AC/DC, Dirty Deeds Done Dirt Cheap, 1976

Produzent/ Harry Vanda, George Young

Label/ Atlantic

AC/DC das sind auf diesem Album: Angus Young, Leadgitarre; Malcolm Young, Rhythmusgitarre: Bon Scott, Gesang; Phil Rudd, Schlagzeug und Mark Evans, Bass. Produziert wurde „Dirty Deeds Done Dirt Cheap“ von Harry Vanda und George Young. Vanda und Young waren die Gitarristen der Aussie-Beat-Band The Easybeats, die 1966 mit „Friday On My Mind“ einen grossen Hit hatte. Dieser George Young war der ältere Bruder von Angus und Malcolm; eine richtige Rock’n’Roll-Familie also, diese Youngs. Nun, Bruder George hat Angus und Malcolm alle Tricks aus dem Rock-Lehrbüchlein gezeigt, und die beiden nebst den drei anderen waren, wie man hören kann, gelehrige Schüler.

Ergebnis: Die neun Titel dieser Platte sind so, wie Rock-Nummern eben sein sollen: laut, schnell, aggressiv und elektrisierend. OK., der musikalische Horizont der rockenden Kängeruhs ist keinen Deut breiter als sagen wir mal Status Quo, aber AC/DC sorgen dennoch für unverfälscht geilen Rock’n’Roll-Spass. Darum nimmt man Sänger Bon Scott auch seine räudigen, dreckigen Lyrics ab, dass er „Big Balls“ hat, ein „Rocker“ ist und dass er keinen Bock hat „Waiting Round To Be A Millionare“. Sehr gute AC/DC Scheibe. Und jetzt mal den Regler ein wenig nach rechts schieben und in jener Welt stehen. Bis in die übernächste Steinzeit!

The Jayhawks, Tomorrow the Green Grass, 1995

Produzent/ George Drakoulias

Label/ American

Dieses Album hat das sentimentalische Potential der alten Filme aus den Sechzigern und frühen Siebzigern, die wir erst später gesehen haben und die vielleicht gerade deshalb so eine rätselhafte Melancholie verströmten, auch wenn sie gar nicht melancholisch waren. Die leicht verblassten Farben gaben wohl einen ersten Anschein davon, dass unser Leben siebenzig Jahre währet, und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig Jahr, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon…

Die Jayhawks sammeln vor allem Stoff, um den Beweis anzutreten, dass die siebzig, achtzig Jahre meistens eben doch nicht so köstlich gewesen sind. Ihre Worte deuten nur an, bleiben im Ungefähren, aquarellieren eine menschliche Tragik, die erst von der Musik endgültig beglaubigt wird. „Where have all my friends gone?/ They′ve all disappeared/ Turned around maybe one day/ You’re all that was there/ Stood by unbelieving/ Stood by on my own/ Always thought I was someone/ Turned out I was wrong…“ heisst es in dem schon überirdisch schönen „Blue“. Und eine alte, einfache, bekannte Musik, eine Mischung aus Folk, Country, sanftem Rock und Westcoast bildet den empathischen Klangkörper. Das wird alles ohne grosse Geste, verständnissinnig, fast schicksalshaft vorgetragen, als rechne man gar nicht unbedingt mit einem Publikum. Das ist natürlich Quatsch, aber es klingt so.

Mickey Baker, The Wildest Guitar, 1959

Produzent/ Mickey Baker

Label/ Atlantic

Vielleicht hätte er auch anfangen sollen, Gitarren zu entwickeln – dann wäre sein Name womöglich gleichermassen geläufig wie der des Kollegen Les Paul, was Bakers Bedeutung als Gitarrenpionier der ersten elektrischen Generation angemessen wäre. Viele eigene Alben nahm er im Laufe seiner langen Karriere nicht auf man kann ihn aber auf Alben von The Drifters, Ray Charles oder Ruth Brown ebenso hören wie auf solchen von Big Joe Turner oder Coleman Hawkins. Als Teil des Pop-Duos Mickey & Sylvia veröffentlichte er 1956 die Hit-Single „Love Is Strange“.

„Wilder“ im Sinne von roher wurde anno 1959 andernorts (in Chicago etwa) durchaus gespielt, der Titel stimmt aber trotzdem: Denn was Baker hier mit der Gitarre, vor allem mit den Möglichkeiten ihrer Elektrifizierung anstellt, ist definitiv wild und vor allem wegbereitend. Stilistisch befinden wir uns bei diesen zwölf Instrumentals von „Third Man Theme“ über „Autumn Leaves“ und „Old Devil Moon“ bis „Gloomy Sunday“ zwischen den Polen Rock’n’Roll, Blues, Pop/Easy Listening und Jazz, aber unter einem gitarristischen Aspekt ist das absolute Avantgarde!

Shocking Blue, Venus, 1969

Text/Musik/ Robbie van Leeuwen

Produzent/ Robbie van Leeuwen

Label/ Pink Elephant

Shocking Blue mit „Venus“ waren Ende der 60er berühmt. Eigentlich entsprach der Song nicht ganz meinem Geschmack, aber die Platte lief überall und ich habe sie so oft gehört, dass ich den Text auswendig konnte. Es gibt da mehrere Pausen. Gleich nach der ersten Zeile:“ A goddness on a mountain top. Top nur kurz (singend) ausgesprochen und dann Stopp. Mit der Pause entsteht eine kleine Verzögerung vor der nächsten Zeile: „Was burning like a silver flame“. In die gegenseitigen winzigen Pausen hinein, spielen dann auch die beiden Gitarristen, unterstützt vom Schlagzeuger.

In dem Video sind drei braun gelockte, junge Männer mit langen, dichten Haaren zu sehen und neben ihnen steht die Sängerin Mariska. Sie braucht keine grossen Gebärden, sie singt einfach und schwingt manchmal ein wenig die Hüften. Mehr als 124 Millionen Aufrufe hat das alte Video heute; und jeden Tag klettert die Zahl um weitere zwölfhundert. Shocking Blue spielen unaufgetakelt, gelassen freundlich, sogar eine Spur gelangweilt, was ihnen sehr gut steht. Und wieder singt die dunkeläugige Südschönheit „Her weapon were her crystal eyes, wobei mir bei diesem „weapon“ von Anfang an nicht nur die Waffen eingefallen sind, sondern auch das Wappen. Ihre Augen waren ein Wappen, sagte ich mir, als ich nur die Platte kannte und nichts vom Video wusste. Die Wörter hängen ja zusammen, sie sind gewappnet beziehungsweise sind sie ( jene Augen, das Lied und die Band) auch in ihrem Video gefeit, wogegen auch immer.

J. J. Cale, Cocaine, 1976

Text/Musik/ J. J. Cale

Produzent/ Audie Ashworth

Label/ Shelter Records

Das Stück heisst „Cocaine“ und es wurde ein Hit, weil es ein genialer Bluesrock ist, mit einem kraftvollen Rhythmus, einem nachlässigen Riff aus zwei Akkorden, einem coolen Gesang und einem Solo, das sich selber für seinen Auftritt entschuldigt. Und es hat einen Titel und einen Text, der eine verbotene Droge am Ende jeder Strophe erwähnt. Da wird das Kokain als Entspannungsmittel und als Trost verherrlicht. Aber in der zweiten Strophe heisst es auch „If you want to get down, get down on the ground“. Das kann in diesem Zusammenhang feiern bis zum Ende bedeuten, aber auch den Absturz nach dem Hochgefühl.

Gerade wenn es um Drogen geht, ist die Rockmusik oft bewusst zweideutig. Letztlich kommt es darauf an, wie man einen Song interpretiert. Wer damals harte Drogen nahm, verstand das Stück vielleicht als Bestätigung und Verherrlichung. Wer kein Kokain nahm, freute sich einfach über einen lässigen Song, der etwas Verbotenes besang. Natürlich war da auch Provokation dabei, wenn die Eltern und andere Repräsentanten des Bürgertums zigmal den Refrain „Cocaine“ zu hören bekamen. Wer hingegen Cannabis und anderes Zeug nahm, der konnte sich schon ermutigt fühlen, mal Koks auszuprobieren. Der psychologische Mechanismus dahinter heisst „Selektive Wahrnehmung“. Man hört heraus, was man hören will.

Lynyrd Skynyrd, (Pronounced ‚Lĕh-’nérd ‚Skin-’nérd) , 1973

Produzent/ Al Kooper

Label/ MCA

 Jaja, man ist in die Jahre gekommen, aber wenn wir das erste Album von Lynyrd Skynyrd auflegen, dann haben solche schnöden Begriffe wie Alter und Zeit eine andere Qualität. Natürlich sind es immer die simplen Southern-Rock-Songstrukturen (Gesangsteil, Chorus, Solo – und dann wieder von vorn, und wieder und wieder), auf diesem etwas störrisch-behäbigen, manchmal leicht boogietemperierten Schlagzeugrhythmus. Natürlich kennen wir jede amphibien-flinke Telecaster-Phrase von Gary Rossington in- und auswendig und es macht immer noch Freude Ronnie Van Zants sumpfiges Gegurgel zu hören.

Auf ihrem Debütalbum haben Lynyrd Skynyrd das alte Swamprock-Muster neu belebt und sind dennoch stets in Reichweite des grossen Stromes geblieben. Mit dem umwerfend schönen „Simple Man“ und „Free Bird“ enthält die Scheibe zwei Jahrhundertklassiker, die sich auch nach mittlerweile über fünf Jahrzehnten nicht totgespielt haben. Es ist so wie es ist.

Taj Mahal, Giant Step, 1969

Produzent/ David Rubinson

Label/ Columbia

Es mag für die heutige Generation unvorstellbar sein, aber es gab früher tatsächlich Musiker, die sich in ihrer Musik wohlfühlten „wie ein Schwein, das sich im Schlamm wälzt“. Um diesen interessanten Typus näher zu durchleuchten, müssen wir Taj Mahal (d.i. Henry Saint Clair Fredericks) aus seiner wohlverdienten Halbvergessenhewit ziehen.

Nach zwei modernen spätsechziger Blues-Revival-Platten erfolgte der „Giant Step“, und Taj Mahal machte sich auf, um „The Real Thing“ zu finden, forschte nach dem „De Ole Folks At Home“. Das klang jedenfalls auf befremdliche Weise vertraut genug, um den musikalischen Irritationen gerecht zu werden, die er mit seiner Mischung aus wiederbelebtem Countryblues und verhaltenen Rockanklängen hervorrief. Das 1969 erschienene Doppelalbum „Giant Step/De Ole Folks At Home“ wurde die erfolgreichste  Taj-Mahal-Platte aller Zeiten. Das Doppelpack hat zwei völlig unterschiedliche Platten, einmal elektrischer Blues-Rock, mit Jesse Ed Davis an der Gitarre und ausgehend von Songs, die im Original eigentlich nicht so bluesig sind („Giant Step“ von den Monkees oder Dave Dudleys „Six Days On The Road“), zum anderen Küchengesänge seiner Grossmutter, Banjo- und Mundharmonika-Instrumentals, Klatschnummern, A-capella-Zeugs, alles sehr urig und dabei dennoch funky und konsumierbar (eigentlich Grundvoraussetzung für solcherlei Versuche, schafft aber fast niemand). Der Titel „Giant Step“ spielt auf John Coltranes Jazzklassiker „Giant Steps“ an, verfolgt aber die Spuren des Blues in die Popmusik hinein. Hier muss es eben nicht heissen, dass ein Musiker „gut spielt“: es geht um den richtigen Akkord zur richtigen Zeit, den groovenden Schlagzeuger, das technisch wie ideell atemberaubende Gitarrensolo; aber auch um das unkontrollierte In-die-Saiten-Dreschen, das Hemmungslos-Losbrüllen zur richtigen Zeit. Nicht dass ich damit etwas gegen einen „toll gespielten“ oder „toll komponierten“ von heute Popsong sagen will. Aber ich hätte auch gerne ein paar neue Taj Mahals.

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Various Artists, Da Doo Ron Ron (From The Ellie Greenwich & Jeff Barry Songbook)

Produzent/ Mick Patrick

Label/ Ace Records

Es gibt ja viele Songschreiber-Teams, die untrennbar mit der Blüte der 60er Jahre Pop Musik verbunden bleiben. Leiber & Stoller, Pomus & Schuman, Goffin & King und natürlich Ellie Greenwich & Jeff Barry. Dieses blutjunge Paar aus Brooklyn spannte 1962 zu einem der erfolgreichsten Komponisten-Duos zusammen. Die Girl-Group-Welle der frühen Sechziger war ihr bevorzugtes Betätigungsfeld. Nach New Yorks berühmteste Girl-Groups jener Zeit – The Shangri-Las, The Crystals, The Chiffons, The Jelly Beans, The Ronettes, The Dixie Cups, The Exicters – verdanken ihre unsterblichen Song, ihre grössten Hits Greenwich und Berry.

Noch Dekaden später üben geniale Würfe wie „Da Doo Ro Ron“ oder „I Can Hear Music“ einen unwiderstehlichen Zauber aus, trotz aller Süsse und Phil Spectors Opulenz (oder gerade deshalb?). Für dessen Plattenlabels Philles und Red Bird lieferten die beiden Hits am Fliessband, später auch für Bert Bern’s Bang Records, wo Jeff Berry The McCoys mit einer Handvoll Hits versorgte. „Don’t Ever Leave Me“ war Connie Francis’ Beitrag zum Girl-Sound, im selben Jahr (1964) stürmte Lesley Gores „Look Of Love“ die Charts. Ebenfalls vertreten sind Tommy James & Shondelles mit „Hanky Panky“. Wie in den Liner Notes nachzulesen, hatten die beiden das in einem Auto geschrieben, anstatt sich mit dem ansonsten auf einem Rücksitz üblichen hanky panky zu vergnügen. 1966 hatte sich Ellie Greenwich privat mittlerweile von Jeff Barry getrennt, aber die beiden entdeckten einen für ihre Begriffe höchst talentierten jungen Songschreiber namens Neil Diamond. Den verbandelten sie mit dem Brill Building-Mogul Don Kirshner. Der liess seine neuste Retorten-Band The Monkees dessen „I’m A Believer“ aufnehmen.

Julie Driscoll, Brian Auger & The Trinity, 1970

Produzent/ Giorgio Gomelsky

Label/ Polydor

Julie Driscoll aus London brachte es Ende der 60er Jahre gemeinsam mit Brian Auger und der Trinity zu einigem Weltruhm als extravagante Allroundsängerin mit auffälligen modischen Marotten. Scharen von Fotografen begehrten die Engländerin für Musik- wie Modejournale in ganz Europa abzulichten, und auf der Bühne – gleich, ob im United Kingdom, in den Vereinigten Staaten, Frankreich oder Deutschland – verausgabte sie sich bei intensiven Darbietungen. Lange hielt Driscoll den Rummel um ihre Person nicht aus. Bereits 1971 sagte sie der kommerziellen Pop-Szene Lebewohl. Danach widmete sie sich, als Julie Tippett mit ihrem Mann Keith Tippett, dem Ensemblegeist verpflichtet, sowohl avantgardistischen als auch pädagogischen Musik-Projekten.

Dieses Album vereint eine Auswahl von Liedern ihrer Singles sowie ihrer beiden LP’s „Streetnoise“ und „Open“, die sie zusammen mit Brian Auger aufgenommen hat (1967-1968). Alle Nummern sind grossartig und dokumentieren den Übergang der puren Lebenslust der Hippiezeit zur artifiziellen Selbstinszinierung. Alle Hits von Julie Driscoll und Brian Auger sind hier zu finden, ebenso kongeniale LP-Tracks.

Die etwas zickige Hammond-Orgel von Brian Auger mag einem heute gelegentlich auf die Nerven gehen. Aber Julies Stimme ist geschmeidig, stilistisch elegant, nuanciert und eindringlich; intim und verletzlich pendelt sie zwischen Soul, Blues und Jazz. Schon allein die Coverversionen von „Wheels Of Fire“ und „Season Of The Witch“ bewiesen damals, dass sie wohl die einzige britische, weisse Sängerin war, die die Fähigkeit besass, Soul und Blues zu singen, wie er eben auch klingen muss. Höchst authentisch!

Chet Atkins & Mark Knopfler, Neck And Neck, 1991

Produzent/ Mark Knopfler

Label/ Columbia

Bekanntermassen gehört Chet Atkins zu einer erlesenen Schar zeitgenössischer Musiker: Certified Guitar Player. Und zu den bedingungslos verehrten Kollegen von Mark Knopfler. Knopfler hatte bereits Gastspiele auf einigen Atkins-Alben wie für „Why Worry“ auf „Sails“ von 1987. 1991 erschien dann als Wettstreit der Rosenholzhälse eine komplettes Album vom ganz und gar nicht ungleichen Paar, dessen verblüffende Ähnlichkeit nach Knopflers Verzicht aufs Stirnband uns das Coverphoto eindrucksvoll präsentiert.

Auf „Neck And Neck“ nimmt sich Knopfler als Komponist zurück. Wie beim leisen Notting-Hillbillies-Projekt gibt es auch hier keinen einzigen neuen Song von ihm. Dafür hat er das Album produziert und der treue Adlatus Guy Flechter spielt Keyboards, Drums und Bass in der zurückhaltenden Begleitband. Dabei klingen dann „Yakety Yak“ und Paul Kennerleys „Poor Boy Blues“ arg nach Dire Straits. Don Gibsons „Sweet Dreams“ nach den Hillbillies und alles zusammen nach einem neuen Knopfler auf der Suche nach dem Alten.

Einen Mann geht seinen Weg. Und möchte noch viel lernen. Auf „There’ll Be Some Changes Made“ philosophiert er mit Atkins über das Klischee von „money for nothing“ und die „chicks for free“ und murmelt nach einem Solo seines zertifizierten Mitstreiters: „You’ve played that before“.