Bob Dylan, The Man in Me, 1970

Text/Musik/ Bob Dylan

Produzent/ Bob Johnston

Label/ Columbia

Und dann wacht man doch wieder auf. In einem fremden Zimmer, in einem fremden Land, mit fremdartigen Gefühlen unter der Haut. Schlaftrunken und nervös zugleich schlurft man in die Nasszelle und stellt sich in den lauwarm heruntersprudelnden Wasserstrahl – ein fremder Mensch mit gereizten Augen und geschwollenen Füssen. Er öffnet seinen Mund und singt lautlos ein paar Zeilen, die ihn die ganze Reise über schon verfolgen: „I can see clearly now the rain is gone/ I can see all obstacles in my way“ – ein leises Lächeln. „Are you really just a shadow of the man I once knew?/ Are you crazy, are you high, are you just an ordinary guy?“ – ein feines Schnippen mit den Fingern. „Oh, mama, can this really be the end/ To be stuck inside of Mobile with the Memphis Blues again“ – ein leichtes Knistern in der Nase. „The vagabond who’s rapping at your door/ Is standing in the clothes that you once wore/ Strike another match, go start anew/ Strike another match, go start anew/ And it’s all over now, baby blue?“

Man kann seine eigene Existenz zerstören, alle Zelte abfackeln, um den halben Erdball reisen, doch gewisse Dinge wird man einfach nicht los. Eines davon ist das grosse Bob Dylan Songbook, das so tief in den Eingeweiden steckt, dass man gar nicht anders kann, als es immer bei sich zu tragen. Musik und Reisen – eine komplexe Kombination, bei deren Nennung im Kopf sofort jene monumetale Filmszene auftaucht, in der Jeff Lebowski mit einer Bowlingkugel über das nächtliche Los Angeles fliegt und selig grinst, während im Hintergrund Dylans „The Man in Me“ läuft.

Und dann steht man in einem anderen Land mit einem Bier in der Hand. Auf der Nase eine Sonnenbrille, in der Hosentasche ein paar zerknitterte Geldscheine und auf dem Handy ein paar neue Fotos – und unter der Haut dieses fremdartige Gefühl. Es könnte Liebe sein. Es könnte Ungewissenheit sein. Oder es könnte Tod bedeuten. Genau in dieser Reihenfolge.

Rising Sons Featuring Taj Mahal and Ry Cooder, 1992

Produzent/ Amy Herot, Bob Irwin

Label/ Columbia Records

Die Rising Sons wurden 1964 gegründet und lösten sich 1966 nach einer Single wieder auf. Für einen Eintrag in die Annalen der Popmusik wäre dies ein bisschen wenig, wenn diese Band nicht mehr als zwanzig Songs aufgenommen hätte, von denen mehr als die Hälfte heute noch frisch und innovativ klingen. Und: Taj Mahal und Ry Cooder waren mit von der Partie.

1964/65 waren die grossen Plattenfirmen recht ungeholfen im Umgang mit Rockmusik. Niemand in den Chefetagen hatte eine Ahnung, was mit dem Lärm anzufangen sei. Singles waren das Pop-Format. Die Rising Sons sollten die damals weitgehend unbekannte Musik aus dem Süden Amerikas hitparadentauglich machen. Das Konzept war ebenso einfach wie überzeugend: entweder ganz langsam spielen oder ganz schnell und hart spielen. Die Kompositionen von Robert Johnson, Blind Willie McTell oder Willie Dixon hielten das aus, nicht aber die Handgelenke von Ed Cassidy, der den „Statesboro Blues“ live einmal so schnell und lang spielen musste, bis sein Arm in Gips endete.

Das ganze Jahr 1965 hindurch waren die Rising Sons eine gefragte Live-Band in Los Angeles, aber als sich auch Anfang 1966 kein für alle verträgliches Gruppenkonzept durchsetzen liess, löste sich die Combo auf. Die stilistischen Fliehkräfte, die schliesslich The Rising Sons auseinander brachten, sind auf dem 1992 erschienen Album erstmals zu hören. Alles wurde probiert: Beatles, Byrds, Blues, Country und Songs von Goffin und King, die damals Tin Pan Alley revolutionierten. Taj Mahal ist 1992 nochmals in Studio gegangen, hat die alten Aufnahmen abgehört und für drei Songs neue Gesangsspuren aufgenommen.

The Breeders, Last Splash, 1993

Produzent/ Kim Deal, Marc Freegard

Label/ Elektra Records

Glamour war nicht ihre Sache, sie kokettierte nicht mit einem Popstar-Image. Kim Deal wollte da gar nicht erst mitmachen. Haare waschen für ein Cover-Shooting? Völlig unnötig. Deal teilte gerne sarkastische Seitenhiebe auf heteronormative Rollenbilder aus. Die Breeders begannen eigentlich als Nebenprojekt der Pixies-Bassistin Kim Deal und der Throwing Muses-Gitarristin Tanya Donelly. Doch auf „Last Splash“ war Letztere schon gar nicht mehr dabei, dafür spielte die Zwillingsschwester von Kim Deal, Kelley Deal mit und eine grosse Rolle.

Was den Breeders immer wieder und wieder gelingt, ist der vielseitige Spannungsaufbau. Von leise zu laut zu leise führen halt mehr Wege als eine schnurgerade Steigerung. So wechseln sich auf „Last Splash“ eingängige Melodien und die Pop-Harmonien der Deal Schwestern mit staubtrockenem Gesang und verzerrten, wuchtigen Gitarren-Riffs ab. Der Übertrack des Albums ist „Cannonball“: Man kann sich fragen, welcher Teil des Songs der beste ist. Der loopende Basslauf, die catchy Gitarren- und Drum-Breaks, das hypnotische Summen am Anfang oder doch der energetische Refrain? Egal: Want you coocoo cannonball…

Am 31. August 2023 wurde „Last Splash“ 30 Jahre alt. Über die Jahre hinweg hat sich gezeigt, dass es egal ist, mit wem Kim Deal in einer Band spielt. Sie weiss sehr genau, wie ihre Musik klingen soll. Und sie schreibt Songs, die eine ganze Menge Musikerinnen und Musiker inspiriert haben.

Robert Crumb & His Cheap Suit Serenaders, 1976

Produzent/ Nick Perls

Label/ Blue Goose Records

Alle, zumindest alle, die zwischen sagen wir mal 1965 und 1975 jung waren, auf Westcoast standen und Comix lasen, kennen Robert Crumb, den geistigen Vater von Mr. Natural. Sie kennen auch seine derben Girls vom Land und haben sich über seine manchmal sarkastischen, manchmal obzönen Anmerkungen zum subkulturellen Alltag amüsiert. Besagter Robert Crumb feiert am 30. August 2023 seinen 80. Geburtstag in seinem Domizil in Südfrankreich. Recht viel biografische Fakten scheint es nicht zu geben. Indirekte Auskunft über sein Innenleben in der Pubertät des nachmaligen Grossmeisters gibt es in einem gnadenlos aufrichtigen Statement. „Mit zwanzig war ich eine perverse Sau, brodelnd in perverse Sexphantasien verstrickt, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatten. In Wirklichkeit hatte ich noch nicht mal ein Mädchen geküsst! Ich war ein verzweifelter Fall.“

Erst durch das Zeichnen von Comix wurden die bildhübschen Hippie-Girls für ihn verfügbar. Crumbs Figuren wurden weltberümt. Fritz the Cat wurde zum Filmstar. Mr. Natural, ein geiler Heiliger, zum Teil des amerikanischen Volkguts. Keep on truckin’ gehört heute ins Zitatenlexikon.

Nur wenige wissen, dass Robert Crumb auch musiziert. Dabei ist sein musikalisches Werk keineswegs radikal, experimentell oder gar obszön, sondern eher traditionsbewusst. Psychologisch handelt es sich wohl um die notwenige Kompensation seines gesellschaftlichen Umgangs mit dem enthemmten Zeichner. Robert Crumb hat versucht auch als Musiker Anerkennung zu finden, blieb aber resigniert. Dabei gibt es eine Menge Leute, die seine Musik mögen und zweitens viele, die sie überhaupt nicht kennen. Letzterem sei nun mit diesem Blogbeitrag ein wenig abgeholfen.

Status Quo, Down Down, 1974

Text/Musik/ Francis Rossi, Bob Young

Produzent/ Status Quo

Label/ Vertigo

Sich mit den Texten von Quo-Songs auseinanderzusetzen hätte theoretisch im Englischunterricht in der Sekundarschule der siebziger Jahre noch funktionieren können. Heutzutage lässt man ein Sinnieren über die Botschaft des „Get down deeper and down“ doch lieber bleiben. Status Quo zählten nicht gerade zu der Lieblingsband der Kiffer und Discotänzer, sondern gehörten mit Jeans und mit Mittelscheitel eher zu dem von beiden Gruppen gleich weit entfernten Mainstream. Ihre Songs waren Tanzbodenfüller auf Thirty-something-Parties im verschnarchteren Teil ihres Heimatlandes, wenn die um ihre Handtaschen tanzenden Damen den pintbewaffneten Herren Platz machten. Auf alle Fälle waren bei Parties und ähnlichen Gelegenheiten diejenigen Personen am interessantesten, die auf die Frage nach dem besten Status Quo Song nicht mit „Caroline“ oder „Roll Over Lay Down“ antworteten, sondern mit „Down Down“.

Chubby Checker, The Twist, 1960

Text/Musik/ Hank Ballard

Produzent/ Dave Appell

Label/ Parkway

Gleich nach den Veitstänzen und dem Rock’n’Roll, da waren sich die Experten einig, war der Twist die grösste Mode-Tanzseuche, die die Menschheit je aus heiteren Lautsprechern überfiel. Inzwischen mag ja das eine oder andere dazugekommen sein, aber damals, also ab 1961, war der Twist das Grösste. Und sein Zeremonienmeister und Prophet, allerdings nicht sein Erfinder, war Chubby Checker. Erfunden hatte der Twist ein gewisser Hank Ballard, ein auch später glückloser Rock’n’Roller. Chubby Checker selbst stammte aus South Carolina. Er hatte vor seiner Karriere als Sänger und Tänzer als Hühner-Rupfer gearbeitet. Das war aber spätestens nach dem Erfolg von 1960 Vergangenheit. Chubby Checker hob völlig ab.

Der Twist wurde Nummer eins und Chubby Checker zu einem Aushängeschild des Philly-Sounds. Doch dann fielen, wie bei den Hits damals üblich, die Verkaufszahlen in den Keller. Schliesslich verschwand der Twist vollständig aus den Regalen. Chubby Checker hatte es später immer wieder versucht und machte u.a. den „Limbo Rock“, aber keiner seiner aufgepopten Oldies kam dem Twist gleich.

Martha & The Vandellas, Heat Wave, 1963

Text/Musik/ Brian Holland, Lamont Dozier

Produzent/ Brian Holland, Lamont Dozier

Label/ Gordy

Die Hitzewelle lässt nicht locker, es wird auch nächste Woche noch sehr heiss. Passend dazu eine kleine „Heat Wave“ von Martha & The Vandellas. Der Song wurde in den frühen Sechziger zur Hymne der britischen Mod-Bewegung, neben anderen Motown-Hymnen, aber in einem besonderen Sinne. Die Begeisterung für „Heatwave“ war in manchem Sinne heisser als die erste Blues-Welle und deren Einfluss auf den Beat. Es ging hier nicht um rekonstruierbare, imitierbare Spielweisen, sondern um den reinen Effekt, der als überwältigender empfunden wurde als jeder Versuch den Song nachspielen zu können. Mit „Heatwave“ wurde zum ersten Mal das Andere schwarzer amerikanischer Musik in seiner ursprünglichen Form zum Kult einer weissen, britischen Jugendkultur.

Gleichzeitig war „Heatwave“ auch ein Song, wo der vorgeschobene (oder nachgereichte) Inhalt geringen Widerstand leistete gegen die Ebene der Anspielungen rund um das Wort „Heatwave“. Oder anders gesagt: „Heatwave“ verschiebt sich von der Metapher des persönlichen Liebesdramas zu allen möglichen Hitzewellen, die Tanzen, Drogen und Sex jeder Romantik vorzogen. Deshalb auch die Übernahme von „Heatwave“ durch die Mods in den frühen Sechziger.

Ry Cooder, Chicken Skin Music, 1976

Produzent/ Ry Cooder

Label/ Reprise Records

Chicken Skin ist ein Begriff aus dem Hawaiianischen, der für „Gänsehaut“ steht. Und „Gänsehautmusik“ ist dort das grösste Kompliment für einen Sound, der gut ankommt. Ry Cooder hat sich hier – im Gegensatz zu seinen früheren Solo-Alben – nicht nur an amerikanische Blues-, Gospel- und Folk-Vorlagen gehalten. Hinzugekommen ist obendrein traditionelle Hawaiianische Musik und ein guter Schuss mexikanischer Mariachi-Klänge, gespielt von dem mexikanisch-texanischen Akkordeonisten Flaco Jiminez.

Die Mischung klingt für Hard Rock- und Techno geschädigte Ohren recht befremdlich, ist aber entspannt und warm-sympathisch, so eigenartig und klar, dass das Anhören eine wahre Wohltat ist. Cooder’s Aufbereitung der alten Leadbelly Stücke „The Bourgeois Blues“ und „Good Night Irene“ ist meisterhaft und gehört zu den schönsten Versionen, die ich kenne. Auch als Bottleneck-Gitarrist ist Cooder für mich unübertroffen, und jedes seiner Stücke trägt seinen unverkennbaren Stempel. Mit seiner ungewöhnlichen Synthese von Gospel, Folk, Blues, hawaiianischer- und mexikanischer Folklore demonstriert Ry Cooder die Modernität oder besser gesagt die Zeitlosigkeit aller unverbildeten Empfindung für „archaisches“ oder als „primitiv“ verpöntes Musizieren. Obwohl er dabei auf spektakuläre Effekte verzichtet und nichts als aufrichtige Musik macht, ist der Titel des Albums berechtigt. Aber was erzeugt denn heute noch Gänsehaut?

Blondie, 1976

Produzent/ Richard Gottehrer, Craig Leon

Label/ Private Stock

Here Comes The Fun! Das Stück „In The Sun“ auflegen, laut drehen, hüftwackeln und vielleicht sogar einen Fuss heben: Die erste Lp von Blondie ist Tanzmusik im besten Sinn des Wortes. Sie mag sehr gut zu vermitteln, wie sich die Gruppe eine breite musikalische Basis geschaffen hat, ohne das Gesicht zu verlieren. Die Musik ist eine eigenartige Mischung aus frühem und neuem Rock. Die Anleihen aus den Sechzigern (z.B. „In The Flesh“) sind aber keine Nostalgie, sondern direkt und neu empfunden.

Blondie waren ein Teil der New Yorker Punkbewegung, deren Zentrum der legendäre Club CBGB’s in der Bowery war. Die Gruppe trat dort neben den Ramones, Television, Patti Smith, Richard Hell und den Dictators auf, waren Teil der Szene und doch danz anders. Weit entfernt vom eins-zwei-drei-vier-Punkrock, aber auch weniger verkopft als Television oder die Talking Heads. Vorallem aber hatten Blondie Debbie Harry. Ihr spektakuläres Aussehen und ihr charakteristisch-unterkühlter Gesangsstil sorgten dafür, dass Blondie rasch über East Manhattans Strassen hinaus bekannt wurden. Die Musik von Blondie ist New Wave, mit musikalisch-technischer Kompetenz gebracht. Man höre sich nur mal den Rhythmus-Apparat im schon erwähnten „In The Sun“ an.

Bob Dylan and The Band, Planet Waves, 1974

Produzent/ Rob Fraboni

Label/ Asylum

„Planet Waves“ ist ein gutes Album. Keine Peinlichkeiten, Schmalzchöre und „all-american-music“- Relikte. Dafür ist die Band zu hören, mit technisch wie musikalisch raffinierter Brillanz. Eine Band, die mich an „Music from Big Pink“ erinnert, ohne sensationelle Soloausflüge, dafür mit kompakter Gruppenmusik. Das zentrale Thema von „Planet Waves“ ist die Liebe. Es reicht von direkten, wollüstigen Anspielungen in „Tough Mama“ über simple Sprüche in „You Angel You“ zu lasziven Sätzen in „Hazel“. Die Musik ist manchmal spröde und zurückhaltend, aber immer organisch fliessend. Die kurzen Soli von Robbie Robertson sind Kleinkunstwerke auf engstem Raum, von fast mathematischer Exaktheit.

Mein Lieblingsstück ist „Forever Young“, das gleich in zwei Versionen vertreten ist. Die langsame Version gefällt mir besser, sie ist eindringlich, schlicht und ergreifend: „ May you always be courageous, Stand upright and be strong, May you stay forever young“. Ich denke, Dylan verspricht hier keine ewige Jugend und huldigt schon gar nicht einem Kult, der das Jugendlich-Sein generell auf seiner Seite hat. Vielmehr geht es darum die allzu schnellen und allzu unbedingten Gewissheiten im Leben genauer zu hinterfragen. Auf diese Weise – im Prozess der Veränderung – können wir uns dann womöglich auf authentischere Weise das Jugendlich-Bleiben erhalten.