Tom Petty And The Heartbreakers, Damn The Torpedos, 1979

Produzent/ Jimmy Iovine, Tom Petty

Label/ Geffen

Das dritte Album von Tom Petty. Eigentlich gibt es über seine Musik nicht viel zu sagen, was nicht schon gesagt worden wäre: Es sind Liebeslieder, mal glücklich „Here Comes My Girl“, mal traurig „Don’t Do Me Like That“, mal zornig „What Are You Doing In My Life?“, und die Musik und Stimme von Tom Petty klingt wie die Byrds. Er spielt seine Gitarre hart phrasierend und im puren Rock’n’Roll-Feeling, in dem etwa bei „Century Girl“ durchaus ein Chuck Berry hätte Pate stehen können.

Die Arrangements sind dicht, aber vordergründig, klar, mit wenigen, meist als Auftakt oder Schluss, verspielten Akzenten, mal ist man langsam balladesk „You Tell Me“ und mal wieder ausgelassen Boogieorientiert, einmal noch „What Are You Doing In My Life?“, das auch ein auf Speed geratener J.J. Cale hatte schreiben können. Mit „Lousiana Rain“ klingt das Album dann stilgerecht Folk-Rock-mässig aus. Ich lege die Scheibe gerne auf, es lässt sich dabei so ungemein wohlig ausspannen. Sonst hätte ich eigentlich nichts mehr zu sagen.

Gov’t Mule, Revolution Come… Revolution Go, 2017

Produzent/ Warren Haynes, Gordie Johnson, Don Was

Label/ Fantasy Records

Oft wird Warren Haynes, Gitarrist, Sänger, Songschreiber von Gov’t Mule als „hardest working man in roots rock“ bezeichnet. Nach mehr als 30 Jahren und Tausenden von Konzerten muss die Band keinem mehr was beweisen. Souverän kombiniert sie auf „Revolution Come… Revolution Go“ Blues, Soul, Latin-Funk und Jazz mit Southern-Rock und bleibt stets innovativ. Besonders überzeugt hier – neben der stilistischen Breite- das starke Songwriting. „I’m here today because there’s somethings I wanna get off my chest“, singt Haynes in der Ballade „The Man I Want to Be“. Die Zeile ist nicht bloss das Statement eines Liebenden, sondern lässt sich auch auf die politisch gemünzten Aussagen im Titelstück und anderen Songs anwenden: „Stone Cold Rage“ („People talking about a revolution / People talking ‘bout taking it to the streets“) oder „Burning Points“ („All this rampant stupidity seems to be spreading like fire“).

Das sind keine klaren Statements, eher Ausdruck grossen Unbehagens. Musikalisch halten sich harter Bluesrock und Besinnlich-Autobiografisches wie „Dreams & Songs“ in etwa die Waage. „Revolution Come…Revolution Go“ ist für mich in seiner Vielseitigkeit eines meiner Lieblingsalben von Gov’t Mule.

Living Colour, Vivid, 1988

Produzent/ Ed Stasium, Mick Jagger

Label/ Epic

Die jungen, rauen Living Colour waren wie eine Band von einem anderen Stern. Kaum eine andere Band der späten Achtziger setzte den Begriff „Crossover“ so konsequent in die Tat um, verfügte über so viel Talent und konnte auf der Bühne so trefflich improvisieren. Das Debütalbum enthält den Kracher „Cult Of Personality“, der bei MTV im Tagesprogramm landete. Aber auch ein paar weitere Songs wie „Memories Can’t Wait“ und „Desperate People“ können überzeugen.

Phänomenal ist vorallem das Intensive Zusammenspiel des Quartetts. Will Calhoun und Muzz Skillings demonstrieren, welch unglaubliche agile Rock/Soul-Rhythmusgruppe sie sind und Sänger Corey Glovers Stimmumfang beeindruckt. Was auch immer er sich mal bei Prince abgeguckt hat, schreit er hier so druckvoll raus, dass sich das Nackenhaar sträubt. Und Gitarrist Vernon Reid ist ein begnadeter, origineller Vertreter seiner Zunft. Auf „Vivid“ gelangen Living Colour ein paar ausgefeilten Klanglandschaften und feurige Rhythmusattacken. Leider kamen alle späteren Werke nicht mehr an dieses phänomenale Debüt heran.

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Ray Wylie Hubbard, Dangerous Spirits, 1997

Produzent/ Lloyd Maines

Label/ Philo Rounder

Sähe er nicht aus wie der intellektuelle Bruder des Yeti, hätte er in den Siebzigern glatt als Reaktionär durchgehen könne. Der Song „Up Against The Wall, Redneck Mother“ machte den Okie Ray Wylie Hubbard quasi über Nacht berühmt. Die Mutter, die ihren Sohn dazu erzieht, in den Honky-Tonks Hippies zu verprügeln, das schrammte knapp an Merle Haggards „Okie From Muskogee“ vorbei. Doch der Text steckt voller Ironie – wie natürlich auch der von Haggard. Danach war lange nichts los bei Ray Wylie Hubbard ausser Alkohol und Drogen. Irgendwann schaffte es Hubbard von den Anonymen Alkoholikern, wo er seine zukünftige Frau kennenlernte, zu den bekanntesten Wahltexanern.

1997 erschien sein insgesamt achtes Album, das erste für Philo Rounder, und bis heute bestes. Hubbard selber zitierte Bob Dylan und Gram Parsons als wichtige Einflüsse. Die Kratzer in der Stimme, ein feiner Sinn für Ironie, Blues-Riffs, ein bisschen Bibel, eine dicke Scheibe Weltliteratur, dazu viel Autobiografisches und Erfundenes, das ebenso gut wahr sein könnte. Keine fade Songwriter-Introspektive, sondern Riff und Soli für alle. Und das alles aus einem Guss. Das muss man erst mal auf die Reihe kriegen.

Reverend Gary Davis, Harlem Street Singer, 1960

Produzent/ Kenneth S. Goldstein

Label/ Bluesville

Der legendäre blinde Ragtime-Gitarrist Gary Davis ( 1896 – 1972 ) beherrschte die Gitarre in mitreissender Perfektion. Sein differenziertes Können reicht von einfachen Fingerpicking-Methoden bis zu komplexen Linear- und rhythmischen Kontrapunkt-Techniken und weitschweifigen Variationen. Es ist ein Erlebnis, ihm zuzuhören! Seine Stücke baut er von einfachen Picks bis zu kompliziertesten Instrumentalstilen auf. Das Repertoire dieser Platte ist ebenso farbig wie ihre Interpretation: Ragtime-Piano-Imitationen, Kompositionen von Blind Blake sowie Blues und Rags aus den zwanziger- und dreissiger Jahren werden auf der Gitarre interpretiert.

Dieses – im Studio von Rudy Van Gelder produzierte – Album zeigt sorgfältig reflektiert die grossartigsten Momente eines hervorragenden Gitarristen mit unendlichem Reichtum an Improvisationsideen. Man muss diesen Könner gehört haben, um glauben zu können, dass es sowas wirklich gibt. Das Spiel auf sechs Saiten hat bei ihm den Klang eines ganzen Orchesters!

Willy DeVille, Miracle, 1987

Produzent/ Mark Knopfler

Label/ A & M

Das ist die Platte eines Mannes mit Dreitagebart und Unterhemd, die den Titel „Miracle“ trägt und obendrein von Mark Knopfler produziert und gitarrenmässig geprägt ist. Ein interessante Liason, die sich da im Schein einer zitronenfarbigen Glühbirne aufgetan hat, und sich leicht verwelkt charmant in dem abgenutzten Glauben von Willy DeVille an sich selbst verkörpert. Der getriebene Wahnsinnige, auf Spanisch kokettierende und schmachtende Kitschbruder hat hier in den Armen des Laid-Back-Spezialisten Mark Knopfler ein Heim gefunden.

Da gibt es diesen Traum von Hochzeit in „Heart And Soul“ mit einem Ave Maria, die Geschichte von „Spanish Jack“, der Gentleman, der Jim erschoss, weil er falsch pokerte und selbst eine Ballade vom „Southern Politican“, dem feisten faschistoiden Grossgrundbesitzer, der an Blumen schnüffelt und Kinder küsst, während gelynchte Neger im Kanal treiben. Und auch bei den rührenden Liebesballaden, kennt sich Knopfler aus in der Raffinesse der Stilistik. Willy brodelt und ächzt und schmiert sich nochmal Öl ins Haar und singt Van Morrisons „Could You Would You?“ als wäre es für ihn gemacht, und schraubt dann wieder korrekt rauchig-kratzig einen Gesang à la Lou Reed zusammen („Spanish Jack“), und immer hält Knopfler die Linie. Er hat sich viel Zeit genommen, um Willy DeVille das grosse weiche Kissen zu bieten, dass alle Übertriebenheiten, Romantizismen, die Anklagen an die Frau mit dem steinernen Herzen und die Feststellungen über die angebliche Herstellung von Sicherheit durch Waffenkontrolle in den USA „(Due To) Gun Control“ gleichermassen gleichklingend aufnimmt.

The Beatles, Love Me Do, 1962

Text/Musik/ Lennon/ McCartney

Produzent/ George Martin

Label/ Parlophone

„Please Please Me“ ist kein uneingeschränkt zu empfehlendes Album, aber es hat überall dort seine Stärken, wo die Beatles selbst die Songs schreiben oder selbst Hand anlegen dürfen. Der eigentliche Hammer des Albums ist für mich das erste Stück auf der B-Seite „Love Me Do“. Ein rasanter Zweiminüter, der sofort ins Ohr und in die Beine geht. „Love love me do/ You know I love you/ I’ll always be true/ So please love me do“ und dann kommt bedeutungsschwanger hinterher: „Someone to love/ Somebody new/ someone to love/ Someone like you“.

Der Text ist hier, unter Auslassung all der vielen wiederholten Verse, in seinem Kern schon komplett wiedergegeben. Ausser dem Ausdruck des Verliebtseins und der Sehnsucht danach, ebenfalls geliebt zu werden, hat dieses Lied nichts zu sagen. „Our greatest philosophical song“, kommentierte seinerzeit selbstironisch Paul McCartney. Weshalb eine grosse Deutungsoffensive hier genauso verfehlt wäre, wie in einem Soul-Song auf „Free“.

Talking Heads, True Stories, 1986

Produzent/ Talking Heads

Label/ Sire

Natürlich kann es noch schlimmer kommen, denn das hier ist nicht nur grossartig, sondern auch noch wahr. Getreulich aufgezeichnet von einer Band, die ehemals als zu kopflastig verrufen war, die jeden Menschen zum Studenten machte, auch wenn er kein Abitur hatte. Abends in der Kneipe wurde dann wieder diskutiert, was dieses Stück sei, das sei eigentlich auch nicht schlecht. Und die neuste von den Talking Heads, habe irgendwie meiner Meinung nach auch wieder den Glanz eines Meisterwerks.

In leicht fasslicher Form gibt es auf „True Stories“ eine Abrechnung mit der grausige Welt der US-Kleinbürger. „True Stories“ ist aber nicht nur eine Platte, sondern auch gleichzeitig ein Film. Eine skurrile Momentaufnahme eines kleines Städtchens mitten in Texas voller seltsamer Typen, die in ihrer jeweils eigenen Welt leben und sich durch den Alltag einer Kleinstadt quälen. Subtiler und feiner Humor, eingepackt mit den Songs und reizvoll kontrastierend mit patzigen Dirty-Bubblegum-Pictures. Alles ein bisschen schmierig. In den Videos, bei denen einen das Grausen anfliegt, kommt David Byrne als Bandmitglied immer noch am Besten raus.  Das aber dieser eingeschlagene Weg nicht der richtige war, zeigte sich bereits zwei Jahre später mit dem letzten Album der Band. „Naked“ ist eine grandiose Rückkehr zum besten Album „Remain in Light“.

Wreckless Eric, Whole Wide World, 1977

Text/Musik/ Eric Goulden

Produzent/ Ian Dury, Nick Lowe

Label/ Stiff

Nach längerer Zeit mal wieder „Whole Wide World“ aufgelegt. Ein kleiner Schrammel-Hit. Gespielt von der Einmann-Punk-Band Wreckless Eric. Für mich war er irgendwie der Grösste, weil er fast alle Dinge, bei denen andere Leuten, um cool und geheimnisvoll und aggressiv zu wirken, in Moll, Blues, Spanisch und Kirchtonarten spielten, in Dur erledigte. Deswegen ist er weniger zum Grosskünstler geworden, ist mir aber doch fast noch sympathischer als der Varianten-Kaiser Elvis Costello, mit dem er zusammen bei Stiff Records anfing.

Seit dem Debüt „Whole Wide World“ hat Wreckless Eric (oder Eric Goulden wie er mit bürgerlichem Nachnamen heisst) ein tolles Händchen für eingängige, rotzige Popsongs. Vomüber den herrlich süffisanten Rock-Stampfer „Pop Song“, in dem er sich eben dieses Talent kokettierenderweise, wegen mangelnden Erfolgs, selbst auf die Schippe nahm – bis zu der den Kinks geschuldeten Jahrmarktsmelodie von „Hit And Miss Judy“ oder dem Brit-Pop Blueprint von „Broken Doll“. Im Grunde war dem Mann stilistisch weder etwas heilig, noch irgendetwas zu peinlich; genau das ist aber gleichzeitig auch der Grund warum sich diese Songs heute immer noch frisch anhören. Auf „Greatest Stiffs“ gibt es jede Menge herzzerreissende und keineswegs, wie es zunächst scheinen mag, unbeschwerte Party- und Beat-Musik aus glorreichen Punkzeiten.

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Nina Hagen Band, 1978

Text/Musik/ Nina Hagen, Nina Hagen Band

Produzenten/ Nina Hagen Band, Tom Müller, Ralf Nowy

Label/ CBS

Es war schon ein kolossaler Einbruch in die Weltparaden (und in die WGs) der Endsiebziger, dieses Debütalbum der Nina Hagen Band. Bemerkenswert auch deshalb, weil in Insiderkreisen kaum Aufsehen oder Häme entstand wegen der sonst ach so unpoppigen deutschen Sprache und ebensowenig wegen des etwas punkfernen Grundsounds der ehemaligen Lokomotive Kreuzberg. Letzlich war es allerdings eine von Tubes- oder Rundgren-Artistik geprägte, postfreie, aber kraftvolle Mixtur, die etwas Zeitloses, Stilübergreifendes ausstrahlte und daher auch bestens zum universellen Gesang der aus der DDR emigrierten Biermann-Stieftochter Nina passte.

Wobei „Gesang“ hier schon fast wieder eine Untertreibung ist. Da vereinte sich eine klassisch ausgebildete Stimme (doch noch) mit der Rotzigkeit des Punk und schuf so quasi ein neues Rockregister. Eines, das Grenzerfahrungen, Konsumkritik und Frauenpower zum Besten gab und so das Album auch zu einem Identitätsträger für die Bewegten jener Tage machte. Es ist jedenfalls das Beste, was Nina Hagen je musikalisch zustande brachte. Und es hat nebenbei auch noch einen schönen Slogan: „Ob blond, ob schwarz, ob braun/ Ich liebe alle Frau’n.“