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John Lennon, Working Class Hero, 1970

Text/Musik/ John Lennon

Produzenten/ John Lennon, Phil Spector

Label/ Apple

John Lennons erstes Soloalbum folgte auf vier Monate Urschrei-Therapie bei dem New Yorker Psychologen Dr. Arthur Janov, in denen sich Lennon seinen Dämonen gestellt hatte: eine fast mutterlose Kindheit und Jugend, der Zerfall seiner Band, das Paradoxon seines Bildersturms, Schuldgefühle und die Geringschätzung seiner Mittelschichtherkunft – all das floss in „Plastic Ono Band“ (1970).

Das auffällig dylaneske „Working Class Hero“ ist voller Verachtung, Sarkasmus und Bitterheit; der schonungslose, spöttische Text wird zur folkig-rauh gespielten Gitarre halb gesprochen, halb gesungen. Als wäre der Song nicht schon heftig genug, unterstreicht Lennon seine Entfremdung von den biederen Publikumsanteilen mit zweimaliger Verwendung des Wortes „fucking“ ( so entlarvt er z. B. uns Hörer als „fucking peasants“, „verdammte Bauern“).

Viele Kritiker nahmen es John Lennon übel, dass er sich als ein Teil der Arbeiterklasse bezeichnete, schliesslich war er in einem guten Mittelstand Haushalt bei seiner Tante gross geworden. Daraufhin rechtfertigte sich Lennon, dass der Song sardonisch sein sollte und es habe nichts mit Sozialismus zu tun. Er erzählte, dass er selbst als er berühmt war Zeiten erlebte, in denen er sehr glücklich und Zeiten, in denen er sehr unglücklich war. Und genau darum geht es.

23 Gedanken zu “

    1. Of course I would like to see him as a wise ponytail old man at 80, but he sticks for me with the Beatles times and the great utopia of revolution. „Working Class Hero“ isn’t his best song, but his angriest. And sings it in a very special way with bitterness and irony. Not even Marianne Faithful’s version comes here along.

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  1. Sarkasmus und Humor lassen sich bei John Lennon kaum trennen. Es ist geradezu brillant, wie genüsslich er sich in „How do you sleep?“ (auf Imagine) über Paul McCartney hermacht: „The only thing you done was yesterday.“ Allerdings verlor sich seine kreative Dynamik nach dem Ende der Beatles weitgehend im poppigen Mittelmaß, von Ausnahmen abgesehen.

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    1. In “Working Class Hero” steckt viel Bitternis und Ironie. Gerade weil der Song musikalisch reduziert arrangiert ist, hört sich der Text gut an. Zu einem Working Class Hero hätte ohnehin keine Bombast-Band gepasst. „How Do You Sleep“ ist ein ziemlich unfairer Seitenhieb. So ein Song kann auch gut klingen. Mit George Harrison an der Sologitarre.

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  2. Ich hing ihm lange an. Aber letztlich bleibt vom großen Blender nicht viel übrig.
    Fucking Peasants – würd ich eher mit sowas wie „verfluchte Erbsenzähler(oder Spießer)“ übersetzten.
    Working class hero – naja…seine „Engagiertheit“ wird sehr überschätzt. Letztlich war er ein englischer Schlingensief. Unberechenbar. Schrullig. Oft den Zeitgeist treffend, aber nie festnagelbar. Ein Künstlerirrlicht. Gegen ihn war Zappa geradezu gradlinig.

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    1. John Lennon war damals ziemlich unstet und naiv. Er schien sich in all diesen hektisch organisierten Konzerten, Friedensaktionen, Kunstausstellungen und Experimentalfilme zu verlieren. Es gibt für mich von ihm auch nur wenige Lieder, wie z.B von „Jealous Guy“ oder „Working Class Hero“ oder „Imagine“ abgesehen, die die Qualität erreichten, die er in der Partnerschaft mit Paul McCartney gesetzt hatte.

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  3. Mir scheint, hier wird der „Elephant in the room“, die Hauptsache, ignoriert. Nach einer zeitnahen Beschreibung seines Lebens nach den Beatles, die ich damals im Rolling Stone gelesen habe, war seine Ehe prekär, er nahm, wie schon bei den Beatles jede Menge harte Drogen (in seinem Fall vieles, wie Heroin, aber auch regelmässig LSD und auch Speed Varianten). Andere haben diesen Lifestyle nicht überlebt; ihn machte es offensichtlich unausstehlich und hat vielleicht auch sein Kreativität beeinträchtigt.
    Ich hatte damals die Single „Cold Turkey“, und sie ist höchstens für Masochisten ein Genuss.
    Es wurde auch schon viel geschrieben über den Drogenverbrauch der Beatles und dem Einfluss Dylan’s, der eifrig half, die Fab Four zu korrumpieren.
    Ach, und ich selbst war auch kein Unschuldslamm, auch wenn sich das heute so anhört… aber ich glaube, daß es speziell bei Lennon zuviel war.

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    1. Dass John Lennon psychische Probleme hatte, steht ausser Frage. Er hatte schwere Depressionen und Abstürze im Drogen- und Alkoholrausch. Er gab zu, Frauen geschlagen zu haben, und sagte, es seien die gewalttätigsten Leute, die sich nach Liebe und Frieden sehnen. Selbst sein grösster Fan war später von ihm als Mensch enttäuscht, weil er als Multimillionär nicht so lebte, wie er es seinem Song „Imagine“ nach hätte tun sollen. Also richtete er vor dem Dakota Building die Pistole auf den aus einem Plattenstudio heimkehrenden 40 Jahre alten Ex-Beatle und drückte mehrmals ab.

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      1. Ich glaube, jeder geniale Mensch bekommt irgendwann seelische Probleme, ist er doch von Leuten umgeben, die gar nicht abschätzen oder beurteilen können, was so einen Menschen umtreibt.

        Will ich mich als Normalo mit einem Menschen, der Dutzende genialer Lieder geschrieben hat, über Musik unterhalten und meinen Senf dazu geben?

        Ich kann mich höchstens voll Demut hinsetzen, eine seiner Platten auflegen und genießen, was er mir geschenkt hat, selbst wenn mir einiges aus der Nach-Beatles-Zeit nicht gefällt…

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      2. Was er in seinem ersten Solo-Album veröffentlichte, hatte nichts mehr zu tun mit den Beatles. Sachen wie „God“, „Mother“, „Isolation“ und „Working Class Hero“ sind nun wirklich keine leichte Kost. Und so radikal wie ihn seinen Songs, war er auch in seinem Leben, was ihm zu schaffen machte. John Lennon war zwar ein genialer Songschreiber, aber er war auch ein höchst komplizierter Mensch.

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  4. I loved his proper debut album Plastic Ono Band…not counting the Wedding album etc… This song with God, Mother, and Love does it for me.
    This is the sparse Lennon which I loved. Lennon would contradict himself a lot…I also think of Pete Townshend the same way…great for quotes but a little later would sometimes apologize (I didn’t mean that the way it sounded…I was just mad at Paul/Roger) or say something completely opposite.

    For me this was the best Lennon album…and Working Class Hero was part of it.

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    1. Thanks, Max! For me is „John Lennon / Plastic Ono Band“ not his best, but his most intense album. I like the emotionality of his shouting in songs like „Mother“, „I Found Out“ or „Well Well Well“. The sparse, minimalist instrumentation also goes perfectly with the lyrics and Lennon’s unique singing.

      „Working Class Hero“ shows more the young Lennon from the Liverpool days who rebels against the system that wants to dictate his life. The song is quit calm, but in sentences like „Keep you doped with religion and sex and TV / And you think you’re so clever and classless and free / But you’re still fucking peasants as far as I can see .. . “ is great anger in the air. You expect to hear him start screaming again. But he remains reasonably calm.

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      1. I agree…it’s like he went back to his Liverpool days for a year or two there…I guess some to shake off the Beatle thing. I guess it was partly due to the scream therapy and the drugs.

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  5. Eine Ausstellung über ihn findet derzeit in Japan statt.

    https://doublefantasy.co.jp/

    Ich denke, es ist ein bedeutungsvolles Projekt, aber ich persönlich habe keine Pläne zu gehen.
    Ich bin kein blinder Fan von ihm, daher möchte ich lieber die Botschaft seiner singenden Stimme auf meiner CD spüren als seine ausgestellten Erinnerungsstücke.

    Bitte verzeihen Sie mir, wenn ein Grammatikfehler vorliegt.

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    1. Vielen Dank für die Einladung zur „Double Fantasy“-Ausstellung. John Lennon gilt zwar immer noch eine der grösste Rocklegenden aller Zeiten, aber es gibt keinen Grund ihn und seine Beziehung zu Yoko zu idealisieren. Auch für mich lebt er in seinen Songs weiter, und in der Musik, die er mit den Beatles gemacht hat.

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  6. Seine größte Zeit hatte er wohl bei und mit den Beatles, mit Paul McCartney an seiner Seite. Aber egal wie „groß“ (oder anders ausgedrückt wie „nicht groß“ ) seine Bedeutung, sein Genius, sein Werk etc waren: Ich mag seine Musik noch immer. Ich mag auch sein „irrlichtern“ und wünschte mir, der eine oder andere lebende Musiker und Künstler hätte diese Aura und diesen Geist.
    Liebe Grüße,
    Werner

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    1. Ich sehe das auch so! John Lennon hat ein paar schöne Songs gemacht (manche davon sind weniger Pop als vertonte Agitation), aber als Musiker und Songwriter erreichte er nie mehr den Qualitätsstandard, den er in der Partnerschaft mit Paul McCartney hatte.

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    1. Die Faszination für John Lennon ist ja nicht nur wegen seiner Musik heute noch ungebrochen, sondern auch weil er durch sein politisches Engagement und die Ermordung 1980 in New York zur riesigen Projektionsfläche für die Medien wurde.

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