Pretenders, 1979

Produzent/ Chris Thomas, Nick Lowe

Label/ Sire

Wer Ende der Siebziger in England auf Platz eins kommen wollte, musste Eklektizist sein, je cleverer desto smart. Originäres war nicht gefragt, zumindest nicht in den Top 10. Chrissie Hynde wusste das sehr genau, hatte sie doch auf ihrem Weg bereits genügend Experimente durchgemacht und kannte sich im Rock-Business aus.

Das Debütalbum der Pretenders wurde damals von der englischen Musikpresse fast ins Unermessliche als grossartige Mischung von alt/neu gelobt. Zunächst ist das mal Hard-Rock, wie er damals beim jugendlichen Publikum recht beliebt war. „Precious“, der Aufmacher, hat den nötigen Dampf und genügend Stakkato um Eintönigkeit zu umgehen, die folgenden Titel zeigen jedoch trotz dem Widerhaken im Musikus von Chrissie Hyndes spielender Stimme eine schwache Band. Wenn schon Hard-Rock, dann brauchts hier Phil May an der Gitarre oder Stewart Copeland am Schlagzeug, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen.

Aber dann kommt „Stop Your Sobbing“, der alte Kinks-Titel und der erste Single-Hit der Pretenders markiert den Wendepunkt, hin zum wunderschönen Uuuh-Aaah-Pop, von dem ich bis heute nicht genug bekommen kann. „Stop Your Sobbing“ ist für mich eindeutig der Höhepunkt des Albums (Nick Lowe hatte hier kaum, mal viel die Hand im Spiel). „Kid“ hat ein überdeutliches Shadows-Intro, die Staubschicht der Nostalgie liegt nicht mehr allzu fern, und danach kommt so eine Mixtur aus verquirlter Patti Smith und steif geschlagener Police – und was an „Brass In The Pocket“ so toll sein soll, dass es in England zu einem Nummer 1 Hit wurde, weiss ich auch nicht. Immerhin überzeugt hier Chrissie Hyndes Gesang.

Das Debütalbum der Pretenders ist sicher kein grossartiges Meisterwerk, aber wenn ich mir den verschlafenen mädchenhaften Stil heutiger Sängerinnen anhöre, dann überzeugt mich Chrissie Hyndes Power allemal.

Elvis Costello, My Aim Is True, 1977

Produzent/ Nick Lowe

Label/ Stiff

Erste Bekanntschaft mit Elvis Costello machte ich im Herbst 1977 in einem Schallplattenladen in der Nähe vom Piccadilly Circus. Auf „My Aim Is True“ sind für mich nach wie vor ein paar der stärksten Kompositionen Costellos darauf. Was und wie Elvis singt, weist für einen Punk-Rocker viel Gefühl auf. Wenn es einen Vergleich mit Graham Parker gibt, so ist dieser ein wirklicher Optimist gegen den selbstquälerischen Realisten Elvis, der hier in zwölf Songs seine sexuellen Erfahrungen und Missgeschicke erzählt. Musikalisch bewegt er sich einerseits im Rockabilly der 60er Jahre, wie etwa auf „Mystery Dance“ wo er sein erstes sexuelles Erlebnis mit einem Mädchen beschreibt, oder auf „No Dancing“, das an die Ronettes erinnert. Anderseits gibt es immer wieder Rhythm’n’Blues wie bei „Sneaky Feelings“ oder auf „I’m Not Angry“. Und „Alison“ ist wohl nach wie vor einer der schönsten Schmachtfetzen, den ich kenne.

Begleitet wird Elvis Costello auf diesem Album von der unbekannten Gruppe The Shamrocks, produziert hat Nick Lowe, der auch für andere Stiff-Musiker, vorallem aber für Graham Parker verantwortlich ist. Ein zweiter Graham Parker ist Elvis Costello nicht geworden, auch nicht „Elvis is King!“ wie es die hundertfach wiederholte Minischrift auf dem winzigen Schachbrettmuster des Covers verkündet. Eher sowas wie der „Mystery Man“, der feststellt: „Don’t you think, that walking on the water won’t make me a Miracle Man?“

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Nirvana, Smells Like Teen Spirit, 1991

Text/Musik/ Kurt Cobain, Dave Grohl, Krist Novoselic

Produzent/ Butch Vig

Label/ Geffen Records

Es waren die späten Achtziger, und die Generation X langweilte sich schrecklich, als plötzlich eine chaotische Garagenband aus Seattle die Szene stürmte. Die zerbrechliche Frontfigur mit dem schmutzig-strähnigen Haar und dem Namen Kurt Cobain war genau, wonach sie suchte. Cobain sprach für Millionen von Jugendlichen, die nicht mehr an die Rockmusik glaubten. Man braucht sich nicht in die Musik von Nirvana zu vertiefen, um ihr wichtigstes Thema zu finden: die tiefe Unzufriedenheit mit der Masslosigkeit des Lebens. Und „Smells Like Teen Spirit“ war das Kampflied eines Gefühls, das jeder Heranwachsende kannte, aber keiner aussprach: Angst.

Aber nicht nur das, wofür sie standen, machten Nirvana zu einer wichtigen Band. Ironischerweise löste Cobains achtloser „Direkt-vom-Bett-auf-die-Bühne-Stil“ eine neue Modebewegung aus. Sein Leben auf der Überholspur faszinierte mindestes so stark wie seine Gitarrengriffe. Und wie alle wichtigen Rockepochen hatte auch Grunge eine Drogenkultur. Für seinen selbstzerstörerischen Narzissmus konnte Cobains Droge nur Heroin heissen.

Ausschlaggebend für Nirvanas Aufstieg in den Rockolymp war aber der 5. April 1994, als Cobain sich mit 27 Jahren eine Ladung Schrot durchs Hirn jagte – er beendete sein Leben, das so kurz war wie ein gutes Punkrockalbum. Im Abschiedsbrief hatte er Neil Young zitiert: „Better to burn out than fade away.“ Cobains Tod beflügelte die Verschwörungstheoretiker, aber er gab seiner Musik auch eine Romantik und Einzigartigkeit, die sie unberührbar und über jeden Zweifel erhaben macht.

The Gun Club, Fire of Love, 1981

Produzent/ Chris D., Tito Larriva

Label/ Ruby

Der Gun Club. Das Debütalbum „Fire of Love“ schürfte 1981 tief in der Musikgeschichte: Der Blues der 1930er klingt immer wieder durch, in den Akkordfolgen und auch im Gestus der Musik. Aber zusammengeschmissen mit dem zeitgenössischen Postpunk der frühen Achtziger. Natürlich ist alles zentriert um das Jaulen des egomanen, früh verfetteten, früh verstorbenen Jeffrey Lee Pierce. Der Sänger liebt Rituale. Die Grossstadt hat ihn aufgenommen, ein echter Sohn des heissen Pflasters, aber in seiner Seele wüten Aberglauben, puritanisch religiöser Wahn und der halsstarrig amerikanische Traum gegen alles Wissen um Tatsachen und aufgeklärte Vernunft. Die Wüste ruft in die Einsamkeit und Verlorenheit, auf endlose Highways und immer auf der Flucht vor den Blechdosen am eigenen Schwanz. Wenn man „Fire of Love“ hört, schluckt man soviel Staub, dass die Lungen platzen.

Was ist ein Amerikaner, der sein Land hasst? Wenn auch das letzte Ideal nackt und frierend, würdelos im Regen steht, hetzt er ruhelos und verzweifelt die Gespenster, die ihn jagen. Sie wollen ihm sein Land miesmachen. Gun Club sind wie Jerry Lee Lewis der angesichts von „Great Balls Of Fire“ plötzlich vor dem göttlichen Gericht zittert. Und dann trotzdem singt. „Got my mojo working, but it just don’t work on you…“. Wie gesagt, die Platte ist gut, vorallen nachts, wenn man nicht einschlafen kann. Manchmal zählt eben nicht die richtige Tonart, sondern die richtige Tönung.

Wreckless Eric, Whole Wide World, 1977

Text/Musik/ Eric Goulden

Produzent/ Ian Dury, Nick Lowe

Label/ Stiff

Nach längerer Zeit mal wieder „Whole Wide World“ aufgelegt. Ein kleiner Schrammel-Hit. Gespielt von der Einmann-Punk-Band Wreckless Eric. Für mich war er irgendwie der Grösste, weil er fast alle Dinge, bei denen andere Leuten, um cool und geheimnisvoll und aggressiv zu wirken, in Moll, Blues, Spanisch und Kirchtonarten spielten, in Dur erledigte. Deswegen ist er weniger zum Grosskünstler geworden, ist mir aber doch fast noch sympathischer als der Varianten-Kaiser Elvis Costello, mit dem er zusammen bei Stiff Records anfing.

Seit dem Debüt „Whole Wide World“ hat Wreckless Eric (oder Eric Goulden wie er mit bürgerlichem Nachnamen heisst) ein tolles Händchen für eingängige, rotzige Popsongs. Vomüber den herrlich süffisanten Rock-Stampfer „Pop Song“, in dem er sich eben dieses Talent kokettierenderweise, wegen mangelnden Erfolgs, selbst auf die Schippe nahm – bis zu der den Kinks geschuldeten Jahrmarktsmelodie von „Hit And Miss Judy“ oder dem Brit-Pop Blueprint von „Broken Doll“. Im Grunde war dem Mann stilistisch weder etwas heilig, noch irgendetwas zu peinlich; genau das ist aber gleichzeitig auch der Grund warum sich diese Songs heute immer noch frisch anhören. Auf „Greatest Stiffs“ gibt es jede Menge herzzerreissende und keineswegs, wie es zunächst scheinen mag, unbeschwerte Party- und Beat-Musik aus glorreichen Punkzeiten.

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Nina Hagen Band, 1978

Text/Musik/ Nina Hagen, Nina Hagen Band

Produzenten/ Nina Hagen Band, Tom Müller, Ralf Nowy

Label/ CBS

Es war schon ein kolossaler Einbruch in die Weltparaden (und in die WGs) der Endsiebziger, dieses Debütalbum der Nina Hagen Band. Bemerkenswert auch deshalb, weil in Insiderkreisen kaum Aufsehen oder Häme entstand wegen der sonst ach so unpoppigen deutschen Sprache und ebensowenig wegen des etwas punkfernen Grundsounds der ehemaligen Lokomotive Kreuzberg. Letzlich war es allerdings eine von Tubes- oder Rundgren-Artistik geprägte, postfreie, aber kraftvolle Mixtur, die etwas Zeitloses, Stilübergreifendes ausstrahlte und daher auch bestens zum universellen Gesang der aus der DDR emigrierten Biermann-Stieftochter Nina passte.

Wobei „Gesang“ hier schon fast wieder eine Untertreibung ist. Da vereinte sich eine klassisch ausgebildete Stimme (doch noch) mit der Rotzigkeit des Punk und schuf so quasi ein neues Rockregister. Eines, das Grenzerfahrungen, Konsumkritik und Frauenpower zum Besten gab und so das Album auch zu einem Identitätsträger für die Bewegten jener Tage machte. Es ist jedenfalls das Beste, was Nina Hagen je musikalisch zustande brachte. Und es hat nebenbei auch noch einen schönen Slogan: „Ob blond, ob schwarz, ob braun/ Ich liebe alle Frau’n.“

The Stooges, 1969

Produzent/ John Cale

Label/ Elektra

Ann Arbor, Michigan, 1967. Der 20-jährige Schlagzeuger James Osterberg wurde zu Iggy Pop, dem Leadsänger. Er tat sich mit Ron (Gitarre) und Scott (Schlagzeug) Asheton zusammen und dem Bassisten Dave Alexander, nicht zuletzt, weil deren Eltern Häuser hatten. Iggy war im Wohnmobil aufgewachsen, da liess sich schlecht ein Proberaum einrichten. Die Asheton-Brüder waren exzessive Kiffer, das heisst, dass eine auf zwei Uhr angesagte Probe frühstens um vier begann, um fünf aber kamen die Eltern von der Arbeit nach Hause und wollten ihre Ruhe. Klar, dass die Band so auf keinen grünen Zweig kam.

Also erklärte Iggy kurzerhand zum Konzept, dass die Band bloss ein 18-Minuten-Set auf Lager hatte. Die Stooges probten und komponierten fortan auf der Bühne und kreierten damit, was später Punkrock ausmachen sollte: der Moment, in dem Ignoranz und Dilettantismus eine geistige Freiheit erzeugen, die interessante Musik entstehen lässt. Und eine unglaubliche Energie, chaotisch, aggressiv und sexuell. Das Debütalbum der Stooges nahm sich 1969 in dem grassierenden Love & Peace-Fieber aus wie ein kopulierendes Paar in einem Krippenspiel. Fast zehn Jahre später traten die Punks mit einem Stooges-Slogan zur musikalischen Revolution an: „Search and Destroy“.

Die Stooges waren wohl die konsequenteste Ausformung dieses grossen Gestus des klassischen Punkrocks. Damit sind sie heute radikal unmodern, in einer Zeit, in der viele Junge die bedrohliche Lage der Welt genau in diesem Gestus bedroht sehen. Vielleicht nicht ganz zu Unrecht. Aber sie wirkt noch, diese Musik, und zwar gewaltig. Sie lebt.

The Clash, Complete Control, 1977

Text/Musik/ Joe Strummer, Mick Jones

Produzent/ Lee „Scratch“ Perry

Label/ CBS

Was sagen einem heute Songs, die wesentlicher Bestandteil der Jugend waren. Mit geballter Faust vor dem Computer sitzen, „Complete Control“ hören und sich vorkommen wie ein Boulevard-Journalist beim Abfassen einer „70er-Punk-Story“. Ich erinnere mich noch an die Fahrt nach Lausanne mit Pädu an das  Konzert von Clash 1981 im Palais de Beaulieu. Dort, wo ein paar Typen versucht haben Strummer von der Bühne zu ziehen und der mit der Gitarre um sich schlug. Zerdepperte Bierflaschen auf der Eingangstreppe und eine Schmierpizza am Verpflegungsstand und sich unheimlich Urban-Guerilla-mässig vorkommen. Klar, das wussten wir doch damals schon, dass die in England Punk schon hinter sich hatten. Es war dann auch schon fast ein absolut nostalgisches Konzert mit allen wilden, wüsten Hits, Fussballchören und Strummer-Hymnen. „Complete Control“, ein feiner Punkrocksong, auch heute noch hörbar. Stay free, Buddy. Die Welt ist nicht besser geworden.

Green on Red, Here Come The Snakes, 1989

Produzent/ Jim Dickinson

Label/ China Records

Green On Red sind eine von diesen Independent-US-Bands der 80er Jahre, die mir, trotz diversen Ups and Downs, immer gut gefallen haben. Ich hatte die Band 1984 mal live gesehen. Das Konzert blieb für mich ein grösseres Erlebnis, das man nun wirklich nicht alle Tage hat. Dan Stuart ist ein Sänger mit einer Mission. Auch wenn seine Ansichten sehr traditionell sind, redet er offen und furchtlos über Obsessionen, die anderen peinlich sein könnten: Sozialfälle, Drogen etc. Bei Stuart ist alles souverän und er steht dabei fest in seiner dickbäuchig krähenden Richtigkeit. Das macht er übrigens auch noch dreissig Jahre später so.

Der absolute beste Song auf dem Album „Here Comes The Snakes“ ist für mich „Change“: „Over the mountain“, du siehst den Berg, er baut sich vor dir auf, verdeckt die Sonne, aber du kommst bis zum Gipfel und „home on the range“, er hängt dich an irgendeinen blöden Hängegleiter oder so etwas, und home liegt dir zu Füssen, und er holt nochmals Luft, und es wird richtig laut in diesem eigentlich nicht sehr lauten Song: „Some things never change“. Ja. Daran muss man auch mal denken. Manche Dinge tun das tatsächlich nicht, jedenfalls nicht in einem Tempo, dass die Veränderungen wahrzunehmen erlaubt.

Dr. Feelgood, Stupidity, 1976

Produzent/ Dr. Feelgood

Label/ United Artists

Das die Feelgoods eine gute Live-Gruppe waren, wurde ja schon oft beschrieben, und das ist auf „Stupidity“ zu hören, soweit so etwas auf einem Album möglich ist. Keine Overdubs, keine Tricks und keine Mätzchen, purer Punk-R&B, direkt, knallhart und roh. Auf so eine Gruppe hatte ich eigentlich schon seit 1966 gewartet, als wir den Begriff „Punk“ noch nicht kannten und Achtung vor den Gruppen hatten, die nicht versuchten den schwarzen Mann zu spielen, die sich selbst in der Musik ihrer amerikanischen Vorbilder wiederfanden und sich nicht einfach reproduzierten, sondern so wiedergaben, wie sie sie in sich selbst verarbeitet, umgearbeitet hatten. Man kann die Feelgoods Versionen gar nicht mit den Originalen vergleichen, man sollte auch gar nicht erst versuchen, es zu tun, denn die Typen wollen aus Southend nicht die Südstaaten der USA machen.

Lee Brilleux war auf seine Art ein brillanter Harmonikaspieler, der sich einen Dreck um Sonny Boy oder Little Walter scherte, denn die Klänge, die er hervorbrachte, passen perfekt zum Sound der Gruppe, und das allein zählt. Bei Dr. Feelgood halte ich auch die Eigenkompositionen von Wilko Johnson für hervorragend, denn sie stehen den Cover-Versionen in nichts nach. Aber was soll das Ganze: Ich könnte mich heute noch ärgern, dass ich im Juni 1979 in London keine Zeit hatte, mir Dr. Feelgood im Empire Ballroom anzusehen. Solche Dinge kann man nur versäumen, nicht nachholen.