Lucio Dalla, Canzoni, 1996

Produzent/ Mauro Malavasi

Label/  BMG Ricordi

Lucio Dalla ( 4. März 1943 – 1. März 2012) war ein italienischer Sänger, Saxofonist und Pianist und er ist neben Poalo Conte mein Favorit in der neueren italienischen Musik. Alle Lieder auf diesem Album sind sehr gut. Alle Lieder haben poetische Texte,  tief eingebettet in die italienische Musiktradition, aber zeitgemäss genug, um im internationalen Musikgeschehen mithalten zu können. Die Musik  ist teilweise von absoluter Schwerelosigkeit – traumhaft im wahren Sinne des Wortes unterstützt sie die verbalen Aussagen der Lieder mit ungewohntem Nachdruck. 

Das wichtigste Instrument auf diesem Album, daran lässt die Produktion keinen Zweifel, ist die Stimme Dallas,  die Geschichten erzählt. Geschichten über die Nacht, den Tod und die Sterne, diese magische Kombination. Und über die Menschen natürlich. Über Menschen, die nicht wissen, ob sie ihr Leben in Stücke hauen sollen oder ob sie den Zug mit ihren Händen aufhalten sollen. Mich fasziniert die knappe Sprache und die Intensität der Bilder, die sie hervorbringt. Dalla spielt keine Patentlösungen vor, seine Lieder sind keine Märchen mit Happy End. Sie zeigen universelle Probleme und Situationen des Alltags. Kritisch aufbereitet, aber mit viel Humor und Verständnis auf den Punkt gebracht.

Neil Young, Mirror Ball, 1995

Produzent/ Brendan O’Brien

Label/ Reprise

Harte energetische Rockklänge bestimmen den Ton, darüber liegt Youngs Jammern, was dem Ganzen einen unüberhörbaren Geschmack von Bitterkeit und Enttäuschung verleiht. Der struppige Grübler, der damals von sich sagte, er habe keine Zeit für Perfektion, er sei nur mit Leidenschaften und Gefühlen befasst, markiert einen radikalen Gegenentwurf zur gängigen Popszene der 1990er. Gefühl und Härte kamen in neuer Verpackung mit Nostalgieschleifchen auf den Ladentisch.

Neil Young fesselt letztlich als schräge mutige Person mehr denn als Musiker. Ein Mann mit Woodstock-Geschichte steht in seinen späten Jahren wieder im Rampenlicht, ein Getriebener, dem man auch seine Drogenkarriere ansieht, ein oft verwirrt wirkender Grübler, der auf ein letztlich nicht wirklich von Love & Peace getragenes Hippiedasein zurückblicken kann. Gerade das machte ihn zu einem Idol mit Tragik und Tiefgang, das zeigt, wie nah der Rock’n‘Roll doch immer auch gleichzeitig am Abgrund entlang segelt. Dass Kurt Cobain diesen verzweifelten Protestgestus dankbar aufnahm, zeigt, dass auch die junge Generation mit Depressionen, Drogen und Krankheiten zu kämpfen hatte. Die Strassen durch Amerika, die in den 1950ern und 1960ern noch so viel Freiheit versprochen hatten, führten für diese Künstler nicht mehr ins Licht, sondern über die „road to nowhere“ schnurstracks in die Hölle.

Simon and Garfunkel, Richard Cory, 1966

Text/Musik/ Paul Simon

Produzent/ Bob Johnston

Label/ Columbia Records

Der Song wird aus der Perspektive eines Arbeiters erzählt, der in Corys Fabrik schuftet, so dass die Beziehung des Arbeiters und der Reichtum Corys in eine unmittelbare Beziehung gesetzt werden. Richard Cory ist in eine reiche Familie hineingeboren und dann noch als einziger Erbe. Seinen wirtschaftlichen Erfolg verdankt er auch seinen Beziehungen zu Politikern, die die er dank seines Vermögens schmiert. Er ist ein Mann der Gesellschaft, aber die Orgien auf seiner Jacht haben etwas Zwiespältiges. Dass er ganz uneigennützig für wohltätige Zwecke spendet, nimmt man ihm auch nicht ab.

Der Arbeiter jedoch möchte nicht dieses System abschaffen oder reformieren, sondern er ist einfach neidisch. Er möchte an Corys Platz – mit der logischen Konsequenz, dass er der Kapitalist sein wird, der seine Kollegen ausbeutet. Wie pervers dieser Neid ist, zeigt sich im letzten Refrain: Der Tycoon schiesst sich eine Kugel durch den Kopf – wir wissen nicht warum. Sind plötzlich seine Aktien an der Börse abgestürzt? Steht er vor der Insolvenz? Droht im eine Verhaftung wegen Wirtschaftskriminalität? Ist ihm die Frau weggelaufen? Der Arbeiter weiss es auch nicht, aber sein Neid macht ihn so blind, dass er immer noch an Corys Stelle stehen möchte. Hauptsache reich sein, auch wenn der Reichtum zum Selbstmord führt.

The Pogues, Rum Sodomy & the Lash, 1986

Produzent/ Elvis Costello

Label/ Stiff Records

Mal ehrlich, haben Sie nicht manchmal Lust cool an der Theke zu stehen? Saufen, gröhlen, hässlich sein? Juckt es nicht manchmal Fussballchöre anzustimmen und „You’ll Never Walk Alone“ zu johlen? Aber die Zeiten sind eben nicht mehr danach, und so müssen wir uns halt mit dem Pogues zufriedengeben um das Geheule vom verdrängten Proll im tiefsten Inneren anzuhören. Und so legen wir „Rum Sodomy & the Lash“ auf und sagen, isch doch aues nid so schlimm, diese verrückten englischen Iren lassen sich das Singen auch nicht verbieten. Die Platte ist gut, schliesslich wurde sie von Elvis Costello produziert, der weiss was gut ist…

Von den zwölf Songs eignen sich jedoch nicht alle zu therapeutischer Behandlung von Biertisch-Neurosen. „The Gentleman Soldier“ und „The Band Played Waltzing Matilda“ sind Lieder vom Krieg. Erzählungen von kleinen Soldaten, hart aber wahr. Ebenfalls verhalten, aber Balsam fürs Herzeleid ist „A Pair Of Brown Eyes“, gut geeignet für Bauern-Hochzeiten, wenn drei Viertel der Gäste schon unter dem Tisch liegen und nur noch der Pfarrer und das Brautpaar fit sind. Und von der epochalen Version des Ewan MacColl-Klassikers „Dirty Old Town“ muss ich erst gar nicht sprechen. Durch Folklore zu mehr Lebensglück mit den Pogues.

Van Morrison, T.B. Sheets, 1973

Produzent/ Bert Berns

Label/ Bang Records

Persönliche Differenzen bereiteten der irischen Band Them nach einer erschöpfenden US-Tournee 1966 ein Ende. Bert Berns, der kurze Zeit Manager von Them war und deren Hit „Here Comes The Night“ geschrieben hatte, hatte inzwischen in den USA sein eigenes Label Bang Records gegründet. Er lockte Van Morrison 1966 erneut über den Teich und bot ihm an, ihm bei seiner Solokarriere zu helfen. Morrison nahm unter anderem den Song „Brown Eyed Girl“ auf, der ihm überraschenderweise einen Top-Ten-Hit bescherte.

Aber Berns Machenschaften waren eher von einer undurchsichtigen Art, und aus den Songs, die Van Morrison als geplante Singles aufgenommen hatte, machte der Label-Chef ein Album, das er ohne Absprache mit dem Sänger unter dem Titel „Blowin‘ Your Mind“ (1967) veröffentlichte. Es kam noch zu einer weiteren Session, bei der der frustrierte Morrison erneut feststellen musste, dass ihm alles aus der Hand genommen wurde. „The Best Of Van Morrison“ (1967) bot eine willkürliche Zusammenstellung älterer und neuerer Aufnahmen. Unter den Aufnahmen der beiden Bang-Sessions finden sich frühe Fassungen von Songs, die er auf „Astral Weeks“ in neuen Arrangements veröffentlichte, aber auch leichte, fast unschuldige Pop-Perlen wie „Ro Ro Rosey“. Höhepunkt dieser Session war das fast zehnminütige „T.B.Sheets“, eine Reflexion über Schuld, Ekel und Mitleid angesichts des Dahinsiechens der tuberkulosekranken Freundin – ein bedrückend faszinierender Ausblick auf die klaustrophobische Welt von „Astral Weeks“. Bereits hier taucht das bei Van Morrison immer wiederkehrende Radio-Motiv auf: Bevor der Erzähler die Kranke verlässt, schaltet er ihr noch das Radio an. Der Trost kommt immer nur aus der Ferne, Musik als die grosse Heilerin des Schmerzes.

Für „T.B. Sheets“ blieb der erhoffte Erfolg allerdings aus, denn die geniale Morbidität des Songs wollte so überhaupt nicht in die blümchenliebende Hippie-Zeit passen. Bert Berns starb Ende 1967 an einem Herzinfarkt – für Van Morrison eine Erleichterung, schliesslich hatte sich so das Vertragsproblem von allein gelöst.

Bob Dylan, Infidels, 1983

Produzent/ Bob Dylan, Mark Knopfler

Label/ Columbia

Ich habe mich damals darüber geärgert, wie das Album in der Schweizer Radiosendung „Sounds“ vorgestellt wurde. Da wurde von zwei sogenannten „Dylanologen“ gerupft und gezupft und gefummelt, dass es keine Lust mehr war: „Was meint er wohl damit? Und voilà, da hat er zum ersten Mal starke innere Konflikte (Schizophrenie?) im Lied „I And I“ – und dann ist er Zionist („Neighborhood Bully“), und dann hat er eine Wandlung durchgemacht, die radikaler nicht sein könnte; denn dort hiess es: „Mein Herz sei still“, und jetzt heisst es: „Andere sprechen mit meinem Mund, ich höre bloss auf mein Herz“ … blablabla.

Für gewisse Leute ist es vielleicht schwer verständlich, dass es in guten Texten um komplexes und weitläufiges Denken geht, das sich nicht zerkrümeln und nach der jeweiligen Laune interpretieren lässt, dass Texte Mitteilungen einer Seele sind und keine ideologisches Rätselraten für intellektuelle Fangemeinden. Vielleicht kommt der Flash halt erst nach einer durchfrorenen Nacht, oder… fragt mich nicht.

Tatsache ist, dass „Infidels“ bildhaft ist wie ein Traum. Es hat auf diesem Album Platz für Poesie, Texte voller Metaphern und Luftschlösser, mehrschichtige und hintergründige Zeilen, bedeutungsschwanger, ohne Eingeständnisse zu geben. Drive und Mental Energy. Hier ein Ausschnitt aus „Man Of Peace“: „Er kann faszinierend sein, er langweilig sein kann, er kann die Niagara Fälle hinunterreiten, in der Schale deines Schädels, ich riech, es ist etwas am Kochen, es gibt ein Fest, manchmal kommt der Satan, als der Mann des Friedens. Er ist ein grosser Humanist, er ist ein Menschenfreund, er weiss, wo er dich berühren muss, und wie du geküsst werden werden willst, er legt beide Arme um dich, du fühlst den zarten Hauch des Tieres“.

Jesse Welles, Join Ice, 2025

Text/ Musik/ Jesse Welles

Produzent/ Jesse Welles

Label/ Not On Label

Mit akustischer Gitarre, Mundharmonika und einer rauen Stimme macht sich einer auf, Amerika erneut vor dem Faschismus zu retten: Jesse Welles ist das neue Folk-Herz von Amerika, das Paradebeispiel dafür, dass man sich von den USA trotz allem nicht einfach abwenden darf. Zur Erinnerung: Nur 48 Prozent haben Donald Trump gewählt. 52 Prozent waren schon vor etwas mehr als einem Jahr gegen ihn, und unterdessen sind es 60 Prozent, die mit dem Kurs der USA nicht mehr einverstanden sind. Jesse Welles, ein 33-jähriger Sänger, hat sich mit seinen fast täglich auf Social Media veröffentlichten Songs zum Zustand seines Landes einen Namen gemacht, und versinnbildlicht den ersehnten Sinneswandel, der sich in den USA doch langsam abzuzeichnen scheint.

Welles singt als ob es um sein Leben ginge – mit einem Funken Mitgefühl, Respekt und Menschenliebe. Klar, dass nun die amerikanische Öffentlichkeit auf ihn aufmerksam wird: Welles hat letztes Jahr vier Alben veröffentlicht, war für vier Grammys nominiert. Der Songschreiber hat ein riesiges Output und reagiert schnell auf das aktuelle Tagesgeschehen in den USA, wie etwa mit „Join Ice“. Dass hier seit langem wieder mal ein richtiger amerikanischer Protestsänger heranwächst, haben u.a. auch Joan Baez und John Fogerty erkannt. Man braucht sich nur ein paar Takte anzuhören und merkt: Das hat die Grösse von Guthries „This Land Is Your Land“. Noch ist nicht alles verloren, Amerika!

The Sensational Alex Harvey Band, Next, 1973

Produzent/ Phil Wainman

Label/ Vertigo

Der schottische Rockmusiker Alex Harvey ( 5. Februar 1935 – 4. Februar 1982), dessen charismatische Stimme so prägnant wie sein schwarzweiss gestreiftes T-Shirt war, ist heute fast vergessen, zumal er nie in der Galerie der schönsten Pop-Leichen wie Hendrix, Joplin etc. Erwähnung findet. Sei’s drum, 1973 brachte das zweite Album der Alex Harvey Band einen Karrierehöhepunkt. Eine UK-Tour mit Slade stärkte den Leistungswillen; sie spielten „Next“ und „Faith Healer“ im BBC-Fernsehen. Hard Rock im Mix mit Theater, kombiniert mit Alex Harveys Gesang und seinem dämonischen Charisma, machten einen wahren Magneten aus der Band.

Die Poesie des Chansons „Au Suivant“ von Jacques Brel über Freudenhäuser und Geschlechtskrankheiten schien als verderbte Titel-Geschichte „Next“ massgeschneidert für Harvey zu sein. Dagegen machten sie „Faith Healer“ zur Sensation des Reading Festivals 1973, als Harveys Frage „Can I lay my hands on you?“ auf ekstatische Antwort bei den 30’000 Festivalbesucher stiess. „Alle drehten komplett durch“, sagte der Gitarrist Zal Cleminson. Doch wie so viele grosse Augenblicke der Rockgeschichte war auch dieser Zufall. Bassist Chris Glen: „Der Song ist rein zufällig entstanden, denn damals musste die Kassette auf beiden Seiten gleich lang sein. Auf einer Seite fehlten zwei Minuten, deshalb bekam das Lied einen Vorspann.“

Lucinda Williams, World’s Gone Wrong, 2026

Produzent/ Ray Kennedy, Tom Overby

Label/ Highway 20

Lucinda Williams leidet nach wie vor unter ihrem 2020 erlittenen Schlaganfall, doch aufhalten lässt sie sich davon nicht. Das beweist auch ihr neues Album „World’s Gone Wrong“ auf dem die inzwischen 73-Jährige ihren Unmut über die aktuelle Weltlage zum Ausdruck bringt. Ihr Metier ist der Blues, und folgerichtig liegt ihr das Schicksal der Menschen von nebenan am Herzen. Auch deshalb widmen sich die zehn Songs der Menschenwürde, in in den USA zusehends auf der Strecke zu bleiben droht. 

Während der Titelsong vom immer schwerer werdenden Alltag der Zukurzgekommenen erzählt, lassen sich die nach viel Blut, Schweiss und Tränen klingenden „Something’s Gotta Give“ und „We’ve Come Too Far To Turn Around“ unschwer als Protestsongs lesen. Die furiose Musik wirkt wie Dreck unter den Fingernägeln; sie ist bissig, aber voller Emphatie. Und vorallem gibt sie nicht klein bei und pflügt sich immer weiter voran. Das Album ist ein imposantes und gradliniges Statement – frei von Kompromissbereitschaft. Mit ein Grund, weshalb sich das widerborstige, aber verlockende „World’s Gone Wrong“ unter die stärksten Werke der Musikerin aus Louisiana einreiht.

Les Rita Mitsouko, C’est Comme Ça, 1986

Text/Musik/ Fred Chichin, Catherine Ringer

Produzent/ Tony Visconti

Label/ Virgin

Um zu wissen, dass die Euphorie in der Jugend stärker ist als im Alter, braucht man keine Studien. Dass die Studien es bestätigen, finde ich nicht besonders „erschreckend“. Auch ohne grosse Euphorie hat das Alter gewisse Vorzüge. Wenn man ein paar Dekaden hinter sich hat, weiss man, dass das Leben nicht nur aus „Liebe bis in die Zehenspitzen“ und atemberaubender Euphorie besteht, sondern dass auf die Euphorie oft der Absturz folgt, die Trennung, der Blues. Wie Les Rita Mitsouko schon vor vierzig Jahren sangen: „C’est comme ça“. 

Damals wollten wir es vielleicht nicht so genau wissen, aber mit der Zeit wissen die meisten, dass es so ist. Und auf die Gefahr, wie ein Grufti zu klingen, muss ich auch sagen: Immer, wenn ich versuche, mich „für neue Musik zu interessieren“, komme ich zum selben Fazit: Die sogenannte „neue Musik“ klingt wie die alte, nur weniger gut. Aber das macht nichts. Ich habe soviel Musik, dass ich sie jahrelang rauf- und runterhören kann. Es gab damals ja nicht nur Abba und Pink Floyd, sondern noch unendlich viel mehr, von Warren Zevon bis Dusty Springfield, Gram Parsons, Françoise Hardy, und so weiter…