Sleater-Kinney, The Woods, 2004

Produzent/ Dave Fridman

Label/ Sub Pop

Okay, sie sind lesbisch und unverschämt und laut, aber das waren Phranc, das sind L7 auch. Was macht eine Frauenband aus. Hat diese Bezeichnung eigentlich irgendeinen Wert? Gibt es so etwas wie Frauenbands überhaupt? Was macht eine Band, was macht Sleater-Kinney zu einer Frauenband oder nicht? Hoseninhalte? Songinhalte? Genderpolitisches Engagement? Sexuelle Präferenz? Eine komplexe Frage, der beizukommen hier wohl kaum genug Platz ist.

Wenden wir uns also stattdessen dem löchrigen Boden der Tatsachen zu. Und der zeigt, dass Carrie Brownstein, Corin Tucker und Janet Weiss songschreiberisch von überlegener intelligenz und Verschlagenheit sind, dass sie auch auf ihrem Album „The Woods“ relevante Themen verhandeln, die von Konsumkritik bis Liebe und Rollenverständnis reichen. Die Musik ist schnell, aber nicht überschnell, laut einfach. Dick wattierten Gitarrenparkas, sich abwechselnden und komplettierenden Stimmen, solidem, häufig auch gegenläufigem Bass und einem druckvollen, entfesselten Schlagzeug, das gleichsam ballern und tappen kann. Kurz: Sleater-Kinney machen intelligente und inspirierte Musik. Von Frauen. Für alle. Punkt.

Tom Waits, Blue Valentine, 1978

Produzent/ Bones Howe

Label/ Asylum


Obwohl Tom Waits auf „Blue Valentine“ das Image des kaputten Nachtschwärmers weiter kultivierte, das er eigentlich abstreifen wollte, enthielt dieses Album seine bis anhin spannendste Musik. Manche der von Jazz-Produzent Bones Howe meisterhaft inszenierten Songs nahmen gespenstische Klangfarben und Stimmungen vorweg, die Waits später berühmt machen sollten. Und dann diese Reibeisenstimme! Wie sie bellt und röchelt. Hier spielt sich nahezu alles in der Nacht ab. Im Schein der Neonreklame. Im Zwielicht. Wie der Teenager-Selbstmord in „A Sweet Little Bullet from a Pretty Blue Gun“. Oder in der Einsamkeit. „Christmas Card from a Hooker in Minneapolis», den Monolog einer verbitterten Frau, wirft uns Waits in überwältigender Weise vor die Füsse.

„Whistlin’ Past the Graveyard“ ist die erste von zwei starken Nummern, die mit Sessionmusikern aus New Orleans entstanden. Swamp-Funk. Auf „Sweet Little Bullet“ klingt Waits fast wie Dr. John, dazu ertönt das Sax des früheren Fats-Domino-Begleiters Herbert Hardesty. Die lebendigen Details aus „Kentucky Avenue“ könnten aus Tom Waits’ eigener Kindheit stammen. Noch anrührender ist die Jazzballade „Blue Valentine“. Deren Protagonist weiss, dass er nicht mit dem Unrecht fertig werden kann, das er anderen zugefügt hat.

The Temptations, Papa Was A Rollin‘ Stone, 1972

Text/Musik/ Norman Whitfield, Barrett Strong

Produzent/ Norman Whitfield

Label/ Gordy

Ohne einen Vater, der sich zumindest ab und zu mal zeigt, natürlich auch kein Konflikt mit dem Sohn oder der Tochter. Der Erzeuger, den die grossartigen Whitfield und Strong in dem Lied „Papa Was A Rolling Stone“ als Herumtreiber beschreiben, hat sich dagegen gleich ganz aus dem Staub gemacht. Erst nach seinem Tod erfährt der Sohn, das der Vater ein rastloser Herumtreiber – wahrscheinlich ein Dieb und Säufer – war, der nie Kohle hatte, dafür aber noch drei weitere aussereheliche Kinder gezeugt haben soll. Auch bei seiner Mutter findet der Sohn keinen Trost – sie kann die Gerüchte nur bestätigen.

Das Stück beginnt mit einer langen instrumentalen Einleitung, ein grossartiges Beispiel des Motown-Sounds auf der Höhe seines Erfolg. Die Gitarre von „Wha Wha“ Watson, die Streicher, die eine melancholische Melodie spielen, und eine Trompete, die über der Hi-Hat-Basstimme zu improvisieren scheint. Und wenn man schliesslich schon nicht mehr daran glaubt, setzt die Baritonstimme von Dennis Edwards ein und nagelt einen am Stuhl fest. Der Song ist reinste Dramaturgie, zugleich aber auch Bericht einer sozialen Tragödie, die Tausende von Jungen und Mädchen tagtäglich erleben: Die Anne E. Casey Foundation, die sich für die Zukunft benachteiligter Kinder in den USA einsetzt, hat 2021 Daten herausgegeben, nach denen fast 70 Prozent der afroamerikanischen Kinder mit nur einem Elternteil leben.

Bruce Springsteen, Tracks II: The Lost Albums, 2025

Produzent/ Bruce Springsteen, Ron Aniello, Jon Landau, Chuck Plotkin

Label/ Columbia

Obwohl physische Tonträger heute so gut wie obsolet sind, werfen viele der grossen Namen weiterhin Zusammenstellungen mit rarem oder unveröffentlichem Songmaterial auf den Markt. Auch der Unermüdliche, den seine Fans „The Boss“ nennen, kommt noch einmal mit einem voluminösen Set. Neben einer Scheibe mit Outtakes gibt es sechs komplette Albums, die noch nie veröffentlicht wurden. Während etwa das Album „L.A. Garage Sessions 83’“ ein Verbindungsstück zwischen „Nebraska“ und „Born in the USA“ ist, zeigt „Streets of Philadelphia Sessions“, dass Springsteen um diesen Song eine ganze Kollektion von Liedern in ähnlicher Instrumentierung – Synthesizer und Schlagzeugmaschine – parat gehabt hätte. Dunkelgrau, schraffiert und textlich düster, also bestens zu jener Zeit passend. Weitere Werke, die hier zugänglich gemacht werden, sind der Soundtrack zum nie gedrehten Western „Faithless“ oder das in der musikalischen Mythologie des südkalifornischen Grenzgebiet angesiedelte „Inyo“.

Auch wenn „Tracks II“ nicht immer überzeugt, öffnet es doch die Pforten zu einem Springsteen-Paralleluniversum, dessen Existenz natürlich auf dem grossen Erfolg der regulären Alben basiert, die es ihm ermöglichten, ohne finanziellen Druck seinen Ideen nachzugehen. Und wer will, kann auf „Tracks III“ warten, die der „Boss“ bereits angekündigt hat.

John Fogerty, Centerfield, 1985

Produzent/ John Fogerty

Label/ Warner Brothers

Auf „Centerfield“ vereinigen sich der historische CCR-Swamp-Rock, Countryelemente, Spuren von Soul und R&B und gar discohafte Anklänge zu schierer Harmonie. Das Album zeigt, dass John Fogerty eben doch ein „Ace Of Spades“ ist. Das erste und das letzte Stück bilden eine Art Klammer. „The Old Man Down The Road“ ist drückend, etwas bedrohlich, aber nicht ohne Witz. „Zant Kant Danz“ ist ausgesprochen komisch und raffiniert produziert und arrangiert, mit einfacher glatter Harmonie. Der Text handelt übrigens von einem zum Taschendieb ausgebildeten Schweinchen namens Zanz.

Schön eingebettet dazwischen liegen gelassene Enttäuschung („I Saw It On TV“), verärgertes Anrennen gegen Ausweglosigkeit („Searchlight“) und freches Aufbegehren („Centerfield“) und so weiter. Zwei Schwachpunkte gibt es aber auch: „Rock And Roll Girls“ und besonders „Mr. Greed“ wirken unvorteilhaft klotzig mit aufdringlicher Gitarre inmitten der sonst von Fogerty selbst sehr eigen und rein arrangierten Stücke. Davon abgesehen ist „Centerfield“ aber eine Zeit und Raum überwindende Erfreulichkeit schlechthin. „He take the thunder from the mountain/ He take a lightning from the sky/ He bring a strong man to his begging knee/ He make the young girl’s mama cry“ – wie gesagt.

R.L. Burnside, A Bothered Mind, 2004

Produzent/ Martin Tino Gross

Label/ Fat Possum

Jahrelang spielte er den Country Blues in den Juke Joints des Mississippi-Deltas weitgehend unbeachtet. Erst 1968 bekam er Gelegenheit, seine Songs aufzunehmen. Die auf „First Recordings” zusammengestellten 14 Titel zeigen einen Blueser der eher traurigen Gestalt, da springt dem Hörer nicht gerade Lebensfreude aus den Boxen entgegen. R.L. Burnside ist so etwas wie der leibhaftige Bluessänger, ein Geschichtenerzähler, der seine Songs ungeschliffen, rau und punkig vorträgt und so zum führenden Vertreter des North Mississippi Hill Country Blues wurde. Die meisten Songs bestehen aus einem einzigen Riff, der Rhythmus ist nicht treibend, sondern absolut mitreissend. Es ist böse, menschliche Musik aus dem dunklen Mississippi-Hinterland, eine Mischung aus Armut, Pussy, Mord, Alk und schwarzem Humor. 2004 erschien das letzte Album „A Bothered Mind“, das den damals schon 78jährigen in Hochform zeigt, der nichts von seiner rauen Art und damit von seiner Glaubwürdigkeit verloren hat.

Mazzy Star, So Tonight That I Might See, 1993

Text/ Musik/ David Roback, Hope Sandoval

Produzent/ David Roback

Label/ Capitol

Als dieses Album veröffentlicht wurde, war ich in einer anderen Musikrichtung unterwegs: Blues, Rock und Alternative. Mazzy Star waren mir damals zu ruhig und spacig gewesen. Heute sind sie es nicht mehr. Vor ein paar Monaten habe ich zum ersten Mal das Album „So Tonight That I Might See“ gehört und bin gleich beim ersten Lied „Fade Into You“ hängengeblieben. Dieses ist fast zu schön, um wahr zu sein, es klingt famos wie Mazzy Star dieses „ Knockin’ on Heaven’s Door“- Thema zum besten gibt, und die Sundowner-Gitarre schmilzt jede Alltagshärte weg. Der Gesang ist delikat: „Fade into you… Strange you never knew…Fade into you…“ Mit solch melancholischen Liedern lässt sich vortrefflich die Zeit verträumen.

Hope Sandoval ist die Sängerin mit der Traumstimme, während der zwischenzeitlich verstorbene David Roback ein genialer Soundtüftler war. Beide bilden zusammen eine originale musikalische Symbiose. Besonders eindrucksvolle Songs sind neben „Fade Into You“, „Bells Ring“, „Five String Serenade“, „Blue Light“, „Into Dust“. Sie haben alle diesen lähmenden psychedelische Schwebezustand, der sich wie ein feiner Rauch im Raum ausbreitet, dazu Hopes charismatische Aura sowie ihre eigenartig entrückte zeitlupenhafte Stimme beschreiben eine ungemein intensive, weit in der Vergangenheit zu liegen scheinende Atmosphäre. Wo ist der Blues? Egal, das Album hat ihn nicht zu knapp. Die Band sitzt immer noch am Delta und träumt von Robert Johnson oder Peter Green.

Lambchop, How I Quit Smoking, 1996

Produzent/ Your Starry Eyes

Label/ Merge

Auf dem gelb grundierten Cover ist ein Kohlezeichnung, die ein Gesicht zeigt, das sich in einem mit Rauch gefüllten Becher zu materialisieren scheint. Über den oberen, angeschliffenen Becherrand zieht sich der Albumtitel, während der Bandname auf einer Schublade steht, die durch das Gesichtsfeld der Rauchfigur fährt – oder auch einfach dort auftaucht, so genau weiss man das nicht. Es könnte eine feine, leicht verschrobene Referenz an Bruce Springsteens „I’m On Fire“ sein – wo im Original ein Güterzug durch den Kopf des singenden Erzählers rollt, ist es hier eben eine kleine Schubkarre, die im Gesicht herumfährt.

Die Lieder sind wie Berichte aus dem Alltagsleben kleiner Leute, einfühlsam vorgetragen und sachte instrumentiert, obwohl Lambchop zu jener Zeit noch als 13-köpfiges Kollektiv agierte, das auch Bläser umfasste. Es gibt ein paar wunderbare Songs auf dem Album: der Achtungserfolg „The Man Who Loved Beer“, der Jahre später auch von David Byrne neu interpretiert wurde, der luzide Nachmittagrummel von „All Smiles and Mariachi“ oder das reduziert arrangierte Liebeslied „Theöne“.

Das Album „How I Quit Smoking“ (der Titel ist wohl als Witz von Bandleader Kurt Wagner zu verstehen, (einem begeisterten Zigarettenraucher) ist jahrelang in den Weiten meiner Sammlung verlorengegangen, und erst kürzlich wieder aufgetaucht und hat mich mit einer kleinen Schubkarre Trost überschüttet.

The Kinks, Harry Rag, 1967

Text/Musik/ Ray Davies

Produzent/ Shel Talmy

Label/ Pye Records


„Something Else“ ist ein elegantes Album über zivilisierte, normale Belange, die alle Klassen durchziehen. Es klingt unwesentlich, wird aber stillschweigend tiefgreifend. Das letzte Mal, als ich es mir anhörte, war mein Lieblingslied nicht „Waterloo Sunset“, sondern „Harry Rag“. Betitelt nach einem Slang-Wort für Zigaretten, handelt es von den erbaulichen Freuden des Rauchens: die eingefallene alte Frau, die bald ihren letzten Atemzug tun wird und sich für das Leben verflucht, das sie geführt hat, sich eine Zigarette dreht und dann ins Bett legt, und der Typ, der sich vom letzten Penny, den ihm das Finanzamt lässt, die verlockenden Glimmstängel kauft.

Die erkennbare Freude an diesem törichten Genuss erreicht ihren Höhepunkt in Zeilen wie: „Ah, the smart young ladies of the land can’t relax without a harry in their hand“ und „they boast and brag, so content because they’ve got a harry rag“. Man kann sie sich vorstellen, wie sie die Zigarette zwischen den Fingern halten und gekünstelt daran ziehen. Ray Davies hört sich wie ein rustikaler Folksänger an, und die Band spielt wie auf einer Music-Hall-Tanzparty, was fast ein zu grosser Rahmen wäre; sie könnten auch in einem Pub auf der kleinen Bühne stehen. „Bingo!“, quietscht Dave Davies auf dem Fade-out, ausser sich vor Freude.

Tex Williams, Smoke! Smoke! (That Cigarette), 1947

Text/Musik/ Merle Travis, Tex Williams

Label/ Capitol Americana

Ehrlich gesagt ist mir schleierhaft, wie man sich nach verrauchten Wirtshäusern und Büros zurücksehnen kann. Solange dieses Rauchen jedoch nur in Büchern, Filmen und in der Musik stattfindet, stört es mich nicht. Der Videoclip zu „Smoke Smoke Smoke that Cigarette“ von Tex Williams ist mit Werbespots (vorallem aus den Vierzigern und Fünfzigern) zum Thema unterlegt. Die Zigarette macht Männer zu coolen Jungs und harten Kerls; die vom blauen Dunst umhüllte Frau, deren glutroten Lippen den Glimmstengel liebkosen, wird zum mysteriösen, ja fatalen Wesen. Die Zigarette ist in einsamen Momenten des Manns einzige Freundin; beim Rauchen lässt sich angeblich bestens sinnieren und in Erinnerungen schwelgen – und ohnehin halten sich Raucher für bessere Geniesser als Nichtraucher.

Der Song „Smoke Smoke Smoke that Cigarette“ sollte hier aber nicht der Verherrlichung des Rauchens dienen, denn wie jeder mit Raucherfahrung weiss, wird dabei nicht nur genossen, sondern auch reichlich gehustet und geröchelt.