mary“, der erste internationale Megahit. Doch mit ihrem zweiten Album „Green River“ definierten Creedence ihre Vision und ihren Sound – kurz und knapp, sauber und direkt.

Creedence kamen aus der Gegend von San Francisco, spielten aber keine drogeninduzierten, psychedelischen Jams wie so viele Bands der Stadt – und wurden deshalb von Kritik und Publikum, als Retter des amerikanischen Rock’n’Roll gefeiert. „Green River“ beginnt mit dem Titelsong – eine Ode an den magischen Süden in markantem Groove, während Fogerty von der Rückkehr an einen Ort singt, wo die Mädchen barfuss tanzen und die Ochsenfrösche deine Namen rufen. „Bad Moon Rising“ war der grösste Hit der Band und – nach „Proud Mary“ ihr berühmtester Song. Über dem funkigen Rhythmus mit Rockabilly-Einschlag kommen Drummer Doug Clifford, Bassist Stu Cook und Gitarrist Tom Fogerty zur Sache, während John von bedrohlichen Ereignissen am Horizont singt – angesichts von Vietnam und Nixons Amtsantritt visionäre Worte. Die Ballade „Lodi“ erzählt vom Überlebenskampf der Musiker, der Rest der LP besteht aus bluesigen Rockstücken.

Creedence hatten grössere Erfolge mit den Alben „Willie And The Poorboys“ und „Cosmo’s Factory“, doch „Green River“ war die erste durchgängige Demonstration dessen, was später ihr Markenzeichen werden sollte: sauberer Sound, der aber tief aus dem Bauch kam.