Ringo Starr, Look Up, 2025

Produzent/ T-Bone Burnett

Label/ Universal Music Group

Am 7. Juli feiert Ringo Starr seinen 85. Geburtstag. Für ihn noch lange kein Grund, sich aufs Altenteil zu setzen. Was sich nur schon an der Tatsache ablesen lässt, dass der Ex-Beatle in diesem Jahrhundert – je nach Zählweise – bereits neun Studiowerke veröffentlicht hat.

Auf „Look Up“ begnügte er sich für einmal nicht damit, einige launige Tracks mit Promikumpels wie Joe Walsh, Dave Stuart oder Steve Lukather einzuspielen. Die elf Lieder sind vielmehr eine Rückbesinnung auf Ringos alte Stärke: Country. Schliesslich durfte er sich bereits 1965 mit einem Cover von Buck Owens’ „Act Naturally“ beweisen. Produziert von T-Bone Burnett – und natürlich with a little help from his friends wie Larkin Poe oder Alison Krauss – präsentiert Ringo eine ebenso charmante wie altersmilde Liedkollektion. In „I Live For Your Love“ beschwört er die Liebe zu seiner Frau – „til the end of times“, derweil er in „Can You Hear Me Call“ gemeinsam mit Molly Tuttle dem Sound der Appalachen huldigt. Und wie es sich für den Mann aus Liverpool gehört, kommt mit dem anschliessenden „Thankful“ auch ein bisschen Peace & Love vor. Das Resultat ist kein musikalisches Meisterwerk, klingt aber enorm warm, organisch und lebenserfahren.

Black Sabbath, Paranoid, 1970

Text/ Musik/ Black Sabbath

Produzent/ Rodger Bain

Label/ Vertigo

Die Langspielplatte habe ich mir damals nicht gekauft, weil ich mich beim Anhören zu langweilen begann. Aber die Single gleichen Titels ist wirklich so etwas wie ein „Minutenkunstwerk“. In 2 Komma 48 (Version 2009/Remaster) wird da „durchgearbeitet“. Raw-rough. Ungeschlachtet.

„Paranoid“ demonstriert, was ein Stück ist, das nie geboren ward. Der Plan mickrig, die Ausführung gigantisch dillettantisch, das Bluesschema auf den toten Hund gebracht; der Sound breiig und verquallt. Black Sabbath ebneten für Punk und Grunge den Weg zum planen Gekloppe, darin etwaige „Botschaften“ und das Zelebrieren von Schwarzer Messen. Ihre Musik war nie sonderlich ideenreich, was ja kein Makel sein muss, aber zuweilen nervt. Trotzdem geniessen sie bis heute als Kabaretttruppe gerechtes Ansehen, was nicht zuletzt an Ozzy, the Woozy Wizzard liegt. Den schmeisst niemand um, senil und sicher wie eh und je leitet er die muffige Stopselrock beherrschende Combo, während er über seinen einzigen und wahren Rockwitz unaufhörlich lacht –  doch nun ist damit Schluss: Ozzy und seine Jungs spielen am 5. Juli 2025 ein letztes Konzert in ihrer Heimatstadt Birmingham.

Morphine, The Best of Morphine, 1992 – 1995, 2003

Produzent/ Mark Sandman, Paul Q. Kolderie

Label/ Rykodisc

Manchmal fragt man sich, warum nicht viel mehr Bands auf die klassische E-Gitarre zugunsten eines viel breiteren Spektrums verzichten. Gut, im Jazz mag dies aufgrund unterschiedlicher Strukturen sowie einer langjährigen historischen Entwicklung auf diesem Gebiet traditionell bedingt sein. Im kommerziellen Rock hingegen galt bzw. gilt die E-Gitarre als unumstrittenes Statussymbol, als Kultinstrument von Generationen vererbt.

Vom daher fiel in den 90er Jahren die Band Morphine aus dem Raster, die sich innerhalb kurzer Zeit ihr eigenes Terrain mit Two-String-Bass, Bariton-Saxophon und Schlagzeugt abgesteckt hatte. Der Bassist und Sänger Mark Sandman hatte eine Vorliebe für basslastige Songs ohne Gitarrenbeiwerk. Nach Auflösung der Vorläuferband Treat Her Right entdeckte er seine Vorliebe für rein instrumentale Akustiksongs und fand zurück zur einfachen, ursprünglichen Form und benutzte diese für seinen persönlichen Ausdruck. „Low Rock Music“ schrieb die amerikanische Presse und war hellauf begeistert. Der Erstling „Good“ erhielt postwendend 1992 den „Boston Music Award“ als bestes Debütalbum des Jahres.

Hierzulande wurden beiden Morphine-Alben 1993 veröffentlicht. Vergleicht man beide, lässt sich eine deutliche Ähnlichkeit in Songaufbau, Arrangements und dem Wechselspiel zwischen Bass und Saxophon erkennen. Faszinierend an Morphine ist ihre swingend-leichte Lockerheit, welche in ihren jazzigsten Momenten entfernt an Universal Congress of erinnern. Nach dem Tod von Mark Sandman, der an einem Konzert am 3. Juli 1999 im italienischen Palestrina auf der Bühne kollabierte und einen Herzinfarkt erlitt, löste sich die Band auf.

Talking Heads, Little Creatures, 1985

Produzent/ Talking Heads

Label/ EMI

„Little Creatures“ widmet sich dem Leben im Amerika der 1980er, dem Leben von Erwachsenen im Familiengründungsalter. Ronald Reagan mimt in seiner besten Rolle den harten, aber gütigen Präsidenten, verkauft Optimismus – und zerstört gleichzeitig die Mittelschicht. Doch das ist noch nicht überall spürbar. Der zappelige New Wave, der Minimal-Funk des Frühwerks ist auf dieser Platte kaum noch vorhanden, dafür gibt es Country, Gospel und viel Pathos. Begriffe wie „Highway“ oder „Factory“ verorten die Songs im Alltag, dem gegenüber gibt es versteckte Sehnsüchte. Doch die sind nie so wild, um das kleinfamiliäre Glück der „Little Creatures“ zu gefährden: Kinder brauchen Eltern. Hat man einmal Kinder, werden die eigenen Träume unbedeutend – wenn es ausser Kindern überhaupt je welche gab.

Am Ende des Albums schleicht sich doch eine Spur Zynismus ein: Wenn die Band wie der Gesangsverein von Backwood, USA, in einträchtigem Chorgesang „Road to Nowhere“ intoniert, ist schwer zu überhören, dass hier eine Haltung überführt wird, deren Selbstsicht vom Rest der Welt isoliert ist, alternativ- und fantasielos am Mythos des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten festhält: „We’re on a road to nowhere/ Come on inside/ Taking that ride to nowhere/ We’ll take that ride/ I’m feeling okay this morning/ And you know/ We’re on the road to paradise/ Here we go, here we go.“

Für David Byrne ist es ein „freudiger Blick auf den Untergang“, dessen eröffnender Chor nur inkludiert wurde, weil er ein wenig beschämt darüber war, dass der Song praktisch nur aus zwei Akkorden besteht. Das scheint niemanden gestört zu haben. „Little Creatures“ verkaufte sich allein in den USA  über zwei Millionen Mal, im Rest der Welt wahrscheinlich noch einmal so oft. Und die Hitsingle „Road to Nowhere“ sorgte zur Zeit von MTV mit dem berühmt gewordenen Video zum Song für den Bekanntheitsgrad der Band.

Kinky Friedman, Poet of Motel 6, 2025

Produzent/ Alison Mencarow, Marcie Friedman

Label/ Hardcharger Records

Am 27.  Juni 2024 verstarb Kinky Friedman, seines Zeichens politisch unkorrekter Outlaw-Musiker, erfolgreicher Krimiautor und glückloser Politiker. Aufgrund seiner Parkinson-Erkrankung war sich der Texaner mit Jahrgang 1944 bewusst, dass der Abschied naht. Weshalb er sich bereits vorletzten Fühling auf seiner Ranch daran machte, „Poet of Motel 6“, sein allerletztes Album einzuspielen. Passend, dass der exzentrische Zigarren-Aficionado die posthum erschienene Platte nicht etwa mit einer Hommage an sich selbst, sondern an seinen Kumpel, den texanischen Troubadour Billy Joe Shaver, eröffnet: „Er blieb die ganze Nacht auf/ Er trank und kämpfte/ Aber jeder Song, den er schrieb, war die Geschichte unseres Lebens“, singt Friedman im geradezu gefälligen Plauderton.

Der einst so bissige Witz hat in den Liedern mehrheitlich der Altersmilde Platz gemacht. Davon zeugen akustisch arrangierte Tracks wie das von Tex-Mex und Akkordeon angetriebene „Life and Death of a Rodeo Clown“ oder der von einer verpasste Liebe handelnde Walzer „Whitney Walton has Flown Away“. Nicht von ungefähr handeln alle Stücke vom Abschied nehmen. Womit sich das letzte, berührende und vorallem passende Kapitel einer aussergewöhnlichen Musikreise schliesst.

The Mekons, Horror, 2025

Produzent/ The Mekons

Label/ Fire Records

Die Mekons waren, glaubt man den Geschichten, die erste wirklich konsequente Punkband der Welt. 1977 veröffentlichten sie mit „Never Been in a Riot“ die Antwort auf The Clashs „White Riot“. Die Single „Where Were You“  (1978) brachte den ersten Plattenvertrag bei Virgin. 1981 trennten sich die Mekons für einige Jahre. 1984 traten sie wieder gemeinsam auf, um den Streik der britischen Bergarbeiter zu unterstützen. Seit Mitte der 80er-Jahre entwickelte sich der Mekons-Punk mehr und mehr Richtung amerikanischen Alternative Country, den sie mit ihren eigenen Arrangements, Reggae, Dub und elektronischen Sounds vermengen.

Dieses Resultat hört man auch auf ihrer neuen Platte. „Horror“ ist wieder ein Füllhorn kleiner Mekons-Hymnen geworden. Die Songs, so war zu lesen, wurden bereits 2022 geschrieben, kommen aber erst jetzt raus. Thema des Albums sind Geschichte und Erbe des britischen Imperialismus. Aktueller denn je. Wie immer geht es bei Langford & Co musikalisch eklektizistisch zu. Und wie immer singen mehrere in der Band,  mal übernimmt Sally Timms mit ihrer leichten Stimme, mal intonieren Greenhalgh oder Langford. Bei „The Western Design“ geht es um Olivier Chromwell. „Mudcrawlers“ ist einer dieser unverschämt gut ins Ohr gehenden typischen Mekon-Songs, und „War Economy“ hat für meine Ohren etwas Clashhaftes.

Timbuk 3, Greetings from Timbuk 3, 1986

Produzent/ Dennis Herring

Label/ I.R.S.

Kennengelernt haben sich Pat und Barbara McDonald Ende der 70er Jahre in Madison, Wisconsin. Sie jobbte als Kellnerin und spielte in ihrer Freizeit eine skurrile Mischung aus Jazz und Country. Er hingegen spielte in einer lokalen Folkband. Weil es mit der Band schwierig war, untereinander klar zu kommen, probierten Pat und Barbara zuhause vieles gemeinsam aus, z. B. nahmen sie verschiedene Rhythmusschleifen mit dem Ghettoblaster auf und spielten einen Basslauf hinein. Die ersten Auftritte fanden an Strassenecken in und um Austin statt. Sie spielten „just for fun“ und freuten sich über jeden Penny, den man ihnen in die Büchse tat. Entdeckt wurden die McDonalds von I.R.S, der grössten Independentfirma oder dem kleinsten Majorlabel Amerikas. Die Aufnahmen für das Debüt-Album dauerten ungefähr zweieinhalb Monate.

Das Lied „The Future’s So Bright I Gotta Wear Shades“ hat einen ironischen Humor in punkto Zukunftsängste. Eigenartigerweise empfanden das viele Leute in Amerika eher als einen fröhlichen, optimistischen Song. Das war wohl auch mit für den überraschenden Charterfolg ausschlaggebend. Natürlich hatten sich die beiden mit dem Song etwas ganz anders vorgestellt. Gemeinhin stehen dunkle Sonnenbrillen eher für Pessimismus als für Happiness und Fun.

Einer meiner Lieblingssongs auf dem Album ist „Just Another Movie“. Auch hier eine Ladung tieftrauriger Slogans. Es geht um das Verhältnis zu den Politikern, zum Wahlkampf, der in der Tat so abläuft, als würde man gerade mal einen anderen Knopf für den Fernseher drücken – dazu herrliche Gitarren, gute Maschinengrooves und einen resigniert-nöligen Gesang, der auch mit dem für Protestsongs handelsüblicherweise gelegentlich auftretenden Formulierungsschwächen gut fertig wird.

The Beach Boys, Good Vibrations, 1966

Text/Musik/ Brian Wilson, Mike Love

Produzent/ Brian Wilson

Label/ Capitol

1966 war für die Beach Boys nicht nur das Jahr von „Pet Sounds“, sondern auch von „Good Vibrations“, das ebenfalls für „Pet Sounds“ vorgesehen war, aber nicht rechtzeitig beendet wurde. Sechs Monate wurden rund fünfzig Stunden Musik eingespielt, um die dreissig Musiker waren daran beteiligt. Am Ende verschlang die Produktion 50 000 Dollar, was „Good Vibrations“ zum bis dato teuersten Popsong der Geschichte machte. Auch die Instrumentierung war ungewöhnlich: Neben klassischen Rock’n’Roll-Instrumenten setzte Wilson u.a. Cembalo, Cello, Maultrommel und ein elektronisches Theremin ein – Vorform des Synthesizers, dessen Einsatz allein 15 000 Dollar gekostet haben soll.

„Good Vibrations“ beginnt mit engelsgleichem Gesang und verhallter Hammondorgel. Darunter hüpft eine gezupfte Bassmelodie. Mit dem Schlagzeug shuffeld sich der Beat nach vorn, die mehrstimmigen Vokalpartien besingen die guten Schwingungen und ein gestrichenes Cello vollführt kratzige Triolen. Dieser wunderbare wabernde Ton kommt natürlich von dem Theremin, das nun die Gesangsmelodien nachmacht und dem Ganzen etwas Fremdartig-Wunderbares verleiht. Dann folgen mehre Teile, die das Thema mit Tonwechselarten, vertrackten Disharmonien und Variationen fugenartig wiederholen, worüber sich noch lange schreiben liesse, aber wir hören hier auf, darüber nachzudenken, und lassen die „Good Vibrations“ wirken.

The Trashmen, Surfin’ Bird, 1964

Produzent/ George Garrett

Label/ Garrett Records

Die Trashmen kamen nie gross raus, aber ich habe eine Menge Spass an ihnen. Mit ihren dunklen, pomadisierten Haaren und grauen, schlankgeschnittenen Anzügen sahen sie eher aus wie Kreuzungen aus italienischen Schnulzensänger und Aushilfs-Buddy-Hollys; nicht gerade der Typ des kalifornischen Frischluftjünglings mit sauberen Ohren. Waren sie auch gar nicht; sie kamen aus Minnesota, fast 2500 Kilometer entfernt von jenen goldenen Stränden.

Viele Leute kennen wohl „Surfin’ Bird“, wenn auch eher von den Ramones oder den Cramps. Nun, das Original ist von den Trashmen, und es ist eigentlich die beste Version. Sie waren ihrer Zeit voraus. Sie liessen sich fotografieren, mit Anzug und Krawatte, aber eben auf einem Müllwagen mit alten Autoreifen, verbeulten Blechfässern, lauter Gerümpel. Damals war das noch nicht Mode. Mitte der 60er Jahre schossen im Westen der USA Garagebands aus dem Boden. Von ihrer Herkunftsgeschichte gehören die Trashmen auch dazu. Aber während die meisten der anderen Gruppen die Beatles oder die Stones kopierten, waren sie etwas Besonderes: Atombombenexplosionen zum Beispiel bei „New Generation“ und bei „Birth Bath“ – was sonst – das Geräusch eines Vogels unter der Dusche. Die Trashmen brachten es auf ein Album und ein paar Singles, aber das breitere Publikum nahm keinerlei Notiz von ihnen.

Johnny Dowd, Is Heaven Real? How Should I Know, 2023

Produzent/ Johnny Dowd

Label/ Brightspark Records

Johnny Dowd war bereits über fünfzig als er mit der Musik begann. Vorher war er Möbelspediteur in Ithaca, New York. Da lernt man wohl, dass der Zuckerguss des Lebens dünn ist und ausserdem nicht satt macht. Wenn so einer zur Gitarre greift, sind weichzeichnende Harmonien nicht zu erwarten, haben Schönklang und Assonanz gemeinhin ausgespielt. Und wenn so einer auch noch dilettantisch genug ist – die Stimme eiert wie ein besoffener Seemann und sich um das gitarristische Können keinen Kopf macht – dann bekonnt die Bricolage aus Country, Blues und Rock einen ziemlichen Drive ins nerventreibend Psychotische. So geschehen auf „Is Heaven Real? How Should I Know“.

Dowds Humor ist skurril und im Grunde auch Selbstkarikatur und Persilage. So muss man es zum Beispiel erst mal fertig bringen, den liebeskranken Protagonisten von „Ice Pick“ zu Trotzki in seinem letzten Moment werden zu lassen. „Pillow“, das mit Zirkusmusik gemachte Geständnis, Sartre nie verstanden zu haben, und „LSD“, die Antwort auf die philosophische Misere, bilden eine Klammer. „Is Heaven Real? How Would I Know“ schliesst mit einem achtminütigen Finale: „Black and Shiny Crow“ und zitiert „Preachin’ the Blues “ von Son House. Zehnmal habe ich das Album durchgehört – und immer noch nichts verstanden. Was wir wissen: Johnny Dowd ist ein ehemaliger Möbelspediteur aus Ithaca, New York. Und er ist auf der Suche nach einer Kirche.