Wreckless Eric, England Screaming, 2025

Produzent/ Eric Goulden

Label/ Tapete Records

1985 war Wreckless Eric auf dem Tiefpunkt: Sein Alkoholkonsum und sein notorischer Misserfolg forderten ihren Tribut. Unter dem Namen Captains of Industry nahm er das Album „A Roomful of Monkeys“ auf, mit dem niemand glücklich war. Er bezeichnet es als „insipid, half-arsed affair“. Die Songs aber waren an und für sich gut, und deshalb hat Wreckless Eric das Album unter eigenem Namen und quasi im Alleingang neu eingespielt.

Neuaufnahmen alter Songs und Alben überzeugen in den seltensten Fällen – aber hier herrschen Freude und Begeisterung. Wreckless Eric hat die Qualitäten dieser Songs freigelegt, sie sind ruppig und rau, klangen kraftvoll und direkt, und er bringt die Melodien – ausnahmslos Ohrwürmer – zum Leuchten. Meistens besingt er mit seiner nasalen Stimme die kleinen wichtigen Freuden und Leiden normalsterblicher Menschen – 1985 sezierte er überdies mit Sarkasmus ein sich im Individualismus auflösendes Britannien, was seinen Songs heute eine unvermutete Aktualität gibt. In erster Linie aber gibt es auf England Screaming“ neun zeitlose Popsongs, die – typisch für Wreckless Eric – melancholisch und fröhlich zugleich klingen.

Neko Case, Blacklisted, 2002

Produzent/ Neko Case, Darryl Neudorf, Craig Schumacher

Label/ Anti-Records

Flirrende, geisterhaft leere Highways. Ein Truckstop am Rande von Nirgendwo. Ein einäugiger Hund. Die Zukunftsaussichten so düster verhangen wie der Himmel. „The hammer clicks in place – The world is gonna pay“ heisst es im Opener „Things That Scare Me“, dazu klappert unheilvoll das Banjo.

Die stimmgewaltige Neko Case schwelgt mit „Blacklisted“ zutiefst in dunklen Klängen und Atmosphären. Mit tatkräftiger Unterstützung wie Joey Burns & John Convertino (Calexico), Howie Gelb oder Mary Margret O’Hara, entstanden schimmernde Country-Noir-Soundscapes, die auch in den Albtraumwelten eines David Lynch ihren Platz hätten. Düster, spröde und mysteriös kommen die Songs daher. In deren Adern zudem das Vermächtnis alter Klassiker pulsiert. Selten lagen Schönheit und Unbehagen so nah beieinander.

„Deep Red Bells“ ist mit knapp vier Minuten schon der längste Song des Albums. Was dieser Aufnahme seine Magie verleiht, ist aber weniger undurchsichtige Exzentrik, sondern eine glasklare Stimme, wie sie das 21. Jahrhundert bis dato nicht kannte – mit seiner songdienlichen, musikalischen Untermalung jedenfalls das Highlight des Albums für mich.

Taj Mahal, 1968

Produzent/ Bob Irwin, David Rubinson

Label/ Columbia

Was der junge Taj Mahal auf seinem Debütalbum zusammen mit Ry Cooder und einer vielversprechende Band namens The Rising Sons vergeigt hat, das kann gern als authentischer Blues durchgehen: „Statesboro Blues“, „Dust My Broom“, „Everybody’s Got To Change Sometime“ zeigen einen zeitgemässen Umgang mit Original-Material; vielfach dominiert die Mundharmonika von Mahal, manchmal klingt das Ganze auch ein wenig nach John Mayall. Aber bei den Eigenkompositionen, besonders bei „E.Z. Rider“, kommt die Intensität, mit der Taj Mahal gesanglich die Songs vorträgt, deutlich zutage. Ruhige, teilweise, fast monotone Bass-Läufe und unspektakuläre Drum-Arbeit sorgen für ein solides Rückgrat.

Apropos „E.Z.Rider“: Wer glaubt, dass die Verkürzung der Sprache durch Verwendung lautmalerisch treffender Buchstaben und Zahlen (z.B. ‚4 U‘ für ‚for you‘) erst im Zeitalter von Internet und SMS entstanden ist, wird hier eines Besseren belehrt. „E.Z.“ sind nicht die Initialen eines „Mr. Rider“; vielmehr besingt Taj Mahal den „Easy Rider“, einen im Südstaaten-Slang im doppelten Sinne unmoralischen Mann. Herausragend ist der Schlusssong „The Celebrated Walkin‘ Blues“, eine auf einem Traditional basierende Komposition Taj Mahals. Mit einer Spielzeit von knapp neun Minuten deckt das Stück fast ein Viertel der gesamten Spielzeit der Scheibe ab. Ein wunderschöner langsamer Blues!

Dan Stuart with Twin Tones, Marlowe’s Revenge, 2016

Produzent/ Danny Amis

Label/ Fluff and Gravy Records

Mitte der 90er Jahre hatte er Green on Red den Laufpass gegeben für ein Duoprojekt mit Al Perry, aber dann schien er doch das Soloalbum für die ehrlichste Form der Veröffentlichung zu halten. „Marlowe’s Revenge“ ist Dan Stuarts Aufarbeitung seines Exils in Mexiko zu Beginn dieses Jahrzehnts. Besonders Mexico City spielt hier eine Rolle im selbstreinigenden Rückblick auf eine traumatische Zeit heftigster Exzesse und Versuche der Selbstzerstörung. Hätte man nicht vermutet, wenn Dan Stuart und Green on Red früher leutselig zur nächsten bierseligen Sause aufspielten; wer hat da schon den Texten gelauscht?

Auf „Marlowe’s Revenge“ kann man einen musikalisch gewandelten, aufgeräumten, besonnenen, fast melancholischen Stuart treffen, der so nebenbei auch gleich den trocken-coolen Arizona-Sound in seiner Lässigkeit als heuchlerisch entlarvt. Auf den Entschluss zu überleben reduziert, („ Last Blue Day“, „ So Un Hombre“ oder in „Name Hog“) steckte Dan hier die Nase weit über den Tellerrand der meist nonchalant-rumpelnden Americana-Klänge hinaus.

Creedence Clearwater Revival, Green River, 1969

Produzent/ John Fogerty

Label/ Fantasy

Die Debütplatte von Creedence Clearwater Revival aus dem Jahre 1968 stellte eine Band vor, die Blues und Rock’n’Roll vereinte und einen frischen Sound voller Soul kreierte. Auf „Bayou Country“ kam „Proud Mary“, der erste internationale Megahit. Doch mit ihrem zweiten Album „Green River“ definierten Creedence ihre Vision und ihren Sound – kurz und knapp, sauber und direkt.

Creedence kamen aus der Gegend von San Francisco, spielten aber keine drogeninduzierten, psychedelischen Jams wie so viele Bands der Stadt – und wurden deshalb von Kritik und Publikum, als Retter des amerikanischen Rock’n’Roll gefeiert. „Green River“ beginnt mit dem Titelsong – eine Ode an den magischen Süden in markantem Groove, während Fogerty von der Rückkehr an einen Ort singt, wo die Mädchen barfuss tanzen und die Ochsenfrösche deine Namen rufen. „Bad Moon Rising“ war der grösste Hit der Band und – nach „Proud Mary“ ihr berühmtester Song. Über dem funkigen Rhythmus mit Rockabilly-Einschlag kommen Drummer Doug Clifford, Bassist Stu Cook und Gitarrist Tom Fogerty zur Sache, während John von bedrohlichen Ereignissen am Horizont singt – angesichts von Vietnam und Nixons Amtsantritt visionäre Worte. Die Ballade „Lodi“ erzählt vom Überlebenskampf der Musiker, der Rest der LP besteht aus bluesigen Rockstücken.

Creedence hatten grössere Erfolge mit den Alben „Willie And The Poorboys“ und „Cosmo’s Factory“, doch „Green River“ war die erste durchgängige Demonstration dessen, was später ihr Markenzeichen werden sollte: sauberer Sound, der aber tief aus dem Bauch kam.

Joni Mitchell, The Hissing of Summer Lawns, 1975

Produzentin/ Joni Mitchell

Label/ Asylum Records

Die weitverbreitete Behauptung, Frauen hätten in der Popmusik lange Zeit nur eine Existenzberechtigung gehabt, sofern sie der Projektion des Opfers oder des Fertigprodukts entsprachen, dürfte mittlerweile ein wenig veraltet und schematisch wirken. Trotzdem markierte „The Hissing Of Summer Lawns“ von Joni Mitchell eine Zäsur, denn zum ersten Mal trat eine Songwriterin mit dem Anspruch eines souveränen Autorensubjekts auf, indem sie sich den bis dahin nur der maskulinen Signifikationswelt vorbehaltenen Luxus leistete, ihre Veröffentlichungen als Werkkörper und Schauplatz einer Entwicklung mit Option auf fliessende Identitätswechsel zu definieren.

Um diesen Selbstentwurf durchsetzen zu können, brach sie einerseits mit den bis an die Schmerzgrenze naturalisierten Ausdrucksformen ihrer Frühphase, aber auch mit dem bohemistischen Künstlermodell, das sich Würde nur unter den Bedingungen materieller Armut und der romantischen Fiktion des tragischen Scheiterns vorstellen kann, Im Gegenzug plädierte „The Hissing Of Summer Lawns“ für eine Stilpolitik der unterkühlten Eleganz und etablierte eine hypermoderne Vorstellung von Urbanität, die in der Stadt nicht länger als Ort von existentiellen Abenteuern und Street-Credibility sehen mochte. Los Angeles wurde zur topischen Metapher einer sonnenbeschienenen, mit Chrom und Glas verspiegelten Suburb, in der Träume von einem anderen Leben unter Palmen und dem Zischen der Rasensprenger in ein zivilisatorisches Vakuum verdampfen.

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The Velvet Underground & Nico, 1967

Produzent/ Andy Warhol

Label/ Verve Records

Für mich kam diese Musik scheinbar aus einem fernen Kosmos. So sangen und sprachen sie nicht 1967, die andern, die Beatles nicht und Bob Dylan auch nicht. Die Velvet-Underground-LP, mit dem Bananencover, war viel geliebt in der Zeit, als Rock ’n’ Roll mein Leben rettete. Oder mir zumindest klarmachte, dass das Leben meiner Eltern nicht mein Leben sein kann.

Rock war verheissungsvoll, Velvet Underground äusserst verheissungsvoll: Drogen! Sex! Meine Eltern konnten kein Englisch. Lou und ich schon. Es war die schreckliche Zeit nach der Schule und Velvet Underground der perfekte Soundtrack: verloren, irgendwo achtlos in eine Ecke geworfen. Es war die perfekte Musik, um verborgen unter fragilem Lärm, intensivstem Sound und dem wohltuenden Gefühl im Schlamm zu wühlen, Schmutz eine Form zu geben. Für mich die Geschichte einer vergangenen Zeit, darum kann ich das Album heute nur noch selten hören, leider.

Big Brother and the Holding Company, Cheap Thrills, 1968

Produzent/ John Simon

Label/ Columbia

In erster Linie ist das ein Album von Janis Joplin. Mit ihrer gutturalen, erdhaften, eindeutig vom Blues her kommenden, dennoch wandlungsfähigen Stimme dominiert sie. Wenn man sie in „Ball And Chain“, ihrer Paradenummer hört, hat man das Gefühl, dass sie ein weisses Gegenstück zu Bessie Smith oder Big Mama Thornton ist.

Die übrigen Mitglieder der Band sind nicht schlecht – einer der beiden Leadgitarristen, James Gurley nämlich, spielt teilweise unglaubliche Gitarrensoli, etwa das Intro zu „Ball And Chain“ – doch sie stehen alle im Schatten von Janis Joplin. Wahrscheinlich wäre die Band ohne Janis eine sehr gute Gruppe geworden, doch mit ihr wurde sie zur blossen Begleitband degradiert.

„Cheap Thrills“ – ursprünglich „Sex, Dope & Cheap Thrills“ benannt, doch die Firma fand den Titel zu anstössig, ist ein Album, das ich immer wieder gern höre. Aus der heutigen Perspektive betrachtet, ist es eine Zeitkapsel des Jahres 1968. Dieses Jahr markierte wohl den Moment, als Big Brother, Janis und die ganze LSD-getränkte, komplett überdrehte Frisco-Szene der 60er überkochte. Das Cover stammt übrigens von Robert Crumb und kommt auf der Vinyl-Platte natürlich besser zur Geltung.

The Mothers of Invention, Freak Out, 1966

Produzent/ Tom Wilson

Label/ Verve

„Freak Out“ war die erste Platte des schlagartig erwachenden Undergrounds. Frank Zappa hatte nicht nur „money at the bank“, sondern auch Recht. Er hatte etwas ganz Besonderes, was die anderen nur andeuten konnten. Zappa entwickelte eine im Pop noch unbekannte Kunst-Form. Er organisierte seine Kompositionen aus allen nur erdenklichen Genres von zeitgenössischer E-Musik über Jazz bis Doo Wop. Die überdrehten Sound- und Vortragseffekte der Fünfziger-Jahre-Novelty-Hits verband er mit suitenhaft angelegten Grosskompositionen, integrierte Hörspiel und Satyrspiel.

„Freak Out“ beginnt mit ein paar gelungenen Teenie-Balladen und Rock’n’Roll-Parodien. Es gibt etwas Gesellschaftskritik, ist aber insgesamt harmlos, bis Zappa in dem 11. Song die Frage stellt: „You’re Probably Wondering Why I’m Here?“. Dann bricht die Hölle über die Popgemeinde herein, zerplatzt neue Musik in Herzen und Hirnen. Ein langer, frenetischer, negrophiler Polit-Rap „Trouble Every Day“ wird von einem bluesigen Gitarrenriff angetrieben. Der Text behandelt die Rassenunruhen von 1965 in Watts, dem schwarzen Ghetto in Los Angeles; sie dauerten sechs Tage, 34 Menschen starben, über tausend wurden verletzt. Zappa beschreibt die Vorfälle aus der Sicht des Zuschauers, analysiert den Sensationalismus der Fernsehstationen und die Auswegslosigkeit des Ghettos, ohne dabei die weissen Opfer des schwarzen Mobs zu ignorieren: „I’m not black/ But there’s a whole lots a times/ I wish I could say I’m not white.“

Danach kommt dieser szenisch, aufgelöste, verfremdete Geniestreich „Help I’m a Rock“, um mit der Synthese „The Return of the Son of Monster Magnet“ zu schliessen: Macht zusammen die 27 besten Minuten, die das Album „Freak Out“ zu bieten hat. Ich meine: Frank Zappa war gut, genial, politisch, subversiv und lustig, aber man muss wirklich nicht alles von ihm mögen, speziell nicht diese jazzigen Endlos-Teile.

J. J. Cale, Grasshopper, 1982

Produzent/ Audie Asworth, J. J. Cale

Label/ Island

Wenn ich jemandem eine einzige Platte von J. J. Cale empfehlen müsste, wäre es „Grasshopper“. Da ist alles drin ist, was J. J. Cale ausmachte. Zur stilistischen Vielfalt kommt eine ausgereifte Produktionstechnik. Hier ist der Mann auf der Höhe der Zeit, klingt modern und dennoch ganz nach J. J. Cale. Ein perfekter Spagat! Mit dabei ein paar der besten Sessionmusiker; Reggie Young, Ken Buttrey, David Briggs, Tommy Cogbill und John Christopher an der Rhythmusgitarre.

Das Herz von „Grasshopper“ aber sind selbstverständlich die Songs, die Geschichten. Bereits die Eröffnungsnummer setzt die Latte hoch; mit dem sonnigen „City Girls“ war Cale einem Pop-Hit so nah wie nie zuvor. Der zweite Song „Devil In Disguise“ ist vermutlich der schnellste Rock-Song, den er je aufgenommen hat. „Drifter’s Wife“ spielt Cale ganz allein, mit Okie-Akzent und virtuosem Fingerpicking erzählt er die Geschichte eines umherziehenden Musikers, auf Augenhöhe mit Woody Guthrie oder Bob Dylan. „You Keep Me Hangin’ On“ berührt mit verletzlichen Texten und einer Klavier-Begleitung in allerbester Elton John-Manier. In „Downtown L.A.“ zeichnet er ein deprimierendes Porträt der Grossstadt-Dekadenz, in „A Thing Going On“ zaubert er eine beängstigend mystische Stimmung aus dem Ärmel, und im von Christine Lakeland und ihm geschriebenen „Don’t Wait“ wird dieser Schwere ein umwerfend charmanter Optimismus entgegengesetzt.

Keines der vierzehn Stücke gleicht einem andern, doch jedes verkörpert seine bestimmte Rolle, sogar die beiden kurzen Instrumentals, die für sich allein irgendwie seltsam klingen. „Grasshopper“ hat dieses innere Gleichgewicht, welches sich nicht erklären lässt. Wer also noch gute Musik für ein Stündchen im Schaukelstuhl braucht, ist mit dieser Platte von J. J. Cale bestens bedient.