Angelo Badalamenti, Soundtrack from Twin Peaks, 1990

Produzent/ Angelo Badalmenti, David Lynch

Label/ Warner Bros.

Die junge Frau ist bereits seit einer Weile tot, doch nun ist ihre Leiche aufgetaut. Sie steckt in einer Plastiktüte, und unter ihren Fingernageln ziehen die Ermittler mit Pinzetten ein winziges Zettelchen mit dem Buchstaben R drauf hervor. Der Sheriff ist vor Ort, sein Gehilfe schiesst an der Fundstelle mit zittriger Hand ein paar Bilder, dann bricht er in Tränen aus. Sie finden keine Erklärung dafür, wer Laura Palmer – die junge Frau in der Tüte – ermordet haben könnte, der Fall scheint eine Nummer zu gross zu sein für die Kleinstadtpolizisten. Kurze Zeit später erhalten sie Verstärkung: Das FBI schickt Special Agent Dale B. Cooper, der das Verbrechen in ländlicher Idylle aufklären soll.

Mit dieser Ausgangslage lancierte David Lynch im Frühling 1990 seine Fernsehserie „Twin Peaks“, in der er über zwei Staffeln hinweg eine aufwühlende, dunkle und beklemmende Geschichte erzählte, die so ziemlich alles enthält, was einem Nachts den Schlaf rauben kann: Grenzerfahrungen und geheime Tagebücher, rückwärts gedrehte Szenen, schummrig ausgeleuchtete Traumsequenzen, Augenklappen, einen Einarmigen, einen Riesen, einen Zwerg, Doppelleben und Drogensucht, Parapsychologie, Schwarze Magie und ein tödliches Schachspiel. Das Leben in der Kleinstadt Twin Peaks ist geprägt von permanentem Misstrauen, auch gegenüber dem Ermittler von der Bundespolizei, der sich vom lokalen Kaffee zu Komplimenten hinreissen lässt und detaillierte Memos an seine Sekretärin Diane ins Diktiergerät spricht. Seine Nachforschungen auf dem Land werden ihn an die Grenzen der geistigen Gesundheit bringen, denn hier draussen scheint die Alltagslogik aufgehoben.

Als „Twin Peaks“ ausgestrahlt wurde, war die Welt noch eine andere. Mobiltelefonie und Internet waren unerschwinglich oder unbekannt. Es war immer ein Ritual wenn auf dem Bildschirm die Titelsequenz aufflackerte, und aus den Lautsprechern die Bariton-Gitarre des Eröffnungsstücks erklang. Es war die perfekte musikalische Untermalung: drauende Synthesizer und tremolierende Akkorde, Raschelschlagzeug, Vibrafon und Fingerschnippen.

Johnny Cash, At Folsom Prison, 1968

Produzent/ Bob Johnston

Label/ Columbia

Der Auftritt von Johnny Cash in Folsom Prison am 13. Januar 1968 um 10 Uhr morgens in einer kahlen Gefängniskantine, unter grellem Neonlicht und den Augen der Wärter, gehört bis heute zu den intensivsten Momenten in der Geschichte der populären Musik. Cash verstand sich nicht als Entertainer, der den Insassen den Alltag mit einem bunten Unterhaltungsprogramm versüssen wollte: Er stellte sein Programm mehrheitlich aus seinen Songs über Gefängnisse, Verbrecher, Mörder und andere Aussenseiter zusammen, Songs also, mit denen sich das Publikum besonders gut identifizieren konnte. Er sprach die Sprache der Häftlinge, er witzelte und stichelte gegen die Wärter und das amerikanische Gefängnissystem – und er tat dies mit einer Glaubwürdigkeit, dass sich das Gerücht, er kenne den Gefängnisalltag aus eigener Anschauung, noch jahrzehntelang hielt. Einer der vielen Höhepunkte war der letzte Song der Show, „Greystone Chapel“. Der Bankräuber und Folsom-Prison-Insasse Glen Sherley hatte den Song über die Gefängniskapelle geschrieben; Johnny Cash hatte ihn erst am Abend zuvor vom Gefängnispriester zugespielt bekommen. Wenig später erwirkte Cash die Freilassung Glen Sherleys, nahm ihn in seinen Tourtross auf, ermöglichte ihm Plattenaufnahmen und machte ihn zum Symbol seines Kampfs gegen das Gefängnissystem. Trotzdem nahm Sherley ein schlechtes Ende – aber das ist eine andere Geschichte.

Die Intensität dieser Aufnahmen, gekoppelt mit der Debatte über den amerikanischen Strafvollzug, die Cash auslöste, erschloss ihm ein neues, jüngeres Publikum ausserhalb der Countryszene.und machte ihn zur starken Stimme der Bürgerrechtsbewegung. Johnny Cash blieb bis zu seinem Tod im September 2003 ein zwar widersprüchlicher, aber sehr glaubwürdiger und immer wieder relevanter Mensch und Musiker.

Lucinda Williams, Down Where The Spirit Meets The Bone, 2014

Produzent/ Greg Leisz, Lucinda Williams, Tom Overby

Label/ Highway 20 Records

„Down Where The Spirit Meets The Bone“ erschien drei Jahre nach „Blessed“ und ist das erste Doppelalbum von Lucinda Williams. Das Album enthält zwanzig neue Songs, die wie immer zwischen Country, Folk, Blues und Rock changieren. Melancholisch steigen wir mit ihrer reifen, gealterten Stimme in die Platte ein: „Compassion“ ist ein wunderschönes nur mit einer Gitarre begleitetes Stück, das auf einem Gedicht ihres Vaters aufbaut und aus dem auch die Zeile stammt, unter dem das Album segelt.

Zu meinen Lieblingssongs gehört „Protection“, ein Rocker, der ordentlich fetzt und einen sehr schönen Refrain mit „I need protection from the enemy of love“ hat. Herausragend auch „One More Day“ mit herrlichen Bläsern. Mit den Gitarristen Bill Frisell, Tony Joe White und Wallflowers-Gitarrist Stuart Mathis hat Lucinda Williams eine feine Begleitband um sich geschart. Beim Gänsehaut-Song „It’s Gonna Rain“ ist dann auch der Sohn von „His Bobness“, Jakob Dylan, als Duett-Partner dabei.

Bruce Springsteen, Nebraska, 1982

Produzent/ Bruce Springsteen, Mike Batlan

Label/ Columbia Records

„Nebraska“ wurde am 3. Januar 1982 von Springsteen alleine in seinem Schlafzimmer aufgenommen und erschien im September des gleichen Jahres. Sparsam arrangiert, mit Gitarre, Mundharmonika und einer ebenso warmen wie spröden Springsteen-Stimme, war es unplugged, bevor unplugged cool war. Die Szenarios jedes einzelnen Songs, die auf „Nebraska“ zu hören sind, würden einen Film abgeben. Keinen „neuen“, sondern einen, jener traditionellen Hollywood-Melodramen von Elend und Hoffnung, Verbrechen und Strafe, Scheitern und Heimkehr. Geschichten, die heute noch Sinn machen, deren Proto-Plot aber schon in den 30er und 40er Jahren geschrieben wurde.

Der amerikanische Traum von Freiheit, Selbstverwirklichung und Erfolg hat seine Faszination bewahrt. Auch für die kleinen Leute – und das ist Bruce Springsteens Thema – die notwendig daran scheitern. Sie bleiben auf der Strecke, in Gefängnissen, oder kehren zurück in den Schoss der Familie, wo sich ihr Traum auf Glaube, Geborgenheit und Zufriedenheit reduziert. Doch: „lch fand das ziemlich seltsam, es ist seltsam / Nach jedem harten Tag finden Leute immer noch einen Grund zu hoffen’“. („Reason To Believe“). Und wenn allein das Auto bleibt als Vehikel aus der Trostlosigkeit („Open All Night“ in Chuck Berry Manier).

In der Tradition der grossen amerikanischen Sänger und Geschichtenenerzähler Robert Johnson, Hank Williams, Chuck Berry, kommt Bruce Springsteen ohne ausdrückliche „Message“ aus: wer braucht Botschaften, wenn Erfahrungen zählen.

Dave Alvin, Eleven Eleven, 2011

Produzent/ Dave Alvin

Label/ Yep Roc

Unaufgeregter aber dennoch emotionaler Roots Rock, mit Gänsehautmomenten und trockenem Humor. Dave Alvin gelingt es mit jedem Song, ein Szenario im Kopf des Hörers entstehen zu lassen: Die einsame Landstrasse bei „Harlan County Line“, die verrauchte Atmosphäre im Backstage-Bereich eines Blues Clubs in „Johnny Ace Is Dead“, der Boxring in „Run Conejo Run“, die Farm in Kalifornien und die gesattelten Pferde in „Murietta’s Head“ usw. Keine billige Effekthascherei oder Geklimper auf der Gitarre, jeder einzelne Ton da wo er hingehört, und nicht mehr als für den jeweiligen Song gebraucht wird.

Meine Anspieltipps ausser „Harlan County Line“: „Run Conejo Run“, „Black Rose of Texas“ und „Johnny Ace is Dead“. Im letzten Song erzählt er die wahre Geschichte des Rhythm & Blues Sängers Johnny Ace, der im Alter von nur 25 Jahren auf Tour die glorreiche Idee hatte Russisches Roulette zu spielen, und somit seinem Leben ein rasches Ende setzte. Wie Alvin daraus einen Song schafft, zeigt seine ganze Klasse.

John Lennon, Rock’n’Roll, 1975

Produzent/ Phil Spector, John Lennon

Label/ Apple Records

Das Album ist meiner Meinung nach nur als ordentlich zu bezeichnen. John Lennon singt die meisten Songs zwar recht gut, aber auch mit angezogener Handbremse. Herausragend ist nur seine eigenwillige und fast magisch anmutende Version von Ben E. King’s-Klassiker „Stand By Me“. Sehr gut sind auch Gene Vincent’s „Be-Bop-A-Lula“, das die Beatles auch schon zu Hamburger Zeiten im Repertoire hatten, und Fats Domino’s „Ain’t That A Shame“. Durchschnittlich ist Bobby Freeman’s „Do You Wanna Dance?“, das man auch schon besser gehört hat und richtig dürftig ist Lloyd Price’s „Just Because“, das schon im Original nicht der grosse Brüller ist.

Eine Wiederentdeckung wert ist das etwas rumpelige „Rock’n’Roll“-Album aber alleweil, auch wenn sich Lennon und Spector während den Aufnahme-Sessions nicht gerade auf der Höhe ihres Lebens und ihres Schaffens befanden. Die Beiden sollen sich in den A&M Records Studios in Hollywood, aufgrund von exessivem Alkohol- und Drogenkonsum so schlecht benommen haben, dass sie hinausgeworfen wurden, unter anderen auch weil der grössenwahnsinnige Spector mit einer Knarre im Studio hantierte und sogar einmal schoss. Die weiteren Aufnahmen fanden dann in den Record-Plant West Studios in New York statt.

Steve Earle and The Del McCoury Band, The Mountain, 1999

Produzent/ Steve Earle, Ray Kennedy, Ronnie McCoury

Label/ E-Squared

Wer sich stilistisch nicht festlegt, stösst auch mal an Rändern auf Überraschungen. So ist es mir beispielsweise entgangen, dass Steve Earle mit „The Mountain“ eines der schönsten, intensivsten Alben auf dem Terrain der Country-Musik veröffentlicht hat, das ich seit langem gehört habe. Ich schreibe dies in aller Bescheidenheit, weil ich nicht sehr viele Country/Bluegrass-Veröffentlichungen kenne.

Um Steve Earle gibt es viele Geschichten und Legenden, etwa, dass der Mann jahrelang dem Heroin und Alkohol verfallen war und wegen illegalem Waffen- und Drogenbesitz im Knast landete. Doch all das ist nicht nötig, um diese rauh gegerbte Version von Country einfach als Musik geniessen zu können. Vieles, was von Seiten des Pop und Punk versucht wurde, Country und Bluegrass hoffähig zu machen, beispielsweise von den Pogues und den Violent Femmes erübrigt sich anhand von dieser Platte, die bereits als Country-Platte (also: als Country-Platte von älteren Herren in Anzug und mit Krawatte, Herren mit Country-Sozialisation) so gebrochen und ruppig daherkommt, wie wir es uns von diesem Genre stets gewünscht haben. Für mich eine späte Entdeckung aus Nashville, die zeigt, dass es auch noch Leute in diesem Genre gibt, die etwas anderes als Trucker-Romantik liefern.

Creedence Clearwater Revival, Willy and the Poor Boys, 1969

Produzent/ John Fogerty

Label/ Fantasy

Das Coverfoto wurde vor einem Supermarkt im Industriegebiet von Berkley aufgenommen. Zwischen den tanzenden schwarzen Kids aus der Nachbarschaft posieren die Strassenmusiker Willy (John Fogerty), Blinky (Stu Cook), Poorboy (Tom Fogerty) und The Rooster (Doug Clifford). Auf der Rückseite des Albums sieht man die Poorboys auf dem Weg zur nächsten Strassenecke, um ihre Nickles und Pennies einzuspielen.

Der Cover-Song „Cotton Fields“ von Huddie Ledbetter passt sehr gut in das Gesamtkozept der Platte. Der Text handelt von der Armut der Schwarzen in Louisiana, vom Kampf minderbegüterter Menschen ums blanke Überleben. In einer Zeit, in der sich viele Bands mit Flower Power schmückten, in Sexskandale, Drogenexzesse und Gewaltausbrüche verstrickten, wirkten CCR wie ein Bollwerk der amerikanischen Mittelklasse. „Willy and the Poor Boys“ reflektierte nichtsdestotrotz das soziale Gewissen der Gruppe und ihr Verhältnis zur Demokratie. Ein typisches Beispiel ist der Song „Don’t Look Now (It Ain’t You Or Me): „Who will take the coal from the mine? Who will take the salt from the earth?“ –  „Es geht darum, wer wirklich in der Scheisse wühlt, um unsere Zivilisation am Laufen zu halten… Wer will dann der Müllmann sein? Keiner von uns. Die meisten werden sagen: das ist unter meiner Würde, den Job mache ich nicht.“ Auch „Effigy“ ist eindeutig ein politisches Stück: „Silent majority weren′t keepin‘ quiet anymore“. Es geht um die dunklen Kapitel der Nixon-Regierung. Ehe das Bild auf dem Rasen vor dem Palast verbrennt wird, steigert sich John Fogertys Gitarre in die Situation hinein, um die Umsetzung der Worte nachzuempfinden.

Snooks Eaglin, Down Yonder, 1983

Produzent/ Samuel B. Charters

Label/ Sonet

Obwohl seine erstes Album von 1958 ihn als blinden Strassensänger präsentierte, war der Gitarrenmeister Snooks Eaglin schon zwei Jahre später im Studio von Imperial und nahm mit seiner kleinen Band die härtesten und heissesten Rhythm and Blues Singles auf, die je auf diesem Label erschienen. Sicher, Eaglin war blind, aber er war auch ein äusserst differenzierter und sensibler Musiker mit viel Erfahrung. Er arbeitete hart und unerbittlich an seiner Musik und experimentierte mit vielen Stilen. Eaglin war ein virtuoser Gitarrist, der jazzige Akkorde mit atemberaubenden, blitzschnellen Bluesläufen von Einzeltönen mischte. Er hätte das Zeug zum Star gehabt, war jedoch ein zu zurückhaltender Mensch, um sich ganz nach vorne durchzuschlagen. So machte er im Lauf der Jahrzehnte nur eine Handvoll Platten, die jedoch alle exzellent sind.

Snooks Eaglin trat fast ausschliesslich in New Orleans auf, manchmal mit einer Funk-Band, dann wieder im traditionellen Rhythm and Blues Stil. Die Frage nach dem „echten Blues“ ist ein Klischee. Aber in jedem Klischee steckt ein Körnchen Wahrheit. Ich bin davon überzeugt, dass der Blues von Snooks Eaglin an seinem Konzert am 23. Oktober 1985 in der Storyville Jazz Hall in New Orleans unverfälscht und virtuos gespielt wurde.

Tonio K. , Life In The Foodchain, 1979

Produzent/ Rob Fraboni

Label/ Full Moon

Der Sänger klang nicht nur wütender als Johnny Rotten und Elvis Costello, sondern er hatte auch sein Pseudonym im Fundus der klassischen deutschen Literatur gefunden, sich mit dadaistischen Federn geschmückt und seine Texte mit französischen, deutschen, italienischen und griechischen Sätzen durchwirkt. Solche Musiker waren damals in den USA selten, und Tonio K. (frei nach Thomas Manns „Tonio Krüger“ und Franz Kafkas Alter Ego „K.“) hatte alles, um einen jugendlichen Rebellen zu faszinieren…

Auf „Life in the Foodchain“ entfesselte Tonio K. eine geballte Ladung sarkastischer Gesellschaftskritik, die am amerikanischen Traum keine guten Federn liess. Das servierte er mit einem so eiskalten Humor, dass man nie so recht wusste, ob er ein Moralist war oder ein Terrorist – vermutlich war er beides. Die Musik: Energetisch und kraftvoll; „Funky Western Civilisation“ ist ein Punksong, der eigentlich kein Punksong ist, und Tonio K.s Wut verlieh jedem Stück eine hysterische Intensität, nicht nur Rock-Songs wie dem knapp 9 Minuten langen „The Ballad of the Night the Clocks All Quit“ und „H-A-T-R-E-D“, sondern auch Balladen, Country-Songs und seinen Ausflügen in Rhythm’n’Blues.

Tonio K. nahm nach „Life In The Foodchain“ weitere Platten auf, doch keine war annähernd so stark wie sein Debüt. Irgendwann verschwand er, wie man in internetlosen Zeiten noch verschwinden konnte. Heute könnte ich mit einem Klick herausfinden, was Tonio K. die letzten Jahrzehnte getrieben hat. Aber will ich das wissen, oder will ich mir die Bedeutung, die Tonio K. für mich als Jugendlicher hatte, bewahren? Wie auch immer. Hört Euch das (wieder mal) an!