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Lou Reed, Rock & Roll, 1969

Text/Musik/ Lou Reed

Produzent/ Lou Reed

Label/ RCA

Rock ist überall, er war es nicht immer. Früher rauschte er auf der Mittelwelle, wenn überhaupt. Bevor MTV und die Privatradios ihn überallhin verbreiteten, musste er entdeckt werden. Lou Reed’s Song „Rock & Roll“, zum ersten Mal gespielt mit den Velvet Underground, ist halb Satire, halb Bekenntnis und lässt die Entdeckung wie eine Bekehrung aussehen: “ Jenny said, when she was just five years old/ There was nothin‘ happening at all/ Every time she puts on the radio/ There was nothin‘ goin‘ down at all, not at all/ Then, one fine mornin‘, she puts on a New York station/ You know, she couldn’t believe what she heard at all/ She started shakin‘ to that fine, fine music/ You know, her life was saved by rock’n’roll/ Despite all the imputations/ You know, you could just go out/ And dance to a rock’n’roll station“.

Das war 1969. Und zeigt schon das Problem, über Rock zu schreiben, ohne ihn zu hören. Zunächst passen Text und Musik nicht zusammen. Das Stück ist kein Rock’n’Roll-Stück, eher eine Folk-Nummer. Erst auf dem Live-Album „Rock N Roll Animal“ und an seinen Konzerten hat Reed den Song dann unter Strom gesetzt. Sein Gesang bleibt aber auch dort unterkühlt. Es war Mitch Ryder, der ehemalige Sänger der Detroit Wheels, der in seiner Version das Versprechen gesanglich/gestisch einlöste. Das verlieh der Nummer Kraft, brachte sie aber um ihre Ambivalenz.

Man muss nämlich gehört haben, wie achtlos Reed das Lied intoniert. Als traue er der Intensität nicht, die er beschwört. Er verspottet sie, indem er übertreibt, das Wort „Rock’n’Roll“ höhnisch dehnt, seine halbstarke Pose parodierend. Er geht auf Distanz, indem er Banales wiederholt und betont, scheinbar überflüssigerweise „not at all“ hinzusetzt, das „de-spite all the im-pu-ta-tions“ betont abhebt und in der zweiten Strophe bei „fine, fine music“ in mokierendes Falsett ausbricht. Ein Komiker wie Lou Reed tut das nicht ohne Absicht. Die Absicht ist, heiss zu sein und cool zu bleiben.

11 Gedanken zu “

  1. Seine Eltern wollten ihm einst diesen kranken Musik-Geschmack austreiben – per Elektroschocktherapie; so wurde auf dem NDR erzählt. Zu Zeiten seiner beiden Mit70er live-Platten („R&R Animal“ und „Lou Reed live“ war er am Ende. Erfolgsdruck, Drogen, Alkoholkrank, sexueller Orientierungswirrwarr. Er spielt nicht den Gebrochenen, er war gebrochen. Die Warnungen der Eltern schienen ihn nun einzuholen: Das Drogenende. In absehbsarer Zeit wird sich das „Berlin“-Schicksal an ihm erfüllen, so schien es.

    Es heißt, er habe sich für tot erklären lassen und sei enttäuscht gewesen,dass die Nachfrage an Lou Reed Nachlass nicht ansprang.

    Das wiederum habe ihn befreit: Take no prisoners – streethassle …. der neue Lou entstand.

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    1. Ja, so isses. Ein psychiatrischer Disziplinierungsversuch des 17jährigen mittels Elektroschocks, sagte Reed einmal, habe bei ihm ein gesteigertes Interesse für die Elektrizität bewirkt.

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  2. Das eigentlich interessante an dieser Scheibe ist für mich Lou Reeds fantastische Begleitband, insbesondere die beiden Gitarristen Dick Wagner und Steve Hunter. Zuweilen hat man geradezu den Eindruck es sind die Allman Brothers mit Reed als Lead-Sänger!

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    1. Natürlich hast Du recht! „Rock n Roll Animal“ ist eine brilliante Live-Scheibe. Allein das dreiminütige Instrumental-Intro von Gitarrist Steve Hunter (und der hervorragenden Band), das nahtlos in eine hart rockende Version von „Sweet Jane“ übergeht macht das Album interessant. Auch die melodisch und dynamische Version von „Heroin“, sowie das funky „Rock And Roll“ sind weitere Highlights.

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      1. That’s right about the band. I remember that now. First time I caught him was the ‚Sally Can’t Dance Tour‘. Even the band off of ‚Rock N Roll Animal‘ couldn’t have saved him that night. Lou was not right in the head on that occasion.

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      2. Victor Bookris wrote in his biography (1994) that Lou Reed was psychologically stunted due to his years of excesses. In 1959, he became electro-shock treatments on behalf of his parents. The goal was to bend the young Lou back into reality.

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      3. The bad show didn’t turn me off. He cleaned (obviously he had some demons) himself up and continued to make great music and do good live shows. I’m a big fan. This album was different but I always see a musicians output as one big pool of their ideas. This album worked for me and it was a good band.

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      4. I never saw Lou Reed live but I bought almost all of his records … Another interesting live album is „Take No Prisoners“ – part music and part comedy. Personally, I prefer the band that recorded „Rock N Roll Animal“ and „Lou Reed Live“, but there’s also some great music and Reed in Lenny Bruce styled rants.

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      5. Fox , I’m a big fan (almost all his albums also) and have never listened to the ‚Prisoners‘ album. You have my interest with your description. I’ll put it on the spin list. Like the Lenny Bruce comparison. I like the uncensored Lou.

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