Fleetwood Mac, Rumours, 1976

Produzent/ Ken Caillat, Richard Dashut

Label/ Warner Bros.

Als Fleetwood Mac im kalifornischen Sausalito 1976 mit dem Aufnahmen zu „Rumours“ begannen, lag die sechsjährige Beziehung zwischen Lindsey Buckingham und Stevie Nicks in Trümmern. Auch die Ehe zwischen John und Christine McVie waren derart zerrüttet, dass beide nicht mehr miteinander sprachen. Selbst Mick Fleetwood liess sich scheiden. Das Thema der Songs war klar: das Scheitern von Beziehungen. Die drei Songschreiber der Band – Nicks, Buckingham und Christine McVie – texteten über fast nichts anderes. Man kann natürlich sagen, „Rumours“ sei glatt, sauber und sonnig. Aber darunter ist Dunkelheit und Morast, was in jedem Fall zur Einzigartigkeit des Albums, womöglich auch zu dessen Erfolg beitrug.

„Gold Dust Woman“, der letzte Song des Albums, sprach noch ein anderes Thema an, das für die ganze Band zu diesem Zeitpunkt von höchster Wichtigkeit war. Während der Sessions zu „Rumours“ bedienten sich sämtliche Beteiligten regelmässig aus einem grossen Samtbeutel mit Kokain. Diese Sorglosigkeit führte bei Stevie Nicks zu einer schweren Drogenabhängigkeit; Mitte der Achtziger liess sie sich zum Entzug in eine Klinik einweisen. Der Song erinnert an die Naivität, mit der zu jener Zeit Kokain konsumiert wurde. Niemand bemerkte, wie stark es abhängig machte, denn niemand hatte es lange genug genommen, um das erfahren zu haben.

John Prine, Souvenirs, 2000

Produzent/ Jim Rooney, John Prine

Label/ Ulftone Music


John Prine starb am 7. April 2020 im Alter von 73 Jahren an den Folgen einer Infektion mit dem Coronavirus. Er war einer dieser Musiker, die von Kollegen hoch verehrt wurden, die aber selbst nie Starruhm erreichten. Der Songwriter aus Illinois veröffentlichte 1970 seine erste Platte und beeindruckte Kollegen wie Bob Dylan und Kris Kristofferson.

Ein kommerzieller Durchbruch gelang Prine nicht wirklich, aber seine Songs wurden gerne und oft gecovert u.a. von Bruce Springsteen, Johnny Cash, Bonnie Raitt, David Lindley und Tom Petty. John Prine veröffentlichte in regelmässigen Abständen seine Alben und ging weiter auf Tour, obwohl er seit 1998 von diversen Krebserkrankungen geplagt wurde.

Normalerweise kommt der Manager der Musikzombies erst kurz vor dem Exitus des Schützlings auf die verzweifelte Idee, den abgetakelten Exstar die alten Songs noch einmal aufnehmen zu lassen. Ein Indiz für das nahe Ende. Ausser bei John Prine, wie man nach dem Hören seines persönlichen Best-of-Album „Souvenirs“ von 2000 sofort zugeben muss. Fünfzehn Interpretationen seiner bekanntesten Lieder ( darunter „Angel From Montgomery“ oder die bedrückende Drogenelegie „Sam Stone“) hat er neu eingespielt, meist zur akustischen Gitarre, manchmal mit karger Countryband. Mit überwältigendem Ergebnis: Nur ganz wenige Countryalben haben diese Intensität, diese Intimität.

Prines Gesang ist leicht verschlurft, er visiert die Melodien nur an, ohne sie auf die „schöne“ Nashville-Art zu treffen. Alle Versionen auf diesem Album übertreffen die Originale bei weitem. Sie gewinnen in ihrer Kargheit jene Kraft zurück, die ihnen die (Über-)Produktion einst entzogen hatte. So was ist selten, aber wahr.

John Hiatt, Slow Turning, 1988

Produzent/ Glyn Jones

Label/ A&M

Hiatt ad fontes. Von den Roots-Rock-Platten ist das vielleicht sein geschlossenstes Album. Angefangen vom Rocker „Drive South“ über die schönen Balladen „Trudy and Dave“, „Icy Blue Heart“, „Sometime Other Than Now“ und die Rocksongs „Ride Along“, „Slow Turning“ und „Paper Thin“ bis zum bluesigen Finale „Feels like Rain“ – alles wie aus einem Guss.

Die instrumentalische Komponente ist einfach spitze. Dies liegt nicht zuletzt an der Zusammenarbeit mit den Goners und ihrer Leitfigur Sonny Landreth, der mit seiner Gitarrenarbeit insbesondere den immer wieder eingestreuten Slides den Liedern eine erfreuliche Dynamik verleiht. Einfach super Blues und Rock’n Roll mit etwas Country, anspruchsvolle Musik zum Geniessen. Das beste Lied für mich ist der Titelsong „Slow Turning“.

Neil Young, Zuma 1975

Produzent/ Neil Young, David Briggs

Label/ Reprise

Einer meiner Lieblingsscheiben von 1975 ist Neil Young’s „Zuma“. Es ist ein Album, das mich in seiner inneren Konsistenz von Text und Melodie, Gesang und Instrumentierung noch heute überzeugt. Zentrales Thema von „Zuma“ ist die Liebe – verlorene Liebe. Bewältigung des Vergangenen, das Wiederfinden der eigenen Persönlichkeit und vorsichtiges Suchen nach neuer Bindung. Das Stadium von Schmerz und Verzweiflung ist überwunden. Young äussert sich in milder Resignation, ein wenig Wehmut klingt an, und es gelingen ihm sogar ein paar Stücke von bemerkenswert aggressiver Verärgerung.

Eine lange Instrumentalpassage, die mit unaufdringlicher Intensitätssteigerung eine sehr entspannte Stimmung schafft, leitet das ausgedehnte Epos „Cortez the Killer“ ein. Erzählt wird von der Zerstörung des Aztekenreichs unter König Montezuma durch den spanischen Konquistador Hernando Cortéz – Sinnbild für die Zerstörung eines paradisischen Lebensgefühls. Durch seine Eroberung verändert der Eroberer das, was er erobern wollte. Und je weiter er mit seiner Eroberung fortschreitet, desto mehr geht die Reinheit, die er suchte, verloren, blieb unerreichbar, irgendwo „there“. Wenn er ein wenig behutsam vorgeht, verirrt er sich auf halbem Weg. Wenn er nicht weiss, was er tut, und immer nur aufgeregt weiter drauflosstürmt auf den Reiz des Neuen und Unbekannten, das ihn in seinen Bann gezogen hat, dann zerstört er am Ende alles. Das ist der Fluch des Quetzalcoatl, den Montezuma in Cortéz personifiziert sah und Neil Young in sich selbst.

Robert Plant & Alison Krauss, Raising Sand, 2009

Produzent/ T Bone Burnett

Label/ Rounder Records

Die Kombination von Robert Plant und Alison Krauss war nicht zu toppen: „Raising Sand“, das erstaunliche Resultat ihrer musikalischen Liaison, bewies, dass die Stimme von Led Zeppelin und das Golden Girl des Bluegrass füreinander geschaffen waren. Mit 60 präsentierte sich Plant nicht als testosterongetriebener Gockel, sondern als gereifter Sänger, der sich nichts vergibt, wenn er der Jugend den Vorzug Iässt. Und Krauss, deren glockenhelle, ätherische Stimme sich in Songs von Tom Waits, Townes Van Zandt, Allen Toussaint, The Everly Brothers, Sam Phillips oder Gene Clark elegant um seine windet, erwies sich als perfektes Pendant.

„Raising Sand“, diese bezaubernde Exkursion ins Herz der amerikanischen Populärmusik, spürte Wurzeln nach, die sich in der Erde festkrallen, dort, wo die Grenzen zwischen Blues und Bluegrass, Country und Folk, Rock’n’Roll und Rockabilly verschwimmen. „Raising Sand“ klingt leichtfüssig und zeitgemäss. Dies war mit ein Grund für den kommerziellen Erfolg: Bis heute verkaufte das von T-Bone Burnett produzierte Album weltweit über zwei Millionen Kopien. Ein Crossover-Wurf und künstlerischer Triumph, der im Frühjahr 2009 mit fünf Grammys ausgezeichnet wurde – unter anderem als Album des Jahres.

Dr. Feelgood, A Case Of The Shakes, 1980

Produzent/ Nick Lowe

Label/ EMI Records

Eigentlich waren Dr. Feelgood eine Teddyboy-Gruppe, also Mod-Gegner, also definitiv unangesagt, konservativ. Wirklich gute Musik kam immer nur aus dem Mod-Lager, nie von den Rockabilly-Typen. Dr. Feelgood spielten Chuck Berry nach und Elmore James; um Geld zu verdienen. Aber mit der Zeit wurden ihnen die Teddyboys zu gewalttätig, und Dr. Feelgood besannen sich auf ihre eigentliche Liebe, den Rhythm & Blues. Mit Lee Brilleaux hatte die Gruppe einen charismatischen Sänger und in Wilko Johnson einen guten Songschreiber. 1974 machten sie eine erste LP; schon der Zweitling „Malpractice“ von 1975 kam in die Top Twenty. LP Nummer 3 sicherte ihnen die Nummer Eins in Englands Hitparaden: ein Live-Album mit dem Titel „Stupidity“.

1977 war Punk dann angesagt und die folgenden 70er Jahre-Platten von Dr. Feelgood kratzten alle so im Mittelfeld herum, obwohl mit „Milk & Alcohol“ noch einmal ein veritabler Single-Hit darunter war. Nach vier Platten stieg Wilko Johnson aus und wurde ersetzt durch Gypie Mayo. Nach Johnsons Ausscheiden verpasste Lee Brilleaux der Gruppe einen feineren Studiosound, holte sich Nick Lowe als Produzenten und hetzte seine Band an durchschnittlich 250 Abenden im Jahr auf die Bühne. Dieser Fleiss, diese Lust, live aufzutreten, ermöglichte es Dr. Feelgood, den immer schlechter werdenden Plattenverkauf zu ignorieren, allerdings hatte dies auch seinen Preis: Anfang der 80er Jahre stiegen nacheinander Gypie Mayo und die Original-Mitglieder der Gruppe aus, was Lee Brilleaux zur Rekrutierung neuer Musiker zwang. Vorher hat er aber mit Unterstützung Nick Lowes die alte Garde zur vielleicht besten Dr. Feelgood-Studioplatte angespornt: „A Case Of The Shakes“.

Wie altmodisch man auch immer die Musik von Dr. Feelgood finden mag, zweierlei darf man nicht vergessen: Wie wenige Gruppen es gibt, die zwei Jahrzehnte lang ihren Qualitätsstandard halten konnten. Und: dass Dr. Feelgoods Platten wohl eine ganz andere Sache sind, wenn man mittendrin steckt im Bierdunst, Schweiss und Höllenlärm.

Easy Rider (Soundtrack), 1969

Produzent/ Verschiedene

Label/ Reprise

Der schöne Traum der Sixties von individueller Freiheit und Selbstverwirklichung – zu schön, um wahr zu sein. In „Easy Rider“ kosten Wyatt und Billy das Lebensgefühl der Hippie-und Rockergeneration in vollen Zügen aus; sie huren, saufen, kiffen, werfen LSD-Trips ein und tragen ihre Unabhängigkeit zur Schau, dann aber schlägt die Gesellschaft erbarmungslos zurück und stellt Law und Order wieder her. Der Film ist aber nicht nur desillusionierend. Es gibt ja noch Drogen – die allerdings auch nicht uneingeschränkt positiv dargestellt werden. Eine lange Sequenz in der Mitte zeigt durchaus beide Enden. Vorallem gibt es ein Leben in der Nachfolge von Thoreau, also im Einklang mit der Natur und möglichst fern von der Gesellschaft. Die Episode bei einer Hippie-Kommune, die sich für dieses einfache Leben entschieden hat, ist auch eine der schönste Szenen des Films.

Es ist spät am Nachmittag. Wyatt und Billy beobachten, wie einige Mitglieder der Kommune auf dem kargen Sandboden Saat ausstreuen. Billy schüttelt zweifelnd den Kopf: „Das schaffen die nie, das schaffen die nie.“ Die Sonne geht langsam unter, und Wyatts Gesicht verklärt sich zu einem Lächeln: „Wird schon, Billy. Wird schon.“ Und natürlich der Soundtrack: Jimi Hendrix, Steppenwolf, The Byrds, Roger McGuinn, The Band usw.

The Who, Live At Leeds, 1970

Produzent/ Kit Lambert

Label/ Track (Polydor)

Die Who 1976 im Hallenstadion Zürich live zu erleben war für mich ein gewaltiger Eindruck. In den besten Momenten konnte man nicht anders als aufzuspringen und sich bewegen. Eine Platte, die all die Elektrizität von einem Konzert der Who aufweist und obendrein von erstaunlich guter Aufnahmequalität ist, ist „Live At Leeds“. Es ist eine Platte, die ich mir nach ihrem Erscheinen sofort gekauft habe. Gegenüber dem allzuüberbewerteten „Tommy“-Doppelalbum, war das ein echter Lichtblick, ein Schritt hin zu wirklicher Musikalität.

Die Originalausgabe der LP bringt fünf bekannte Stücke der Who, die die Entwicklungsphase von „Substitute“ bis „Magic Bus“ umspannt. Das sechste Stück ist eine Collage unter dem Titel „My Generation“, die allerdings ausser dem alten Who-Dropoutlied ( „People try to put us down/ Just because we get around/ Things they do look awful cold/ I hope I die before I get old“) auch Auszüge aus „Tommy“ bringt. In „Young Man Blues“, dem alten Country-Jazz-Hit von Mose Allison, überrascht Roger Daltrey mit seinem negroiden, blueshaften Gesang. Bei Pete Townshends Gitarrensolo, fühlt man sich an ein Led Zeppelin Konzert erinnert. Doch bei den Who wird der Heavy Rock längst nicht so dick aufgetragen wie bei Plant, Page & Co. Bei den alten Who-Songs wie „Substitute“, „Magic Bus“ oder Shakin All Over“, die hier zum ersten Mal in neuer Form gebracht wurden, fällt auf, wie schlagerhaft und wenig aufregend die im Studio entstandenen Originalversionen doch gewesen sind, wie sehr die Elektrizität fehlt, die die Who in ihren Konzerten entfachen konnten.

Michelle Shocked, Captain Swing, 1989

Produzent/ Pete Anderson

Label/ Mercury

„Captain Swing“ meint: „Swing is a feeling… Everything else is just style.“ Da kann man noch den Blues ergänzen, aber vom Prinzip her stimmt es. „Captain Swing“ ist nach meinen Kenntnissen die dritte Scheibe von Michelle Shocked, dem Chamäleon der Rockmusik. Jedes mir bekannte Album hat einen anderen Stil. Mal rockt es, dann sind es wieder leisere Töne der Songwriterin und Blues gibt es auch. Sie kam aus der Punkszene und war politisch so engagiert, dass ihre Eltern sie in die Psychiatrie einwiesen. Man konnte nie erahnen was kommen wird. Eines gemeinsam haben ihre Alben: sie sind durchweg von hoher Klasse und einen echten Ausfall bei den Songs gibt es nicht. Ab und zu fiel auch ein Song für die Charts ab, wie z.B. „Anchorage“.

Mit „Captain Swing“ holte sich Michelle Shocked den Jazz der 1940er und 1950er Jahre in das Jahr 1989. Für viele ihrer Anhänger war das Album eine Enttäuschung. Erwartet wurden Folk, Rock oder Punk, mit Jazz rechnete niemand. Der Erfolg war daher auch nicht so berauschend. Wie nicht anders zu erwarten, wurden sämtlich Songs von Michelle Shocked komponiert und getextet. Sie holte sich bei den meisten Songs zwar Bläser, es gibt aber auch Songs in kleiner Besetzung. Bei „Silent Way“ hört man eine Geige und akustische Gitarren so wie man es von Stephane Grappelli und Django Reinhardt kennt. Es gibt auch Bluesrock auf dem Album mit hervorragenden Gitarrensoli, eigentlich für jeden etwas. Der letzte Song trägt den Titel „Mystery Song“. Es könnte Absicht gewesen sein, denn hier wird nicht geswingt sondern gebluest. Der Stil erinnert an den Texasblues, aus Texas stammt die Dame auch. “My Little Sister” und “On The Greener Side” sind zwei Songs, die für mich in diesem Album weit oben stehen.

The Go-Betweens, 16 Lovers Lane, 1988

Produzent/ Mark Wallis

Label/ Beggars Banquet

„16 Lovers Lane“ von den australischen The Go-Betweens ist ein herrlich unspektakuläres Album, das ich in dieser Jahreszeit immer wieder gerne höre. Schon allein der uplifting fröhliche Song „Streets of Your Town“ löst bei mir Frühlingsgefühle aus. Da ist diese lüpfige Melodie, die tolle Akustikgitarre, der Singalong-Refrain „Round and round, up and down / Every day I make my way, through the streets of your town“. Ein totaler Ohrwurm, der mich auch 38 Jahre nach Erscheinen fragen lässt, warum dieser Knaller nie ein grosser Hit geworden ist? Geschrieben hat den Song der leider verstorbene Grant McLennan, angeblich innerhalb kürzester Zeit zusammen mit seiner damaligen Freundin Amanda Brown, der hübschen Go-Betweens-Geigerin. Das Stück war ihr wohl „grösster kommerzieller Versuch“, wie McLennans Songschreiber-Partner Robert Foster einmal erzählte. Leider wurde es kein Hit.

Alle zehn Songs auf „16 Lovers Lane“ haben eine Magie, die schwer zu beschreiben ist. Auch wenn die Musik sehr einfach konstruiert ist, wird sie immer süchtiger machend, je man öfter man die Platte hört. Vielleicht liegt es daran, dass es verdammt schwer ist einfache und simple Musik zu machen, die nicht nach dem zweiten Hören anödet, sondern nur noch Lust auf Mehr macht.