
Joni Mitchell, The Hissing of Summer Lawns, 1975
Produzentin/ Joni Mitchell
Label/ Asylum Records
Die weitverbreitete Behauptung, Frauen hätten in der Popmusik lange Zeit nur eine Existenzberechtigung gehabt, sofern sie der Projektion des Opfers oder des Fertigprodukts entsprachen, dürfte mittlerweile ein wenig veraltet und schematisch wirken. Trotzdem markierte „The Hissing Of Summer Lawns“ von Joni Mitchell eine Zäsur, denn zum ersten Mal trat eine Songwriterin mit dem Anspruch eines souveränen Autorensubjekts auf, indem sie sich den bis dahin nur der maskulinen Signifikationswelt vorbehaltenen Luxus leistete, ihre Veröffentlichungen als Werkkörper und Schauplatz einer Entwicklung mit Option auf fliessende Identitätswechsel zu definieren.
Um diesen Selbstentwurf durchsetzen zu können, brach sie einerseits mit den bis an die Schmerzgrenze naturalisierten Ausdrucksformen ihrer Frühphase, aber auch mit dem bohemistischen Künstlermodell, das sich Würde nur unter den Bedingungen materieller Armut und der romantischen Fiktion des tragischen Scheiterns vorstellen kann, Im Gegenzug plädierte „The Hissing Of Summer Lawns“ für eine Stilpolitik der unterkühlten Eleganz und etablierte eine hypermoderne Vorstellung von Urbanität, die in der Stadt nicht länger als Ort von existentiellen Abenteuern und Street-Credibility sehen mochte. Los Angeles wurde zur topischen Metapher einer sonnenbeschienenen, mit Chrom und Glas verspiegelten Suburb, in der Träume von einem anderen Leben unter Palmen und dem Zischen der Rasensprenger in ein zivilisatorisches Vakuum verdampfen.
